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Renner, Karl (Pseudonym unter anderem O.-W. Payer, Synopticus, Rudolf Springer)

österreichischer Staatskanzler und Bundespräsident, * 14.12.1870 Untertannowitz (Dolní Dunajovice, Mähren), 31.12.1950 Wien. (katholisch)


Genealogie | Leben | Auszeichnungen | Werke | Literatur | Autor | Zitierweise

Genealogie  
V Matthäus, Bauer u. Weinhändler; M Maria Habiger, verw. Zecha; Wien 1897 Luise Stoisits, aus Güssing (Burgenland); 1 T.

Leben  
R., 18. und jüngstes Kind einer verarmten Bauernfamilie, konnte dank eines Kostplatzes und des Erteilens von Privatunterricht das Nikolsburger Piaristengymnasium besuchen. Ende 1889 meldete er sich in Wien als Einjährig-Freiwilliger zur Armee, wo er mit den nationalen Konflikten der Monarchie konfrontiert wurde. R. widmete sich neben dem Jurastudium der Lektüre marxistischer Schriften und begann, nach dem Vorbild Ferdinand Lassalles politisch aktiv zu werden, indem er sich der Probleme von Heimarbeitern aus der Schuhproduktion annahm und sich in der sozialistischen Erwachsenenbildung betätigte. Gemeinsam mit Alois Rohrauer (1843–1923) und Georg Schmiedl (1855–1929) gründete er den noch heute bestehenden Verein der „Naturfreunde“. An der Universität befreundete er sich mit dem|späteren Soziologen Max Adler (1873–1937) und mit Rudolf Hilferding (1877–1941), nachmals Finanzminister in Berlin; gemeinsam gaben sie die Reihe „Marx-Studien“ heraus, in der R. „Die soziale Funktion der Rechtsinstitute“ publizierte. Zu diesem Kreis, der Keimzelle des „Austromarxismus“, gesellte sich auch sein späterer Widersacher Otto Bauer (1881–1938). Seit 1895 Parlamentsbibliothekar, hatte R. Gelegenheit zu weiterer wissenschaftlicher Arbeit und zur Begegnung mit Politikern. Obwohl er die Reformbedürftigkeit der Monarchie klar erkannte, trat er bis zuletzt nicht für deren Auflösung ein, sondern für ihre Umwandlung in einen demokratischen Nationalitätenbundesstaat mit allgemeiner staatlicher Verwaltung und nationaler Selbstverwaltung. Diese Vorstellungen vertrat er auch in seinen unter Pseudonym veröffentlichten Hauptwerken „Staat und Nation, Zur österr. Nationalitätenfrage“ (1899) und „Der Kampf der österr. Nationen um den Staat“ (1902). Außerdem setzte R. sich für die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts ein, das im Dez. 1906 vom Abgeordnetenhaus beschlossen wurde. Bei den ersten nach dem neuen Wahlrecht durchgeführten Wahlen wurde R. in das Abgeordnetenhaus, 1908 auch in den niederösterr. Landtag gewählt, dem er bis 1921 angehörte. Trotz pazifistischer Grundhaltung verurteilte R. den 1. Weltkrieg nicht gänzlich, da er wie Friedrich Naumann von einem Einheitsstaat nach dem Krieg träumte und in der staatlichen Kriegswirtschaft die Anfänge einer „Durchstaatlichung der Ökonomie“ und „Verwirtschaftlichung der Staatsgewalt“ sah. Neben Friedrich Adler (1879–1960), der sich bis Kriegsende in Haft befand, erwuchs R. in Otto Bauer, nach dem Tod Victor Adlers 1918 der politische Führer der Sozialdemokraten, ein weiter links stehender Gegner. Gleichwohl war R. bei Kriegsende und in den folgenden Jahren die zentrale Figur der Partei.
Am 21.10.1918 konstituierten sich die 1911 gewählten Abgeordneten der dt.sprachigen Gebiete des Reichsrats als Provisorische Nationalversammlung für Dt.-Österreich und beschlossen am 30. Okt. eine von R. ausgearbeitete Verfassung sowie am 12. Nov. die Ausrufung der Republik Dt.