<< Schultze, Alfred
Schultze, Norbert Arnold Wilhelm Richard >>
Schultze, Bornard (eigentlich Bernhard)
Maler, Zeichner und Bildhauer,
* 31.5.1915 Schneidemühl (Westpreußen),
† 14.4.2005 Köln.
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Erich (1878–1965),
Dr. iur.,
preuß. Landger.rat, seit 1921 in Berlin,
S d. Gustav u. d. Adelheid Hartung;
M Marie (1883–1950), aus Pommern,
T d. Wilhelm Siebert u. d. Auguste Vollmann;
⚭ 1) Frankfurt/Main 1955 Ursula (1921–99), Malerin,
T d. Erwin Bluhm u. d. Erna Marz, 2) Köln 2002 Doris Berger (
* 1938),
T d. Karl Lüttgebüter (1913–83) u. d. Anneliese Zacharias (1912–2001); kinderlos.
Leben ↑
Nach dem Abitur in Berlin, wohin die Familie 1921 übergesiedelt war, studierte
S. 1934-39 an der Hochschule für Kunsterziehung in Berlin bei Willy Jaeckel (1888–1944) und an der Kunstakademie in Düsseldorf, bis er zum Kriegsdienst eingezogen wurde und am Rußland- sowie Afrikafeldzug teilnehmen mußte. 1944 verbrannten bei der Bombardierung Berlins alle seine bis dahin entstandenen Arbeiten; nach dem Krieg versuchte er zunächst mit expressionistisch-surrealistischen Visionen, die von Max Ernst und Salvador Dalí beeinflußt waren, die jüngste Vergangenheit zu verarbeiten (Adam u. Eva, 1947; Rätselberg, 1948), Zum entscheidenden Erlebnis wurde jedoch eine Reise nach Paris 1951, wo er die freien tachistischen Abstraktionen seiner Kollegen André Masson (1896–1987), Wols (1913–51) und Jean-Paul Riopelle (1923–2002) kennenlernte. Ihrem Prinzip der „écriture automatique“ folgend, fand
S. rasch zu einem eigenen Stil, in dem sich Farbe und Form nie zur Fläche zusammenschlossen und sich traditionellen Kompositionen verweigerten; stattdessen vertraute
S. dem schöpferischen Zufall – darin dem „All over“ Jackson Pollocks nicht unähnlich. Trotz der unglaublichen Vitalität, die sein Werk bis ins hohe Alter ausstrahlt, war
S. aber kein „Action painter“, sein Werk blieb zeitlebens geprägt vom Blick nach Paris.
In Frankfurt/M., wohin
S. 1947 gegangen war, gründete er im
Dez. 1952 zusammen mit Karl Otto Götz (
* 1914), Otto Greis (1913–2001) und Heinz Kreutz (
* 1923) die Gruppe „Quadriga“, deren erste Ausstellung großes Aufsehen beim Publikum erregte und die
dt. Variante des Tachismus als erste authentische Avantgarde der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik etablierte. Seit 1954 klebte
S. farbfremde Stoffe wie Lappen, Astwerk. Wellpappe oder Maschendraht auf die Malfläche und entwickelte damit seine raumplastische Malerei, die zunehmend organische Formen erkennen ließ, konsequent in die dritte Dimension weiter (Suomi, 1957; lucice, 1958; Pymalith, 1960). Den Höhepunkt dieser Entwicklung erreichte
S. Anfang der 60er Jahre, als er mit den
sog. „Migofs“ endgültig den Schritt in die Dreidimensionalität wagte und sich gleichzeitig der Übergang vom Anorganischen zum Organischen vollzog: Auf den Leinwänden waren es eruptive, von Kratern übersäte Landschaften, die man assoziieren konnte, doch nun waren es „Lebewesen“, die in den Raum traten und sich zu dem Betrachter tasteten. In ihnen gipfelte die
dt. Variante des Informel, nahm tastbare
|Formen an, indem aus Farbe und Kunststoff geformte, bizarre, oft zerfetzte Figurationen im Raum entstanden, die formal zwischen Mensch und polypenartig wuchernden Gewächsen angesiedelt sind. In den in ihrer Phantastik an Bosch oder Grünewald erinnernden „Migofs“ führte
S. die Gefährdung und Vergänglichkeit von Mensch und Leben vor Augen, sie verkörpern auf gespenstische Weise den Prozeß von Werden und Vergehen (Migof, stehend, 1962; Migof-Tryptychon, 1964; Großes Migof-Labyrinth, 1966; Stätte des Zerfalls, 1970; Migof-Gruppe, verdorrt u.
v. Wäldern verschlungen, 1970-76).
