Heine, Christian Johann Heinrich (bis 1825 Harry)
Dichter, Publizist, * 13.12.1797 Düsseldorf, † 17.2.1856 Paris. (israelitisch, seit 1825 evangelisch)
Genealogie | Leben | Werke | Literatur | Quellen | Portraits | Autor | Zitierweise
Genealogie ↑
V Samson (Sigmund) (1764–1828), Tuch-Kaufm. in Düsseldorf, S d. Heymann (s. Gen. 2); M Betty (Peire) (1771–1859), T d. Gottschalk van Geldern (1726–95), Dr. med., Arzt in D., u. d. Sara Bock (Kaufm.-T aus Siegburg); Vorfahren d. M Jaspa Jos. van Geldern (1653–1727), jül.-berg. Hofkammeragent, Bankier u. Armeelieferant in Düsseldorf u. Mannheim, Lazarus van Geldern (1695–1769), jül.-berg. Hoffaktor; Ov Salomon (s. 2); B Gustav Frhr. v. H.-Geldern (1810–86), Zeitungsverleger (Wiener Fremdenbl.) u. Buchdruckereibes. in Wien, Maximilian (1807–79), Dr. med., russ. Staatsrat u. Leibarzt (s. BLÄ); Schw Charlotte (1800–99, ⚭ Moritz Embden, 1789–1876, Kaufm. u. Makler in Hamburg); – ⚭ Paris 1841 Crescencia Eugenie (gen. Mathilde) Mirat (1815–83, kath.), aus Vinot Dep. S. et M.; kinderlos; Groß-N Robert Frhr. v. H.-G. (1885–1968), Völkerkundler.
Leben ↑
Heine wuchs in Düsseldorf auf, einer damals kleinen Residenzstadt, in der den Juden eine gewisse Gleichberechtigung mit den Christen zugebilligt war. Die französische Herrschaft im Rheinland, die mit Unterbrechungen 1795-1815 währte, wurde für ihn von großer Bedeutung. Durch sie wurde nicht nur eine Reihe noch bestehender Behinderungen für die jüdische Bevölkerung aufgehoben, es zog auch ein neuer freiheitlicherer Geist in die Stadt ein, der sich bis in die Schulstuben auswirkte. Heines Hinneigung zum französischen Geist und speziell zur Gestalt Napoleons wurde in dieser Zeit in ihm angelegt. Nach seiner Schulzeit begann er 1815 eine kaufmännische Lehrzeit zunächst in Frankfurt und dann in Hamburg unter Aufsicht seines Onkels Salomon. Da er im Grunde keine kaufmännische Fähigkeit und Neigung besaß, endete diese Periode 1819 mit dem Konkurs seines Manufakturwarengeschäfts „Harry Heine & Compagnie“. Er begann noch 1819 mit Unterstützung seines Onkels sein juristisches Studium in Bonn, das er in Göttingen und Berlin fortsetzte. Zeitweise hörte er neben seinen juristischen Vorlesungen eifrig philosophische und historische Kollegs. 1825 beendete er sein Studium mit der Erlangung der Doktorwürde vor der juristischen Fakultät in Göttingen. Kurz vor der Promotion trat Heine in Heiligenstadt im Eichsfeld zur evangelischen Kirche über. Er folgte mit diesem Schritt dem Vorbild so vieler bedeutender Juden seiner Zeit, um sich aus der geistigen und sozialen Isolierung der Juden zu lösen und als gleichberechtigtes Glied am kulturellen und öffentlichen Leben seiner Zeit teilnehmen zu können. Er selbst nennt die Konversion das „Entreebillett zur europäischen Kultur“. – Heines verschiedentliche Versuche in den Jahren 1825–31, nach dem Abschluß seines Studiums einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, als Advokat oder als Syndikus in Hamburg, als Professor in München oder Berlin, scheiterten alle. Diese beruflichen Mißerfolge hatten ihre Ursache wohl weniger in seiner jüdischen Abstammung als in einer Abneigung gegen seine extrem liberale und darum für diese Zeit politisch verdächtige Gesinnung.
