<< Albert, Heinrich
Albert, Michael >>
Albert, Heinrich
Liederkomponist und Dichter,
* 8.7.1604 Lobenstein (Thüringen),
† 6.10.1651 Königsberg. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Johann Albert, Amtsschösser in Lobenstein und Schleiz;
M T des Bürgermeisters Bieger in Gera;
Gvv Johann Albert, Ratsherr in Gera;
⚭ 1639 Elisabeth Starck;
Vt Heinrich Schütz, Komponist.
Leben ↑
Nach dem Besuch des Geraer Gymnasiums unterwies H. Schütz 1622 Albert in der Komposition, dann studierte dieser von 1623 an in Leipzig Jura. 1626 kam er nach Königsberg, verließ es ein Jahr später, um nach Warschau zu gehen und kehrte 1628, nach mancherlei Schicksalen, nach Königsberg zurück. Dezember 1630 erhielt er probeweise und seit 1.4.1631 fest die Dom-Organistenstelle. Unter J.
|Stobaeus nahm er seine musikalischen Studien wieder auf. Mit H. Schütz war Albert 1634 zusammen in Kopenhagen. Die Verbindung zur Königsberger Universität war eng (auf Bestellung geschriebene Fest-Kantaten). Albert gehörte unter dem Namen „Damon“ dem Königsberger Dichterkreis an (S. Dach, R. Roberthin, J. P. Titz
u. a.). Seine Gedichte und Kompositionen sind gesammelt in „Arien oder Melodeyen…" (8 Teile, Königsberg 1638–50) und in der Liedfolge „Musikalische Kürbis-Hütte…" (1641), die „sehr beweglich sowohl in Worten als Klängen die menschliche Hinfälligkeit vorstellen" sollten. Seine Bedeutung liegt in seinen einstimmigen, zu instrumentaler Begleitung komponierten „Arien". Durch die - wenn auch nicht ganz folgerichtig durchgeführte - Übernahme der italienischen Monodie mit Generalbaßbegleitung in die deutsche Musik, wurde er einer der Schöpfer des neuen deutschen Liedes. Gefühlswärme und gesunde Ursprünglichkeit zeichnen seine einfachen Melodien aus, während seine Lyrik - ohne letzte formale Reife - durch Schlichtheit und Erlebniskraft anspricht. Albert vertonte auch viele Werke seiner Königsberger Kollegen. Einige der eigenen Schöpfungen wurden zu evangelischen Kirchenliedern. Die Musik zu den Opern „Cleomedes“ (1635) und „Prussiarchus“ (1645) ist verschollen (Text von S. Dach).
Werke ↑
u. a. Gedichte d. Königsberger Dichterkreises aus H.
A.s „Arien“ u. „Musikal. Kürbishütte“,
hrsg. v. L. H. Fischer, 1883; J. Bolte, Nachträge zu
A.s u. Dachs Gedichten, in: Altpreuß.
Mschr.,
Bd. 23, 1886, S. 435 ff.; L. H. Fischer, Nachlese zu. H.
A. s Gedichten, ebenda, S. 458 ff.; Motetten, Tedeum, Hochzeitsgesänge, Grablieder; Arien, Neuausgabe
v. E. Bernouilli, in: Denkmäler
dt. Tonkunst XII/XIII, 1903/04 (
mit Einl. v. H. Kretzschmar); Musikal. Kürbishütte, neu
hrsg. v. J. Müller-Blattau, 1932; S. Dach, Gedichte,
hrsg. v. W. Ziesemer, 4
Bde., 1936–38; W. Ziesemer, S. Dach u. seine Freunde, 1938;
s. a. MGG.
Literatur ↑
ADB I;
L. H. Fischer, Fremde Melodien in H.
A.s Arien, in:
Vjschr. f.
Musikwiss.,
Bd. 2, 1886, S. 467 ff.;
Goedeke III, 1887, S. 129 f.;
W. K.
v. Jolizza, Das Lied u. seine
Gesch., 1910;
H. Kretzschmar,
Gesch. d. neuen
dt. Liedes I: Von
A. bis Zelter, 1911;
G. Müller,
Gesch. d.
dt. Liedes, 1925;
R. Haas, Die Musik d. Barocks, 1928;
J. Müller-Blattau,
Musikgesch. v. Ost- u. Westpreußen, 1931;
H. J.
Moser, Corydon, 2
Bde., 1933;
ders., Ännchen
v. Tharau, in: Die Musik,
Bd. 26, 1934, S. 490 ff.;
Frels, 1934;
K. Rattay, H.
A. u. seine „Arien“
v. 1638, in: Ostdt.
Mhh. 19, 1938, S. 487 ff.;
H. Osthoff, in:
MGG.
Autor ↑
Georg von DadelsenEmpfohlene Zitierweise ↑
Dadelsen, Georg von, „Albert, Heinrich“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
138-139
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd121418952.html
<< Albert, Pfarrer zu Waldkirchen
Albert, Wilhelm August Julius >>
Albert, Heinrich
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Albert: Heinrich
A.
, Musiker und Dichter, geb. zu Lobenstein im Voigtlande 28. Juni 1604, studirte zu Leipzig die
Rechte, darauf in Dresden Musik, ging 1626 nach Königsberg in
Preußen und wurde 1631 Domorganist daselbst. Daß er ein Neffe des
großen Heinr. Schütz gewesen, erfahren wir aus der Widmung und
Vorrede des 2. und 6. Theils seiner Arien. Sein Todesjahr ist
nicht sicher anzugeben, doch muß er 1655 oder 56 gestorben sein;
denn aus dem J. 1655 kennt man noch Gelegenheitslieder von ihm,
hingegen spricht Ambrosius Profe in der vom 9. Sept. 1656 datirten
Vorrede zu seiner Leipziger Ausgabe von Albert's Arien bereits von
dem "seligen Herrn Heinr. Albert". Diese damals Arien genannten
Lieder und Gesänge sind es, wonach wir
A.
zu beurtheilen haben: er war eigentlicher
Liedercomponist, man möchte fast sagen, schon nach modernem
Begriffe. Gesammelt hat er selbst 8 Hefte, welche zuerst in
einzelnen Stimmbüchern, dann aber 1642—50 in Partitur erschienen,
und vor und nach seinem Tode verschiedentlich rechtmäßig aufgelegt
und nachgedruckt wurden. In den schon etwas späteren (190 Stücke
enthaltenden) Auflagen von 1650—54 führt die Sammlung folgenden
Titel: "Arien, Etliche theils Geistliche, theils Weltliche, zur
Andacht, guten Sitten, keuscher Liebe und Ehren-Lust dienender
Lieder, Zum Singen und Spielen gesetzt etc." Theils sind sie
einstimmig mit Generalbaß, theils drei- und noch häufiger
fünfstimmig. Lesenswerth sind auch die Vorreden, worin
A.
uns von seinen Wünschen und Bestrebungen Rechenschaft
gibt, viel Unterrichtendes mittheilt, und die schon durch seine
Melodien eingeflößte Zuneigung zu ihm durch Bescheidenheit,
Einsicht und Achtung vor allem Höheren noch verstärkt.
Zu seinem Dichterkreise gehörte Alles, was Königsberg an
namhaften Poeten besaß: Simon Dach,
A.
selbst und sein Freund Robert Roberthin, Georg Mylius
und Andere, denen auch Martin Opitz mit einigen Dichtungen sich
anschloß. Ein besonderes Denkmal ihrer traulichen Vereinigung war
die "Musikalische Kürbshütte", eine Sammlung dreistimmiger
Gesänge, welche alle "sehr beweglich, sowol in Worten als Klängen,
die menschliche Hinfälligkeit vorstellen". Ihrem Gegenstande nach
sind die in den 8 Heften der Ariensammlung enthaltenen Stücke zum
Theil Grab-, Hochzeits- und andere Gelegenheits-Lieder, eine dem
Martin Opitz 1638 von
A.
und Simon Dach dargebrachte Musik; Gesänge zu
akademischen Festen, Huldigungen an hohe Personen etc.; theils
sind sie allgemein
betrachtenden und sittlichen Inhaltes, preisen die Tugend,
verherrlichen die Natur; auch Wein und Liebe empfangen ihre Opfer,
doch stets in den Grenzen harmloser wohlanständiger Heiterkeit und
guter Sitte, Ueberschäumendes oder gar Unlauteres lag weder in
A.
noch in seinen Genossen. Geistliches und Weltliches
(erst in späteren Ausgaben geschieden) steht friedlich beisammen,
was damals keinen Anstoß erregte; wiewol
A.
