Name
Clusius, Carolus
Namensvarianten
de l'Escluse, Charles; Escluse, Charles de l'; de l'Ecluse, Charles; Ecluse, Charles de l'; Lescluse, Charles; Lécluse, Charles; Lescluze, Charles; Lécluze, Charles; L'Ecluse, Charles de; L'Escluse, Charles de; Lesduze, Charles; Clusius, Karl
Lebensdaten
1526 bis 1609
Geburtsort
Arras
Sterbeort
Leiden
Beruf/Lebensstellung
Botaniker
Konfession
katholisch,calvinistisch
Autor NDB
Helmut Dolezal
Autor ADB
Reichardt.
GND
118890646

Clusius, Carolus (Charles de l'Escluse, auch de l'Ecluse, Lescluse, Lécluse, Lescluze, Lécluze)

Botaniker, * 19.2.1526 Arras, 4.4.1609 Leiden. ((römisch)-katholisch, später calvinistisch)

  • Genealogie

    V Michel de l'Escluse, Seigneur de Watènes (ca. 1492 bis 1573), Gutsbesitzer, S des Pierre de l'Escluse u. der Jeanne du Boys; M Guillemette, T des Goldschmieds Pierre Qincault u. der Jeanne Montmorency; 6 jüngere Geschwister; ledig.

  • Leben

    Nach Besuch einer Klosterschule in Arras 1540-42 und einer Lateinschule in Gent 1543 bis 1546 studierte C. Jus in Löwen 1546-48 (Licentiat jur. 1548) und in Marburg 1548/49, wo ihn Hyperius für die Idee der Reformation gewann, ging 1549 nach Wittenberg und gab auf Anraten Melanchthons das Rechtsstudium auf. Medizinstudent in Montpellier 1551-54, half er seinem Lehrer G. Rodelet bei der Redigierung seines Fischbuches. Nach einem Aufenthalt in den Südniederlanden 1555-60 studierte er 1560-62 in Paris; an der Bewegung der Hugenotten beteiligt, flüchtete er|1562 mit dem jungen Breslauer Thomas Rehdiger (1540–76), dessen Mentor er 1561-63 war, nach Löwen, bereiste 1564/65 mit dem Augsburger Bankierssohn Jakob Fugger Spanien und Portugal, hielt sich dann bei Freunden in Brügge 1565-67 und Mecheln 1567-73 auf und wurde 1573 von Maximilian II. nach Wien berufen, um dort einen Medizinalkräutergarten einzurichten. Von Rudolf II. auf Betreiben katholischer Kreise 1577 seines Amtes enthoben, blieb er dennoch in Wien und setzte seine botanischen Wanderungen fort, die ihn vor allem durch Niederösterreich, das Burgenland und Südwest-Ungarn führten, unterstützt durch Balthasar von Batthyány, auf dessen Besitzungen in Güssing und Schlaining er oft verweilte. 1588 ging C., dem Landgraf Wilhelm IV. von Hessen ein jährliches Subsidium ausgesetzt hatte, nach Frankfurt, von wo er 1593 einem Ruf an die Universität Leiden folgte. Viermal war C. auch in England (1561, 1571, 1579, 1580). - Seine Werke, in denen erstmals nicht mehr die Nützlichkeit der Pflanzen im Mittelpunkt steht, zeichnen sich durch exakte Angaben und viele, oft überraschende Details bei den Artbeschreibungen aus und zeigen schon Ansätze einer binären Nomenklatur mit gelegentlicher Beifügung des Namens des Autors. Die Arbeiten über die iberische und über die österreichisch-ungarische Pflanzenwelt - für diese Gebiete durch mehr als 100 Jahre maßgebend - sind die ersten größeren Länderfloren überhaupt; sein Werk über die Pilze ist deren erste Monographie. Botanische Exkursionen, so unter anderem auf den Ötscher und Schneeberg, stempeln C. zum ersten Erschließer der Alpenflora, die er auch in seinem Wiener Garten zog und beobachtete. Auf alpine Primeln, die C. 1582 nach Holland sandte, gehen unsere heutigen Gartenprimeln mit ihren zahllosen Varietäten zurück, wie überhaupt Wien durch ihn zum Zentrum wurde, von dem aus die verschiedensten Gartenblumen, wie Tulpen, Narzissen und Hyazinthen, ihren Weg zur Eroberung der europäischen Gärten antraten. Wien verdankt C. die erste Roßkastanie (1576) und die erste Kartoffel (1588); durch Sendungen an seine Korrespondenten leitete er die Verbreitung dieser beiden Pflanzen in weiten Teilen Europas ein. - Übersetzungen verschiedenster Art, Landkarten und Beiträge zur Altertumskunde vervollständigen sein Lebenswerk.

    • Werke

      u. a. Rariorum aliquot stirpium per Hispanias observatarum Historia, Antwerpen 1576; Rariorum aliquot Stirpium, per Pannoniam, Austriam, et vicinas quasdam provincias observatarum Historia, ebenda 1583; Stirpium Nomenclator Pannonicus, Németújvár 1583, Antwerpen 1584; Rariorum plantarum Historia, Antwerpen 1601 (P), enthält auch: Fungorum in Pannoniis observatorum brevis Historia; Exoticorum libri decem, Leiden 1605; Curae posteriores, ebenda 1611 (2 Ausgg.: Folio bzw. Quart); Karten: Galliae Narbonensis ora marittima, recenter descripta, in: A. Ortelius, Theatrum Orbis Terrarum, Antwerpen 1570; Hispaniae nova descriptio, ebenda 1571.

    • Literatur

        ADB IV;  M. Colmeiro, Enumeración y revision de las plantas de la península hispanolusitana é Islas Baleares I, Madrid 1885, S. XC f.;  G. Istvánffi, A C.-codex mykologiai méltatása …, Etudes et commentaires sur le code de l'Escluse …, Budapest 1900 (P);  E. Roze, Ch. de l'E. d'Arras, Paris 1900 (P);  F. W. T. Hunger, Ch. de l'E., 2 Bde., Den Haag 1927-43 (W, L, P, Ikonogr.): E. Hawks u. G. S. Boulger, Pioneers of Plant study, London-New York 1928 (P);  M. F. Bothar, Ch. d. l'E., in: Burgenland, 2. Jg., Eisenstadt 1929, S. 159-61, auch in: Volk u. Heimat, 6. Jg., ebenda 1953, Nr. 11, S. 15 f.;  E. Gombocz, A magyar botanika története, Budapest 1936 (L, P);  J. Theunisz, C. C., Amsterdam 1939 (P);  C. Nissen, Die botan. Buchill., 2 Bde., 1951;  Schottenloher I u. V.

  • Autor

    Helmut Dolezal
  • Empfohlene Zitierweise

    Dolezal, Helmut, "Clusius, Carolus" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 296 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118890646.html