-Österreich und deren Anschluß an das Dt. Reich. Nachdem die Sozialdemokraten bei den Wahlen vom 19.2.1919 die relative Mehrheit gewonnen hatten, bildete R. als Kanzler mit dem Christlichsozialen Jodok Fink (1853–1929) als Vizekanzler eine Koalitionsregierung, deren Aufgabe es war, für die hungernde Bevölkerung zu sorgen, eine Räterepublik zu verhindern, den Friedensvertrag von St. Germain im Sept. 1919 abzuschließen und eine neue Verfassung zu erarbeiten. R. unterzeichnete den Vertrag, der enorme Gebietsverluste vorsah und den Anschluß an das Dt. Reich verbot, „unter Protest vor der ganzen Welt“. Mit der Ausarbeitung der Verfassung, an der sich auch Ignaz Seipel (1876–1932) und Heinrich Lammasch (1853–1920) beteiligten, beauftragte R. den Verfassungsrechtler Hans Kelsen (1881–1973). Mit der Novellierung von 1929 ist sie noch heute die Verfassung der Zweiten Republik. Nach dem Rücktritt der 3. Regierung Renner bildete der Christlichsoziale Michael Mayr (1864–1922) am 7.7.1920 eine Proporzregierung, in welcher R. das Außenressort übernahm. Nach dem Wahlsieg der Christlichsozialen am 17. Okt. gerieten die Sozialdemokraten unter Führung Otto Bauers in der Opposition immer mehr in die Defensive.
R., der eine rege publizistische Tätigkeit entfaltete, an der Arbeiterhochschule lehrte und die 1911 gegründete Konsumgenossenschaftsbewegung und die „Großeinkaufsgesellschaft österr. Consumvereine“ (GÖC) leitete, unterlag bei den Bundespräsidentenwahlen 1928 und 1931 dem christlichsozialen Kandidaten Wilhelm Miklas (1872–1956). Nach den Stimmengewinnen der Nationalsozialisten 1932 in einem Zweifrontenkrieg zwischen rechts und links, benützte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) den Rücktritt der drei Parlamentspräsidenten (darunter R.) am 4.3.1933 wegen eines Abstimmungs-Formfehlers zur Ausschaltung des Parlaments; von nun an regierte er aufgrund des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 und suchte außenpolitisch den Schutz Mussolinis. Alle Versuche der Sozialdemokraten, Dollfuß entgegenzukommen, schlugen fehl; R. hatte sogar ein Verfassungsgesetz entworfen, das bei Staatsnotstand der Regierung die Möglichkeit bieten sollte, mittels Notverordungen zu regieren. Am 12.2.1934 gab der Führer des seit Ende März 1933 verbotenen „Schutzbundes“ in Linz, Ludwig Bernaschek, gegen den Willen der Parteiführung das Zeichen zum Aufstand. In Zusammenhang mit dessen Niederschlagung wurde die sozialdemokratische Partei aufgelöst, ihre prominenten Führer, soweit sie nicht geflohen waren, wurden verhaftet, unter ihnen auch R., obwohl er mit den Februarereignissen in keinem Zusammenhang stand. Nach 100 Tagen Haft zog er sich in sein Landhaus im niederösterr. Gloggnitz zurück. Er verhielt sich seither politisch|abstinent, erklärte aber 1938 bei der Volksabstimmung über den „Anschluß“, mit „Ja“ zu stimmen. Die Abstimmung vom 10. April erreichte in der „Ostmark“ 99,73%.
Als die sowjet. Armee im April 1945 einmarschierte, wurde R. von deren Führung gebeten, am Wiederaufbau führend mitzuwirken. In Wien nahm er Verhandlungen mit Sozialdemokraten, Kommunisten und Christsozialen auf und bildete als Kanzler mit diesen eine provisorische Regierung, in der jedes Ressort dreifach besetzt war; R.s Stellvertreter Adolf Schärf (1890–1965), Leopold Kunschak (1871–1953) und Johann Koplenig (1891–1968) bildeten als Staatsrat das Staatsoberhaupt. Am 27.4.1945 verlas R. die Unabhängigkeitserklärung der Republik Österreich. Am 1. Mai trat eine vorläufige Verfassung in Kraft, die nach dem Zusammentritt des neugewählten Parlaments von der Verfassung von 1920 mit der Novellierung von 1929 abgelöst werden sollte. Am 9. Juli wurden die Alliierte Kommission für Österreich und die vier Besatzungszonen eingerichtet. Bei den Wahlen am 25. November gewann die ÖVP mit 85 Mandaten die absolute Mehrheit, die Sozialistische Partei 76, die Kommunistische Partei entgegen allen Erwartungen nur 4. Am 20. Dezember wurde R. von der Bundesversammlung einstimmig zum Bundespräsidenten gewählt. In den folgenden fünf Jahren erhob er, allgemein anerkannt und über den Parteien stehend, immer wieder seine Stimme für Demokratie, Frieden und die Befreiung Österreichs von der Besatzung.|

