Name
Schleyer, Hanns-Martin
Namensvarianten
Schleyer, Hanns M.; Schleyer, Hanns-Martin; Schleyer, Hans Martin; Schleyer, Hans-Martin
Lebensdaten
1915 bis 1977
Geburtsort
Offenburg
Sterbeort
Mülhausen (Elsaß)
Beruf/Lebensstellung
Industrieller; Verbandsfunktionär
Konfession
katholisch
Autor NDB
Werner Plumpe
Autor ADB
-
GND
118608142

Schleyer, Hanns-Martin

Industriemanager, Verbandsfunktionär, * 1.5.1915 Offenburg, (ermordet) 18.10.1977 Mülhausen (Elsaß).

  • Genealogie

    V Ernst (1882–1959, kath., dann konfessionslos), Richter, 1936 Landger.rat in Konstanz, 1941 Landger.dir. ebd., S d. Julius, Lehrer in Meersburg; M Helene Reithinger (1883–1979); Schw Ursula (1919–44); Ur-Gr-Ov Johann Martin (s. 1) – München 1939 Waltrude (* 1916). Krankengymnastin, T d. Emil Ketterer (1883–1959), Dr. med., 1933 Chef d. Sanitätswesens d. SA, Leiter d. dt. Sportärzteverbands, 1936 Vorstand d. Sportver. TSV 1860 München, Stadtrat in München (NSDAP) (s. Wi. 1935), u. d. Anneliese N. N.; 4 S u. a. Hanns-Eberhard (* 1944, Mareike Dröghoff, Dipl.-Volkswirtin), Jur., 1978 Staatssekr. in Rheinland-Pfalz, 1981-88 Leiter d. Staatskanzlei ebd., Gen.sekr. d. Zentralverbands d. Dt. Handwerks (s. Munzinger).

  • Leben

    S. besuchte das Gymnasium in Rastatt (Abitur 1933) und trat 1931 in die HJ ein. Seit 1933 studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Heidelberg und wurde an der Univ. Innsbruck 1939 zum Dr. iur. promoviert. Ein Zweitstudium der Volkswirtschaftslehre beendete er 1941 an der Univ. Prag. 1933 trat der Corpsstudent (Corps Suevia Heidelberg) der SS (Mitgl.nr. 227 014) bei. Das Corps verließ S. 1935 im Streit um die Diskriminierung jüd. Corps-Studenten, die er befürwortete. Er wurde 1936 Leiter des Heidelberger NS-Reichsstudentenwerks und Beauftragter des Sicherheitsdiensts (SD) der SS für den Universitätsbereich und 1937 NSDAP-Mitglied. In diesen Funktionen war S., der sich bereits 1938 als „alter Kämpfer und SS-Führer“ bezeichnete, maßgeblich an der „Gleichschaltung“ der Universitäten Heidelberg und Freiburg beteiligt. 1938 wurde er als SS-Untersturmführer Assessor bei der Polizeidirektion Innsbruck. Auch hier leitete er das NS-Reichsstudentenwerk, 1939 wechselte S. in die gleiche Funktion an der Univ. Prag. Reinhard Heydrich unterstellte ihn als SS-Hauptsturmführer 1941 direkt dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Möglicherweise steht dies im Zusammenhang mit S.s Entlassung aus der Wehrmacht 1941, der er seit 1940 in der 6. Gebirgsjäger-Division angehört hatte. Seit 1941 leitete S. das Präsidialbüro des „Zentralverbandes der Industrie in Böhmen und Mähren“. In dieser Funktion trug er zur Eingliederung der tschech. Industrie in die dt. Kriegswirtschaft bei.

    Nach der Entlassung aus der US-Kriegsgefangenschaft war S. 1945-48 von der franz. Besatzungsmacht interniert, 1948 wurde er als „Mitläufer“ eingestuft. 1949 trat er als Leiter des Außenhandelsbüros in die Industrie- und Handelskammer Baden-Baden ein. Möglicherweise über alte Corpsverbindungen gelangte er 1951 in die Personalabteilung der „Daimler-Benz AG“, der er bis zu seinem Tod angehörte. 1959 übernahm S. das Vorstandsressort für das Personal-, Sozial- und Bildungswesen. 1962-73 war er Vorsitzender des „Verbandes der Metallindustrie Baden-Württemberg e. V.“, seit 1965 Vizepräsident der „Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände (BdA)“, seit 1973 deren Präsident. 1977 übernahm er zusätzlich das Präsidentenamt im „Bundesverband der Dt. Industrie (BDI)“. S. saß in insgesamt 17 Aufsichtsräten dt. Unternehmen. Als Verhandlungsführer in den Tarifkonflikten mit der IG-Metall galt er als harter Interessenvertreter, der vor zu großem gewerkschaftlichem Einfluß warnte, die paritätische Mitbestimmung ablehnte und auch vor direkten Konfrontationen mit den Gewerkschaften im Arbeitskampf nicht zurückscheute. Er war jedoch kein Vertreter traditioneller patriarchalischer Unternehmenskonzeptionen, sondern setzte stärker auf Kooperation und Teamarbeit im Unternehmen und plädierte für eine flexible und offene Führungskultur.

    Die Führungsposition in beiden wirtschaftlichen Spitzenverbänden machte S. zur Zielscheibe einer Agitation, die mit Unterstützung der Staatssicherheit der DDR, die einem dt. Publizisten Dokumente zuspielte, seine Nazivergangenheit öffentlich machte. S. wurde am 5. Sept. 1977 in Köln von „RAF“-Terroristen entführt, um die in Stammheim inhaftierten „RAF“-Mitglieder freizupressen. Nach der Befreiung der Geiseln aus der Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadischu am 17. Okt. 1977 und dem darauffolgenden Selbstmord der Stammheimhäftlinge wurde S. nach 43 Tagen Haft von seinen Entführern erschossen, seine Leiche fand man einen Tag später in Mülhausen (Elsaß).

    • Auszeichnungen

      Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung (1977); Hanns-Martin Schleyer-Preis (1982).

    • Werke

      Das soziale Modell, 1973, 51978.

    • Literatur

      F. Lüttgens, H. M. S., Eine Verkörperung d. Soz. Marktwirtsch., Diss. Würzburg 1987 (ungedruckt);  K. Pflieger, Die Aktion 'Spindy', Die Entführung d. Arbeitgeberpräs. Dr. H.-M. S., 1997;  P. J. Boock, Die Entführung u. Ermordung d. H.-M. S., Eine dokumentar. Fiktion, 2002 (Film);  L. Hachmeister, S., Eine dt. Gesch., 2004 (Porträt)Baden-Württ. Biogrr. I, 1994.

  • Autor

    Werner Plumpe
  • Empfohlene Zitierweise

    Plumpe, Werner, "Schleyer, Hanns-Martin" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 71 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118608142.html
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Schleyer, Hanns-Martin