<< Alice Maud Mary
Alleintz, Lorenz >>
Alkuin (Alchvine, latinisiert Albinus, Beiname Flaccus)
Gelehrter, insbesondere Theologe,
* um 730 Northumbrien,
† 19.5.804 Tours.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
Aus northumbrischem Adel.
Leben ↑
Alkuin war an der Domschule zu York, an der er als Lehrer wirkte, in die durch Beda (
† 735) bestimmte Bildungstradition seiner Heimat hineingewachsen. Diese übertrug er in das Frankenreich, wohin ihn Karl der Große 781 eingeladen hatte und wo er seit 793 endgültig verweilte. An umfassender Gelehrsamkeit alle Zeitgenossen überragend, ein geborener Lehrer, erzog er zuerst an der Hofschule, seit 796 an der ihm von Karl verliehenen Abtei
St. Martin zu Tours, die geistliche Führungsschicht des Frankenreichs; Hrabanus Maurus und Einhard waren seine Schüler. Auch die weltliche Reichsaristokratie suchte er zu beeinflussen, für die Verwirklichung der christlichen Gebote im öffentlichen Leben eintretend. Durch seinen Briefwechsel trug Alkuin dazu bei, der neuen Bildungsschicht persönlichen Zusammenhalt zu geben. Selbst Mönch, allerdings nicht nach strenger Regel lebend und nur mit dem Weihegrad des Diakons versehen, stand er führend in den kirchlichen Lehrstreitigkeiten, besonders im Kampf mit dem spanischen Adoptianismus; Karls Streitschrift zur Bilderverehrung (Libri Carolini) ist nicht Alkuins Werk, wohl aber unter Benutzung einer Denkschrift Alkuins abgefaßt. So wurde er der kulturpolitische Berater Karls, dessen Rundschreiben über Schule und Unterricht auf seinen Gedanken beruhte. An der politischen Zwangsbekehrung der Sachsen übte er Kritik und erreichte wenigstens bei Awaren und Slawen seit 796 ein gemäßigtes Vorgehen und sorgfältigen Missionsunterricht. Auf kirchenpolitischem Gebiet waren seinem Einfluß Grenzen gesetzt; zu Unrecht sehen neuere Forscher in ihm den geistigen Urheber der Kaiserkrönung Karls. In seinen theologischen Werken gab er nur die Lehren der Kirchenväter weiter, wenn ihm die Polarität von
auctoritas und
ratio auch nicht fremd war. Mit der Revision des Bibeltextes, der Ergänzung des Sacramentarium Gregorianum und der Neuordnung des Taufunterrichts handelte er aus dem Sinne für einheitliche Ordnung, Maß und Form, der nicht zuletzt durch ihn - seine Dichtungen und seine Lehrbücher zur Grammatik, Rhetorik und Dialektik - zum Charakteristikum der „Karolingischen Renaissance“ wurde. Diese ging über seine an der christlichen Spätantike geschulte Latinität hinaus, als sie sich sprachlich nach klassischen Vorbildern auszurichten begann. Umstritten ist Alkuins Bedeutung für die Entwicklung der Schreibschule von Tours. Dennoch überragt er mit seiner Nachwirkung die anderen Mitglieder der „Hofakademie“ Karls; die Erneuerung der christlich-lateinischen Bildung im Abendland war weithin sein Werk.
Werke ↑
J. P. Migne, Patrologiae cursus completus 100, 101; Briefe, in:
MGH Epp. IV, S. 1-481, V, S. 643-45; Gedichte, in:
MGH Poetae Latini I, S. 160-351.
Literatur ↑
W. Levison, England and the continent in the eighth century, Oxford 1945, S. 148 ff.,
21950;
A. Kleinclausz,
A., Paris 1948;
E. S. Duckett,
A., friend of Charlemagne, New York 1951;
H. Löwe, in:
Wattenbach-Levison, H. 2, 1953.
Autor ↑
Heinz LöweEmpfohlene Zitierweise ↑
Löwe, Heinz, „Alkuin“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
201
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118502026.html
<< Alkmer, Hinrek van
Allard von Amsterdam >>
Alkuin, Alchuine
Leben
| Autor
| Literatur
| Zitierweise
Leben ↑
Alkuin, Alchuine,
(eigentlich
Alh-win, d. i. Freund des
Tempels) oder
Albinus, wie er sich häufig
in mehr lateinischer Form nannte, ein vornehmer und begüterter
Angelsachse, in dem Reiche Northumbrien um das J. 735 geboren, wurde in zarter Jugend der
angesehenen und mit einer Bibliothek von classischen wie von
christlichen Autoren reich ausgestatteten Schule zu York zur
Ausbildung übergeben. Unter dem Erzbischofe Egbert von York
(732—766), der selbst das neue Testament auslegte und unter dessen
Verwandten Aelbehrt, dem die übrigen Fächer anvertraut waren,
genoß er mit vielen andern Altersgenossen sorgfältigste
Unterweisung in allen damaligen Wissenszweigen. In Aelbehrts,
seines hochverehrten Lehrers, Begleitung reiste der Jüngling zum
ersten Male nach Rom, dem heißersehnten Ziele zahlloser englischer
Wallfahrer, besuchte unterwegs das elsässische Kloster Murbach und
wohnte in Pavia einem Wortgefechte zwischen dem Grammatiker Petrus
und einem Juden Lullus bei. Nachdem Aelbehrt 766 selbst den
erzbischöflichen Stuhl bestiegen, übernahm
A.
, zum Diaconus geweiht — eine höhere geistliche Weihe
hat er nie empfangen — unter ihm die Leitung der Yorker Schule,
deren Ruf selbst Ausländer, wie den edeln Friesen Liudger, anzog.
In dieser Zeit scheint er zum zweiten Male das Festland besucht
und die persönliche Bekanntschaft des großen Frankenkönigs Karl
gemacht zu haben. Als auf Aelbehrt Eanbald I. (780—796), ein
Freund Alkuins, in der erzbischöflichen Würde gefolgt war, zog
dieser 781 abermals nach Rom — von wo er sich, sei es auf dieser,
sei es auf der früheren Fahrt, ein öfter wiederkehrendes Fieber
holte —, um für den neuen Metropoliten das Abzeichen seiner Würde,
das Pallium, vom Papste zu erbitten. Auf dieser Reise traf er in
Parma (vielleicht im März) mit dem Könige Karl zusammen und
versprach ihm auf seine Einladung, wenn seine Oberen es erlaubten,
zu ihm in das fränkische Reich zurückzukehren. Also geschah es,
der Urlaub wurde gewährt und etwa zu Anfang 782 langte
A.
zu längerem Aufenthalte am Hofe Karls an. Zu seinem
anständigen Unterhalte wurden ihm die Klöster Ferrieres und das
des h. Lupus zu Troyes, eine Zeit lang auch das des h. Servatius
zu Maestricht und die Celle St. Josse an der Canche von seinem
königlichen Gönner überwiesen. Einige jüngere Landsleute,
namentlich Sigulf (Vetulus), Wizo (Candidus) und Fredegis
(Nathanael) begleiteten ihn oder gesellten sich später als Schüler
zu ihm. Obgleich gegen acht Jahre am fränkischen Hofe als Lehrer
wirksam, betrachtete sich
A.
trotz aller Liebe und Verehrung, die ihn umgab,
durchaus noch als Northumbrier und blieb mit dem Heimathlande, in
das er stets zurückzukehren gedachte, im regsten Verkehre. Mit
Aufträgen Karls an Offa von Mercien, den mächtigsten der kleinen
angelsächsischen Könige, betraut, mit dem eben damals
Mißhelligkeiten ausgebrochen waren, zog er in der That gegen 790
wieder nach Britannien hinüber und entledigte sich seiner
versöhnenden Sendung mit dem glücklichsten Erfolge. Innere Wirren,
durch den gewaltsamen Sturz des northumbrischen Königs Osred im J.
790 hervorgerufen,
|mußten aber seiner friedfertigen
Natur bald die Heimath wieder verleiden, die nicht lange danach
durch die Verwüstung des reichen Klosters Lindisfarne (auf Holy
Island) 8. Juni 793 die erste schwere Heimsuchung von Seiten der
wilden Nordmänner erfahren sollte. Dazu kamen die dringenden
Aufforderungen Karls, der für die schwebenden dogmatischen
Streitigkeiten seines Beirathes nicht entbehren mochte.
A.
sollte ihm nämlich beistehen gegen die soeben (792) in
Regensburg verurtheilte Irrlehre des Adoptianismus, welche den
Gottmenschen Jesus in einen wahren göttlichen und einen
menschlichen Adoptivsohn Gottes spaltete. Ausgegangen von dem
Bischofe Felix von (Seo de) Urgel in der spanischen Mark, hatte
die neue Ketzerei in Spanien selbst, zumal durch den Erzbischof
Elipand von Toledo, große Verbreitung gefunden und auch jener
Felix, der selbst seinen Irrthum schon verdammt, bekannte ihn von
neuem. Andererseits schickte Karl nach England seinem Vertrauten
die Beschlüsse des nicänischen Concils vom J. 787 über die
Bilderverehrung zu, deren Widerlegung zugleich im Namen der
englischen Kirche
A.
demnächst übernahm. Im Frühling 793 muß er sich
bereits wieder am fränkischen Hofe befunden haben, um bald darauf
(794) an der wegen der schwebenden Lehrstreitigkeiten berufenen
Synode in Frankfurt (am Main) theilzunehmen, der ersten
Versammlung an diesem in der Geschichte früher nie erwähnten Orte.
Außer der Verdammung der abwesenden Adoptianer, deren Haupt Felix
A.
vorher vergebens von seinem Irrthume zu bekehren
versucht hatte, wurden auch die entschiedensten Beschlüsse gegen
die falsche siebente Synode der Griechen gefaßt. Als der König
dann dem mit dieser Verwerfung des Bilderdienstes nicht völlig
einverstandenen Papste Adrian eine ausführliche, in seinem Namen
verfaßte Schrift (libri Carolini) zur
Begründung seines Standpunktes überreichen ließ, darf mit hoher
Wahrscheinlichkeit
A.
, den auf Geheiß des Königs die Frankfurter Synode in
ihre besondere Fürbitte aufnahm, als deren Urheber bezeichnet
werden. Hatte er diesmal dem Frankenreiche nur einen kürzeren
Besuch zugedacht, veranlaßt durch die Bedürfnisse des
Augenblickes, so traten doch bald Verhältnisse ein, welche ihn die
für das J. 796 beschlossene und schon vorbereitete Heimkehr für
immer aufgeben ließen. Der allgemeine Zustand der Unsicherheit und
Verwirrung, in welchem
A.
die Wirkung der wachsenden Sünden des Volkes und
seiner Großen erkannte, gesteigert durch den Tod des Königs Offa
und die Ermordung des Königs Aethelred von Northumbrien, schreckte
ihn ab und bewog ihn zu dem Entschlusse, den Rest seines Lebens
dem Frankenreiche zu widmen. Da eben (796) das Martinskloster zu
Tours, eines der berühmtesten Heiligthümer des Abendlandes,
erledigt war, übertrug ihm Karl dies nicht blos als Pfründe,
sondern zur wirklichen Leitung, um sittliche und geistige Zucht
dort zu begründen. Hier mit Stiftung einer Schule eifrig
beschäftigt, für welche er sogar Bücher aus York kommen ließ,
blieb
A.
doch mit dem Hofe und den Staatssachen in vielfacher
und enger Berührung. Im Juni 800 namentlich bestand er in Aachen
im Beisein des Königs und seiner Umgebung eine siebentägige
Disputation gegen den Bischof Felix, den er durch die Zeugnisse
der heiligen Schrift abermals zum Widerrufe drängte, während
Elipand und andere seiner Anhänger hartnäckig an ihren
Ueberzeugungen festhielten. Karl nach Rom zu begleiten auf jenem
entscheidenden Zuge, der ihm die Kaiserkrone einbrachte, lehnte
A.
wegen zunehmender Kränklichkeit ab, sein Wunsch, sich
von allen weltlichen Geschäften zu befreien, wurde immer
dringender, und nachdem er eine Zeit lang an das ihm liebe Fulda
als Ruhesitz gedacht hatte, zog er sich im J. 801, vom Kaiser
beurlaubt, ganz nach Tours zurück. Wenige Jahre darauf schloß er,
durch Alter und Siechthum erschöpft, die müden Augen 19. Mai
804.
|
So die ziemlich einfachen äußeren Umrisse dieses
Gelehrtenlebens, von dessen Entwickelungsgeschichte wir freilich
ungemein wenig wissen. Der
A.
