Name
Karl
Namensvarianten
Karl von Niederlothringen; Karl <Niederlothringen, Herzog>; Karl <von Niederlothringen>
Lebensdaten
953 bis 992 oder 995
Geburtsort
Laon
Sterbeort
Orléans
Beruf/Lebensstellung
Herzog von Niederlothringen
Konfession
katholisch
Autor NDB
Theodor Schieffer
Autor ADB
v. Kalckstein.
GND
138773858

Karl

Herzog von Niederlothringen, * 953 Laon, 22.6.992/95 Orléans.

  • Genealogie

    Aus d. Geschl. d. Karolinger; V Kg. Ludwig IV. v. Westfranken ( 954), S d. Kg. Karl III. ( 929, s. NDB XI); M Gerberga ( 968/69, s. NDB VI); B Kg. Lothar v. Westfranken ( 986, 965/66 Emma, n. 988, T d. Kaiserin Adelheid [ 999, s. NDB I] aus 1. Ehe mit Kg. Lothar v. Italien [ 950]); Schw Mathilde ( 981/92, 963/66 Kg. Konrad v. Burgund, 993); Vt Kaiser Otto II. ( 983); - 1) (hypothetisch) vor 979 N. N. (Agnes?), T d. Gf. Heribert II. v. Vermandois ( 980/84), 2) (1. Ehe vorausgesetzt) vor 989 Adelheid (Richer IV 11: de militari ordine sibi imparem) (zuletzt erw. 991); S aus 1) Otto ( spätestens 1012) 991 Hzg. v. Niederlothringen, T aus 1) Gerberga ( n. 1018, Gf. Lambert v. Löwen, 1015), S aus 2) Karl (* 989, wohl unter Obhut d. B Otto); N Kg. Ludwig V. v. Westfranken ( 987), Arnulf (illegit. S Lothars), EB v. Reims ( 1021).

  • Leben

    Dem letzten Träger des karolingischen Leitnamens im westlichen, allein noch bestehenden Mannesstamm der Dynastie fiel zeitweilig eine ungewöhnliche Rolle im Reich der Ottonen zu, mit denen er durch seine Mutter verwandt war. K. beteiligte sich 976 an dem erfolglosen Versuch der Hennegauer Reginar IV. und Lambert, von Westfranken aus die ihrem Vater Reginar III. von Otto dem Großen entzogenen Besitzungen und Herrschaften auf Reichsboden zurückzuerobern. Mit seinem Bruder Lothar und der Königin Emma, die er des Ehebruchs bezichtigte, völlig überworfen, wurde K. vom westfränkischen Hofe verwiesen. Der Kaiser Otto II. nutzte diesen Zwist, um durch einen politischen Kurswechsel den Westen des Reiches zu befrieden und zu sichern: er gab an Reginar und Lambert die Familiengüter zurück und bestellte 977 K. zum Herzog von Niederlothringen – der Karolinger sollte karolingische Ansprüche auf das Stammland der Dynastie abwehren! Ob dadurch der überfallartige Angriff Lothars von 978 ausgelöst wurde, steht dahin. K. nahm im gleichen Jahre, anscheinend als Anwärter auf die Königswürde des Westreichs, am Strafzug des Kaisers teil und besetzte Laon, aber auch dieses Unternehmen blieb ohne Erfolg. In der Umgebung Ottos II. trat K. dann nicht mehr hervor; bei der interimistischen Verwaltung und Verteidigung der von seinem Bruder bedrohten Bischofsstadt Cambrai soll er sich 979 ungebührlich aufgeführt haben.

    Als nach dem Tode Ottos II. in den Jahren 984-86 der deutsche Thronstreit und die expansive lothringische Politik des Königs Lothar mit wechselnden Konstellationen ineinandergriffen, trat K., der sich wohl Hoffnungen auf ganz Lothringen machte, auf die Seite seines Bruders, zuerst für Otto III. und gegen Heinrich d. Zänker von Bayern, dann in umgekehrter Front. Er gewann auf diese Weise Einfluß bei Lothar und noch mehr bei Ludwig V., verlor aber den Rückhalt am ottonischen Hof und zog sich die erbitterte Feindschaft des Herzogs Hugo Capet von Francien und des EB Adalbero von Reims zu. Damit riß er schließlich sich und die karolingische Dynastie in den Untergang. Nach dem plötzlichen Tode|Ludwigs V. (987) schoben die westfränkischen Fürsten den Erbanspruch K.s beiseite und erhoben, im Einvernehmen mit dem deutschen Hof, Hugo Capet zum König. K. nahm den Kampf auf, setzte sich 988 in Laon, 989 mit Hilfe des neuen EB Arnulf, seines Neffen, in Reims fest, wurde aber 991 an Hugo ausgeliefert und mit seiner Familie – außer dem ältesten Sohn Otto, der in Lothringen geblieben war – nach Orléans in Gewahrsam gebracht. Der in historischer Rückschau als epochale Wende erscheinende Dynastiewechsel von 987 war ein zeittypischer Machtkampf ohne „nationale“ Töne.