Seit 1965 nach einem Besuch in New York suchte
S. den Anschluß an die
amerik. Popart, als er gebrauchte Schaufensterpuppen in Migof-Mannequins verwandelte, und darin die konsumorientierte Gesellschaft ironisch kommentierte (Kopfloser Mannequin-Migof, 1967; Mannequin-Migof mit der Pflanze auf der Hand, 1971). Sie entwickelte
S. parallel zu den „Migofs“ und den
sog. „Tabuskri“ (Tabulae scriptae), in denen er Buntstiftzeichnung und Gemälde zu luftigen Gebilden kombinierte. In den frühen 70er Jahren schuf
S. seine ersten großen Aquarelle, die in ihrer leuchtenden, transparenten Farbigkeit eine neue Energie und Lebendigkeit in sein Werk brachten, doch beschäftigte ihn bereits hier wieder in einer Art innerem Monolog – so der Titel seines Hauptwerks zwischen 1972 und 1979 (Innerer Monolog – ein Leben lang) – die existenzielle Frage nach Werden und Vergehen, die auch sein Alterswerk seit den 80er Jahren bestimmte.
S. kehrte wieder zur Leinwand zurück und entwickelte in Riesenformaten wie „Dem moosigen Träumer“ (1986) oder „Das rote Irgendwas“ (1988) einen späten Stil, in dem Organisches, Vegetabiles und Kosmisches unauflöslich einander durchdringen. Eine leuchtende Farbigkeit, in der viele Farben gleichberechtigt miteinander konkurrieren, sowie eine nicht nachlassende Schaffenskraft kennzeichnet diese neue, optimistische Bildwelt und unterscheidet sie deutlich von den früheren Phasen tiefer Abgründigkeit (gewaltbereit, 1992; mutwilliges Spiel vor Rot, 1995; Migof-Tanz, 1995). Darüber hinaus betätigte sich
S. auch als Schriftsteller, veröffentlichte Text- und Gedichtbände sowie Aufsätze zu theoretischen Problemen seiner Kunst.
Auszeichnungen ↑
Kunstpreise d. Städte Darmstadt (1967) u. Köln (1969);
Mitgl. d. Berliner
Ak. d. Künste (1972–92); Titular-
Prof. (1981); Kunstpreis Wormland (1983); Gr. Hess. Kunstpreis (1984); Lovis-Corinth-Preis f. Bildende Künste d. Künstlergilde Esslingen (1986); Verdienstorden d. Landes
Nordrhein-Westfalen (1989); Stefan-Lochner-Medaille d. Stadt Köln (1990); „Binding“-Kulturpreis Frankfurt/Main (2002).
Werke ↑
Weitere W
u. a. Über farbige Strukturen, 1952 (
Privatslg.);
Komp. 5/33/59, 1959 (Frankfurt, Städelsches Kunstinst.);
Hagluff, 1960 (
Privatslg.);
Migof, 1960 (Ludwigshafen. Wilhelm-Hack-
Mus.);
Migof-Ursula-Ahnentafel, 1963 (Köln.
Mus. Ludwig);
Der
gr. Migof-Lianen-Wald, 1975 (
Privatslg.);
Nördliches Modell der Migofs, 1981 (Frankfurt,
Mus. f. moderne Kunst);
Des
hl. Antonius' Versuchung, 1981/83;
Nimrod-Szenerie, 80er Jahre;
Symphon. Landschaft nach d. Inferno, 1986 (Hamburger Kunsthalle);
In den Lüften schweben sie, 1996;
Walpurgistraum 1997;
–
Schrr.: Die zerschlagenen Schalen e. Gesprächs mit sich selbst, 1966 (Texte u. Bilder);
Migof-Reden, 1971 (Texte u. Bilder);
Spinnwebenschrift, 1993;
Über Malerei,
Ges. Aufss., 2000;
–
Interview: Nachrr. aus dunklen Bezirken, Interview mit B.
S.,
v. A. Hecht, in: Art, 2000, H. 5, S. 60-65.
Literatur ↑
B. S.,
Ausst.kat. Kestner-
Ges. Hannover 1966;
B.
S. 1960-1970,
Ausst.kat. Bochum 1970;
B.
S. im Labyrinth. Werke
v. 1940-1980,
Ausst.kat. Städt. Kunsthalle Düsseldorf
u. a. 1980;
B.
S. „Im Labyrinth“, Werke
v. 1947 bis 1990, Ölbilder, Migof-Objekte, Arbeiten auf Papier,
Ausst.kat. Staatl. Kunstslgg. Dresden 1991;
L. Romain u. R. Wedewer. B.
S., 1991;
B. S. Das
gr. Format.
Ausst.kat. Mus. Ludwig Köln 1994;
B.
S. schwarz weiss, Zeichnungen u. Gedichte,
Ausst.kat. Mus. Folkwang, Essen 2000;
B. S. Innerer Monolog,
Ausst.kat. Städelsches Kunstinst. Frankfurt 2000
(L, P);
Zum Tod
v. B.
S., mit e. Vorw.
v. D. Schultze-Berger, 2005;
Vollmer:
Dict. of Art;
Nordrhein-Westfalen.
Portraits ↑
Fotos aus allen Schaffensphasen, in: B.
S., Innerer Monolog,
Ausst.kat. Frankfurt 2000;
Fotos
v. B. Klemm, 2000,
Abb. in:
FAZ v. 16.4.2005, u.
v. St. Moses,
Abb. in:
SZ v. 16.4.2005.
Autor ↑
Peter PrangeEmpfohlene Zitierweise ↑
Prange, Peter, „Schultze, Bornard“,
in: Neue Deutsche Biographie
23
(2007), S.
706-707
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118611429.html