Nach ersten dichterischen Versuchen während seiner kaufmännischen Lehrzeit in Hamburg als Ausdruck der aufkeimenden unglücklichen Neigung zu seiner Cousine Amalie entstanden seine ersten bedeutenden schöpferischen Leistungen in seiner Bonner Studentenzeit (1819–20), zum Beispiel „Belsazar“ und die Tragödie „Almansor“. Heine hatte in Bonn nach eigener Aussage die beratende und fördernde Hilfe seines Universitätslehrers A. W. Schlegel gefunden. Der eigentliche Durchbruch seines Dichtertums erfolgte aber erst in Berlin, wo er in den Salons von Rahel Varnhagen, Friederike Robert und Elise von Hohenhausen für sein Schaffen Anregung, wohlwollende Kritik und Anerkennung fand. 1821 erschien sein erstes selbständiges Werk, „Gedichte", das er später überarbeitet in sein „Buch der Lieder“ aufnahm. 1823 folgten die „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“. Das gute Echo, das der 1. Gedichtband gefunden hatte, öffnete Heine die Spalten einer Reihe bekannter Zeitschriften, in denen er nun ziemlich regelmäßig Gedichte, Rezensionen und kleinere Prosaartikel erscheinen ließ, etwa die „Briefe aus Berlin“ und „Über Polen“. Schon bei der Veröffentlichung dieser zum Teil recht kritischen persönlichen Erlebnisberichte mußte er die ersten Erfahrungen mit den Schikanen staatlicher Behörden machen.
1826 erschien bei Julius Campe, der Heines Werk von da an durch alle schwierigen Zensurhindernisse hinweg treu verwaltet hat, der 1. Band der „Reisebilder“. Mit diesem Werk und dem im nächsten Jahre folgenden „Buch der Lieder“, das zu seinen Lebzeiten noch 13 Auflagen erleben sollte, wurde Heine in der breiten Öffentlichkeit bekannt und als einer|der bedeutendsten Dichter der jungen Generation gefeiert. Doch schon bald meldeten sich die Gegenstimmen. Der leicht mokante Plauderton seiner „Harzreise", der Bedeutendes und Banales, Gefühlvolles und ironisch Witziges scheinbar beziehungslos mischte, erregte wie die ironisch desillusionierenden Schlüsse mancher Gedichte die Kritik besonders konservativer Rezensenten. Die Kritik wurde mit dem Erscheinen jedes neuen Bandes der „Reisebilder“ und späterer theoretischer Schriften mit ihren deutlicher werdenden Angriffen auf die bestehenden Ordnungen in Staat und Gesellschaft immer schärfer. – In den 4 „Reisebilder“-Bänden (1826–31) brachte Heine Berichte von Reisen im Harz (1824), nach England (1827) und Oberitalien (1828) sowie von einem Sommeraufenthalt an der Nordsee. Zu diesen echten Reisebildern stellte er im 2. Band das Werk „Ideen. Das Buch Le Grand“, das in lockerem Plauderton von einem romantischen Liebeserlebnis, von Jugenderinnerungen und seiner wieder erwachten Napoleonschwärmerei berichtet, die er in der Figur des französischen Kriegsveteranen, des Trommlers Le Grand, personifiziert. Der lockere Erlebnisbericht der „Reisebilder“ ermöglichte es ihm, Novellistisches, Anekdotisches mit kürzeren und längeren Abschnitten über Eindrücke aus dem Alltagsleben der bereisten Gegend zu mischen. Sogar pamphletartige Abschweifungen – wie die gegen Platen – sind ihm in dieser damals in der deutschen Literatur noch wenig bekannten Dichtungsform möglich. 1828 war Heine einige Monate für den Verleger Cotta als Herausgeber von dessen Zeitschrift „Politische Annalen“ in München tätig, gab diese Arbeit aber aus Anlaß einer Italienreise auf, die ihn nach Lucca, Florenz und Venedig führte. Der Tod des Vaters rief ihn im Dezember 1828 aus Venedig wieder nach Deutschland zurück, wo er dann 1829/30 die letzten beiden „Reisebilder“-bände vollendete.