für gut fand, dieser Mischung wegen in der Vorrede zum
1. Theile sich zu rechtfertigen.
Bedeutung für den protestantischen Gemeindegesang hat
A.
durch eine Anzahl in kirchlichen Gebrauch
übergegangener Lieder. Von denen, deren Texte er auch selbst
gedichtet hat, singen wir gegenwärtig nur noch das schöne
Morgenlied "Gott des Himmels und der Erden" (1643; Arien Thl. 5
Nr. 4, in 3theil. Takte, 5voc.). Unter
seinen Melodien zu geistlichen Dichtungen Simon Dach's hat nur ein
Sterbelied für Roberthin "Ich bin ja Herr in deiner Macht" mit dem
Text zugleich bis auf unsere Zeit sich erhalten. Verschiedene
andere zu eigenen und fremden Gedichten sind noch bis Ende des 18.
Jahrhunderts von den Gemeinden gesungen worden. In der Erfindung
einfacher schöner stimmungsvoller Melodien lag überhaupt Albert's
Stärke, weit schwächer ist er im Contrapunkt; doch sind seine
3stimmigen Sätze meist besser gearbeitet als die 5stimmigen, worin
von individueller Entfaltung des Stimmlebens nicht viel zu finden
ist. Von Ueberschätzung seiner Producte aber war auch gewiß
niemand entfernter als er, der stets mit würdiger Bescheidenheit
davon urtheilte und unsicher war, ob ihnen wol ein bleibender
Werth beizumessen sei: einmal scheint es ihm zweifelhaft, ein
andermal hofft er wieder, daß sie sich halten würden, wobei er
aber stets "der Würde ihrer viel schönen Texte" die Ehre gibt.
Ob und wie hoch der neue Stil, dem ein Theil seiner Gesänge
angehört, bei ihrer großen Verbreitung in Anschlag zu bringen ist,
wissen wir nicht. Jedenfalls aber war
A.
unter den Königsbergern der erste Anhänger des von
Italien überkommenen und dort namentlich von Monteverde
ausgebildeten, in Deutschland besonders durch Heinr. Schütz
geförderten concertirenden und dramatischen Stils. Wahrscheinlich
ist er zu Dresden bei seinem Oheim Schütz, den er hoch verehrte,
in der Lehre gewesen, und auch später muß ein intimes Verhältniß
zwischen ihnen bestanden haben, denn Schütz vertraute ihm
Handschriften seiner Compositionen an (Arien 6. Thl.). Daß diese
Anregungen bei
A.
Früchte trugen, ersieht man aus einer nicht
unerheblichen Zahl seiner Gesänge, sowie aus den von ihm gegebenen
Vorschriften für deren Ausführung. Die einstimmigen auf neue Art
mit Generalbaß versehenen sind sehr zahlreich, und nicht wenige
entfernen sich schon ebensoweit von der einfachen Liedform, wie
sie in der Melodiebildung concertirender und dramatisirender Weise
sich annähern: das Wort findet sorgsame Berücksichtigung, Melismen
und Coloraturen bekunden die Vorliebe für lebhaft gefärbten
Gesang, eine Mischung von getragener Melodie und recitirenden
Partien zeigt das Streben nach Mannigfaltigkeit und Deutlichkeit
des Ausdrucks im Einzelnen, während oftmals lebhaft bewegte Bässe
das Bild leidenschaftlich erregter Tonempfindung vervollständigen.
Manche der so gearteten Gesänge Albert's haben schon eine ganz
cantatenmäßige Gestalt: der Liedertext ist ganz durchcomponirt,
eine Instrumentalsymphonie leitet ein, der Gesang ist ein- und
zweistimmiger Sologesang, verschiedentlich durch Zwischenspiele
abgewechselt, ein kurzer Chor oder auch ein Instrumentalnachspiel
beschließt das Ganze. Hierher gehören u. a. jene Empfangsmusik für
Opitz von 1638 (Arien 2. Thl. Nr. 20), ein Gesang bei Abreise des
Kurfürsten von Brandenburg (1643, Th. 6. Nr. 11) und andere. Daß
A.
auch im Singspiele sich versucht hat, erfahren wir
wenigstens aus der Vorrede zum 6. Theil der Arien (1645), wo er
einer "im vorigen Jahre auf dem akademischen Jubelfeste erhaltenen
und nachher wiederholten Comödien-
|Musik gedenkt.
