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August Wilhelm
Leben
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Leben ↑
August Wilhelm,
Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, geb. 8. März 1662 als dritter Sohn des Herzogs
Anton Ulrich und der Herzogin Elisabeth Juliane, † 1731. Durch den 22. Aug.
1676 erfolgten Tod seines älteren Bruders August Friedrich
(s. d.) erhielt er die Aussicht auf die einstige
Regierungsnachfolge. Bach Beendigung seiner Erziehung hielt er
sich unter Leitung seines Gouverneurs, eines Herrn von
Falkenstein, anderthalb Jahre hindurch in Genf auf, bereiste dann
Frankreich und die Niederlande und kehrte darauf nach Wolfenbüttel
zurück, wo er in Zurückgezogenheit lebte, da der Vater ihn von
jedem Einfluß fern hielt. Aug. Wilhelm war bereits 52 Jahre alt,
als er 1714 die Regierung antrat, welche er 17 Jahre hindurch nur
dem Namen nach führte. Gutmüthig, genußsüchtig, durch frühe
Ausschweifungen geschwächt, hatte er vom Vater wol dessen Sinn für
äußere Prachtentfaltung, aber nicht dessen Energie, Ehrsucht und
Gelehrsamkeit geerbt. Eine glänzende Umgebung liebend, leutselig
und sanftmüthig, ohne jede Leidenschaft, aber auch ohne alle
Thatkraft, beschäftigte er sich mit mathematischen und
mechanischen Studien, und überließ die Regierung seinen Räthen und
Günstlingen. Vom Vater übernahm er dessen einflußreichen Kanzler
Philipp Ludwig Probst von Wendhausen, der die Regierung mit
starker Hand geführt. Als dieser am 18. Nov. 1718 im 86. Jahre
gestorben war, folgte ihm in seinem wichtigen Amte der Geheimerath
Urban Diederich Lüdecke (geb. 8. Sept.
1655, zuerst Assessor am Schöppenstuhle zu Halle, dann
1704 Geheimerath und Director des Hofgerichts und des
Consistoriums zu Wolfenbüttel, in den Adelstand erhoben und
Besitzer des Ritterguts Nieder-Sickte bei Braunschweig, † 29. Nov. 1729), der aber seinen Vorgänger
nicht zu ersetzen vermochte. — Den größten Einfluß auf den
schwachen Herzog übte dessen Günstling Konrad Detlef von Dehn,
welcher als der eigentliche Regent des Landes anzusehen war. Ein
geborener Holsteiner, Sohn eines dänischen Obersten, war er unter
Anton Ulrich als Page nach Braunschweig gekommen und war durch
Geschmeidigkeit und Willfährigkeit gegen die Launen des Herzogs
schnell in dessen Gunst gestiegen. Verheirathet mit der einzigen
Enkelin des Kanzlers Probst von Wendhausen, hatte er dessen
beträchtliche Güter ererbt und wurde für Braunschweig das, was zu
gleicher Zeit Flemming und Brühl für Sachsen waren. Seine Lust an
Aufwand und Verschwendung traf bei Herzog August Wilhelm auf ein
bereites Feld. Bei verschiedenen Gesandschaften im Haag u. s. f.
trat er auf wie der Vertreter einer Großmacht. Am 20. Febr. 1720
ward er Erbschenk von Gandersheim und 27. Sept. 1726 von Karl VI. in den Reichsgrafenstand erhoben. Sein
Palais und französ. Garten in Braunschweig ward von
zeitgenössischen Reisenden als Wunder der Bau- und Gartenkunst
gepriesen. Als der thatkräftige, redliche, aber rücksichtslose
Kammerpräsident Hieronymus von Münchhausen den vielen Mißbräuchen
freimüthig entgegentrat und strenge Ordnung einführte, wiederholt
auf Einschränkungen drang, wußte Dehn ihn beim Herzoge
anzuschwärzen, indem er sich vertrauliche Briefe Münchhausen's an
den Blankenburger Geheimerath v. Campen verschaffte, welche Klagen
über des Herzogs Prunksucht und Verschwendung enthielten. Eine
Untersuchungsbehörde unter Dehn's Vorsitz, und ein Spruch der von
dem allmächtigen Günstling abhängigen Universität Helmstedt
verurtheilten Münchhausen zum Abschied ohne Pension. Helmstedter
Referent war Augustin v. Leyser, Münchhausen's persönlicher Feind.