Als bald nach der Pariser Julirevolution seine letzten Versuche in Hamburg, einen ihm zusagenden Beruf zu ergreifen, scheiterten, ging Heine im Mai 1831 nach Paris, wo er bis zu seinem Tode bleiben sollte. Er hatte die Pariser Revolution begeistert begrüßt, erhoffte er sich doch von ihr die endgültige Befreiung der Menschen aus den staatlichen und gesellschaftlichen Fesseln, die Beseitigung der Vorrechte der privilegierten Stände und die Freiheit von Wort und Schrift. Er ging nach Paris, um von hier Berichte über das kulturelle und politische Leben in der französischen Hauptstadt zu schreiben, die er dann seit Ende 1831 in Cottas Augsburger „Allgemeiner Zeitung“ erscheinen ließ, aber schon Anfang 1832 auf Grund eines Einspruchs von Metternich einstellen mußte. Diese Berichte veröffentlichte er noch im gleichen Jahr geschlossen als „Französische Zustände“.
In Paris war Heine sehr schnell in der literarischen Welt bekannt geworden und fand Eingang in die Zirkel der geistigen und gesellschaftlichen Elite. Übersetzungen seiner Werke erschienen in den wichtigsten französischen Zeitschriften. In den Pariser Salons war er ein gern gesehener Gast und verkehrte freundschaftlich mit Balzac, dem älteren Dumas, George Sand, Musset, Alfred de Vigny, mit den Politikern Guizot und Thiers, mit den großen Bankiers Rothschild, Fould und vielen anderen. Diesen Kreisen wollte Heine nun ein neues, zutreffendes Bild von den Deutschen, von ihrer Dichtung und Philosophie als Gegenstück zu den auf die jüngere Generation nicht mehr zutreffenden Eindrücken in den Schriften der Madame de Staël geben. So schrieb er eine Reihe von Aufsätzen über die Entwicklung der deutschen Dichtung für die Zeitschrift „L'Europe littéraire" (Paris 1833), die er dann zwei Jahre später den Deutschen als „Die Romantische Schule“ vorlegte. Diesen Berichten folgte – auch zunächst für die Franzosen geschrieben – die „Geschichte der Religion und Philosophie“ in Deutschland. In seiner sehr eigenwilligen und persönlichen Deutung verkündet er in diesen Werken für die Dichtung das Ende der Romantik und für die Philosophie das Ende des Idealismus, für das er die Gedankenwelt seines Berliner Lehrers Hegel verantwortlich macht. Die Deutung beziehungsweise Umdeutung der Hegelschen Lehre etwa im Sinn der Hegelschen Linken war bei Heine stark von den Saint-Simonisten beeinflußt, in deren Zirkeln er zeitweise sehr interessiert verkehrte. Besonders von ihren pantheistischen Ideen, ihrer Lehre von der Emanzipation des Fleisches fühlte er sich angezogen und vertrat, wie er es nannte, die Partei der Sensualisten gegenüber den Spiritualisten, der Hellenen gegenüber den Nazarenern. Diesen Vorstellungen, die allen seinen Werken bis Ende der 40er Jahre zugrunde liegen, entsagte er erst auf seinem letzten Krankenlager, wie aus Äußerungen im Nachwort zum „Romanzero“ und den „Geständnissen“ hervorgeht. Deren Glaubwürdigkeit, die wegen ihrer ironisierenden Sprache manchmal angezweifelt worden ist, wird durch die letzten Gedichte und manche Brief- und Gesprächsbemerkungen bestätigt. – Es ist bemerkenswert, daß Heine diese und auch noch spätere|zunächst für die Franzosen geschriebene Werke trotz seiner guten Kenntnis der französischen Sprache immer deutsch konzipierte und auch die französische Übersetzung anderen überließ. Nur die nachträgliche Durchsicht und Überarbeitung der französischen Texte behielt er sich vor.
