Lebensdaten
1869 bis 1936
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Architekt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118741217 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Poelzig, Hans

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Poelzig, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741217.html [19.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Die mütterl. Fam. gehörte z. Grafenstand d. Kgr. Preußen mit Besitzungen (Güter Pölzig u. Bayersdorf) im ehem. Hzgt. Sachsen-Altenburg;
    V N. N.;
    M Clara Gfn. v. P. u. Bayersdorf (1835–79, George Acland Ames, Esquire), T d. Maximilian Frhr. v. Hanstein (1804–84, seit 1826 sächs. Gf. v. P, 1] Luise Prn. v. Sachsen-Gotha-Altenburg, gesch. Hzgn. v. Sachsen-Coburg-Saalfeld, 1800–31), Bes. d. Rittergüter Pölzig u. Beiersdorf, preuß. Oberst, u. d. Marie v. Carlowitz (1812–45);
    Tante-m Thekla (1841–1903, Oskar v. Schauroth, 1834–1908, preuß. Gen.lt., s. BJ 13, Tl.);
    1) Berlin 1899 Maria Voss ( um 1947), 2) Berlin 1924 Marlene Moeschke (1894–1985), Bildhauerin u. Architektin;
    3 S aus 1) u. a. Peter (1906–81), Architekt, 1938-45 Stadtbaurat in Münster, 1954-75 Prof. f. Architektur an d. TU Berlin, 1968 Mitgl. d. (West-)Berliner Ak. d. Künste (s. Vollmer), 1 T aus 1) Ruth P.-Ockel (1904–96. Heinrich Ockel), Kabarettistin, Schausp. (s. Kosch, Theater-Lex.), 1 S, 2 T aus 2).

  • Leben

    P. wurde als nichteheliches Kind einer thüring. Gräfin geboren und wuchs zunächst in der Familie des Kantors Liese in Stolpe bei Berlin auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Potsdam 1879-88 studierte er bis 1893 Architektur an der TH Charlottenburg. Seine Lehrer waren der Neogotiker Karl Schäfer und dessen Mitarbeiter Hugo Hartung, aber auch der als Denkmalpfleger in Preußen bekannt gewordene späte Schinkel-Schüler Friedrich Adler. Die Referendarszeit verbrachte P. nach Ableistung seines Militärdienstes (1894/95) im preuß. Ministerium der öffentlichen Arbeiten. 1896 erhielt er mit einem gotisierenden Stadthausentwurf den Schinkelpreis; 1899 legte er die 2. Staatsprüfung ab. 1900 wurde er zum Lehrer der neu eingerichteten Klasse für architektonisches Zeichnen und Kunsttischlerei an die Breslauer Kunst- und Kunstgewerbeschule berufen, 1903 rückte er zum Direktor der Anstalt auf, die 1913 zur Akademie erhoben wurde und in ihrer durch ihn reformierten Lehrstruktur als „Bauhaus vor dem Bauhaus“ gilt.|P.s frühe Entwürfe zeigen sein Anknüpfen an regionale Traditionen, das sich Tendenzen des Jugendstiles einverleibte, ohne ihnen zu verfallen. Ein Geschäftshaus in der Breslauer Junkernstraße (1911) brach mit der bis dahin üblichen Vertikalgliederung und belegt P.s Auseinandersetzung mit amerik. Architektur, insbesondere mit den Geschäftshausbauten Louis H. Sullivans in Chicago. Bekannt wurde er mit seinen Industriebauten in Posen (Wasserturm, 1911) und Luban (Chem. Fabrik, 1911/12). Repräsentativen Bauaufgaben wandte er sich mit seiner Beteiligung am Wettbewerb um das Berliner Opernhaus 1912 zu (nicht prämiert, aber unter den Zeitgenossen von Bruno Taut bis Arthur Moeller van den Bruck Aufsehen erregend) und der Breslauer Jahrhundertausstellung 1913. Die Entwürfe seiner Zeit als Stadtbaurat – und zugleich Professor an der Akademie – in Dresden 1916-20 blieben größtenteils unausgeführt, so auch sein Beitrag für den vom Deutschen Werkbund, dem er seit 1908 angehörte, unter seinen Mitgliedern ausgeschriebenen Wettbewerb für ein Haus der Freundschaft in Konstantinopel (1916).

    Mit seiner Berufung an ein Meisteratelier der Akademie der Künste (1920) sowie auf einen Lehrstuhl an der TH Charlottenburg (1924) kehrte P. nach Berlin zurück, wo er in den Kämpfen um die Durchsetzung der Modernen Architektur in den 20er Jahren ein prägende Rolle spielte. 1919-22 hatte er den Vorsitz im Deutschen Werkbund inne, später war er Mitglied der avantgardistischen Architektenvereinigung „Der Ring“, die sich 1922/23 um Hugo Häring und Ludwig Mies van der Rohe gebildet hatte, und von der nicht nur die Idee zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung ausging, sondern u. a. auch Initiativen zur Umgestaltung des Platzes der Republik vor dem Reichstag (Entwurf 1927, Wettbewerbsentwurf 1929). Das im Westen Charlottenburgs gelegene „Haus des Rundfunks“ (1928-31) ist, abgesehen von Wohnungsbauten und dem Kino „Babylon“ (1927-29) am ehemaligen Bülowplatz (heute Rosa Luxemburg Platz), P.s einziger noch existierender Großbau in Berlin.

    Sich selbst hat P. – einer Bemerkung seines ersten Biographen Theodor Heuss zufolge – als Proteusnatur eingeschätzt. Doch trifft diese Charakterisierung, die sich leicht auf die schleichende Verwandlung klassischer Planungsmuster in seiner Architektur übertragen ließe, nur einen Teil seiner Persönlichkeit. Zeit seines beruflichen Lebens war P. Beamter. Der Doppelgesichtigkeit des aufgeklärten Wilhelminismus entspricht die Rationalität seiner Planungen einerseits, und der farbige, noch ganz dem Kunstverständnis des 19. Jh. geschuldete Illusionismus seiner Entwürfe andererseits. Beides schrieb er in seinen berühmtesten Bauten der Zwischenkriegszeit fort, sowohl im Großen Schauspielhaus, dem „Theater der Dreitausend“, einem der Hauptwerke des architektonischen Expressionismus, das er unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg für Max Reinhardt in Berlin realisierte, wie auch in der kastellartig geschlossenen und doch zugleich festlich sich öffnenden Anlage des I. G. Farben-Verwaltungshauses in Frankfurt/Main (1928–31), das heute als repäsentativstes Universitätsgebäude P.s Namen trägt.

    P. blieb trotz seiner Beteiligung an der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (Einfamilienhaus, 1927) skeptisch gegenüber den nackten Formen des Neuen Bauens. In den denunziatorisch geführten Auseinandersetzungen um die Moderne im polarisierten Klima der frühen 30er Jahre wurde er dennoch pauschal dem sog. „Kulturbolschewismus“ der Avantgarde zugeschlagen. Seiner geplanten Emigration in die Türkei kam der Tod zuvor.

