<< Avenarius, Richard Heinrich Ludwig
Averdieck, Elise >>
Aventinus (Turmair), Johannes
Geschichtsschreiber,
* 4.7.1477 Abensberg (Niederbayern),
† 9.1.1534 Regensburg.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Peter Turmair, Bürger, Gast- und Tafernwirt in Abensberg;
⚭ 1528 schwäbische Magd; 2
K (1 früh
†) Gisella (
⚭ Ludwig Lindauer, Hofrat).
Leben ↑
Nach erstem Unterricht im Karmeliterkloster zu Abensberg bezog Aventinus 1495 die Universität Ingolstadt, erhielt 1496 zu Regensburg die Akolythenweihe, gab aber den geistlichen Beruf auf und folgte seinem Lehrer Konrad Celtis nach Wien, an der dortigen Universität sich nur mehr dem humanistischen Studium widmend. Als Hausgenosse von Celtis und unter anderen humanistischen Lehrern wie Johannes Stabius und Johannes Cuspinianus, danach auf den Universitäten zu Krakau und zu Paris, wo er sich die Magisterwürde holte, erwarb er sich Kenntnisse wie wenige seiner Zeitgenossen. In die Heimat zurückgekehrt, bereitete er sich auf eine Lehrstelle an der Universität Ingolstadt vor. Allein als Herzog Albrecht IV. von Bayern 1508 gestorben war, wurde Aventinus an den Hof nach München berufen, um als Lehrmeister die unmündigen Söhne des Herzogs, Ludwig und Ernst, zu erziehen. Ludwig entwuchs, da er Mitregent seines Bruders Wilhelm IV. wurde, 1511 diesem Unterricht, Ernst aber behielt bis 1517 ihn als Erzieher und wurde von ihm zuletzt zum Studium an die Universität Ingolstadt begleitet. Als Nebenfrüchte seines Lehramtes verfaßte Aventinus während seines Münchener Aufenthalts eine lateinische Geschichte der Herzöge Bayerns (1511, ungedruckt, Ausgabe in Vorbereitung), eine ausgezeichnete lateinische Grammatik (1512 ff., in 11 Ausgaben, stark vermehrt 1517 ff. in 5 Ausgaben erschienen) und ein Lehrbuch der Musik (gedruckt 1516). In Anerkennung seiner hingebenden Erziehungstätigkeit wurde er nach deren Beendigung von den Herzögen Wilhelm und Ludwig zum „Historiographus" berufen und beauftragt, ein ausführliches Werk über die bayerische Geschichte zu verfassen. Kein deutscher Geschichtsschreiber vor ihm hat in so umfassender Weise seinen Stoff gesammelt. Die Herzöge öffneten ihm ihre Archive und ermöglichten ihm Archivreisen im ganzen Land, auch in die Klöster. Zu Abensberg in der Stille seines Heimatortes arbeitete er 1519 bis 1521 die lateinisch geschriebenen „Annales ducum Boiariae" aus. 1522 begann er im Auftrage der Herzöge die Verdeutschung dieses Werkes, doch unterbrach er die Arbeit immer wieder und schrieb erst 1533 das Schlußwort dieser volkstümlich gehaltenen „Bairischen Chronik“, die nicht eine bloße Übersetzung, sondern eine viele Eigentümlichkeiten bietende freie Bearbeitung der „Annales“ geworden ist. Dazwischen hatte er den Plan gefaßt, ein Werk über die gesamtdeutsche Geschichte zu schreiben, das er ziemlich gleichzeitig sowohl lateinisch wie deutsch in Angriff nahm. Über das erste Buch dieser Arbeit, die er lateinisch als „Germania illustrata“, deutsch als „Zeitbuch über ganz Teutschland“ zu betiteln gedachte, kam er aber nicht hinaus, da ihn allzu früh der Tod hinwegraffte.