Doch ist sie unbekannt geblieben, und wiewol
A.
größeren Werth darauf legte als auf seine Arien, fragt
es sich doch, ob viel daran verloren ist. Man wird begreiflich
finden, daß seine Versuche im dramatischen Stil überhaupt mehr als
Belege für dessen Ausbreitung und Albert's Mitstreben
interessiren, als durch Kunstvollendung befriedigen; auch hinter
seinen einfachen Liedern stehen sie an Abrundung weit zurück,
wiewol seine Bemühungen um lebendigen deutlichen Ausdruck in jenen
dramatisirenden Gesängen nicht ohne vortheihaften Einfluß auf die
Bildung seiner einfachen Liedermelodien geblieben sein können.
Wie sehr es ihm aber am Herzen lag, der neuen Stilart bei
seinem Publikum Eingang zu verschaffen und das richtige
Verständniß dafür zu erwecken, zeigen endlich seine Vorschriften
für ihre Ausführung durch den Sänger und den Generalbaßspieler. So
soll der Sänger u. a. die Worte deutlich aussprechen, und in den
Gesängen im genere recitativo ganz frei
und ohne durch den Takt sich zu binden, dem Worte und Ausdrucke
folgen. Der Generalbaßspieler soll nicht jede Note des Sängers
harmonisch begleiten wollen, sondern ihn an passenden Stellen zu
gehaltenen Accorden frei fortsingen und figuriren lassen, wie im
modernen Recitativ und bei Coloraturen geschieht. Die Regeln,
welche
A.
in der Vorrede des 2. Theils (1640) für den Generalbaß
aufstellt, fanden schon Mattheson's Zustimmung, indem er sie für
"schön und bündig, in wenigen Worten viel sagend und lehrend, und
für so vollständig, daß nichts Wesentliches daran fehle" erklärt,
worin man ihm beipflichten kann. — Der Hauptsache nach sind es
jedenfalls seine einfachen Lieder, wodurch er seiner Zeit so werth
geworden ist; hier konnten seine gesunde Ursprünglichkeit,
natürliche Wärme und Innigkeit des Gefühls ersetzen, was an Stärke
der Bildkraft und freier Beherrschung des Contrapunkts ihm abging.
Meist durch bestimmte frohe oder trübe Ereignisse oder durch
eindringliche Betrachtungen hervorgerufen, sind sie unmittelbare
Ergüsse lebhaft erregter Stimmung, wirkten daher mit eben solcher
Unmittelbarkeit nicht nur auf die Periode ihrer Entstehung,
sondern überlebten zum Theil ihren Schöpfer noch geraume Zeit. Von
seinen Leistungen auf der Orgel ist nichts bekannt und von
Kirchenmusiken hat er nur ein Tedeum 3voc.
aus dem Jahre 1647 hinterlassen. — (Biographisches über ihn geben
Mattheson, Ehrenpf. 1—5 und Winterfeld, Kirchenges. II. 136.)
Autor ↑
v. Dommer.
Korrektur: Nach der Einleitung zu der inzwischen erschienenen Ausgabe der Gedichte des Königsberger Dichterkreises von L. H. Fischer (Neudrucke des 16. und 17. Jahrhunderts, Halle bei Niemeyer 1883) starb Heinr. Albert am 6. October 1651. Gelegenheitsgedichte von ihm aus dem Jahre 1655 sind nicht vorhanden. Seine Arien sind
|nicht zuerst in einzelnen Stimmbüchern, sondern sogleich in Partitur erschienen, Königsberg 1638—1654. Die Titel der beiden Sammelwerke lauten:
Arien oder Melodeyen etlicher theils Geistlicher, theils Weltlicher, zu gutten Sitten vnd Lust dienender Lieder. In ein Positiv, Clavicimbel, Theorbe oder anders vollstimmiges Instrument zu singen gesetzt von Heinrich Alberten. Gedruckt zu Königsberg.
Musicalische Kürbs-Hütte, Welche vns erinnert Menschlicher Hinfälligkeit, geschrieben vnd In 3 Stimmen gesetzt von Heinrich Alberten. 1641.
Empfohlene Zitierweise ↑
Dommer, Arrey von, „Albert, Heinrich“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
210-212
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd121418952.html?anchor=adb