• Leben

    Stallbaum: Johann Gottfried St., hervorragender Schulmann und Philologe des 19. Jahrhunderts. Er wurde als der Sohn einer einfachen, aber nicht unbemittelten Bauernfamilie am 25. September 1793 in dem Dorfe Zaasch bei Delitzsch (Provinz Sachsen) geboren, erhielt einen fersten Unterricht in der heimathlichen Dorfschule und dann bei einem Privatlehrer, der ihn in die Elemente der alten Sprachen einführte. Im April 1808 wurde er der Thomasschule in Leipzig, zunächst als Extraneus, übergeben; ein Jahr später wurde er in das Alumnat dieser Anstalt aufgenommen und verblieb in diesem bis zu seinem Abgange zur Universität Ostern 1815. Schon als Schüler erweckte er durch seine hervorragenden Leistungen, namentlich auf dem Gebiete des lateinischen Stiles, große Hoffnungen; der Rector Friedr. Wilh. Ehrenfried Rost, der in dem Schüler schon seinen künftigen Nachfolger erblickte, trug bei Stallbaum's Abgange in die Schulmatrikel zu dessen Namen die Bemerkung ein, er habe die Schule „mit großem Lobe“ verlassen. — Auch die drei akademischen Jahre verlebte St. in Leipzig. Neben theologischen Studien betrieb er vornehmlich mit besonderem Eifer philologische, besonders durch G. Hermann, F. A. W. Spohn und Chr. D. Beck geleitet und gefördert, auch war er Mitglied des philologischen Seminars. Bereits 1818 wurde er auf Hermann's Empfehlung als Lehrer an die Franckeschen Stiftungen in Halle berufen und hier sowol an der lateinischen Hauptschule, wie am königl. Paedagogium beschäftigt. Stallbaum's Geschick im Unterrichten und seine glücklichen erzieherischen Gaben lenkten bald die besondere Aufmerksamkeit und wohlwollende Zuneigung des damaligen Leiters der Franckeschen Anstalten, des Kanzlers Niemeyer, auf den jungen Lehrer, der auch in wissenschaftlicher Beziehung eine Zierde der Anstalten war. Hier in Halle begann und vollendete er die Vorarbeiten zu seiner Ausgabe des Platonischen Philebus, welche den Grund zu seinem Ruhme als Erklärer des Plato und als Gelehrter überhaupt gelegt hat. Dieselbe erschien zuerst im Juni 1820 (2. Ausg. 1826), als St. Halle bereits wieder verlassen hatte. Er war, dem Rufe seines alten Rectors und Gönners folgend, trotz der ihm von Niemeyer eröffneten günstigen Aussichten im Februar 1820 nach Leipzig an die Thomasschule zurückgekehrt, der er von nun an bis an seinen Tod angehört hat. Zunächst trat er in die vierte ordentliche Lehrerstelle ein, wurde aber bereits 1822 in die dritte befördert; im April 1832 wurde er Conrector und endlich am 18. Mai 1835 in das Rectorat der Schule eingeführt. Dieses Amt hat er mit besonderer Auszeichnung über 25 Jahre geführt; vom Jahre 1840 an war er gleichzeitig außerordentlicher Professor an der Leipziger Universität. Auch in diesem Nebenamte, welches er am 12. December 1840 mit der Vertheidigung seiner Inauguralschrift „Diatribe in Platonis Politicem“ antrat, hat er durch zahlreich besuchte Vorlesungen (über Plato, Aristophanes, Horaz u. A.), sowie namentlich auch durch die Leitung lateinischer Disputirübungen eine überaus segensreiche ununterbrochene Wirksamkeit ausgeübt. Ueberhaupt war seine Lehrbegabung eine ganz besonders hervorragende: mit der Fülle der ausgebreitetsten Gelehrsamkeit verband sich bei ihm eine große Frische und Lebendigkeit des Vortrags und ein seltenes Geschick, die Aufmerksamkeit seiner Schüler und Zuhörer zu fesseln, ihren Verstand und ihren Geschmack gleichmäßig zu bilden. Eine ungewöhnliche Gabe der Beredtsamkeit unterstützte ihn hierbei ganz wesentlich; in lateinischer wie in deutscher Sprache beherrschte er die freie Rede meisterhaft. Seine ganze Wirksamkeit als Lehrer, Erzieher und Director war von dem Geiste des Wohlwollens und echter Menschenliebe durchweht; seine Schüler, wie seine Amtsgenossen fühlten sich von ihm gefördert und gestützt; nach allen Richtungen hin hat die Zeit seines Rectorats eine der Glanzperioden in der Geschichte der Thomasschule gebildet.