, den wir an der Hand seiner Briefe und übrigen
Schriften in die Werkstätte seines Geistes begleiten dürfen, ist
der gereifte Mann und fast mehr noch der lebenssatte Greis, der
ausschließlich der Vorbereitung für das Jenseits lebend, die
heidnischen Dichter, an denen seine Jugend sich gefreut hatte, mit
Herbe verwirft und Schauspiele als seelenschädlich verdammt.
Suchen wir seiner Persönlichkeit näher zu treten, so erscheint er
uns vor allem als ein Mann, dessen Beruf ganz und gar in geistig
mittheilender Thätigkeit lag, dem daher die umfriedenden
Klostermauern der natürlichste Aufenthalt waren. Zart und
schwächlich von Natur, Jahre lang durch Kränklichkeit heimgesucht,
scheute er den Lärm und die Gefahren des Feldlagers. Eine
glückliche Fügung aber, der Scharfblick des größten aller
mittelalterlichen Fürsten stellte ihn mitten in einen von hohen
Zielen bewegten, mannigfaltigen und glänzenden Hof. Obgleich ohne
eigentliches Amt, nur ein "demüthiger Levit" (d. h. Diaconus), wie
er sich stolzbescheiden zu nennen pflegte, erhob ihn das Vertrauen
und die Freundschaft seines königlichen Herrn, dem er nur als
Freier und nicht um Lohn diente, unter die ersten und vielen
nützte seine Empfehlung. Mochten auch andere Gelehrte theils
neben, theils nach ihm an derselben Stelle wirken, wie der
Langobarde Paulus Diaconus, wie Petrus von Pisa, der Grammatiker,
und die Iren Dungal und Dicuil,
A.
überragt sie alle weit durch Umfang und Erfolg seiner
Lehrthätigkeit. Nicht von einer Akademie zur Fortbildung der
Wissenschaften darf man sprechen — dieser Begriff paßt schlecht
für jene rohen Zeiten, die blos nach Aneignung des überlieferten
Stoffes strebten — sondern von einer Schule.
A.
hielt am Hofe Schule, wie er es vorher in York,
nachher in Tours, gethan hat. Um dem Verkehre mit den
hochgestellten Schülern und Schülerinnen eine zwanglosere Form zu
geben, führte der Meister Beinamen ein, die der Bibel oder dem
Alterthume entlehnt waren. Vater Albinus selbst hieß Flaccus (d.
i. Horatius), sein Gebieter David oder auch Salomo, dessen
Schwester, die fromme Aebtissin Gisla von Chelles, Lucia, Delia
und Columba (Rotthrud) sind Königstöchter, die jungfräuliche
Guntrada, Karls Geschwisterkind, heißt Eulalia. Zu den nächsten
Freunden gehört Karls Eidam, Abt Angilbert von St. Ricquier, der
Homer, dessen weltliche Neigungen
A.
öfter tadelt, ferner Guntradens Bruder Abt Adalhard
von Corbie, Antonius genannt, die Erzbischöfe Rikulf von Mainz
Flavius Damoetas), der auch das Schwert zu führen weiß, Richbod
von Trier Macharius), ein allzu eifriger Verehrer des Vergil nach
Alkuin's Ansicht, der ehrwürdige Erzcaplan Hildebald von Köln
(Aaron), der Patriarch Paulinus von Aquileja (Timotheus), als
Theologe hochangesehen, ein Mitkämpfer gegen Felix, der
schwarzhaarige Arno von Salzburg endlich, mit Uebersetzung seines
Namens Aquila, der Aar, von allen Alkuins Herzen am nächsten
stehend. An diese, an Alter ihrem Lehrer meist nahe kommenden
Männer schloß sich ein jüngeres Geschlecht, zu dem außer den
Söhnen des Kaisers namentlich Pippin (Julius) und dem frommen
Ludwig u. a. Einhard (Beseleel), der Künstler und
Geschichtschreiber, Adalbert (Magus), später Abt von Ferrieres,
und Rabanus Maurus), der nachmals so berühmte Abt von Fulda und
Mainzer Erzbischof, gehörte, letztere allerdings nicht mehr am
Hofe selbst, sondern erst in Tours Alkuin's Jünger. Ich übergehe
den Oberküchenmeister Menalkas, den Kämmerer Thyrsis und so manche
andere, die diesem gelehrten Kreise mit oder wider Willen sich
einfügten und bemerke nur noch, daß
A.