Die „Annales“ sind inhaltlich und sprachlich eine glänzende Leistung. Mit freiem Geiste, fern von jeder Schablone, hat er den Stoff gemeistert und aus seiner humanistischen Gesinnung heraus neu gestaltet, wenn er sich dabei auch manchmal allzu nachgiebig seiner eigenartigen Phantasie überließ. Da eine Anzahl Quellen, die er noch benutzen konnte, inzwischen verlorengegangen sind, ist sein Text für den Inhalt jener heute maßgebend, wie sich
z. B. erst vor kurzem nach der Auffindung alter Salzburger Annalen gezeigt hat. Die „Chronik“ hat nicht den gleichen wissenschaftlichen Wert wie die „Annales“. Für die älteren Zeiten viel zu phantastisch und weitschweifig, ermangelt sie der geschichtlichen Zuverlässigkeit. Aber als literarisches Denkmal ist sie von höchstem Wert. In einer an die Kraft Luthers erinnernden ausdrucksreichen Sprache hat Aventinus darin mehr eine deutsche als eine bayerische Geschichte geschrieben. Durch sie, die einem Goethe warmes Lob abgerungen hat, ist er einer der Wegbereiter deutschen Nationalgefühls geworden. Er nahm als wahrhaft religiöser Mensch innerlich lebhaft an den Glaubenskämpfen seiner Zeit teil; er ist nicht Protestant geworden, hat aber der evangelischen Richtung im Alter immer mehr zugeneigt.
Werke ↑
Weitere W Baier. Chronik, Frankfurt 1566,
hrsg. v. M. Lexer, 1882-86 (=
Joh. Turmair,
gen. A., Werke IV, V), im Ausz.
bearb. u. mit
Einl. v. G. Leidinger, 1926; Annalium Boiorum libri VII, Ingolstadt 1554,
hrsg. S. Riezler, 2 T., 1881-84 (= Werke II, III).
Literatur ↑
ADB I;
I.
v. Döllinger,
A. u. seine Zeit, 1877;
S. Riezler, Zum Schutze d. neuesten Edition
v. A.s
Ann., in:
Abhh. d.
Bayer. Ak. d. Wiss.,
phil.-
hist. Kl., 1886;
W. Meyer, Philolog. Bemerkungen
z. A.s
Ann. u.
A.s Lobgedicht auf
Hzg. Albrecht IV.
v. 1507, ebenda;
O. Rademacher,
A. u. d.
Ungar. Chronik, in:
NA 12, 1887;
E.
v. Öfele, Aventiniana, in: Oberbayer. Archiv 44, 1887;
F. X.
v. Wegele,
A., 1890;
F. Keinz, Üb.
A.s Tagebuch (Hauskalender), in:
SB d.
Bayer. Ak. d. Wiss., 1890;
M. Lenz,
A.s Berufung nach Straßburg, in:
ZGORh,
NF 9, 1894, S. 629-37;
H. Simonsfeld,
A. u. d. Privilegium minus, in:
F z. Gesch. Bayerns 13, 1907;
A. Kies, Die Bayr. Chronik
A.s,
Progr. Stuttgart 1915;
H. Steinacker, Zu
A. u. d.
Qu. d. 3. Kreuzzugs, in:
MIÖG, 1920, S. 159-84;
ders., Zu
A. u. Tageno, ebenda, 42, 1927, S. 84 f.;
Aus
A.s Leben, Zum 450. Geburtstag
A.s, 4.7.1927,
Beil. f. d. Hallertauer
Gen.-
Anz., zusammengestellt
v. P. W. Fink u.
A. Listl,
|1927;
K. Rück, J.
A.s
Bayer. Chronik, im Auszug
bearb. u. mit
Einl. v. G. Leidinger, 1926, in:
Festschr. z. A.-Feier, 1927;
G. Leidinger, Zur
Gesch. d. Entstehung
v. A.s Germania illustrata u. dessen Zeitbuch
üb. ganz Teutschland, in:
SB d.
Bayer. Ak. d. Wiss.,
phil.-
hist. Kl., 1935;
R. Bauerreiss, Ein Quellenverz. d.
Schrr. A.s, in:
StMBO 50, 1932, S. 54-77, 315-35;
M. Übelein,
A.s Geschichtsbewußtsein,
Diss. Erlangen 1947;
LThK;
Enc. Catt. II, 1949.