Des Herzogs Bruder aber, Ludwig Rudolf, Kaiser Karls VI. Schwiegervater, der die zum Fürstenthume
erhobene Grafschaft Blankenbung
|selbständig als
Reichsfürst regierte und mit dem älteren Bruder längst verfeindet
war, wußte beim Reichshofrathe das Urtheil zu erwirken, daß
Münchhausen weder den ihm ertheilten schimpflichen Abschied noch
den fiscalischen Proceß verdient habe. Als Ludwig Rudolf im J.
1731 seinem Bruder in der Regierung des Herzogthums Braunschweig
nachfolgte, ernannte er Münchhausen, der bereits Geheimerath in
blankenburgischen Diensten war, zum Premierminister; Graf Dehn
verließ darauf Braunschweig und trat in dänische Dienste. — Von
dem Vater hatte
A.
W. die Lust am Bauen und zu theatralischen
Darstellungen geerbt. Der vorzüglichste Bau, welchen er neben
vielen anderen aufführen ließ, war das neue Residenzschloß auf dem
Grauenhofe in Braunschweig, welches nach einer damals beliebten
Spielerei in Form eines W erbaut, durch
Brand am 7. Sept. 1830 vernichtet ist. — Unter seiner Regierung
erreichten die Vorstellungen in dem "Fürstlichen Opernhause auf
dem Hagenmarkte" in Braunschweig ihren Höhepunkt.
Hoftheaterintendant oder nach damaliger Benennung "Capelldirector"
war Graf von Dehn, Capellmeister, zugleich Sänger, der Componist
Georg Kaspar Schürmann, und als Sänger wirkten in der Oper
besonders die beiden später so berühmt gewordenen Componisten
Hasse und Graun. — Um den unangenehmen Eindruck zu schwächen, den
des Vaters Uebertritt zur katholischen Religion bei den streng
lutherischen Unterthanen hervorgerufen hatte, erließ U. W. bei
Antritt seiner Regierung die Verfügung, daß wöchentlich bei Hofe
und darnach im ganzen Lande über die Augsburgische Confession und
das Corpus doctrinae Julium gepredigt
werden solle, auch wurden die beiden Reformations-Jubelfeste in
den Jahren 1717 und 1730 in Braunschweig mit ganz besonderem
Glanze gefeiert. Die von seinem Vater gestiftete Ritterakademie,
welche die von ihr gehegten Hoffnungen nicht erfüllt und ihren
Zweck, viele junge reiche Edelleute nach Wolfenbüttel zu ziehen,
nicht erreicht hatte, ließ er wieder eingehen. — Im allgemeinen
kann man über die Landesadministration unter
A.
W. kein ungünstiges Urtheil fällen. Der zu starke
Militärbestand wurde vermindert, als Steuer das Stempelpapier
eingeführt. August Wilhelm starb, nachdem er noch im letzten
Lebensjahre die zwischen den Königen von England und Preußen
entstandenen Irrungen durch persönliche Vermittelung gehoben
hatte, kinderlos am 23. März 1731. Er war dreimal verheirathet, am
24. Juni 1681 mit Christine Sophie, Tochter seines Oheims Rudolf
August (geb. 2. April 1654, † 26. Jan. 1695), dann mit Sophia Amalia, des
Herzogs Christian Albrecht von Holstein-Gottorf Tochter (geb. 19.
Jan. 1670, vermählt 7. Juli 1696, † 27. Febr. 1710) und endlich mit Elisabeth
Sophie Marie, des Herzogs Rudolf Friedrich von Holstein-Nordberg
Tochter und Wittwe des Prinzen Adolf August von Holstein-Plön
(geb. 2. Sept. 1683, vermählt 12.
Sept. 1710, † 3. April 1767).
Rehtmeier's Braunschweigische Chronik. S. 1576—1585 (wo auch
die zahlreichen Medaillen abgebildet sind, welche W.
A.
auf besondere Ereignisse hat prägen lassen). —
Venturini, Handbuch der vaterländischen Geschichte, Theil 4.
Braunschweig 1809. S. 65—111, mit besonderer Darstellung der
Dehn-Münchhausen'schen Händel.
Autor ↑
Spehr.
Empfohlene Zitierweise ↑
Spehr, „August Wilhelm“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
664-665
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119502992.html?anchor=adb
August Wilhelm
Name: August Wilhelm
Lebensdaten: 1662 bis 1731
Beruf/Lebensstellung: Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel
Konfession: lutherisch?
Autor ADB:
SpehrPND: 119502992