Name
Renner, Paul
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1878 bis 1956
Geburtsort
Wernigerode (Harz)
Sterbeort
Hödingen/Bodensee
Beruf/Lebensstellung
Buchillustrator
Konfession
evangelisch
Autor NDB
Eva Chrambach
Autor ADB
-
GND
118744542

Renner, Paul Friedrich August

Maler und Typograph, * 9.8.1878 Wernigerode (Harz), 25.4.1956 Hödingen/Bodensee. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Ludwig Wilhelm (1843–1903), Dr. theol. et phil., Oberkonsistorialrat, Hofprediger in Hasserode b. W., Sup., Mitgl. d. Stolberg. Konsistoriums (s. BJ VIII, Tl.), S d. Andreas, kgl. Oberförster in Lohra; M Pauline Luise, T d. Johann Christian Biermann (* 1803), Kaufm. in Worbis, u. d. Natalie Louise Müller (* 1811); 1904 Anna (1883–1949), T d. Richard Sedlmayr (* 1835), Land- u. Gastwirt in Magnetsried (Kr. Weilheim, Oberbayern), u. d. Therese Fletzinger (* 1844); 1 S, 2 T u. a. Luise (1906–88, Heinz Haushofer, 1906–88, Dr. habil., Dipl.-Ing., Landwirt, Hon.prof. f. Agrargesch. an d. TU München, Vors. d. Ges. f. Agrargesch., Ministerialrat, s. Kürschner, Gel.-Kal. 1987; Biogr. Hdb. Pflanzenbau, B d. Albrecht Haushofer, 1903–45,|Geograph, Pol., Dichter, S d. Karl Haushofer, 1869–1946, bayer. Gen., Geopol., beide s. NDB VI).

  • Leben

    Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums absolvierte R. seit 1897 eine Ausbildung zum Maler an der TH Braunschweig sowie den Kunstakademien in Berlin, Karlsruhe und München. Seit Nov. 1899 erschienen erste Vignetten im „Simplicissimus“, nach einem Jahr in Rom ließ er sich 1905 in Schleißheim bei München nieder und setzte seine Studien 1906 an der Debschitz-Schule fort. 1907 stellte er zum erstenmal im Münchner Glaspalast aus; im selben Jahr begann seine Zusammenarbeit mit dem Münchner Verleger Georg Müller (1877–1917), für dessen Verlag er bis zu Müllers Tod die buchgestalterische Betreuung übernahm. 1910 trat R. dem Dt. Werkbund bei und gründete 1911 zusammen mit Emil Preetorius die „Münchener Schule für Illustration und Buchgewerbe“, wo er selbst die „Schriftklasse“ unterrichtete. Nach dem Zusammenschluß 1914 mit der Debschitz-Schule zu den „Münchner Lehrwerkstätten“ wirkte er hier (mit Unterbrechung durch den Kriegsdienst 1915-17 in Landsberg/Lech) bis 1919 als stellv. Direktor. 1919 bis 1924 lebte er als Maler in Hödingen. Nach vorübergehender Tätigkeit als Buchgestalter für die Dt. Verlagsanstalt in Stuttgart (1922/23) und erneut für den Georg Müller-Verlag (1924) wurde R. 1925 von Fritz Wiehert als Lehrer an die Kunstschule in Frankfurt/M. geholt. 1926 übernahm er die Leitung der Münchner Berufsschule für das Graphische Gewerbe und war entscheidend an der Gründung der dortigen Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker (1927) beteiligt. Beide Schulen errangen unter seiner Leitung einen hervorragenden Ruf. 1926 nahm R. in der Münchner Tonhalle zum erstenmal öffentlich zu kulturpolitischen Fragen Stellung. 1928 erschien nach jahrelangen Studien seine Schrifttype „Futura“. In seiner Abhandlung „Kulturbolschewismus?“ argumentierte R. 1932 dezidiert gegen die antimodernistischen, antisemitischen und antikommunistischen Tendenzen der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Zwar erhielt er im März 1933 noch den Auftrag zur Gestaltung des dt. Pavillons auf der 5. Mailänder Triennale, wurde aber am 4.4.1933 von einem Parteifunktionär in seiner Münchner Wohnung verhaftet und nur durch Intervention bei Rudolf Hess wieder freigelassen. Von seiner Position als Schulleiter wurde er am 1.4.1933 suspendiert und am 16.2.1934 wegen nationaler Unzuverlässigkeit endgültig entlassen. Nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz kehrte er 1934 nach Hödingen zurück, wo er fortan zurückgezogen als Maler lebte. 1937 konnte noch eine Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet werden (Berlin, Gal. Gurlitt) und seine Frakturschrift „Ballade“ erscheinen, 1939 die „Renner-Antiqua“ sowie sein Buch „Die Kunst der Typographie“. Nach weiteren Publikationen legte er 1952 seine letzte Schrifttype, die „Steile Futura“, vor.