Portraits ↑
Holzschnitt
v. B. Sebald Lautensack (1534); Grabdenkmal mit Bildnis (
St. Emmeram in Regensburg).
Autor ↑
Georg Leidinger Empfohlene Zitierweise ↑
Leidinger, Georg, „Aventinus, Johannes“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
469-470
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd11850522X.html
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Avercamp, Hendrik van >>
Aventinus
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Aventinus: eigentlich Johannes Turmair,
gemäß der Sitte seiner Zeit nach der latinisirten Namensform
seiner Vaterstadt Abensberg an der Donau in Niederbaiern Aventinus
genannt, geb. am 4. Juli 1477, † am
9. Januar 1534. Von wohlhabenden
bürgerlichen Eltern abstammend studierte
A.
seit 1495 an den Hochschulen von Ingolstadt, Wien,
Krakau und Paris, wie es scheint, ausschließlich Humaniora. In Ingolstadt und Wien war er ein
Schüler von Conrad Celtes, zu dem er wenigstens in letztgenannter
Stadt in ein besonders enges Verhältniß getreten ist. In Paris hat
er etwas über ein Jahr verweilt und sich das Magisterium der
freien Künste erworben. Mit ganzer Seele in die humanistische
Bewegung eingetreten, ließ er sich im Jahre 1507 wieder in
Ingolstadt nieder, nebst der Fortsetzung seiner Studien mit
Privatvorlesungen beschäftigt. Aber bereits hatte er in dem Grade
die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, daß er das Jahr
darauf von dem Herzog Wilhelm IV. von
Baiern zum Erzieher seiner beiden jüngeren Brüder, der Prinzen
Ludwig und Ernst, Söhne des kurz vorher verstorbenen Herzogs
Albrecht IV., ernannt wurde. Er hat dieses
Amt acht Jahre lang, von 1509 bis 1517 versehen, und sich während
dieser Zeit zunächst theils in Burghausen, theils zu München am
herzoglichen Hoflager aufgehalten. Im Jahre 1515 hat er mit dem
Prinzen Ernst Italien bereist und ihn noch in demselben Jahre auf
die Universität Ingolstadt begleitet. Die Stellung als Erzieher
hatte ihn zur Abfassung einer lateinischen Grammatik veranlaßt,
die er in drei verschiedenen Bearbeitungen in den Jahren 1512 und
1516 herausgegeben hat und die ihm nicht geringes Lob und Ansehen
eingetragen haben. Zu derselben Zeit (1516) gründete er unter der
Mitwirkung seines fürstlichen Zöglings und nach dem Vorbilde der
von C. Celtes früher hervorgerufenen societas
rhenana eine gelehrte Gesellschaft: "Sodalitas litteraria Angilostadensis", deren
Protectorat zuerst Herzog Ernst und später der berühmte bairische
Kanzler, Leonhard von Eck übernahm. Diese Gesellschaft hat zwar
nur bis zum Jahre 1520 bestanden, aber sie hat als Zeichen ihres
Daseins eine Reihe Publicationen hinterlassen; auch
A.
hat sich an diesen betheiligt und u. a. hier nach
einem St. Emmeraner Codex jene merkwürdige "Vita Henrici IV. imp." herausgegeben, über
deren Verfasser noch in neuester Zeit so verschiedene Vermuthungen
aufgestellt worden sind. Noch eine größere Reihe von
Quellenschriften meist geschichtlicher Art hat er auf diesem Wege
zu veröffentlichen beabsichtigt, ohne die Absicht ausführen zu
können; es geht aber daraus wenigstens hervor, daß er seit
längerer Zeit sich mit Vorliebe und aus Grundsatz mit
geschichtlichen Forschungen beschäftigt hatte.
Es hatte daher einen guten Grund, daß der Herzog Wilhelm IV. von Baiern und sein Bruder Ludwig, als die
Erziehung der beiden Prinzen vollendet war,
A.
zum bairischen Historiographen ernannten (1517.) Die
Ausführung des erhaltenen Auftrags füllt den noch übrigen Theil
von Aventin's Leben aus: wie mit unverkennbarem inneren Berufe, so
mit einem Eifer ohne gleichen hat er sich derselben unterzogen und
ist er zunächst zu der Durchforschung der Archive und
Bibliotheken, wofür er von seinen Auftraggebern mit einer
besonderen Vollmacht und Empfehlung ausgerüstet worden war,
geschritten. Als das Ergebniß dieser seiner Forschungen und
Arbeiten haben wir die "Annales Boiorum"
und die bairische "Chronika" zu betrachten. Sie geben ein laut
redendes Zeugniß nicht bloß von Aventin's unzweifelhaftem Beruf
zum Geschichtschreiber, sondern zugleich von seiner, in
vaterländischen und kirchlichen Dingen unabhängigen und mannhaften
Gesinnung, der er häufig und in dem derbsten Ton Ausdruck gibt.
A.
hatte sich zwar nicht förmlich der neuen Lehre
angeschlossen, aber er sympathisirte in der Mehrzahl der Fragen
mit der reformatorischen Bewegung und stand mit Melanchthon und
anderen Vertretern derselben in nahen Beziehungen. Er ist der
entschiedenste Gegner der römischen Kirchenpraxis und der
päpstlichen Herrschaft und war, wie die meisten Humanisten, bei
dieser Stimmung vor allem von nationalen Beweggründen geleitet. Er
zählte zwar unter dem Klerus innerhalb und außerhalb der Klöster
manch' guten Freund, er war aber nichts destoweniger der bitterste
und unversöhnlichste Gegner des geistlichen Standes, insbesondere
der Mönche, deren Verderbtheit er mit unermüdlichem Hasse
verfolgt. Unter diesen Umständen wird es uns nicht wundern zu
hören, daß
A.
der lauernden Mißgunst der grollenden Eiferer am Ende
nicht entging. So wurde eine ihm zugeschriebene Uebertretung der
Fastengebote zum Vorwand, die strafende Hand nach ihm
auszustrecken. Am 7. October 1528 wurde er kraft ausdrücklicher
Anordnung des Herzogs Wilhelm selbst "ob
evangelium" in Regensburg verhaftet, und nur der
Dazwischenkunft seines Gönners, des Kanzlers L. von Eck, hatte er
es zu verdanken, daß er eilf Tage später seine Freiheit wieder
erhielt, und daß dieser Zwischenfall ohne weitere Folgen für ihn
blieb.
A.
hatte sich in den letzten zehn Jahren abwechselnd
meist in seiner Vaterstadt, wo er besonders gerne weilte und Haus
und Garten besaß, und in Regensburg aufgehalten. Die zuletzt
gemachte Erfahrung scheint indeß den Gedanken einer Veränderung in
ihm hervorgerufen zu haben. Ob auch seine Verheirathung, die in
das Jahr 1529 fällt, dazu mitgewirkt hat, muß um so mehr
dahingestellt bleiben, als die seiner Auserwählten mißgünstige
Ueberlieferung nicht ganz unverdächtig erscheint: gewiß ist aber,
daß er seine Berufung an den Hof des Pfalzgrafen Friedrich zu
Neumarkt in der Oberpfalz im Jahre 1530 eifrig, wenn auch ohne
Erfolg, betrieben hat; ebenso, daß er die Absicht, in Sachsen —
wahrscheinlich in Wittenberg — eine neue Heimath zu suchen, erst
auf Melanchthon's abrathen aufgegeben hat, während er auf der
andern Seite ein Anerbieten des Cardinal-Erzbischofs Matthias Lang
von Salzburg ablehnte. So kam ihm denn im J. 1533 die Einladung
von Seite des Kanzlers von Eck, die wissenschaftliche Führung
seines Sohnes in Ingolstadt zu übernehmen, doppelt erwünscht, aber
zu spät. Als sich
A.