Clusius, Karl

  • Leben

    Clusius: Karl C. oder Charles de l'Ecluse, Botaniker, geb. 19. Febr. 1526 zu Arras in Belgien, † 4. April 1609 zu Leyden. Sein Vater war Gutsbesitzer und höherer Beamte; dem Wunsche desselben entsprechend studirte C. anfangs die Rechte an mehreren Universitäten, namentlich in Löwen, Marburg und Wittenberg. In dieser letzteren Stadt wurde C. mit Melanchthon bekannt und sein Glaubensgenosse. 1550 kam C. nach Montpellier, wo seine Studien eine neue entscheidende Richtung einschlagen sollten. An der dortigen Universität lehrte nämlich Wilhelm Rondelet, ein berühmter Arzt und Naturforscher; derselbe stellte C. von einer schweren Krankheit her und flößte ihm eine solche Vorliebe für Medicin, sowie für Naturwissenschaften ein, daß C. sich diesem Studium und speciell der Botanik widmete. 1553 wurde C. Licenciat der Medicin und kehrte in seine Heimath zurück. Tort lebte er bis 1563, in welchem Jahre er nach Augsburg kam und mit dem Patriciergeschlechte Fugger bekannt wurde. Zwei Brüder der genannten Familie begleitend, unternahm C. 1564 und 1565 eine Reise nach Spanien und Portugal. Obwol er sich im ersten Jahre den rechten Arm und im folgenden den rechten Fuß brach, durchforschte er doch mit unermüdlichem Eifer die iberische Halbinsel von den Pyrenäen bis Gibraltar, von Lissabon bis Valencia, entdeckte zahlreiche neue Arten, zeichnete sie selbst und beschrieb sie musterhaft. Aus Spanien zurückgekehrt, verlebte C. 7 Jahre in seiner Heimath, mit der Bearbeitung des mitgebrachten Materiales beschäftigt. Während dieser Zeit trafen ihn Widerwärtigkeiten in Menge; er erkrankte mehrmals schwer, das Vermögen seines Vaters (eines Protestanten) wurde confiscirt und C. gerieth dadurch in drückende materielle Verhältnisse. Einer seiner Zöglinge, Thomas Rhedinger, machte C. mit Krato v. Kraftheim, dem Leibarzte der Kaiser Maximilian II. und Rudolf II. bekannt. Wahrscheinlich lenkte Krato die Aufmerksamkeit Maximilians II. auf C. und dieser Monarch, welcher Wissenschaften und Künste liebte, berief 1573 C. nach Wien. C. verweilte bis 1587, also 14 Jahre, in Oesterreich, war Botaniker am Hofe der genannten Kaiser und bezog einen Jahresgehalt von 500 fl. rheinisch. In dieser Lebensperiode hatte C. viele Große Oesterreichs und Ungarns zu seinen Gönnern und stand mit den berühmtesten Naturforschern seiner Zeit in regem wissenschaftlichen Verkehr. In Wien war er namentlich mit Johann Aichholz (seinem Hausherrn), Paul Fabricius und mit Sambucus innig befreundet. Während seines Aufenthaltes in Oesterreich durchforschte (5. botanisch Niederösterreich mit seinen sämmtlichen höheren Alpen, er bereiste Ungarn und|Croatien, so weit diese Länder damals österreichisch warm, er besuchte ferner die Alpen Steiermarks und Salzburgs. Zweimal war C. auch während dieser Zeit in England. C. brachte die meisten auf seinen Ausflügen gesammelten Pflanzen lebend nach Wien und cultivirte sie theils in seinem eigenen Garten, theils in jenem seines Freundes Aichholz. Die Winter verwendete er zum Niederschreiben und Ordnen der gemachten Erfahrungen. Diese unermüdliche Thätigkeit muß um so mehr Bewunderung erregen, wenn man bedenkt, wie schwierig damals Reisen und namentlich Besteigungen von Alpen waren, wenn man ferner erfährt, daß C. auch in Wien das Unglück hatte, sich den linken Unterschenkel zu brechen. C. gebührt das große Verdienst, der erste gewesen zu sein, welcher Niederösterreich und die angrenzenden Länder botanisch durchforschte und die Erfolge dieser Forschungen in zwei berühmten Werken der Nachwelt überlieferte. 1587 verließ C. Oesterreich, übersiedelte nach Frankfurt a. M., trat mit dem Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen in ein freundschaftliches Verhältniß und bezog von ihm einen Jahresgehalt. In Frankfurt hatte E. das Unglück, sich die rechte Hüfte zu verrenken und lahm zu bleiben, so daß er nur mit Krücken gehen konnte. Dies hinderte aber die Stände der Niederlande nicht, ihn 1593 an die Universität von Leyden zu berufen, an welcher er bis zu seinem Tode wirkte. C. war der größte Botaniker des 16. Jahrhunderts; er übertrifft alle seine Zeitgenossen durch eminenten Scharfblick im Erkennen und Unterscheiden verwandter Pflanzenarten, ferner durch Naturwahrheit in seinen Beschreibungen, endlich durch Genauigkeit und Richtigkeit in seinen Angaben. Obwol C., dem damaligen Stande der botanischen Kenntnisse entsprechend, noch nicht consequent Arten und Gattungen unterscheidet, obwol er noch kein eigentliches System kennt, obwol ihm noch eine botanische Kunstsprache fehlt, so sind trotz dieser Mängel seine Beschreibungen doch so meisterhaft ausgearbeitet, lassen die charakteristischen Merkmale so prägnant hervortreten, sind durch äußerst genaue Angaben der Standorte und durch treffliche Abbildungen so gut unterstützt, daß mau nur selten darüber im Zweifel bleibt, welche Art gemeint sei. C. führt ferner die Volksnamen der Pflanzen gewissenhaft au, er gibt auch sehr interessante Taten über die Einführung zahlreicher Nutz- und Zierpflanzen. Als besonderes Verdienst von C. muß endlich hervorgehoben werden, daß er zuerst die Flora Spaniens, sowie jene Oesterreich-Ungarns genauer durchforschte und der Wissenschaft erschloß. Abgesehen von zahlreichen Uebersetzungen der Schriften anderer Botaniker sind folgende vier die wichtigsten Publicationen von C.: "Rariorum stirpium per Hispaniam observatarum historia" (1576). Sie enthält die ersten ausführlichen Nachrichten über die Flora der pyrenäischen Halbinsel; mehr als 200 neue Arten werden in ihr bekannt gemacht. — "Rariorum stirpium per Pannoniam, Austriam et vicinas quasdam provincias observatarum historia" (1583). Dieses Buch ist als Fundamentalwerk für das Studium der Flora von Oesterreich-Ungarn zu betrachten, denn es enthält die Beschreibungen von mehr als 500 seltenen Pflanzenarten aus den genannten Ländern. — "Rariorum plantarum historia" (1601). In diesem Werke wird der Inhalt der beiden früheren zusammengefaßt und durch zahlreiche neue Beobachtungen vermehrt. Beigegeben ist u. a. ein Commentar über die von (5. in Ungarn und Oesterreich gefundenen eßbaren und giftigen Schwämme; derselbe ist wichtig als der erste Versuch einer Monographie dieser schwierigen Gewächsgruppe. — "Libri exoticorum decem" (1605). In ihnen beschreibt C. außereuropäische Naturproducte aller Art; von besonderem Interesse sind die Nachrichten über Chinarinde, Sassaparille, Coca, den Walchvogel u. m. a. — C. war nicht blos Botaniker, sondern er war auch Philologe (er sprach sieben Sprachen), Geograph und Historiker. Er besaß ferner künstlerische Bildung, hatte Sinn für Poesie und stand mit sehr vielen Gelehrten, sowie mit Diplomaten in regem Briefwechsel. Der Charakter|von C. war rein und edel. Aus seinen Schriften leuchten hervor der glühendste Eifer für die Wissenschaft, der tiefste Ernst des Forschens, die strengste Wahrheitsliebe gepaart mit der größten Bescheidenheit. Boerhave nennt daher C. mit Recht "einen Mann, wie ihn reiner kaum die Tugend bilden könnte". Von Körper war C. klein und schwächlich; oft warfen ihn Krankheiten nieder, wiederholt brach er sich Arm und Fuß; die letzten Jahre seines Lebens konnte er nur mit Krücken gehen; aber diesen gebrechlichen Körper stählte die Begeisterung für die Wissenschaft, sie machte ihn fähig, die größten Beschwerden zu ertragen und gab ihm noch als 80jährigem Greise die Kraft, unermüdlich zu arbeiten.