Von den deutschen politischen Emigranten in Paris, die zu dieser Zeit zu Zehntausenden in Paris lebten, besonders von Ludwig Börne und dessen Kreis, löste sich Heine schon bald. Mögen es anfangs zwischen ihm und Börne wohl mehr Charakter- und Temperamentsunterschiede gewesen sein, die beide trennten, vielleicht auch gewisse politisch-taktische Divergenzen, mehr als echte politische Gegensätze, so wuchsen sie sich im Laufe der 30er Jahre doch zu einer schroffen gegenseitigen Ablehnung aus, der Heine schließlich 1840 in seinem Buch „Über Börne“ unverhohlen Ausdruck gab. Dieses Werk machte ihm gerade in dem ihm bisher nahestehenden Kreis der Liberalen viele Feinde. – 1835 wurden vom Deutschen Bundestag in Frankfurt Heines Schriften zusammen mit denen des „Jungen Deutschland“ verboten beziehungsweise unter strenge Zensur gestellt. Heine wurde dadurch gezwungen, seine politisch-weltanschaulichen Gedanken nicht mehr so offen und aggressiv zu äußern, um nicht in ständigen Konflikt mit der Zensur zu geraten. Seine in diesen Jahren erscheinenden 4 Bände des „Salon“ (1834-40) sowie die selbständig veröffentlichten Werke „Shakespeares Mädchen und Frauen“ und die Don-Quixote-Ausgabe mit Heines längerem Vorwort bewegten sich auf politisch harmloseren Wegen. Dafür fließen in diesen Jahren neue rein dichterische Produktionen wieder reichlicher: die novellistischen Prosastücke „Florentinische Nächte", die „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ und der „Rabbi von Bacherach“, dazu eine Reihe neuer Liebesgedichte. – Die dichterische Gestaltung seiner Anschauungen im politischen und literarischen Streit gab Heine in seinen beiden Versepen „Atta Troll“ (entstanden 1841/42, 1. Buchveröffentlichung 1847) und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844). Persönliche Erlebnisse – ein Aufenthalt im Pyrenäenbad Cauterets 1840 und eine Reise nach Hamburg 1843 – verflocht er mit Traumbildern und Begegnungen mit Sagen- und Märchengestalten zu epischen Reisebildern, in denen er voller Ironie ein Bild Deutschlands, seiner literarischen wie politisch gesellschaftlichen Gegensätze gab. Gleichzeitig brachte er seinen zweiten großen Gedichtband, die „Neuen Gedichte“, heraus (1844). In diesem Band vereinigte er, außer den schon früher vereinzelt erschienenen Liebesgedichten, Balladen und Zeitgedichte mit zum Teil deutlich politischer Zielsetzung, wie er sie in dieser Offenheit und Schärfe wohl erst auf Grund seiner zeitweiligen Verbindung mit Karl Marx und dessen Kreis in Paris 1843/44 aussprechen konnte. Das bedeutendste dieser politischen Gedichte, „Die schlesischen Weber“, erschien damals allerdings zunächst nur als Flugblatt. – Dieser Begegnung mit Marx hat Heine vieles an Intensität und Zielgerichtetheit seiner politischen Dichtung zu verdanken, wenn er auch durch seine Berührung mit dem französischen Sozialismus der Saint-Simonisten, Proudhons, Fouriers und Louis Blancs auf sie vorbereitet war. Da Marx und seine Freunde schon 1844 aus Paris ausgewiesen wurden, war es für Heine nur eine zeitlich kurze, aber recht entscheidende Begegnung, deren Eindruck ihn noch bis in seine letzten Lebensjahre beschäftigte. Doch trotz seiner Überzeugung von der ungeheuren Wirkung dieser neuen Ideen für die Zukunft der Welt und seiner inneren Anteilnahme an vielen ihrer Gedanken wuchs in ihm immer stärker die Angst vor der unheimlichen Konsequenz dieser „Doktoren der Revolution“, wie er sie nannte, die ihrem Kampf alles unterordnen würden, alles Schöne und alle Kunst, der sich Heine im letzten allein verpflichtet fühlte.
