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Einsiedel, Johann August von

Philosoph und Naturforscher, * 4.3.1754 Lumpzig bei Altenburg (Thüringen), 8.5.1837 Schloß Scharfenstein bei Zschopau (Erzgebirge).


GenealogieLebenWerkeLiteraturPortraitsAutorZitierweise

Genealogie  
V Aug. Hildebrand (1722–96), auf Lumpzig, S des Frdr. Heinr. (1687–1739), auf Lumpzig, sachsen-gothaischer Hof- u. Legationsrat (S des Heinr. Hildebrand, 1658–1731, sachsen-altenburgischer Kanzler, s. ADB V); M Karoline Charl. Pflugk; B Frdr. Hildebrand s. (4), Gg. Karl ( 1835), auf Scharfenstein, sachsen-gothaischer Landjägermeister; 1788 Emilie (1757–1844), geschiedene Frau des weimarischen Kammerherrn Christian Ferd. Gg. v. Werthern, T des hannoverischen Min. Gerlach Adolf Frhr. v. Münchhausen ( 1770); 1 S.

Leben  
Wohl um sich aus zerrütteten Verhältnissen seines Elternhauses zu lösen, trat Einsiedel früh in holländische Militärdienste. 1777 kam er beurlaubt zum erstenmal nach Weimar, lernte Goethe kennen und schloß Freundschaft mit Herder. Nachdem er die dringend begehrte Entlassung erhalten hatte, begann er in Göttingen bei A. Kästner, Chr. W. Büttner und Lichtenberg Naturwissenschaften zu studieren. 1780 wechselte er zur Bergakademie Freiberg (Sachsen) hinüber. Dort fand er von 1782 bis Ende 1783 als Bergkommissionsrat die einzige berufliche Bindung seines Lebens. Bei einem neuerlichen Aufenthalt in Weimar begegnete er 1784 Emilie von Werthern. Mit ihr und zwei Brüdern trat er 1785 seine lange geplante Afrikareise an. Emilie war in Weimar für tot ausgegeben worden: als sie mit Einsiedel in Straßburg erkannt wurde, ließ ihr Mann das Grab öffnen und fand darin eine Strohpuppe. Die Reise ging über Südfrankreich nach Tunis. Das beabsichtigte weitere Vordringen nach Abessinien oder zum Senegal erwies sich als undurchführbar. Nach der Rückkehr hat Herder 1787 vergeblich versucht, Einsiedel die Teilnahme an einer Weltreise unter der Leitung Georg Forsters zu ermöglichen. Aus der abenteuerlichen Entführung Emiliens wurde eine unglückliche Ehe. Sie lebten in den folgenden Jahren in Leitzkau, Lumpzig und Ilmenau, wo sich ein freundschaftlicher Umgang mit Knebel und dessen Frau ergab. Beide Familien siedelten 1803 nach Jena über. Als Bewunderer der Revolution unternahm Einsiedel im Winter 1801/02 eine Reise nach Frankreich, die ihm jedoch nur Enttäuschungen brachte. Um 1825 scheint er sich nach Schloß Scharfenstein zurückgezogen zu haben.
Von Einsiedels philosophischen Aufzeichnungen sind nur die „Ideen“ von 1778(?)-80 und 1791-97 erhalten, die sich, von Herder abgeschrieben, in dessen Nachlaß gefunden haben. In der Form aphoristisch, zeigen sie ein assoziatives Denken, das in zunehmendem Maße die paradoxe Aussage bevorzugte. Nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sollten sie Einsiedel nur als Material für eine künftige Geschichte der Entwicklung seiner Denk- und Vorstellungsart im Sinne der Rousseauschen „Confessions“ dienen. Die erste Gruppe befaßt sich vorwiegend mit Fragen der Ontologie, der Natur- und Geschichtsphilosophie, daneben auch mit Völkerkunde und Chemie, seiner Lieblingswissenschaft. Ihre anregende Bedeutung für Herders „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit“ ist ebenso unverkennbar wie die überraschende Übereinstimmung mit wichtigen Gedanken des Goethe-Toblerschen Aufsatzes über „Die Natur“, die auf einen näheren Umgang zwischen Goethe und Einsiedel in jenen Jahren schließen läßt. Unterscheidend ist jedoch von Anfang an der materialistische Standort Einsiedels. Sein Aufklärertum radikalisierte sich unter dem Eindruck der französischen Revolution. In den späteren „Ideen“ treten politische, wirtschaftliche, sozialkritische und antireligiöse Tendenzen in den Vordergrund. Der Unstern des eigenen Lebens und Charakters machte den Theoretiker der Glückseligkeit zum Zyniker. Manche seiner positiven Wesenszüge scheinen in die Gestalt Jarnos (Wilhelm Meister) eingegangen zu sein.

Werke  
Nachr. v. d. innern Ländern v. Afrika auf e. 1785 nach Tunis unternommenen Reise aus Berr. d. Eingebornen gesammelt, = E. W. Cuhn, Slg. merkwürdiger Reisen III, Leipzig 1790; Briefe E.s an Herder, in: Von u. an Herder, hrsg. v. H. Düntzer u. F. G. v. Herder, 1861/62, II, S. 345-409 (mit Einführung); Auszüge aus d. „Ideen“ in: Herders Sämtl. Werke, hrsg. v. B. Suphan, 14, 1909, S. 640 ff. (mit Kommentar S. 682-87); Ideen, eingel., mit Anm.vers. u. nach J. G. Herders Abschrr. hrsg. v. W. Dobbek, 1957, = Qu. u. Texte z. Gesch. d. Philos., hrsg. v. d. Dt. Ak. d. Wiss. Berlin.

Literatur  
C. v. Herder, Erinnerungen aus d. Leben J. G. v. Herders, hrsg. v. J. G. Müller, 2. T, 1830, S. 228 ff.; R. Haym, Herder, Neudruck 1954, II, S. 77 ff.; J. Wahle, Ein ungedr. Brief Goethes, in: Jb. d. Slg. Kippenberg 7, 1927/28, S. 5 ff.; W. Dobbek, Leben u. Schrr. E.s, a.a.O., S. 7-58; ders., Goethe u. A. v. E., in: Goethe, NF d. Jb. d. Goethe-Ges. 19, 1957, S. 155-68 (P). – Zur Frau Emilie: K. Th. Gaedertz, Zwei Damen d. Weimarer Hofges., in: Westermanns Mhh. 71, 1892 (P).

Portraits  
Büste v. G. M. Klauer, 1780 (Weimar, Landesbibl.), Abb. b. W. Dobbek, Goethe, s. L.

Autor  
Adalbert Elschenbroich
Empfohlene Zitierweise  

Elschenbroich, Adalbert, „Einsiedel, Johann August von“, in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 398 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd116425385.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 4 (1959), S. 398 f.

PND: 116425385
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Index

Einsiedel, August von

Name: Einsiedel, August von
Namensvariante: Einsiedel, Johann August von
Lebensdaten: 1754 bis 1837
Geburtsort: Lumpzig bei Altenburg (Thüringen)
Sterbeort: Schloß Scharfenstein bei Zschopau (Erzgebirge)
Beruf/Lebensstellung: Philosoph; Naturforscher
Konfession: lutherisch?
Autor NDB: Elschenbroich, Adalbert
PND: 116425385

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Einsiedel, August von

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