auch manche seiner englischen Freunde mit ähnlichen
Uebernamen zu belegen pflegte, so ist ihm König Offa's Tochter
Edilburga Eugenia, Bischof Higbald von Lindisfarne Speratus,
Erzbischof Eanbald II. von York Symeon
etc. Neben der mündlichen Unterweisung,
|für welche
die Gesprächsform beliebt gewesen zu sein scheint, wurde auch die
schriftliche gepflegt: selbst von den beschwerlichen sächsischen
Feldzügen aus erbittet sich Karl Aufschlüsse über den Mondlauf und
gern nimmt er Bücher als Geschenke entgegen. Der trockene Ernst
der Belehrung ließ Raum zu freieren Uebungen des Geistes: Räthsel
und dichterische Scherze und Spielereien flogen hin und her und es
fehlte nicht an Spott und Sticheleien. So steht der Lehrer
zugleich inmitten der heiteren und bisweilen ausgelassenen
Geselligkeit des Hofes und er, den alle ob der Fülle und
Gewandtheit seines Wissens preisen, verschmäht nicht die lehrhafte
Brust durch den Trank des Bacchus oder der Ceres zu
erfrischen.
Wie Alkuin's persönliches Verhältniß zu Karl es schon beweist —
ein durchaus offenes und würdiges Verhältniß fern von niedriger
Schmeichelei — so beweisen es auch seine zahlreich uns erhaltenen
Briefe, daß er für die Freundschaft das wärmste Herz besaß. Sie,
deren Werth er nicht müde wird zu rühmen, war ihm recht eigentlich
Kern und Krone des Lebens, Verehrung und Anhänglichkeit von
Genossen und Schülern aus der alten und neuen Heimath hat er bis
an sein Lebensende in reichstem Maße besessen und verdient. Eine
echt männliche Empfindung für die Freunde spricht aus vielen
seiner Aeußerungen, mag er nun in zärtliche Klagen darüber
ausbrechen, daß wieder einmal die erhoffte Zusammenkunft mit
seinem geliebten Arno, dem vielbeschäftigten Diplomaten,
gescheitert sei oder einem abtrünnigen Jünger väterliche Vorwürfe
machen, daß er von ihm und dem Pfade der Tugend gewichen.
Besonders dringend aber heischt er die Fürbitte der Freunde für
sein Seelenheil, denn bei seinem etwas reizbaren und hitzigen
Naturell ist er sich wohl bewußt, die Gebote christlicher Milde
und Sanftmuth manchmal verletzt zu haben. Zog ihm doch sogar der
Eifer, mit welchem er sich in einem seiner letzten Lebensjahre
eines von dem Bischofe Theodulf von Orleans verurtheilten und
schuldigen Geistlichen annahm, um das Asylrecht des heil. Martin
aufrecht zu erhalten, eine nicht unverdiente Rüge des Kaisers
selbst zu. Mit inniger Pietät hing
A.
, auch nachdem er unter den "räuchrigen Dächern" von
Tours eine neue Heimath gefunden, an York, der Stätte seiner
Jugendbildung, an Northumbrien und dem englischen Vaterlande
überhaupt, das er nur verlassen, weil er im Frankenreiche größeren
Nutzen für die Kirche stiften kann. Unablässig bleibt er sorgend
und mahnend mit den dortigen Zuständen beschäftigt, die
Ungerechtigkeit und Wollust der Seinen erinnert ihn nur zu sehr an
die trüben Schilderungen, die Gildas der Weise von der
Versunkenheit der alten Britten entworfen. Ein treuer und
gehorsamer Sohn der römischen Kirche, hält
A.