Anfang der 40er Jahre hatte Heine wieder begonnen, für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ Berichte aus dem politischen und kulturellen Leben in Paris zu schreiben. Mit seinem sehr wachen kritischen Blick beurteilte er darin die politischen Gegebenheiten und die führenden Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens mit einer Treffsicherheit, deren Gültigkeit noch heute in Erstaunen versetzt. – Im August 1841 vor einem Duell, das Heine auf Grund seines Buches über Börne austragen mußte, heiratete er Crescencia Eugenie Mirat – er nannte sie selbst Mathilde –, mit der er schon mehrere Jahre zusammenwohnte. Er hatte sie 1834 als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft kennengelernt und sie dann bald ganz zu sich genommen. Sie war ein hübsches, unkompliziertes, lebenslustiges Mädchen, aber ohne große geistige Fähigkeiten, die treu an ihrem Henri hing, ihm aber für sein Schaffen nichts geben konnte. – Seit seiner Übersiedlung nach Paris hat Heine nur 1843 und 1844 zwei Reisen nach Deutschland unternommen, zum Besuch seiner Mutter in Hamburg und zu Verhandlungen mit seinem dortigen Verleger Campe. Ende 1844, nach dem Tode seines Onkels Salomon, der ihn bis zuletzt trotz mancher Unstimmigkeiten immer wieder|großzügig mit Geld unterstützt hatte und mit dessen Erben quälende Auseinandersetzungen folgten, kam eine seit langer Zeit schleichende Krankheit, wohl Lues cerebrospinalis, zum Ausbruch und fesselte ihn von 1848 an für volle 8 Jahre ans Bett, an seine „Matratzengruft". Trotz größter Schmerzen und immer fortschreitender Lähmung blieben sein Geist und seine Schaffenskraft lebendig. 1851 erschien ein neuer Band seiner Gedichte, der „Romanzero", Schöpfungen der vergangenen 7 Jahre. Sowohl in den Balladen und Zeitgedichten wie in den „Lamentationen" und den „Hebräischen Melodien" traten neue Töne auf, bitterer und schmerzerfüllter als die früheren. Die persönlichen Erfahrungen seines schweren Krankenlagers hatten ihn so manche kühn selbstbewußten und aufklärerisch optimistischen Vorstellungen überdenken und revidieren lassen, wie er es selbst in der Nachrede zum „Romanzero“ erzählt. Großer Ernst und menschliche Tiefe kennzeichnen erschütternd die Gedichte seiner letzten Lebensjahre, die später als „Nachlese zum Romanzero“ von dem ersten Herausgeber seiner Werke, Strodtmann, zusammengestellt wurden.
Neben der Bearbeitung seiner politischen Zeitungsberichte aus den Jahren 1840-44 unter dem Titel „Lutezia", zwei Tanzpoemen – „Donna Diana" und „Doktor Faust“, dem Vorbild von Egks „Abraxas“ –, die er auf Wunsch des Londoner Theaterdirektors Lumley verfaßt hatte, legte Heine 1854 in den Sammelbänden „Vermischte Schriften“ seine letzte große Prosaarbeit vor, die „Geständnisse“. Hier versucht er seinen geistigen Weg von der Kindheit an zu schildern und setzt sich dabei mit den großen politischen und weltanschaulichen Fragen auseinander, die ihn und sein Werk bestimmt hatten. Seine Memoiren, an denen er nach eigenen Äußerungen schon seit vielen Jahren gearbeitet hatte, vollendete er nicht mehr. Wenigstens ist das, was fast 30 Jahre nach seinem Tode davon erschien, nur ein Torso des Werkes, dessen ganze Veröffentlichung, soweit es bei seinem Tode vorlag, von Familienmitgliedern, wie man annimmt, verhindert wurde. - Er starb in seinem Pariser Exil, von seinen Zeitgenossen halb vergessen, eine fast schon legendäre Gestalt, geliebt von nur wenigen, mißachtet von vielen.
Die literargeschichtliche Bedeutung Heines und seines Werks liegt in seiner Stellung zwischen Romantik und Realismus. Seine Dichtung war auf dem Boden der Romantik erwachsen. Für die Lyrik war er zunächst Fouqué und Uhland, sehr stark auch dem deutschen Volkslied verpflichtet – der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ verdankt er wesentliche Anregungen –, für die Prosa Jean Paul und dessen Ahnherrn Laurence Sterne sowie E. T. A. Hoffmann. Doch bald schon fühlte er sich als Überwinder der Romantik und als Verkünder eines neuen Anfangs. In seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Welt, einer im Umbruch befindlichen Zeit, wurde ihm die Dichtung zur Arena seines Kampfes gegen die überkommenen Ordnungen in Politik und Gesellschaft. Er löste sich aus der Isoliertheit der Gefühls- und Gedankenwelt des Dichters vergangener Epochen und stellte sich den Problemen seiner Zeit nicht nur als Berichterstatter der Zeitungen, sondern auch als Dichter. Er wich in seinem Werk bis zur Wortwahl von der überlieferten Vorstellung von Lyrik ab und schuf sich eine Dichtungssprache, die der modernen Zeit gerecht werden konnte. Er hat damit in Inhalt, Form und Sprache eine Dichtung geschaffen, die noch heute vielfach als lyrikfremd angesehen und darum abgelehnt wird, in der er aber gerade im 20. Jahrhundert entscheidende Nachfolger und Fortführer gefunden hat. Sein Werk wurde aber nicht nur in seinem Inhalt als Neubeginn begeistert begrüßt, besonders von der Jugend, sondern auch in seiner Form, in der er die klassische Geschlossenheit lokkerte oder sogar auflöste. Man denke an die freien Rhythmen seiner Nordseelieder und die Überwindung der musikalisch-rhythmisch gebundenen Liedform in seiner späten Lyrik, an das Fragmentarische seiner Novellen und an die locker aneinandergereihten Erlebnisberichte seiner „Reisebilder“. Allein in dieser spielerisch leichten, ironischen, scheinbar unverbindlichen Form konnte er seine politisch weltanschaulich engagierte Aussage zu echter Dichtung gestalten. Durch das Assoziative in seinem Prosastil, seine scheinbar abschweifenden Wortwitze, durch die Zusammenstellung und Vergleiche von offensichtlich Unvergleichbarem und der daraus entstehenden Paradoxie seiner Sätze gelingt es Heine, seine Aussage in scheinbarer Unverbindlichkeit um so treffender und einprägsamer zu machen, überzeugender als durch jede sachlich nüchterne logische Erörterung. Er hat damit die feuilletonistische Berichterstattung zu einer Kunstgattung erhoben, wie sie in dieser Höhe vor ihm unbekannt war und nach ihm nur selten erreicht wurde. Daß er bei all seinem Engagement doch den inneren Abstand des Dichters wahrte, seine Kritik nach außen immer mit einer Kritik|gegen sich selbst verband, verleiht Heines Werk vor allem in seinen letzten Lebensjahren die Aussagekraft eines Menschen, der durch Leid und Not zu den letzten Fragen menschlichen Suchens durchgestoßen war. – Heines Abstand vom Realismus ist noch deutlicher als zur Romantik. Er gibt nirgendwo eine objektive Schilderung der Außenwelt und tritt auch nicht als Erzähler hinter seinen Stoff zurück. Ganz im Gegenteil sieht er sich immer im Mittelpunkt des Geschehens und schildert es in der Spiegelung seines Ichs. Selbst sein eigenes Fühlen erlebt und schildert er in dem ironisierenden Licht seines Intellekts. Damit stand er im Grunde der Dichtung um 1900 viel näher als der seiner eigenen Epoche.
Die Wirkung und das Nachleben des Heineschen Werks ist durchaus unterschiedlich. In Deutschland waren zunächst die negativen Stimmen, die schon zu seinen Lebzeiten überwogen, bestimmend. Seine Lyrik, besonders das „Buch der Lieder“, das durch die zahlreichen Vertonungen Schuberts, Schumanns, Brahms', Wolfs und vieler anderer eine Popularität wie kaum je ein anderes lyrisches Werk gefunden hatte, wurde, wenn auch meistens in romantischer Fehlbeurteilung, sehr geschätzt. Doch seine Prosa, seine Epen und seine späteren Gedichte, besonders die Zeitgedichte, lehnte man weithin ab, sofern man sie überhaupt noch zur Kenntnis nahm. Mit seinem politisch-weltanschaulichen Kampf gegen die herrschenden Mächte hatte er konservative und kirchlich orthodoxe Kreise verärgert. Die ironische Grundhaltung vieler seiner Werke ließ ihn als den frivolen Spötter erscheinen, dem nichts heilig sei. So versuchte man in Deutschland weithin gar nicht erst, zu einem wirklichen Verständnis Heines und seiner Dichtung zu kommen. Man lehnte ihn als charakterloses Talent ab.
Die Versuche, seit etwa 1890, für Heine in Düsseldorf und später in Hamburg und Frankfurt Denkmäler zu errichten, trieben erst recht seine Gegner aus nationalistischen, aus kirchlich konservativen und antisemitischen Kreisen auf den Plan und führten unter dem Nationalsozialismus schließlich zu der wilden Hetze gegen den rassefremden Juden Heine bis zur Verbrennung seiner Bücher. Die wenigen öffentlichen Stimmen für Heine wie die Nietzsches, Thomas Manns und anderer und die Wirkung seines Werkes auf die Kreise des Münchener Brettls bis hin zu Tucholsky und Brecht vermochten wenig gegenüber der weit verbreiteten Abneigung gegen den Dichter und sein Werk. Ein wirklicher Wandel in der Wertung Heines konnte erst nach 1945 einsetzen, wenn auch noch immer eine verbreitete Unkenntnis und eine erneute politisch verfälschende Interpretation seines Werkes im Sinn des Vulgär-Marxismus einer wertentsprechenden Schätzung im Wege stehen mögen. Anders stand es und steht es mit Heines Wirkung und Anerkennung im Ausland. Schon zu seinen Lebzeiten beginnend, verstärkt erst nach seinem Tod, besonders von den 70er Jahren an, erschienen Übersetzungen seiner Werke in fast alle lebenden Sprachen. Noch heute finden seine Dichtungen immer wieder neue Übersetzer in der ganzen Welt. Weithin gilt im Ausland Heine nach Goethe als bedeutendster deutscher Lyriker. Sein Werk hat auf viele bedeutende Dichter aus aller Welt großen Einfluß ausgeübt und hat ihnen geholfen, sich in Stoff und Form aus der Gebundenheit von Konvention und Tradition zu lösen. Es erlangte dadurch eine Wertschätzung, die ihm bis heute erhalten blieb.
Werke ↑
Ausgg.:
Sämtl. Werke, hrsg. v. E. Elster, 7 Bde., 1887–90, 24 Bde., 1925;
Werke, hrsg. v. O. Walzel, 10 Bde. u. Register, 1910-20;
Werke, hrsg. v. H. Kaufmann, 10 Bde., 1961-64;
Hist.-krit. Ausgg. werden im H.-Archiv, Düsseldorf, u. v. d. Nat. Forschungs- u. Gedenkstätten d. klass. dt. Lit., Weimar, z. Zt. erarbeitet. - Briefe, hrsg. v. F. Hirth, 6 Bde., 1950-57;
Gespräche, hrsg. v. H. H. Houben, 1926.
Literatur ↑
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Körner;
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Kosch, Lit.-Lex. (W, L);
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Quellen ↑
Qu.: H.-Archiv, Düsseldorf, Landes- u. Stadtbibl.
Portraits ↑
Zeichnung v. L. E. Grimm, 1827, Abb. in: Die Gr. Deutschen, s. L;
M. Oppenheim, 1831;
T. Johannot, 1836;
Ölgem. (mit Frau Mathilde) v. E. B. Kietz, 1851, Abb. in: Die Gr. Deutschen, s. L;
Zeichnung v. dems., 1851 (H.-Archiv, Düsseldorf), Abb. in: Heine-Jb. 1962;
Totenmaske (H.-Archiv, Düsseldorf).
Autor ↑
Eberhard Galley
Empfohlene Zitierweise ↑
Galley, Eberhard, „Heine, Christian Johann Heinrich“,
in: Neue Deutsche Biographie
8
(1969), S.
286-291
[Onlinefassung]; URL:


