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Pfleiderer, Karl Georg
Politiker, Diplomat,
* 10.5.1899 Stuttgart,
† 8.10.1957 Bonn.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Nachlass
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Karl Georg (1861–1931), Privatier in
St., erwarb 1908 d. Landgut Burg
b. Beutelsbach (heute Weinstadt),
S d. Johann Georg (1833–1917), Gastwirt in Esslingen/Neckar, u. d. Johanna Karoline Gauß (1829–94);
M Julie Mathilde (1868–1933),
T d. Johann Michael Hinderer (1836–95),
Metzgermstr. in
St., u. d. Karoline Rosine Plag (1844–1903);
Schw Elisabeth Maria (1894–1969,
⚭ Wilhelm Erich Grünenwald, 1686–1984,
Kaufm. u. Landwirt auf Landgut Burg); ledig.
Leben ↑
P. besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart. 17jährig meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und wurde als Kavallerist in den Südvogesen eingesetzt; vom Feld aus absolvierte er im Mai 1918 das Abitur. Nach Kriegsende studierte er in Tübingen, Leipzig und München Jura und Staats Wissenschaften; in den Semesterferien arbeitete er beim Deutschen Generalkonsulat in Mailand. Nach der Referendariatsprüfung erhielt er 1923 eine Stelle beim Auswärtigen Amt (
AA) in Berlin. Im April 1925 wurde er in Tübingen zum
Dr. iur. promoviert; an der
Univ. Berlin erlernte er östliche Sprachen, insbesondere die chinesische, und im Februar 1926 bestand er die diplomatisch-konsularische Abschlußprüfung. Anschließend war
P. Legationssekretär an der Deutschen Gesandtschaft in Peking und Moskau, danach Vizekonsul in Leningrad und Kattowitz, schließlich Gesandtschaftsrat in Paris. Während des 2. Weltkriegs kritisierte
P. in seiner Stellung als Vertreter des
AA beim Oberkommando der 17. Armee im Kaukasus die Rußlandpolitik des
AA, das sich nach einiger Zeit weitere Ratschläge verbat. Das Kriegsende erlebte er als Generalkonsul in Stockholm. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde
P. von den
brit. Besatzungstruppen in Schleswig-Holstein 16 Monate lang inhaftiert.
Im März 1947 kehrte
P. auf das Landgut Burg zurück, das er nun als Weingärtner bewirtschaftete. Am 20.1.1948 wählte ihn der Waiblinger Kreistag zum Landrat. Bei der Bundestagswahl 1949 kandidierte er im Wahlkreis Waiblingen als parteiloser Kandidat auf der Liste der FDP/DVP, nachdem ihm die Partei zugesichert hatte, daß er „im Falle einer Wahl durchaus überparteilich bleiben könne und keinem Fraktionszwang unterworfen sei“.
P. gewann das Direktmandat, das er 1953 verteidigen konnte, obwohl die FDP/DVP, der er im Januar 1952 beigetreten war, im Wahlkreis bei den Zweitstimmen hinter der
CDU und
SPD lag. Am 6.6.1952, wenige Tage nach der Unterzeichnung des Generalvertrags und des EVG-Vertrags und drei Monate nach Stalins Note zur deutschen Wiedervereinigung, stellte
P. in einer Waiblinger Rede sein Wiedervereinigungskonzept vor, das als „Pfleiderer-Plan“ viel Beachtung fand. Im Gegensatz zur Bundesregierung war
P. der Auffassung, daß man die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion berücksichtigen müsse; diese werde eine uneingeschränkte Westbindung eines wiedervereinigten Deutschlands keinesfalls akzeptieren. Sein Plan sah einen Rückzug der Alliierten auf jeweils einen Brückenkopf im Westen und Osten vor, dazwischen solle der größte Teil Deutschlands bewaffnet, aber militärisch neutral sein. Während der baden-
württ. Ministerpräsident Reinhold Maier (FDP/DVP) den Pfleiderer-Plan begrüßte, stieß dieser im Bundesvorstand der
FDP auf Ablehnung. Als einziger
FDP-Abgeordneter stimmte
P. in der entscheidenden Dritten Lesung am 19.3.1953 gegen Generalvertrag und EVG-Vertrag. In der Haushaltsdebatte am 7.4.1954 for
|derte
P. die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion, zu China und anderen Ostblockstaaten; der Bundesvorstand der
FDP begrüßte diese Forderung, da so der Wiedervereinigung gedient und die Frage der Kriegsgefangenen abgeschlossen werden könne.