, dessen Gesundheit offenbar bereits seit einiger Zeit
erschüttert war, aufmachte, seine Familie von Regensburg aus, wo
er im Jahre 1531 sich angekauft hatte, an seinen neuen
Bestimmungsort zu geleiten, ereilte ihn in gedachter Stadt nach
kurzer Krankheit der Tod (9. Januar 1534.) Er fand auf dem
Kirchhofe der Stiftskirche von St. Emmeran seine Ruhestätte. In
seiner Vaterstadt ist ihm vor nicht langer Zeit ein Denkmal
gesetzt worden.
A.
hat bereits bei seinen Lebzeiten den verdienten Ruhm
hoher und ungewöhnlicher Gelehrsamkeit genossen; mit einer Reihe
der hervorragendsten Zeitgenossen ist er in mehr oder weniger
nahen Beziehungen gestanden: außer dem schon genannten Melanchthon
mit Apian, Beatus Rhenanus, Wilibald Pirkheimer, Konrad Peutinger
u. a. In mehr als einer Richtung hat sich seine wissenschaftliche
Thätigkeit bewegt. Seiner Arbeiten auf dem Gebiete der
lateinischen Grammatik haben wir bereits gedacht: er verdrängte
damit nicht bloß das "Doctrinale"
Alexanders, sondern auch den Aldus Manutius. Auch auf das Feld der
Philosophie und der Theorie der Musik hat er sich gewagt: er gab
im Jahre 1516 eine Art von kurz gefaßter Encyclopädie der
Philosophie, als Anhang zu der letzten Bearbeitung seiner
lateinischen Grammatik heraus, und
veröffentlichte in demselben Jahre die Schrift: "Musicae rudimenta admodum brevia atque utilia
etc", die, nicht gerade originell, die gründliche
Bekanntschaft ihres Urhebers mit der älteren musikalischen
Litteratur beurkundet. Beide Werke verdanken seiner Stellung als
Prinzenlehrer ihren Ursprung: — und wie alle Humanisten seiner
Zeit hat er sich zugleich wiederholt und nicht ohne Geschick als
lateinischer (lyrischer) Dichter versucht. Aventin's
hervorragendes und bleibendes Verdienst aber liegt auf dem Gebiete
der Geschichtschreibung. Von seinen bezüglichen kleineren
Schriften sollen hier wenigstens einige erwähnt werden: so das "Chronicon sive Annales Schirenses", das er im
Jahre 1517 im Auftrage des Abtes Johann II. vom Kloster Scheiern abfaßte, das aber
erst im Jahre 1600 zum Druck gelangte, und die Geschichte des
berühmten Wallfahrtsortes Alt-Oetting in Niederbaiern, die im
Jahre 1518 unter dem Titel: "Historia non
vulgaris vetustatesque Otingae Boiorum" erschien und die
A.
das Jahr darauf in einer deutschen Uebertragung
herausgab. Seine Hauptwerke jedoch sind die "Annales Boiorum" und die deutsche Bearbeitung
derselben, die bairische "Chronika". Sie sind, wie wir uns
erinnern, durch einen förmlichen Auftrag der bairischen Herzoge
Wilhelm und Ludwig hervorgerufen worden. Die Annalen hat
A.
, die Vorbereitungen und Vorarbeiten mit
eingeschlossen, im J. 1517 begonnen und im Jahre 1521 vollendet;
im Jahre 1522 gab er zu Nürnberg als eine Art von Vorläufer, obwol
die Annalen selbst nach dem Sinne seiner Auftraggeber zunächst
keineswegs zur Veröffentlichung bestimmt waren, den "Kurzen
Auszug" in deutscher Sprache heraus, der nicht verfehlte, die
Spannung der gelehrten Kreise auf das Hauptwerk selbst zu
steigern. Einige Jahre nach Vollendung der Annalen ist
A.
zur deutschen Bearbeitung derselben geschritten, wozu
er im J. 1526 von Seite seiner fürstlichen Gönner die Aufforderung
erhielt, und im Jahre 1533 hat er dieselbe zum Abschluß
gebracht.
