Lebensdaten
1897 – 1943
Geburtsort
Großenhain (Sachsen)
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
sozialdemokratischer Politiker ; Widerstandskämpfer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118582283 | OGND | VIAF: 10637980
Namensvarianten
  • Mierendorff, Carl
  • Mierendorff, Carlo
  • Mierendorff, Carl
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Zitierweise

Mierendorff, Carlo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582283.html [28.03.2024].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. 18. Jh. nachweisbarer Stralsunder Gastwirts- u. Kaufm.fam.;
    V Georg (1863–1928), Kaufm., später Textilvertreter in Darmstadt, S d. Carl Wilhelm (1827–80), Kaufm. in Stralsund, u. d. Anna Louise Marie Friederike Gronert (1842-n. 1896);
    M Charlotte (1875–1927), T d. Moritz Bruno|Meißner (1845–93), Kaufm. in Oberschöna Kr. Freiberg (Sachsen), u. d. Friederike Wilhelmine Bochmann (1849-n. 1892); ledig.

  • Biographie

    M. wurde geprägt durch die liberale und künstlerische Atmosphäre Darmstadts, der damaligen Residenzstadt der Großherzöge von Hessen, wohin seine Eltern 1907 gezogen waren und wo er am humanistischen Ludwig-Georgs-Gymnasium am 8.8.1914 das Abitur bestand. Zwei Tage später meldete er sich freiwillig zum Militär, wurde im Osten eingesetzt, erkrankte mehrfach, immatrikulierte sich 1916 in Heidelberg für Volkswirtschaft, mußte im Oktober 1917 an die Westfront und kehrte von dort mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse, aber desillusioniert bei Kriegsende nach Hause zurück. Er setzte sein Studium in Heidelberg, Freiburg (Breisgau) und Frankfurt/Main fort und beendete es 1922 mit der Promotion auf Grund einer Dissertation über „Die Wirtschaftspolitik der Kommunistischen Partei Deutschlands“.

    Der literarisch begabte, der politischen und gesellschaftlichen Situation seiner Zeit kritisch gegenüberstehende M. verkörperte eine gelungene Symbiose zwischen Geist und Politik, hier ganz in der Tradition eines Georg Büchner stehend. In den zusammen mit Theodor Haubach herausgegebenen und von Joseph („Pepi“) Würth verlegten, in loser Folge erscheinenden Flugblättern der „Dachstube“ und in eigenen Veröffentlichungen hatte er sich bereits während des Krieges zu Wort gemeldet. Mittelpunkt des „Darmstädter Kreises“, dem junge Intellektuelle und Schriftsteller aus der geistigen Elite der damaligen Zeit angehörten, gründete er im Winter 1918/19 die radikale Zeitschrift „Das Tribunal“ als Forum für die, die den Umbruch in Deutschland 1918/19 als Aufbruch in eine neue gesellschaftliche und geistige Epoche empfanden.

    M. trat 1920 der SPD bei. Seit 1922 war er Volkswirtschaftlicher Beirat beim Deutschen Transportarbeiterverband, seit 1925 Redakteur beim sozialdemokratischen „Hessischen Volksboten“ in Darmstadt, seit 1926 Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion in Berlin. 1928 wurde M. von Wilhelm Leuschner zum Pressereferenten des hess. Innenministeriums berufen. Am 14.9.1930 wurde er für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt in den Reichstag gewählt. – M. gehörte zu den wenigen, die den Rechtsradikalismus, den aufkommenden Nationalsozialismus und den Antisemitismus als Gefahr für das Land erkannten. Den Erfolg der NSDAP schrieb er deren geschickter Propaganda zu, die es verstehe, die Gefühle der Massen anzusprechen. Als Mensch der Tat versuchte er dem gegenzusteuern: 1930 veröffentlichte er in „Die Gesellschaft“ den Aufsatz „Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung“. Am 6.2.1931 rechnete er im Reichstag in spektakulärer Weise mit Joseph Goebbels ab, der wieder einmal die Republikaner als Landesverräter verunglimpft hatte. Im selben Jahr veranlaßte er die Publikation der „Boxheimer Dokumente“, die Einblick in rechtsradikale Umsturzpläne boten. Zusammen mit dem russ. Emigranten Sergej Tschachotin entwarf er 1932 das Symbol der „drei Pfeile“, das zum Kennzeichen der Republikschutzorganisation „Eiserne Front“ wurde, die den braunen Kolonnen Einhalt gebieten sollte.

    Als offener Gegner des Nationalsozialismus wurde M., der nach vorübergehender Flucht in die Schweiz in Berlin untergetaucht war, am Abend des 13.6.1933 in einem Frankfurter Café verhaftet und für viereinhalb Jahre in die Konzentrationslager Osthofen, Börgermoor, Papenburg, Lichtenburg und Buchenwald gebracht. Seit Februar 1938 wieder frei, arbeitete er in Leipzig in einem Rüstungsbetrieb, seit Herbst 1939 in der Sozialabteilung der Braunkohle- und Benzin-AG Berlin. Er knüpfte Fäden zu Männern des sozialdemokratischen Widerstandes wie Emil Henk und Wilhelm Leuschner, darüber hinaus über Adolf Reichwein zum „Kreisauer Kreis“ um Gf. Helmuth James v. Moltke. M. wurde zum Bindeglied zwischen beiden Gruppen: In diesem Sinn ist sein Aufruf „Sozialistische Aktion“ vom Juni 1943 zu verstehen, in dem er für ein Bündnis aller antifaschistischen Kräfte – über alle politischen und weltanschaulichen Gegensätze hinweg – warb. Er sah als Nahziel den Sturz des Regimes, stellte darüber hinaus aber auch Überlegungen an, wie ein zukünftiges Deuschland verfaßt sein sollte.

    Es gehört zur Tragik des deutschen Widerstandes, daß M., in dem der Sozialdemokrat Reichwein eine der Leitfiguren eines nachnationalsozialistischen Deutschlands sah, und der – begabt mit politischer Phantasie, Tatkraft und Idealismus – insbesondere für die nichtnationalsozialistische junge Generation über Parteigrenzen hinaus zur politischen Führungsperson hätte werden können, gerade zu der Zeit, als in Stauffenberg ein Mann zur Verfügung stand, der von seiner Stellung her die Möglichkeit hatte, Hitler zu beseitigen, im Dezember 1943 einer Fliegerbombe zum Opfer fiel.

  • Literatur

    C. M., Portrait e. dt. Sozialisten, Gedächtnisreden gesprochen am 12. März 1944 in New York v. P.|Hertz, A. Vagts, C. Zuckmayer, 1944;
    J. Reitz, C. M. 1897-1943, Stationen seines Lebens u. Wirkens, 1983;
    R. Albrecht, Der militante Sozialdemokrat, C. M. 1897-1943, Eine Biogr., 1987 (ausführl. W- u. L-Verz., P). – Zur Fam.: Moltke-Stiftung (Hrsg.), Die Herkunft d. Mitgll. d. Kreisauer Kreises, 1984, S. 54-59 (P).

  • Autor/in

    Ulrich Cartarius
  • Zitierweise

    Cartarius, Ulrich, "Mierendorff, Carlo" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 477-479 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582283.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA