<< Auzinger, Peter
Avancinus, Nicolaus >>
Frau Ava
Dichterin,
† 7.(6.)2.1127 als Klausnerin im Donautal (Melk?).
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Leben ↑
Ava ist die erste, mit Namen bezeugte Dichterin in deutscher Sprache. Am Schluß ihres Gedichtes „Vom jüngsten Gericht“ nennt sie sich selbst und bezeichnet sich als Mutter zweier Söhne, deren einer damals bereits verstorben ist. Diese Söhne waren wohl Geistliche, da sie nach eigener Aussage ihnen „den Sinn“, also wohl die theologische Fundierung ihrer Gedichte verdankt. Auch ihre Bitte, der Söhne fürbittend zu gedenken, zeigt ihre innige Verbundenheit mit ihren Kindern. Man darf in ihr die
Ava inclusa sehen, deren Todestag Chroniken und Nekrologien der österreichischen Klöster Melk, Klosterneuburg, Garsten, Zwettl und
St. Lambrecht unter dem 7.(6.)2.1127 verzeichnen. Ava hat demnach ihr Leben als eine in Einzelzelle nach strenger Regel lebende, fromme Klausnerin im Donautal (Melk?) beschlossen. Daß so viele Klöster ihren Todestag vermerken, zeigt das hohe Ansehen, in dem sie stand: wahrscheinlich verdankte sie es ihren Gedichten, die sie in vorgerücktem Alter, unter Beihilfe ihrer geistlichen Söhne etwa 1120 gedichtet haben wird. Sie richtet ihre Gedichte an vornehme Kreise, denen sie auch selbst entstammen wird. Darauf deutet auch ihre Lateinkenntnis und ihre umfassende Bildung: sie verarbeitete in ihrer Dichtung die Kommentare von Beda, Hrabanus Maurus und Alkuin, Adsos Libellus de Antichristo, die altdeutsche Genesis, die sie öfters wörtlich zitiert, das bayerische
St. Trudperter Hohelied (entstanden 1110-20) oder seine lateinische Quelle
u. a. Ihre Dichtungen sind zwar nur in zwei durch Interpolationen entstellten Fassungen überliefert, jedoch konnte R. Kienast die ursprüngliche Fassung rekonstruieren. Es sind fünf Gedichte: „Johannes der Täufer", „Leben Jesu“, das den Heiland nicht als Lehrer und Wundertäter schildert, sondern als Religionsstifter und Menschen, dessen liebendes Erbarmen und Leiden Ava miterlebt, „Die sieben Gnaden des Heiligen Geistes“, deren Vermittler die Kirche ist, „Der Antichrist“ und „Das jüngste Gericht“, aber diese Einzelteile bilden eine durchkomponierte Einheit mit dem Thema: Werden, Wirken und Ende der christlichen Kirche. Die planvolle Komposition erweist Ava bei aller Schlichtheit der Sprache und des Stiles als geschickte Gestalterin, ihre Stärke liegt jedoch nicht in den theologischen und eschatologischen Teilen, sondern in der warmherzigen, eindringlichen Erzählung der Maria Magdalena- und Passionsszenen. Diese stehen offensichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck des mittelalterlichen Dramas, bringen aber auch das Grundgefühl bernhardinischer Christusmystik, den Glauben an die erlösende Kraft der Liebe zum Ausdruck.
Werke ↑
J. Diemer,
Dt. Gedichte d. 11. u. 12. Jh.s, 1849, S. 227-92
(Vorauer Hs. XI); H. Hoffmann
v. Fallersleben, Fundgruben f.
Gesch.,
dt. Sprache u.
Lit. I, 1830, S. 107-204
(Görlitzer Hs.); P. Piper, in:
Ztschr. f.
dt. Philol. 19, 1887, S. 129-96, 275 bis 318
(nach beiden Hss.); neue krit. Ausg. durch H. Kienast in Vorbereitung.
Literatur ↑
ADB I;
A. Langguth,
Unters. üb. d. Gedichte d.
A., 1880;
Goedeke I, 1884, S. 36;
P. Piper, Die geistl. Dichtung d.
MA, 1889, S. 223-38;
E. Schröder, Frau
A. u. d. Osterfeier, in:
ZDA 50, 1908, S. 312 f.;
ders., Aus d. Gelehrsamkeit d.
A., ebenda, 66, 1929, S. 171 f.;
E. Peters,
Qu. u. Charakter d. Paradiesesvorstellungen in d.
dt. Dichtung
v. 9.-12.
Jh., 1915, S. 78-87;
H. Huhn, Die epithet. Apperception in d. Gedichten d.
A.,
Diss. Frankfurt 1921
(ungedr.);
Ehrismann II/1, S. 116-21;
H. de Boor, Frühmhdt.
Stud., 1926, S. 151-82;
ders., Die
dt. Lit. v. Karl
d. Gr. bis
z. Beginn d. höf. Dichtung, 1949, S. 153-55;
A. Bayer, Der Reim
v. Stammsilbe auf Endsilbe im frühmhdt. u. seine Bedeutung f. d. sprachl. u. literar. Chronologie,
Diss. Tübingen 1934, S. 66 bis 81;
R. Kienast,
A.-
Stud., in:
ZDA 74, 1937, S. 1-36, 277-308, 77, 1940, S. 85 bis 104;
J. Schwietering, Die
dt. Dichtung d.
MA, 1941, S. 78-81;
H. Schneider, Heldendichtung, Geistlichendichtung, Ritterdichtung, 1943, S. 143 f., 166 f.;
M. Domitrovic, Die Sprache in d. Gedichten d. Frau
A.,
Diss. Graz 1951
(ungedr.);
H. H. Steinger, in:
Vf.-Lex. d. MA I, 1933,
Sp. 150 ff.
(L);
LThK.
Autor ↑
Hellmut RosenfeldEmpfohlene Zitierweise ↑
Rosenfeld, Hellmut, „Frau Ava“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
464
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119025698.html
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Avancinus, Nicolaus >>
Ava, Frau Ava
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Ava: Frau Ava,
deutsche Dichterin des 12. Jahrhunderts, deren Tod (als
Klausnerin) im Kloster Melk zum Jahre 1127 verzeichnet wird. Von
ihr drei geistliche Gedichte ("Gaben des heiligen Geistes",
"Antichrist", "Jüngstes Gericht", Diemer, Deutsche Gedichte S.
276, 4—292), in frauenzimmerlichem Stil (die Sätze meist durch sô angereiht), mit frauenzimmerlicher
Gesinnung: unter den Vorzeichen des jüngsten Tages unterläßt sie
nicht zu erwähnen, daß auch Spangen und Armringe, das Geschmeide
der Frauen zu Grunde gehen. Sie benutzt einerseits das Bamberger
Stück "Himmel und Hölle" (Denkmäler XXX),
andererseits den (wahrscheinlich kärntnischen) "Joseph in
Aegypten".
Autor ↑
W. Scherer.
Empfohlene Zitierweise ↑
Scherer, Wilhelm, „Ava, Frau Ava“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
698
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119025698.html?anchor=adb