Was den wissenschaftlichen Werth der Geschichtschreibung
Aventin's anlangt, so kommen bei der Feststellung desselben vor
Allem die Annales in Betracht. Nach der
Sitte der Zeit holt er weit aus, ab ovo,
und bringt die bairische Geschichte in oft breitem Zusammenhang
mit der allgemeinen und, was löblicher, mit der deutschen
Geschichte zur Darstellung. Erst im letzten (7.) Buche gelangt er
zu der wittelsbachischen Epoche und schließt mit dem Jahre 1460,
in welchem Herzog Albrecht IV. zur
Herrschaft gelangte. Er behielt sich zwar ausdrücklich vor, die
Zeit dieses Fürsten nachträglich selbständig zu behandeln, hat
jedoch das Vorhaben nicht ausgeführt.
A.
brachte eine hohe Vorstellung von der Aufgabe des
Geschichtschreibers mit und hat es nicht an Anstrengung und
Ausdauer fehlen lassen, derselben nahe zu kommen. Die Form der
Annalen ist würdig und zweckgemäß, von der Sicherheit getragen,
wie sie allein die vollständige Beherrschung des Stoffes und die
liebevolle Hingabe an ihn hervorzubringen vermag. Wichtiger ist
der gelehrte und kritische Charakter des Werkes, der trotz vieler
anerkannten Schwächen und Mängel
A.
an die Spitze der modernen, im bewußten Gegensatz zur
mittelalterlichen stehenden Geschichtschreibung, man könnte sagen,
als ihren Begründer stellt. Unzweifelhaft repräsentirt er den
siegreichen Uebergang aus der alten in die neue Zeit; die Arbeit
und Kunst der gelehrten historischen Forschung, die zugleich die
Bedeutung und den Zusammenhang des Erforschten darzustellen sucht,
beginnt mit ihm.
A.
hat, von der Gunst der Verhältnisse unterstützt,
zuerst mit Sachkunde und Methode, und zugleich mit unermüdlichem
Fleiße die bis dahin zurückgesetzten und wie verschlossenen
geschichtlichen Quellen aufgesucht und sich von einer deutlichen
Unterscheidung ursprünglicher und abgeleiteter Zeugnisse leiten
lassen. Neben den spezifisch historischen Aufzeichnungen zieht er
in einem vorher ungewohnten Umfange den urkundlichen Stoff herbei
und ist unermüdlich in der Aufsuchung
|desselben.
Diese seine Anstrengungen sind bekanntlich von nicht geringem
Erfolge begleitet gewesen; manches werthvolle Stück ist uns nur
durch diesen seinen Eifer gerettet worden und erfreuen wir uns der
Früchte und Nachwirkungen desselben immer wieder. Was die
historische Kritik Aventin's anlangt, so läßt dieselbe, namentlich
in der Darstellung der ältesten Zeiten, in den genealogischen
Aufstellungen und dgl. immerhin vieles zu wünschen übrig; ist es
ihm doch sogar begegnet, daß er sich von dem berüchtigten Betruge
des Annius von Viterbo und dessen falschem Berosus zum schweren
Nachtheil und nicht ungewarnt täuschen ließ; auch unterliegt er
manchmal der schlechten Gewohnheit seiner litterarischen
Zeitgenossen, vorhandene und unerwünschte Lücken durch
willkürliche Erfindungen auszufüllen: gleichwol ist
A.