    • Literatur

      ADB 15; Richer, Hist. de France, hrsg. v. R. Latouche, 2 Bde., 1930/37; Die Briefslg. Gerberts v. Reims, bearb. v. F. Weigle, = MG Briefe d. dt. Kaiserzeit II, 1966; F. Lot, Les derniers Carolingiens, 1891; ders., Etudes sur le règne de Hugues Capet, 1903; Jbb. d. Dt. Gesch., Otto II. u. Otto III.; H. Pirenne, Hist. de Belgique I, 1929. - siehe auch Literatur zu, zum, zur Karolinger.

  • Autor

    Theodor Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Theodor, "Karl" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 229 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd138773858.html

Karl, Herzog von Niederlothringen

  • Leben

    Karl, Herzog von Niederlothringen, geb. 953 (Ende März?), Sohn des Westfrankenkönigs Ludwig IV. und der Gerberga, Schwester Otto d. Gr., verlor bald nach der Taufe seinen Zwillingsbruder Heinrich. Die nur auf ihn zu beziehende Datirung zweier Urkunden vom 27. April 953 und 2. März 954 aus dem Gau von Mâcon Karolo rege zwingt zu der Annahme, daß ihm der Vater das westfränkische Burgund als Königreich bestimmte. Nach Ludwigs Tode (10. Septbr. 954) konnte jedoch die Lage der karolingischen Krone, welcher Hugo der Große, der Vater Hugo Capets weit überlegen war, eine Theilung des Reiches nicht gerathen erscheinen lassen, zumal Hugo nun auch das Herzogthum Burgund erhielt. K. erschien im Frühjahr 965 in Flandern, das ihn vielleicht entschädigen sollte, Ende Mai auf dem glänzenden Hoftage Otto des Großen zu Köln mit der Mutter und dem Bruder König Lothar. Er unterschrieb 968 eine Urkunde Gerberga's, welche seine Vermählung mit Adelheid, der Tochter Heriberts III. von Troyes noch vorbereitet haben mag, um auch durch diese Verbindung das Haus Vermandois von Hugo Capet abzuziehen. K. nahm im April 976 an dem vergeblichen Versuch der Hennegauer Reginar und Lambert zur Wiedereroberung der väterlichen Besitzungen Theil. Denn er wurde durch die Spannung mit Lothars Gemahlin Emma, Tochter der Kaiserin Adelheid, die er sogar des Ehebruchs mit Bischof Adalbero von Laon beschuldigte, der Heimath entfremdet. Als Otto II., der Neffe seiner Mutter K. 977 Niederlothringen, die Wiege der Karolinger, anbot, huldigte er ihm und übernahm die Grenzwacht des deutschen Reiches gegen den eigenen Bruder, welcher die karolingischen Ansprüche auf Lothringen erneuerte. K. verlobte seine noch im Kindesalter stehende Tochter Gerberga mit dem Hennegauer Lambert, der um die Zeit von Karls Belehnung sein Erbe zurückerhielt. Als Lothar 978 Aachen überfiel, weckte Bischof Theoderich von Metz, wol mit dem Kaiser einverstanden, Karl Hoffnungen auf die westfränkische Krone, aber nur kurze Zeit scheint er sich während Otto's Rachezug mit List der einzigen starken Feste der Karolinger Laon bemächtigt zu haben. Zum Schutz gegen Lothar während einer Vakanz des Bisthums Ende 979 nach Cambray berufen, trat K. dort gewaltthätig und herrschsüchtig auf. Nur S. Gudula in Brüssel hatte seine Freigebigkeit zu loben. Er söhnte sich Anfang 984 nach Otto's II. Tode mit Lothar aus, welcher die beanspruchte Vormundschaft über Otto III. zur Herstellung der karolingischen Oberhoheit in Lothringen benutzen wollte, während K. nach dem Tode Friedrichs von Oberlothringen dies zu gewinnen hoffte und Theoderich von Metz bedrängte. Nach Lothars Tode (2. März 986) verdrängte K. Königin Emma aus der Regentschaft, indem er Ludwig V. den Ehebruch seiner Mutter mit Adalbero von Laon glaubwürdig machte und reizte ihn gegen Erzbischof Adalbero von Rheims auf, der Karls Plänen zur Schädigung Otto's III. entgegengetreten war. Schon hatte Adalbero Rheims verlassen, da gewann Hugo Capet maßgebenden Einfluß auf den jungen Westfrankenkönig. Erzbischof Adalbero scheint Karls Verständigung mit Ottos III. Mutter Theophano zu