Auszeichnungen  
Ehrenmitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1947); Renner-Inst, in Wien; Dr.-Karl-Renner-Mus. in Gloggnitz.

Werke  
Weitere W An d. Wende zweier Zeiten, Lebenserinnerungen, 1946; K. R. in Dok. u. Erinnerungen, hg. v. S. Nasko, 1982.

Literatur  
A. Schärf, in: NÖB IX, 1956, S. 9-30 (P); R. A. Kann, in: Journal of Modern Hist. 22/3, 1957; ders., R.s Btr. z. Lösung nat. Konflikte im Lichte nat. Probleme d. Gegenwart, in: Österr. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., SB 279, 1973; J. Hannak, K. R. u. seine Zeit, 1965; G. Stourzh, Die Reg. Renner, die Anfänge d. Reg. Figl u. d. Alliierte Komm. f. Österr. Sept. 1945 bis April 1946, in: AÖG 125, 1966; W. Pollak, Dok. e. Ratlosigkeit, Österr. im Okt./Nov. 1918, 1968; K. R., Eine Bibliogr., zus.-gest. v. H. Schroth unter Mitarb. v. E. Spielmann, G. Silvestri u. E. K. Herlitzka, 1970; K. R., Portrait e. Evolution, hg. v. H. Fischer, 1970; K. R. Stadler, Dr. K. R., 14. Dez. 1870 bis 31. Dez. 1950, Wissenschaftler, Pol., Staatsmann, 1970 (P); N. Leser, K. R. als Theoretiker d. Sozialismus u. Marxismus, in: Wiss. u. Weltbild, 1975; ders., in: Die österr. Bundespräsidenten, hg. v. F. Weissensteiner, 1982 (P); ders., Zw. Reformismus u. Bolschewismus, Der Austromarxismus als Theorie u. Praxis, 21985; R. Bollmus, Staatl. Einheit trotz Zonentrennung, Zur Pol. d. Staatskanzlers K. R. gegenüber d. Besatzungsmächten in Österr. im J. 1945, in: Soz. Bewegung u. pol. Vfg., in: Btrr. z. Gesch. d. modernen Welt, hg. v. U. Engelhardt, V. Serlin u. H. Stuke, 1976; Dr. K. R., Vom Bauernsohn z. Bundespräs., Kat. d. Dr.-Karl-Renner-Mus. in d. Renner-Villa in Gloggnitz, 1979 (P); M. Reichensteiner, Der Sonderfall, Die Besatzungszeit in Österr. 1945 bis 1955, 1979; H. Mommsen, Otto Bauer, K. R. u. d. soz.dem. Nationalitätenpol. in Österr. 1905-1914, in: Arbeiterbewegung u. nat. Frage, Ausgew. Aufss., 1979; Dr.-Karl-Renner-Symposien 1981-1984, hg. v. A. E. Rauter, 1981-85; S. Nasko, in: Die österr. Bundeskanzler, hg. v. F. Weissensteiner u. E. Weinzierl, 1983 (P); ders., K. R. zw. Anschluß u. Europa, 2000; F. Weber, K. R. über d. soz.dem. Bemühungen um e. Kompromiß mit Dollfuß, das Aufgeben d. „Anschluß“-Orientierung u. d. soz. Basis d. Austrofaschismus, in: Zeitgesch. 11, 1983/84; M. E. Blum, The Austro-Marxists 1890-1918, 1984; E. Panzenböck, Ein dt. Traum, Die Anschlußidee u. Anschlußpol. b. K. R. u. Otto Bauer, 1985; A. Schilcher, Die Pol. d. Provisor. Reg. u. d. Alliierten Großmächte b. d. Wiedererrichtung d. Rep. Österr., 1985; Österr. Nov. 1918, Die Entstehung d. Ersten Rep., hg. v. I. Ackerl u. R. Neck, 1986; „Ich bin dafür, die Sache in d. Länge zu ziehen“, Wortprotokolle d. österr. Bundesreg. v. 1945-52 über d. Entschädigung d. Juden, hg. v. R. Knight, 1988; A. Pelinka, K. R. z. Einf, 1989; G. Schmitz, K. R.s Briefe aus Saint-Germain u. ihre rechtspol. Folgen, 1985; Außenpol. Dok. d. Rep. Österr. 1918-1938, hg. v. K.Koch, W. Rauscher u. A. Suppan, 2 Bde., 1993 f.; W. Rauscher, K. R., Ein österr. Mythos, 1995 (P); ÖBL; Staatslex.; Hist. Lex. Wien (P).

Autor  
Erika Weinzierl
Empfohlene Zitierweise  

Weinzierl, Erika, „Renner, Karl“, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 430-32 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118599739.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 21 (2003), S. 430-32
NDB 25 (2013), S. 274

Erwähnungen: 
NDB 22 (2005), S. 527 in Artikel Schärf, Adolf
NDB 23 (2007), S. 755 in Artikel Schumpeter, Joseph (Schumpeter, Joseph Alois)
NDB 25 (2013), S. 276 in Artikel Stern, Leo


GND: 118599739

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Index

Renner, Karl

Name: Renner, Karl
Namensvariante: Payer, O.-W. (Pseudonym)
Namensvariante: Springer, Rudolf (Pseudonym)
Namensvariante: Synopticus (Pseudonym)
Lebensdaten: 1870 bis 1950
Geburtsort: Untertannowitz (Dolní Dunajovice, Mähren)
Sterbeort: Wien
Beruf/Lebensstellung: österreichischer Bundespräsident
Konfession: katholisch
Autor NDB: Weinzierl, Erika
GND: 118599739

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