Im September 1955 wurde
P. Botschafter in Jugoslawien, Als Jugoslawien im September 1957 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur
DDR vorbereitete, drohte die Bundesregierung aufgrund der von Staatssekretär Walter Hallstein (1901–82) entwickelten Doktrin, wonach kein Staat gleichzeitig diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik und zur
DDR unterhalten könne, mit einem Abbruch der Beziehungen.
P. versuchte dies abzuwenden. Am Vormittag des 8.10.1957 hatte er ein Gespräch mit Hallstein. Wenige Stunden später erlitt er einen Herzinfarkt, an dem er verstarb. Die Beziehungen zu Jugoslawien wurden am 19.10.1957 abgebrochen und erst 1968 wieder aufgenommen.
Werke ↑
Pfleiderer-Wappen,
o. J. (
ca. 1925);
Die intemat. Abmachungen
z. Schutz d. gewerbl. Arbeiterinnen,
Diss. Tübingen 1925;
Ostasienfahrt 1926, in: Fam.bl. d. Pfleiderer 6 f., 1927 f.;
Otto Pfleiderer,
ebd. 14, 1931;
Landrat Dr.
P. antwortet, in: Neue Waiblinger
Kreisztg. v. 10.8.1949;
Gefahren f. d.
BT, in:
Dt. Ztg. u.
Wirtsch.ztg. v. 14.12.1949;
Des Vogels Tritt im Schnee, in: Allegretto – eine weltfreudige Komposition f. d. Dame, 1953;
Pol. f.
Dtld., Reden u.
Aufss. 1948-1956, 1961
(P).
Literatur ↑
Der Spiegel 23, 1954
(P);
Per Fischer, in:
Dt. Rdsch., 1961, S. 560-64;
F. Eisenkrug, in: Liberal 1/2, 1965, S. 45-49
(P);
Reinhold Maier, Erinnerungen, 1966;
M. Rehm,
P., 1967
(P);
Karl-Heinz Schlarp, Alternativen
z. dt. Außenpol. 1952-1955,
P. u. d. „
Dt. Frage“, in: Aspekte
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Jh., hg
v. W. Benz u. H. Graml, 1976;
H.-D. Genscher, Adenauer u. d. Ost- u. Dtld.
pol. d. Freien Demokraten, in: K. Adenauer u. seine Zeit, I, hg v D. Blumenwitz
u. a., 1976;
K. Scholder. P., 1979;
P. März, Die Bundesrep.
zw. Westintegration u. Stalin-Noten, 1982;
K.-J. Matz, Reinhold Maier, 1989;
M. Anic de Osona, Die erste Anerkennung d.
DDR, 1990, S. 21-58;
FDP-Bundesvorstand Sitzungsprotokolle 1949-1967, 1990 f.,
Bde. 1 u. 2;
H.-E. Volkmann. Die
innenpol. Dimension Adenauerscher
Sicherheitspol. in d. EVG-Phase, in: Anfänge westdt.
Sicherheitspol.,
hg. v. Mil.geschichtl. Forsch.amt, II, 1990;
M. Bockheim, Die wirtschaftl. u.
pol. Beziehungen
zw. d. Bundesrep.
Dtld. u. Jugoslawien 1949-1957. in: Südosteuropa, 1992, S. 569-612;
Chr. Brauers, Liberale Dtld.
pol. 1949-1969, 1993, S. 53-60;
H. H. Jansen,
P.s Gegenentwürfe
z. Dtld.
pol. Adenauers, in:
Hist.-
Pol. Mitt., 1997, S. 35-73.
|Nachlass ↑
Nachlaß: BA Koblenz.
Autor ↑
Martin JungEmpfohlene Zitierweise ↑
Jung, Martin, „Pfleiderer, Karl Georg“,
in: Neue Deutsche Biographie
20
(2001), S.
351-352
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd116167971.html