Ingelheim bewirkt zu haben, auch erfolgte am 18. Mai 987 bei dem Friedensschluß Otto's III. mit Ludwig V. eine äußerliche Versöhnung mit Königin Emma. Ludwigs V. kinderloser Tod am 21. Mai gab K. unbezweifelten Anspruch auf die Wahl zum Westfrankenkönig. Aber Erzbischof Adalbero wies seine Annäherungsversuche|zurück, zumal K. sich von seinen wilden kirchenfeindlichen Genossen nicht trennen wollte noch konnte. Auf sein Betreiben wurde K. als Lehnsmann eines fremden Herrschers und Gemahl der Tochter eines Vassallen Hugo's (Heribert III.) seines Erbrechts von vielen Großen für verlustig erklärt, Hugo gewählt und am 3. Juli zu Rheims gekrönt. Wohl noch vor Mitte Juli überfiel K. im Einverständniß mit unzufriedenen Bewohnern, namentlich insgeheim mit dem Priester Arnulf, natürlichem Sohn Lothars, Laon. Mehr leidenschaftlich als klug behandelte er die gefangenen Feinde, Königin Emma und Bischof Adalbero, sehr hart. Als Hugo Laon belagerte, forderte Kaiserin Theophano Einstellung der Belagerung, wogegen K. Geiseln stellen, Emma und Adalbero freilassen solle. K. traf gute Vertheidigungsmaßregeln, zerstörte Hugo's festes Lager und Belagerungswerkzeuge, worauf Hugo abzog und mit Theophano verhandelte. Eine Waffenruhe kam zu Stande. Erzbischof Adalbero und sein kluger Rathgeber Gerbert verhielten sich dem Prätendenten gegenüber nicht mehr ganz ablehnend. Adalbero ermöglichte durch geheuchelte Annäherung an den allzu arglosen Herzog seine nächtliche Flucht, Emma wurde als Tochter der mächtigen Kaiserin Adelheid endlich freigelassen. Wahrscheinlich wieder vergeblich belagert, bedrängte K. Rheims, bis ihm Arnulf, von Hugo und seinem zum Mitkönig erhobenen Sohn Robert nach Adalbero's Tode (23. Jan. 988) zum Erzbischof der wichtigen Stadt ernannt, Rheims, vermuthlich Anfang 989, überliefern ließ. Anfangs scheinbar ein Gefangener, führte Arnulf bald Kriegerschaaren gegen Hugo, ohne daß es zur Schlacht kam. Die karolingisch Gesinnten mehrten sich auch in Aquitanien zusehends. Obwol Graf Odo von Chartres durch Gebietsabtretungen von Hugo Capet gewonnen wurde, schloß sich für kurze Zeit auch Gerbert dem Prätendenten an. Adalbero von Laon versprach, Arnulf mit Hugo Capet auszusöhnen und zwischen K. und Hugo, der geneigt war, ihm seinen damaligen Besitz zu Lehen zu geben, Frieden zu vermitteln. Er durfte nicht nur zurückkehren, sondern stieg immer höher in Karls Gunst, dem er mit den heiligsten Eiden Treue gegen Jedermann schwur, nur um ihn und Arnulf gegen Ostern 991, wahrscheinlich in der Nacht zum 30. März zu überfallen und in den Hauptthurm von Laon zu werfen. Hugo brachte beide zuerst nach Senlis, dann mit Karls Gemahlin und seinen Töchtern Gerberga und Adelheid nach Orleans ins Gefängniß, wo K. bald gestorben zu sein scheint. Auch Karls ältester Sohn Ludwig theilte wohl sein Schicksal, während der zweijährige Karl gerettet worden war. Ein Großer unweit Limoges nannte sie noch 1009 neben Robert Könige. Karls Sohn Otto starb im Beginne des 11. Jahrhunderts kinderlos im Besitz des väterlichen Herzogthums. Von allen diesen letzten legitimen Karolingern ist das Todesjahr unbekannt oder zweifelhaft, das große Geschlecht endete in Vergessenheit.

    • Literatur

      A. Bernard, Un roi inconnu de la race carolingienne, Paris 1859, aus Mémoires de la société des antiquaires de France XXII und Les dernieis Carolingiens, Lyon 1867, 8°. v. Kalckstein, Geschichte des französischen Königthums unter den ersten Capetingern, Bd. I. Leipzig 1877.

  • Autor

    v. Kalckstein.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kalckstein, Ludwig Friedrich Karl von, "Karl, Herzog von Niederlothringen" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 163-164 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd138773858.html?anchor=adb

Karl