der erste, der mit energischem Scharfblick der fable convenue, wozu die Geschichte des
Mittelalters unter den Händen phantasiereicher Autoren und noch
mehr unter dem Drucke der großen kirchlichen Fiction geworden war,
siegreich und mit vollem Bewußtsein entgegentrat. Sein lebendiger
und kräftiger Unwille gegen die Uebergriffe der päpstlichen
Politik und die daraus hervorgegangene Beeinträchtigung der
deutsch-nationalen Würde und Interessen kommt zugleich dieser
seiner kritischen Richtung und der umfassend angelegten Haltung
seines Werkes in hohem Grade zu gute. Das ist ja eine
Eigenthümlichkeit desselben, daß er die bairische Geschichte im
engsten Zusammenhange mit der deutschen, und oft der allgemeinen
behandelt. In dieser Beziehung hat er sogar das bedeutendste
geleistet, was nicht hindert, daß man ihn seit Leibnitz den Vater
der bairischen nennt. Seine Darstellung der Geschichte des Kampfes
Kaiser Heinrichs IV. und Papst Gregors VII. verdient noch heute gelesen zu werden und
ist im Verlaufe des 16. Jahrhunderts und später in den
Vertheidigungsschriften der protestantischen Fürsten gegenüber dem
Kaiser und auf Reichstagen, nicht ohne Eindruck zu machen, als
Zeugniß angerufen worden. In ähnlicher Gesinnung stellt er die
Geschichte K. Ludwig d. B. dar. Freilich beginnt er die
wittelsbachische Epoche der bairischen Geschichte erst mit dem
letzten (7.) Buche: er hat sich offenbar bei der Darstellung der
ältesten Zeiten etwas zu lange und mit nicht immer der Mühewaltung
entsprechenden Ergebnissen aufgehalten; für eine fruchtbare
Behandlung jener Jahrhunderte, wie z. B. selbst noch der
Römerzeit, fehlte ihm nicht die Gelehrsamkeit an sich, sondern
vielmehr die geschulte philologische Kritik und aber auch die
genauere Kenntniß der Entwickelung der deutschen Sprache, ein
Umstand, der auch sein beabsichtigtes, aber bald in das Stocken
gerathene Werk einer "Germania illustrata"
sicher von vorn herein empfindlich geschädigt haben würde.
Anlangend die deutsche Bearbeitung seiner Annales, so ist bei ihrer Beurtheilung auf den
volksthümlichen Charakter derselben das Hauptgewicht zu legen. Ja
A.
hat in ihr seine ganze originelle Persönlichkeit und
seine freie und unabhängige Denkweise in den nationalen und
kirchlichen Fragen niedergelegt. Das volle Maß des Hohnes und
Zornes, das er gelegentlich den hierarchischen Anmaßungen und
klerikalen Kühnheiten entgegenbringt, hat, wie schon erwähnt, bei
seinen Lebzeiten ihm Verfolgungen, und nach seinem Tode
Verunglimpfungen zugezogen.
A.
fühlt sich übrigens als treuer und anhänglicher Sohn
seines Geburtslandes, aber die Begeisterung für deutsche Ehre,
Macht und Unabhängigkeit, geht ihm doch über Alles. Sicher haben
wir in diesem Werke das erste, breit angelegte volksthümliche
Geschichtswerk unserer Nation zu verehren.
Die Einwirkung Aventin's auf die deutsche Geschichtschreibung
der nächsten Zeit ging, wie zu erwarten, tief und läßt sich nach
verschiedenen Seiten hin erkennen. Gilg Tschudi von Glarus so gut
als der Würzburger Lorenz Fries stehen unter seinem Einflusse und
sind mit von ihm angeregt, und bis auf die Gegenwart herab lassen
sich die Nachwirkungen seiner Anregungen verspüren. Leider
|besitzen wir weder von den "Annales" noch von der "Chronica" eine
genügende und kritische Ausgabe. Der erste Druck der Annales von Professor Ziegler in Ingolstadt
ist grundsätzlich aus Rücksicht auf die Reizbarkeit der freilich
unsanft behandelten Klerisei durch Auslassungen entwerthet, welche
auch die spätere Ausgabe von
Cisner nicht völlig wieder gut gemacht
hat. Nicht minder wartet die "Chronica" noch immer vergeblich auf
eine sorgfältige und authentische Textausgabe. Der reiche
litterarische Nachlaß Aventin's, noch keineswegs völlig
ausgebeutet, liegt in München.
Th. Wiedemann, Joh. Turmair, gen. Aventinus, Geschichtschreiber
des bairischen Volkes. Freysing 1857. W. Dittmar, Aventin.
Nördlingen 1862. (Zu vgl. Dr. C. Prantl,
Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in
Ingolstadt-Landshut-München. München 1872. Bd. I. S. 134.
Autor ↑
Wegele.
Empfohlene Zitierweise ↑
Wegele, Franz Xaver von, „Aventinus“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
700-704
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd11850522X.html?anchor=adb