    R. gehört wegen seiner weitgespannten praktischen und theoretischen Leistungen zu den maßgeblichen Typographen und Buchgestaltern des 20. Jh. Schon als Ausstatter des Georg-Müller-Verlages strebte er, ganz im Sinne der zentralen Anliegen des Werkbundes, nach einer Verbesserung des preiswerten Gebrauchsbuches und einem Kompromiß zwischen Handwerk und Maschinenarbeit. Die Krönung seiner Bemühungen gelang ihm 1928 mit dem seit 1924 in Arbeit befindlichen Schnitt der Futura-Type, die traditionelle und progressive Elemente in genialer Weise vereinte. R. verband Aufgeschlossenheit für moderne Ideen – etwa den Konstruktivismus des Bauhauses – mit der Pragmatik des erfahrenen Praktikers und humanistisch gebildeten Pädagogen.

    • Werke

      Weitere W u. a. Ölgem.: Villa d'Este, Rom, ca. 1904; Alt-Brünnensbach, undat. (beide Privatbes.); Abend am Bodensee, nach 1933 (München, Städt. Gal. im Lenbachhaus); Winter über d. Gletschermühle, 1924 (Überlingen, Städt. Galerie „Fauler Pelz“); – Schrifttypen: Plak, 1928; Renner-Kursiv, 1939; – Ill.: zu A. Grisebach, Danzig, 1908; – Schrr.: Typograph. Regeln, in: Börsenbl. f. d. dt. Buchhandel, Jg. 84, 1917, Nr. 65, S. 265-6; Zwanzig J. Münchener Typogr., 1920; Typogr. als Kunst, 1922; Kampf um München als Kulturzentrum, 1926; Die Schrift unserer Zeit, in: Die Form, Jg. 2, H. 3, 1927, S. 109 f.; Mechanisierte Grafik, 1921; Verkehrswerbung, dt. Lebensform u. Kulturpropaganda, in: Die Form, 7. Jg. 1932, S. 233-47; Das moderne Buch, 1947; Ordnung u. Harmonie d. Farben: eine Farbenlehre f. Künstler u. Handwerker, 1947; – Autobiogr.: Vom Georg Müller-Buch bis zur Futura u. Meisterschule: Erinnerungen P. R.s aus d. J.zehnt v. 1918 bis 1927, in: Imprimatur, e. Jb. f. Bücherfreunde 9, 1939/40, unpag. Anh. nach S. 192; – Mithg. d. Zs. Die Bücherstube, 1923/24; – Hg. d. Zs. Graph. Berufsschule 1926–33. – Der Künstler in d. mechanisierten Welt, hg. v. d. Ak. f. d. Graf. Gewerbe, 1977 (aus d. Nachlaß);|

    • Literatur

      A. Grisebach, Buchkünstler d. Gegenwart, V: P. R., in: Zs. f. Bücherfreunde 3, 1912, H. 11, S. 345-58; H. Loubier, Die neue dt. Buchkunst, 1921; Georg Müller, Bücherverz. 1924/25, 1925; [K. F. Bauer], Werden u. Wachsen e. dt. Schriftgießerei, Zum hundertj. Bestehen d. Bauer'schen Gießerei, 1937; J. Käufer (Hg.), Fünfundzwanzig J. Meisterschule f. Dtlds. Buchdrucker München 1927-1952, 1952; Nachruf, in: Gebrauchsgraphik 27, 1956, H. 7, S. 57; H. P. Willberg, Schrift im Bauhaus, Die Futura v. P. R., 1969; W. Fischer (Hg.), Zw. Kunst u. Ind., Der Dt. Werkbund, 1975; P. Luidl u. G. G. Lange, P. R., 1978 (P); P. Luidl, München – Mekka d. schwarzen|Kunst, in: Ch. Stölzl (Hg.), Die Zwanziger J. in München, 1979; H. Lechner, Gesch. d. modernen Typogr., 1981; M. Broszat, E. Fröhlich u. A. Grossmann (Hg), Bayern in d. NS-Zeit, III/B, 1981, S. 481-83; J. Campbell, Der Dt. Werkbund, 1981; Dt. Werkbund, Die Zwanziger J. d. dt. Werkbunds, 1982; Bund Münchener Meisterschüler (Hg.), Fünfzig J. Bund Münchener Meisterschüler, 1983; TH Darmstadt (Hg.), Atlas z. Gesch. d. Schrift, T. 3, Ausgew. Schriftbeispiele d. 20. Jh., 1989; Hundert J. Typograph. Ges. München, 1990; M. Caflisch, Die Schriften v. R., Tschichold u. Trump, 1991; M. Klein, Y. Schwemer-Scheddin, E. Spiekermann, Typen & Typografen, 1991; L. Blackwell, Twentieth century type, 1992; Ch. Burke, P. R., the art of typography, 1998 (W-Verz.); F. Friedel, N. Oh, B. Stein, Typogr. – wann-wer-wie, 1998; J. Aynsley, Grafik-Design in Dtld. 1890-1940, 2000; ThB; Vollmer.

    • Portraits

      Foto v. E. Wasow, ca. 1930, Abb. u. a. b. P. Luidl, G. G. Lange (s. L).

  • Autor

    Eva Chrambach
  • Empfohlene Zitierweise

    Chrambach, Eva, "Renner, Paul Friedrich August" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 434-436 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118744542.html
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Renner, Paul