<< Oelze, Richard
Oeri, Albert >>
Oer, von, Ritter, Freiherren (seit 1677).
(lutherisch und katholisch)
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Leben ↑
Die Ursprünge der Familie sind in einer Villikation gleichen Namens (später „Reichshof'
gen., heute Stadtteil von Oer-Erkenschwick
b. Recklinghausen) zu suchen, wo durch Grabungen 1964 Fundamente einer Turmhügelburg (Motte) nachgewiesen wurden. Nach der Tradition von Karl
d. Gr. zum Schutz der Lippestraße angelegt, gelangte der Oberhof Oer mit seinen
ca. 80 Unterhöfen in
kurköln. Besitz und ist seit dem 12.
Jh. als domkapitularische Grundherrschaft nachweisbar. Die früheste Erwähnung eines
Henricus de Ore weist ihn 1189 als Zeugen der Beilegung von Streitigkeiten des Kölner Stifts
St. Gereon mit seinen Zehntpflichtigen nach. Die Stammreihe beginnt 1204 mit der erblichen Übertragung des – wohl schon vorher von der Familie innegehabten – Schultheißenamtes zu Oer an
Gottfried durch das Kölner Domkapitel. Die
O. zählen zu den Ministerialen des Vestes Recklinghausen. Mehrere Töchter traten in das Zisterzienserinnenkloster Flaesheim ein. Im 14. und 15.
Jh. sind Mitglieder der Familie Marschälle und Landdrosten im
kurköln. Hzgt. Westfalen und im Vest Recklinghausen. 1389 wurde Oer Pfand- oder Eigenbesitz des
Heidenreich, der nun auf der nahe gelegenen Horneburg saß. Anstrengungen seines Sohns
Heinrich eine vom Landesherrn unabhängige Herrschaft aufzurichten, scheiterten 1410 mit der Einnahme der Horneburg durch die gegen ihn Verbündeten, den Kölner Erzbischof Dietrich
v. Moers und Adolf
Gf. v. Kleve und Mark. Eine 1417 von Kaiser Sigismund erwirkte Übertragung des hohen Gerichts auf der Horneburg wurde widerrufen. Heinrich mußte sich 1418 erneut unterwerfen, die Familie verlor alle Besitzungen im Vest Recklinghausen. Er und seine Nachkommen saßen danach auf den Hoch
|stift-Münsterischen Burgen Rauschenburg nördlich der Lippe und, nachdem sie 1436 auch von dort durch den Kölner Erzbischof vertrieben worden waren, auf Kakesbeck
b. Lüdinghausen. Von hier stammte der durch das „eiserne Halsband“, das ihm 1520 bei einer Fehde umgelegt wurde, bekannt gewordene
Lambert. Einer seiner Söhne erheiratete um 1500 den Osnabrücker Rittersitz Bruche. Von dort aus erwarben die
O. weitere Rittergüter im Hochstift Osnabrück. Im 16. und 17.
Jh. hing die Familie zumeist dem
luth. Bekenntnis an. Aus Bruche stammte
Hermann Philipp (
† 1703), der sich als
hann. Generalleutnant in
venezian. Diensten gegen die Osmanen auszeichnete. Mitglieder der Familie wurden Drosten zu Iburg, Grönenberg, Delmenhorst und Reckenberg sowie Domherren in Osnabrück, aber auch in Münster, Minden und Paderborn. Stiftsdamen werden in den Listen der Damenstifte Cappel, Freckenhorst, Hohenholte und Herzebrock geführt. Die meisten der im Hochstift Osnabrück gelegenen Güter fielen in der 2. Hälfte des 18.
Jh. durch Heirat des
Frhr., später
Gf. Georg Heinrich
v. Münster (1721–73) an diese Familie; seine Nachkommen nennen sich seither auch Freiherren
v. Oër. Es fehlen nähere Informationen über den 1677 in den Freiherrenstand erhobenen
Burchard, dessen Deszendenz ausstarb.
Von einem Wiedenbrücker Burgmannshof aus erwarb
Ludolf 1458 Haus Nottbeck im münster. Amt Stromberg. Hier wurden der als Dichter und Schriftsteller wirkende Jurist und zeitweilige Bürgermeister von Plaue,
Maximilian (1806–46, s.
ADB 24; Brümmer;
Kosch, Lit.-Lex.3;
W) und der Historien-, Portrait- und Landschaftsmaler
Theobald Reinhold (1807–85, s.
W, L, P) geboren. Er verlor zwölfjährig durch Krankheit sein Gehör und weitgehend auch die Sprache. 1826-36 studierte er an der Dresdener und an der Düsseldorfer Kunstakademie unter Friedrich Matthäi und Wilhelm Schadow. 1836-39 unternahm er eine Reise durch Belgien, Frankreich, Italien und Nordafrika und hielt sich etwa zwei Jahre in Rom auf. 1839 ließ er sich in Dresden nieder und lehrte an der Kunstakademie. Er schuf
u. a. eine Reihe bemerkenswerter Familienportraits. Von den acht Kindern des Malers aus seiner Ehe mit Marie Ernestine Schumann wurde die Tochter,
Anna Maria (1846–1929, s.
ThB;
P), Schülerin ihres Vaters und Ernst Degers, als Malerin von Bildern vorwiegend religiösen Inhalts bekannt. Sein Sohn
Alexander (1841–96, s.
BJ I, S. 366 f.) wurde nach einem ingenieurwissenschaftlichen Studium Professor für Straßen- und Eisenbahnbau und zweiter Rektor der
TH Dresden (1896).
Ernst (1845–1925, s.
Kosch, Lit.-Lex.3;
BBKL;
W), zunächst Offizier und Prinzenerzieher am
sächs. Hof, schrieb als Benediktiner im Kloster Beuron unter seinem Klosternamen
Sebastian mehrere, zum Teil weit verbreitete Bücher geistlichen Inhalts.
Franz (1852–1930, s.
ÖBL;
W) erwarb an der Gregoriana den
Dr. iur. can., wurde Domherr, 1918 Domdechant in Graz und verfaßte Studien vor allem zur Kirchengeschichte von Graz und der Steiermark. Aus der Egelborger Linie sind
Clemens (1895–1976), 1946-49 Regierungspräsident in Münster, 1949-60 mit der treuhänderischen Verwaltung des Reichsnährstandsvermögens beauftragt,
Antonius (1896–1968), 1955-68 Präsident des
westfäl.-
lipp. Landwirtschaftsverbandes, Brigadegeneral
Dr. rer. nat. Adrian (
* 1924) und
Dr. phil. Rudolfine (
* 1930, s.
W), Professorin für Geschichte und ihre Didaktik an der
Univ. Münster, zu nennen.
Werke ↑
zu Theobald Reinhold:
Reisetagebuch (um 1838, mit F. Matthäi);
Bilder u. Zeichnungen in Dresden, Braunschweig, Münster;
–
zu Max: Meteoriden, 1835;
Balladen u. Romanzen, 1837;
Erzz., 1837;
–
zu Sebastian: Ein Tag im Kloster, 1897,
161921;
Erzabt Placidus Wolter, 1909,
41917;
Das Vater Unser 1910, 12. Tausend 1924;
Wer da?, 1911, 31. Tausend 1916;
Der Ahnen Wert 1913, 18. Tausend 1920;
Das Tagebuch meiner Mutter, 1919, 11. Tausend 1922;
–
zu Franz: Fürstbf. Johannes Baptist Zwerger
v. Seckau, 1897;
Die Grazer Domkirche u. d. Mausoleum Ferdinands II., 1915;
Das Bruderschaftswesen d. Diözese Seckau, 1919;
–
zu Rudolfine: Der Friede
v. Preßburg, 1965;
Der Münster. „Erbmännerstreit“, Zur Problematik
v. Revisionen reichskammergerichtl. Urteile, 1998.
Literatur ↑
Zedler 25,
Sp. 760;
H. Pennings,
Gesch. d. Stadt Recklinghausen, I, 1930;
M. Liebmann, Die Domherrn
v. Graz-Seckau, 1987;
W. Laukemper, Gut Nottbeck, Hauptsitz d.
Rr. v. O. (voraussichtl. 1998);
GHdA Freiherrl. Häuser XIX, 1996, S. 193-203;
–
zu Theobald Reinhold:
R. Fritz, in:
FS Eduard Trautscholdt,
hg. v. H. Ladendorf, 1965, S. 187-92;
W. Schulte, Westfäl. Köpfe, 1963;
ThB.
|Quellen ↑
Qu Archiv d. Freiherren
v. O. zu Egelborg.
Portraits ↑
zu Theobald Reinhold:
Ölgem. v. Anna Maria
v. O. (Dresden,
Gem.gal.).
Autor ↑
Rudolflne Freiin von OerEmpfohlene Zitierweise ↑
Oer, Rudolfine Freiin von, „Oer, von, Ritter, Freiherren.“,
in: Neue Deutsche Biographie
19
(1998), S.
446 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd121605043.html