<< Scheibe, Günter
Scheibel, Johann Gottfried >>
Scheibe, Richard Friedrich Paul
Bildhauer,
* 19.4.1879 Chemnitz,
† 6.10.1964 Berlin. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Nachlass
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Albert Bruno (1846–1933),
sächs. Offz.,
S d. Karl Friedrich (1812–69), aus Gera,
Philol.,
Prof. am
Gymn. Carolinum in Neustrelitz (
Meckl.), 1856 am Vitzthumschen Gymnasium in Dresden, 1861
Dir. dess. (s.
ADB 30), u. d. Ida Adelheid Schenk (1814–86);
M Isidora (1853–1924),
T d. Carl Hermann Rau (1817–69),
Dr. iur., Reg.assessor, u. d. Pauline Uhlmann (1826–1907); ledig;
N Erhard (
* 1927), Wiss.philos.,
o. Prof. in Göttingen 1964, in Heidelberg 1983,
Mitgl. d. Göttinger
Ak. d. Wiss. 1977 u. d.
Ac. Internat. Philos. Sciences, Brüssel 1981,
korr. Mitgl. d.
Ak. d. Wiss. u.
Lit., Mainz 1981 (s.
Kürschner, Gel.-Kal. 2003;
L).
Leben ↑
S. erhielt schon als Schüler am Vitzthumschen Gymnasium in Dresden privaten Zeichenunterricht; 1896-99 studierte er an der Akademie in Dresden Malerei,
v. a. bei Leon Pohle (1841–1908). Anschließend besuchte er in München die Privatschule von Heinrich Knirr (1862–1944) und verbrachte fast zwei Jahre in Italien. 1904 zog er nach Berlin, wo er mit Georg Kolbe (1877–1947) eine lebenslange Freundschaft schloß. Wie dieser wandte er sich von der Malerei ab und der Bildhauerei zu. Mit dem jungen Gerhard Marcks (1889–1981) teilte er etwa 1908-14 das Atelier; gemeinsam eigneten sich beide autodidaktisch die bildhauerischen Techniken an.
S. konzentrierte sich bis Mitte der 20er Jahre auf die Tierplastik; es entstanden aber auch erste Porträts, so
z. B. das Bildnis der französ. Chansonsängerin Yvette Guilbert (1910–11, Berlin, Georg-Kolbe-
Mus.) und einige menschliche Gestalten in elegant stilisierten, expressionistischen Formen. Auch Architekturplastik war im Frühwerk von Bedeutung; mehrfach arbeitete er mit seinem Freund Walter Gropius (1883–1969) zusammen (Reliefs am Verwaltungsgebäude d. Musterfabrik d. Werkbundausstellung Köln, 1914). 1914-18 nahm er als Offizier am 1. Weltkrieg teil und war
v. a. an der Ostfront eingesetzt.
1922 führte er für das Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst von Peter Behrens (1868–1940) seine erste Großplastik aus: die Gestalt eines Arbeiters als Gefallenendenkmal. 1925 an die Kunstschule in Frankfurt/M. berufen, behielt
S. deren reformiertes Programm insbesondere in Hinblick auf die Zusammenarbeit von Meister und Schülern lebenslang bei. Der Beginn der Lehrtätigkeit fiel mit einem Stil- und Themenwechsel zusammen.
S. setzte sich erstmals mit seinem späteren Arbeitsschwerpunkt, der Aktfigur, auseinander, und stellte sie relativ naturnah und lebendig bewegt dar. Ein Hauptbeispiel dafür bildet die männliche Gestalt, die 1926 als Friedrich-Ebert-Denkmal an der Frankfurter Paulskirche aufgestellt wurde (heute Frankfurt, Histor.
Mus.). Im Frühjahr 1933 aus dem Lehramt entlassen, wurde
S., der sich weder künstlerisch noch politisch exponiert hatte, im Oktober wiederberufen. In seinem herb verhaltenen Stil, den er um 1930 entwickelt hatte, gestaltete er 1935 für die
IG Farben in Frankfurt/M. das Denkmal „Befreite Saar“, eine strenge, fast männlich wirkende Frauenfigur in langem Gewand. Gesprengte Ketten verweisen auf den Titel. Die Statue wurde in der
NS-Zeit häufig abgebildet.
1936 kehrte
S. nach Berlin zurück und übernahm ein Meisteratelier an der Akademie der Künste, wo er bis Kriegsende unterrichtete. 1945 wurde er an die Hochschule für bildende Künste, Berlin, berufen. Nach seiner Emeritierung 1951 behielt er sein Hochschulatelier und unterrichtete hier bis zu seinem Lebensende. Zu den bedeutenden Aufträgen dieser Zeit gehört das Denkmal für den Widerstand des 20. Juli (1952–54, Berlin, Gedenkstätte Stauffenbergstr.).
S. gestaltete hierfür eine ideale Jünglingsfigur, mit der er menschliche Würde und Verantwortung zum Ausdruck bringen wollte. Idealistischer Ge
|halt und beruhigte Form sind charakteristisch für seinen in den 30er Jahren einsetzenden Spätstil
|Auszeichnungen ↑
Ehrenbürger
v. Chemnitz (1949); Dr.
h. c. (
FU Berlin 1950);
BVK (1951); Berliner Kunstpreis (1952); Gr.
BVK (1953); Goethe-Plakette Frankfurt/M. (1954);
o. Mitgl. d.
Ak. d. Künste, Berlin-West (1955) u. d.
Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1959); Ehrensenator d. Hochschule f. bildende Künste, Berlin (1959); Kulturpreis d. Stadt Goslar (1959).
Werke ↑
Weitere W
Einzug (Reitender Christus), 1921 (Chemnitz, Kunstslgg.);
Schwestern, 1929, Morgenröte, 1937 (beide Mannheim, Kunsthalle);
Ehrenmal Frankfurt-Sindlingen, 1932;
Gartenfigur. 1932 (Hamburg, Villa Reemtsma);
Ebert-Denkmal, 2. Fassung, 1950 (Frankfurt/M., Paulskirche);
Narziß, 1953 (Köln,
Mus. Ludwig);
Fortuna, 1955/56 (Berlin, Schloß Charlottenburg);
Gedenktafel f. (ohn F. Kennedy, 1964 (Berlin, Rathaus Schöneberg);
–
Bronzebüsten u. a. K. Schmidt-Rottluff, 1948 (Chemnitz, Kunstslgg.);
Friedrich Meinecke, 1950 (
FU Berlin, Friedrich-Meinecke-
Inst.);
Ernst Reuter, 1954 (Berlin, Ernst-Reuter-Haus, Str. d. 17. Juni);
–
Schr.: Dem Werk Georg Kolbes, Ein Bekenntnis zur Plastik, 1931;
|Nachlass ↑
Nachlaß: Berlin, Georg-Kolbe-
Mus.Literatur ↑
FAZ v. 12.10.1964;
F. Wiehert, R.
S., Kunst u. Künstler 30, 1931/32, S. 21 ff.;
B. Kroll, R.
S., Ein
dt. Bildhauer, 1939;
R. S.,
Ausst.kat. Berlin 1949;
E. Redslob, R.
S., 1955;
R. S.,
Ausst.kat. Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1959;
M. George, Der Bildhauer R.
S.,
Diss. Leipzig, 1961
(ungedr.);
R. S.,
Ausst.kat. Berlin 1979;
R. S.,
Ausst.kat. Chemnitz 2003;
U. Berger (
Hg.), Nymphe u. Narziss, Der Bildhauer R.
S. (1879-1964),
Ausst.kat. Berlin 2004
(P);
ThB;
Vollmer;
Frankfurter Biogr.;
Dict. of Art;
Munzinger;
–
zu Erhard:
Physik,
Philos. u. d. Einheit d. Wissenschaften, Für E.
S.,
hg. v. L.
Krüger u. a., 1995.
Portraits ↑
Gem. v. A. Partikel, 1919 (
Privatbes., Leihgabe Chemnitz.
Städt. Kunstslgg.);
Bronzebüsten, Selbstbildnisse, 1931, 1946, 1949 (alle Chemnitz,
Städt. Kunstslgg.);
Abb. d. Selbstbildnisses
v. 1931 in:
Ausst.kat. 2004 (s.
L).
Autor ↑
Ursel BergerEmpfohlene Zitierweise ↑
Berger, Ursel, „Scheibe, Richard Friedrich Paul“,
in: Neue Deutsche Biographie
22
(2005), S.
622-623
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118754327.html