die Reliquien, die er sich öfter aus Rom bestellte,
hoch in Ehren und vertraut fest auf das Fürwort der Heiligen. Wenn
er auch den Päpsten gegenüber persönlich wol eine freiere Stellung
einnimmt, so bekennt er doch ausdrücklich, daß die päpstliche
Gewalt die erste auf Erden und bei der Untersuchung gegen den
schwer beschuldigten Leo III. hält er den
Grundsatz aufrecht, daß über den Papst als obersten Richter
niemand richten dürfe. Der Bekämpfung der adoptianischen Ketzerei
widmete er mündlich, wie durch umfängliche Streitschriften gegen
Felix und Elipand viel Zeit und Arbeit, auch die Mission lag ihm
am Herzen und er empfiehlt dringend, Sachsen und Avaren durch
sanfte Belehrung zu überzeugen, bevor man sie durch habgierige
Eintreibung von Zehnten erbittere. In gleichem Sinne dringt er zum
Besten des armen Volkes auf Unbestechlichkeit der Richter — ein
für jene Zeit unerreichbares Ideal. Daß er in seinen späteren
Lebensjahren, soweit körperliche Schwachheit es gestattete, sich
einem strengeren ascetischen Wandel hingab, in Uebereinstimmung
mit seinem Freunde, dem großen Klosterreformator Benedict von
Aniane, ist nach Alkuin's Denkweise nur zu natürlich.
|War er doch von jeher ein begeisterter Lobredner des
Mönchthums gewesen, Eine prophetische Gabe wurde ihm dann von
seinen Verehrern zugeschrieben — so soll er Ludwigs Nachfolge bei
Lebzeiten der älteren Brüder vorhergesagt haben —, ja sogar
Heilwirkungen, aber unter ihre Heiligen hat die Kirche ihn nicht
erhoben.
A.
, wenn man seine litterarische Thätigkeit in eins
zusammenfaßt, war kein originaler Geist, der der Erkenntniß neue
Bahnen eröffnet hätte, vielmehr steht er in der Reihe jener
hochverdienten Männer, wie Isidorus und Beda, die das geistige
Erbe des Alterthums in christlicher Umprägung, aber ohne
wesentliche eigene Zuthaten dem Mittelalter überliefert und
dasselbe so weiter fortgepflanzt haben. Lehrer auf den meisten
Gebieten des damaligen Wissens, der Grammatik, Dialektik und
Rhetorik, der Astronomie und Arithmetik, bezog er alles auf die
Theologie. In dieser aber wog ihm die praktische und moralische
Seite vor, wie er zumal gern die Werke Gregors des Großen zum
Studium empfahl. Für nationale Litteratur hatte er keinen Sinn,
auch wüßten wir nicht, daß er in seiner Muttersprache je eine
Zeile geschrieben. In den Auslegungen zur Bibel, in denen die
allegorische und mystische Deutung vorherrscht, schreibt er nach
mittelalterlicher Weise den Augustinus, Hieronymus, Gregor, Beda
und andere Kirchenväter wörtlich aus, ebenso in der Rhetorik den
Cicero u. s. f., ohne daß er selbst oder andere an solchen
Entlehnungen Anstoß genommen hätten. Höchst unbillig wäre es, an
diese Arbeiten den Maßstab heutiger Gelehrsamkeit legen zu wollen:
ihr Werth besteht darin, daß sie die Bedürfnisse ihrer Zeit, wie
die der nächstfolgenden Jahrhunderte befriedigten. Von
dogmatischen Gegenständen bearbeitete
A.
die Lehre von der h. Dreieinigkeit und vom Ausgehen
des h. Geistes. Sehr geschätzt und viel gelesen blieben seine
moralischen Schriften, wie die über die Tugenden und Laster an den
Grafen Wido von der britischen Mark, über die Natur der
menschlichen Seele an die Prinzessin Guntrada und über die
Nothwendigkeit der Beichte an die Zöglinge seines Klosters.
Lateinische Gedichte, deren Anfertigung ein nothwendiges
Erforderniß damaliger Schulbildung war, namentlich Inschriften für
Kirchen, wurden von
A.
zahlreich in heroischem und elegischem Versmaße, aber
ohne höhere poetische Begabung verfaßt. Das ausführlichste unter
ihnen verherrlicht die Bischöfe der Yorker Kirche bis auf seine
Zeit herab. Von Heiligenleben arbeitete er zu erbaulichen Zwecken
auf den Wunsch von Freunden das des h. Vedastus zu Arras und des
h. Richarius stilistisch um, verfaßte dagegen selbständig das des
h. Willibrord, des Friesenapostels und ersten Bischofs von
Utrecht, den er seinen Verwandten rühmte. Das merkwürdigste
Denkmal seines Geistes, das
A.