    • Literatur

      Boissardus, Icones virorum illustr. II. p. 21. — Everardus Vorstius. Oratio funebris in obitum C. Clusii. — Sprengel, Historia rei herbariae I. p. 407. — E. Meyer. Geschichte d. Botan. IV. S. 350. — Neilreich, Geschichte d. Botan. in N. Oe., Verh. d. zool. bot. Verein. V. (1855) S. 24. — H. W. Reichardt, Karl Clusius und sein bot. Wirk. in N. Oe. Blätter d. Ver. f. Landest. v. N. Oe. II. (1866) S. 33. — Derselbe, Ueber das Haus, welches C. während seines Aufenth. in Wien bewohnte. Verh. d. k. k. zool. bot. Ges. XVII. (1867) S. 977. — Derselbe, K. Clusius' Naturgesch. d. Schwämme Pannoniens. Festschrift zur Feier d. 25jäyr. Best. d. zool.-bot. Ges. in Wien. S. 145 ff. — Ed. Morren, Ch. de l'Ecluse, sa vie et ses oeuvres. (Bull. de la féd. d'hortic. de Belgique) 1784. p. 1 ss.

  • Autor

    Reichardt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Reichardt, Heinrich Wilhelm, "Clusius, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 349-351 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118890646.html?anchor=adb

Clusius, Carolus

Clusius, Carolus