    Neben dieser ausgezeichneten schulmännischen und akademischen Thätigkeit trat bei St. die gelehrte Forschung in den Vordergrund; vornehmlich haben seine platonischen Studien seinem Namen einen dauernden Ruhm begründet. Außer den gelehrten Bearbeitungen einzelner platonischer Dialoge (Euthyphron 1823, Menon 1827 und 1839) und namentlich der grundlegenden großen Ausgabe des Parmenides mit dem Commentar des Proclus (1839), sowie der ohne Nennung seines Namens erschienenen Ausgaben der Apologie (1824), der Neubearbeitung des Dan. Wyttenbach'schen Phaedon (1825) und des F. A. Wolf'schen Symposion (1828) und der für Schulzwecke bestimmten Delectus dialogorum von 1839 (Euthyphron, Apologie, Kriton und Phaedon) veranstaltete er eine doppelte Gesammtausgabe der sämmtlichen Werke Platon's. Die erste derselben, 1821—1825 in 12 Bänden erschienen, bot eine neue Textrecension mit kritischem Apparate; die zweite war dazu bestimmt, einen Theil der Gothaer Bibliotheca Graeca zu bilden und sollte ursprünglich nur eine Anzahl von Dialogen umfassen, wurde aber allmählich zu einer Gesammtausgabe erweitert, die in den Jahren 1827—1860 in zehn Bänden — jeder Band in zwei bis drei Abtheilungen — ans Licht trat. Bei Lebzeiten Stallbaum's hatten die Einzelabtheilungen zum größeren Theile mehrfach, einige schon zum vierten Male, neu aufgelegt werden müssen. Diese Ausgabe umfaßt außer einer nochmaligen Textrecension ausführliche Prolegomena und eingehende Commentare zu den einzelnen Dialogen und ist das eigentliche wissenschaftliche Hauptwerk Stallbaum's; die Bedeutung desselben liegt jedoch weniger in der Kritik, als in der Exegese, für welche es von grundlegender Bedeutung ist und bleiben wird. Neben den Arbeiten für Plato liefen bei Stallbaum's vielseitigem Interesse noch umfassende Arbeiten zu anderen Schriftstellern her: 1819 und dann nochmals 1825—26 veröffentlichte er eine dreibändige Ausgabe des Herodot, 1830—31 eine sechsbändige Neubearbeitung der Terenz-Ausgabe von Westerhof mit den Commentaren des Donatus und Calphurnias. 1854 erschien eine Ausgabe des Horaz. Ein Abdruck der römischen Ausgabe des Commentars des Eustathius zur Odyssee und zur Ilias in 7 Bänden war schon 1825—30 herausgekommen, 1823 die zweibändige neue verbesserte Ausgabe von Thomas Ruddimann's Grammaticae latinae institutiones. Zu diesen zahlreichen und umfangreichen Ausgaben kamen noch die vielen kleineren Schriften, Programm-Abhandlungen, Schulreden u. a., deren — kaum vollständiges — Verzeichniß im Osterprogramme der Thomasschule von 1861 nicht weniger als 58 Nummern umfaßt. Dieselben behandeln die verschiedensten Schriftsteller des Alterthums, wie die einzelnen Seiten des Schullebens, auch Fragen der Schulpolitik; die meisten sind lateinisch geschrieben und liefern durch die Vollendung der sprachlichen Form den vollgiltigen Beweis dafür, wie wohlverdient das Ansehen war, das St. auch als Latinist genoß. — Nachdem ihm noch die Freude zu Theil geworden, sein 25jähriges Jubiläum als Rector der Thomasschule, der ja fast sein ganzes Leben angehört hatte, und auf die der Glanz seines Namens zurückstrahlte, unter ganz besonderen Ehren am 18. Mai 1860 gefeiert zu sehen, starb er am 24. Januar 1861.

    • Literatur

      Nekrolog von C. H. A. Lipsius im Osterprogramme der Thomasschule von 1861, S. 18—28; daselbst S. 20—22 ein Schriftenverzeichniß, S. 1—17 Stallbaum's letzte — nachgelassene —
      lateinische Schulrede. —
      Brockhaus' Conversations-Lexikon und Leipziger Tageblatt 1861, Nr. 51. —
      Augsb. Allgem. Zeitung 1861, Beilage zu Nr. 29. — Bursian, Gesch. d. Philolgie. S. 858.

  • Autor/in

    R. Hoche.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hoche, Richard, "Stallbaum, Johann Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 422-423 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117206407.html#adbcontent

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