uns hinterlassen, sind vielleicht seine Briefe, die,
wenn auch nicht ganz fehlerfrei geschrieben und bisweilen etwas
überladen im Ausdrucke, sich doch durch lebendige und
wirkungsvolle Sprache auszeichen. Ihr am häufigsten
wiederkehrender Inhalt ist der der sittlichen Belehrung und
Ermahnung, die Politik berühren sie fast nur im Bereiche der
kirchlichen Verhältnisse. Es sei endlich noch daran erinnert, daß
A.
sich auch mit der Verbesserung des lateinischen
Bibeltextes beschäftigte und daß er sich durch seine Fürsorge für
Rechtschreibung und Interpunction ein hohes Verdienst um bessere
Vervielfältigung von Handschriften erwarb.
Alkuin's weltgeschichtliche Sendung ist in dem Anschlusse an
seine Vorgänger, die angelsächsischen Glaubensboten zu suchen,
deren Werk er weiterführte. Während England durch die Bekehrung
von Rom aus frühzeitig mit den Resten der alten Cultur bekannt
geworden und neben Italien und Irland denselben bald eifrige
Pflege zuwandte, lag das fränkische Volk noch in tiefer
Verfinsterung und Verwilderung und mußte erst von jenseit des
Canales die Leuchten empfangen, die seiner Geistlichkeit zu
sittlicher Strenge und sodann auch zu
gelehrten Studien den Weg zeigten. Wenn gerade
A.
unter den Männern, welche die Leistungen der Franken
bald zu gleicher Höhe mit den übrigen erhoben, die erste Stelle
einnimmt, so verdankt er dies nicht allein seiner großen
persönlichen Lehrgabe, sondern vor allem dem Umstande, daß er
Karls des Großen Freund und Rathgeber wurde und seinen
Wirkungskreis in den Mittelpunkt der ganzen abendländischen
Christenheit verlegte. Die Strahlen, die von Aachen, sowie später
von Tours ausgingen, haben unmittelbar das romanisch-deutsche
Frankenreich erhellt, mittelbar besonders das eigentliche
Deutschland durchleuchtet, in dessen berühmtesten Lehrern, einem
Rabanus, Walahfrid etc., sich nur ein Abglanz von Alkuin's
umfassenderer Thätigkeit offenbart. Hat er auch nicht, wie er
wollte, ein "neues Athen" unter seinen Händen erwachsen sehen,
Grundsteine zu einem solchen hat er mindestens gelegt, auf welchen
wir noch heute fortbauen. Karls Hofschule aber verfolgte darin
zumal ein höheres Ziel, als die nachfolgende kleinere Zeit, daß
sie die Wissenschaft nicht blos der Geistlichkeit, sondern auch
den Laien mittheilen wollte, wovon man bald genug wieder abließ.
—
Literatur ↑
Die erste Gesammtausgabe von Alkuin's Werken veranstaltete
André du Chesne: Alchuini abbatis .. opera quae hactenus reperiri
potuerunt omnia .. studio .. Andreae Quercetani, Lutetiae Paris.
1617 ss., die zweite erheblich vermehrte und verbesserte der
Fürstabt Frobenius Forster zu St. Emmeran in Regensburg: B. Flacci Albini seu Alcuini .. opera .. de novo
collecta .. studio Frobenii, Ratisbonae 1777, 2 vol. fol.
Eine bloße Wiederholung der letzteren ist der Abdruck bei Migne, Patrologiae cursus completus t. 100,101,
Paris 1851, woselbst nur ein von Angelo Mai herausgegebener
Commentar zur Offenbarung Johannis neu hinzugekommen ist. Die
Briefe (sehr vermehrt) und einiges andere, namentlich auch die in
beschränkt mönchischem Geiste unter Ludwig dem Frommen verfaßte
"Vita Alchuini" sind in dem sechsten Bande
von Jaffé's Bibliotheca
rerum Germanicarum, 1873, herausgegeben durch Dümmler und
Wattenbach. Ueber
A.
handeln: Friedr. Lorentz, Alcuin's Leben, Halle 1829,
und Francis Monnier, Alcuin et Charlemagne, 2.
édit. Paris 1863, beide nicht ganz genügend.
Autor ↑
Dümmler.
Empfohlene Zitierweise ↑
Dümmler, Ernst, „Alkuin, Alchuine“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
343-348
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118502026.html?anchor=adb