  • Werke

    Weitere W Breslau, Einfam.haus auf d. Ausst. f. Handwerk u. Kunstgewerbe, 1904;
    Löwenberg, Um- u. Anbau d. Rathauses, 1903-06;
    Maltsch, Ev. Kirche, 1906;
    Breslau, Wohn- u. Geschäftshaus Lauterbach, 1907/08;
    Klingenberg (Sachsen), Talsperre, 1908-14;
    Löwenberg, Landhaus Zwirner, 1909/10;
    Dresden-Reick, Gaswerk, 1916;
    Dresden. Entwürfe f. zwei Schulen u. e. Feuerwache, 1916;
    Hellbrunn b. Salzburg, Entwürfe f. zwei Festspielhäuser, 1920-23;
    Berlin, Kino Capitol, 1925;
    Chemnitz, Fabrik Goeritz, 1925-27;
    Entwurf f. d. Umgestaltung d. Platzes d. Rep. in Berlin u. Durchbruch durch d. Ministergärten, Städtebaul. Gutachten, 1927;
    Schulau, Kraftwerk, 1927/28;
    Wettbewerbsbtrr.:
    Genf, Völkerbundspalast, 1927;
    Theater f. musikal. Massenaufführungen in Charkow, 1930/31;
    Sowjetpalast in Moskau, 1931;
    Entwurf f. e. Festspielhaus ‚Schauburg' im Thüringer Wald, 1932;
    Friedrichtheater in Dessau, 1935;
    Entwurf f. e. Diplomatenhaus in Ankara, 1935;
    Dienstgebäude d. Luftkreiskommandos II in Berlin, 1935. – Filmausstattungen: Der Golem u. wie er in die Welt kam, 1920;
    Lebende Buddhas, 1922-25;
    Zur Chronik v. Grieshuus, 1924/25. – Inszenierungsausstattungen u. a.: Der König, v. H. Johst, Regie: P. Wiekke, Sächs. Landesbühne 1920;
    Die Räuber, v. F. Schiller, Centraltheater Berlin, 1922/23;
    Kg. Lear, v. W. Shakespeare, Regie: B. Reich, Gr. Schauspielhaus. Berlin 1923;
    Don Giovanni, v. W. A. Mozart, Regie: L. Hoerth, Staatsoper unter d. Linden, Berlin 1923;
    Ein Sommernachtstraum, v. W. Shakespeare, Regie: G. Hartung, Heidelberger Festpiele. Schloßhof 1926. – Schrr. u. a.: Architektur, in: Das dt. Kunstgewerbe 1906, 1906, wieder u. d. T. „Gärung in d. Architektur“, in: F. Schumacher, Lesebuch f.|Baumeister, 1941, S. 386;
    Der neuzeitl. Ind.bau, in: Der Ind.bau 2, 1911, S. 100-05;
    Antrittsrede als Vors. d. Dt. Werkbundes, in: Mitt. d. Dt. Werkbundes, 1919, S. 109-24;
    Rede b. d. Gen.verslg. d. Salzburger Festspielhausgde, 1921, in: Das Kunstbl. 5, 1921, S. 77-88;
    Festbauten, ebd. 10, 1926, S. 197-203;
    Vom Bauen unserer Zeit, in: Die Form, H. 1, 1922, S. 16-29;
    Über d. Veralten techn. Formen, ebd., H. 2, 1922, S. 31;
    Der Architekt, Rede auf d. 28. Ordentl. Bundestag d. Bundes dt. Architekten in Berlin am 4.6.1931, mit e. Vorbemerkung v. Th. Heuss hg. v. E. Fabricius, 1954. – Krit. W-Verz. fehlt.|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ.bibl. d. TU Berlin, Planslg.

  • Literatur

    Th. Heuss, H. P., Bauten u. Entwürfe, Das Lb. e. dt. Baumeisters, 1939 (P, Abb. d. wichtigsten W in zeitgenöss. Photogrr.), Neuausg. u. reduziertem Titel 1947 u. 1955;
    J. Posener (Hg.), H. R, Ges. Schrr. u. Werke, 1970 (W, P, Abdruck d. Schrr., zeitgenöss. Stimmen u. biogr. Skizzen);
    Der dramat. Raum, H. P., Malerei, Theater, Film, Ausst.kat. Krefeld 1986 (vollst. Liste d. Inszenierungsausstattungen);
    M. Schirren, H. P., Die Pläne u. Zeichnungen aus d. ehem. Verkehrs- u. Baumus. in Berlin, 1989 (zu 37 Architekturarbb., biogr. Skizze v. W. Pehnt, P);
    ders., Sachl. Monumentalität, H. P.s Werk in d. J. 1900 bis 1914, in: V. M. Lampugnani u. R. Schneider, Moderne Architektur in Dtld., Reform u. Tradition, 1992, S. 78-103;
    ders., „Stoffwechsel“ – Werke u. Worte H. P.s im Lichte e. biochem. Metapher, in: W. Meißner, D. Rebentisch u. W. Wang (Hg.), Der Poelzig-Bau, Vom I. G. Farben-Haus z. Goethe-Univ., 1999, S. 13-36;
    C. Marquart, H. P., Architekt, Maler, Zeichner, 1995;
    H.-P. Reichmann (Hg.), H. P., Bauten f. d. Film, Ausst.kat. Frankfurt 1997;
    ThB;
    Rhdb (P);
    Vollmer;
    Dict. of Art.

  • Portraits

    Phot. v. N. Perscheid, um 1925 (Hamburg, Mus. f. Kunst u. Gewerbe).

  • Autor/in

    Matthias Schirren
  • Empfohlene Zitierweise

    Schirren, Matthias, "Poelzig, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 565-567 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741217.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA