<< Mühleisen, Richard
zur Mühlen, Leo von >>
zur Mühlen, von
zur Mühlen, von
(Reichsadel 1792), baltische Familie. (evangelisch)
Leben ↑
Die Stammreihe beginnt mit dem aus Niedersachsen stammenden, seit 1532 in Reval nachweisbaren
Hermen thor Mölen (Molen), später Ratsherr und Bürgermeister zu Narva, der 1558 nach Einnahme der Stadt durch Zar Iwan IV. über Reval nach Lübeck zog und im folgenden Jahr in Amsterdam starb (s.
L). Seine Nachfahren waren zum Großteil Kaufleute in Reval, so sein Sohn
Blasius (1545–1605), der nach Reval zurückkehrte, und dessen gleichnamiger Sohn (1575–1628), während
Evert (
† 1615) Jurist in Lübeck und
Helmold (1590–1649) Pastor und Propst zu Kegel und Goldenbeck (Estland) war. Auch
Simon (1609–82),
Paul (1613–57) und
Hermann (1625–90), die Söhne des jüngeren Blasius, waren Kaufleute in Reval, Simon zusätzlich Altester der Großen Gilde und Hermann Ratsherr. Auch Simons Söhne trieben Handel, darunter
Heinrich (1649–1710), Erkorener Ältester der Schwarzenhäupter-Bruderschaft, während Simons Enkel
Evert (1692–1763) Ältermann der Kompanie der Nürnberger Krämer war. Hermanns gleichnamiger Sohn (um 1651–1708) war Kaufmann und Ätermann der Großen Gilde,
Thomas (1649–1709), Kaufmann und Reeder sowie Bürgermeister zu Reval; er wurde durch seine erste Ehe Pfandherr auf Seinigal und Kandel und erwarb Sprinkdahl bei Reval.
Heinrich (1653–1708) fiel als Rittmeister und Leibtrabant Karls XII. in der Ukraine. Auch Thomas' Sohn
Konrad (1677–1741) wurde
schwed.|Offizier, seine Brüder
Kaspar (1678–1710),
Hinrich (1686–1750) und
Ernst (1692–1750), Ältermann der Großen Gilde, wirkten als Kaufleute in Reval, Hinrich, Herr auf Morras, Kandel und Sprinkdahl, auch als Bürgermeister. Ernsts Sohn
Thomas (1726–72) war Erkorener Ältester der Schwarzenhäupter, sein weiterer Sohn
Kaspar (1741–1810) stand als Brigadier in
russ. Diensten.
Alle vier Söhne Hinrichs trieben Handel.
Thomas (1714–72) wanderte nach Amsterdam aus; er wurde zum Begründer der
holländ. Linie der Familie, die bis heute dem Handel treu geblieben ist.
Hermann Johann (1719-9) importierte Seidenstoffe; er wurde Ratsherr und Bürgermeister. Die Firma des früh verstorbenen
Cornelius (1721–56) wurde von seiner Witwe
Agneta (
geb. Gebauer, 1731–81) zu hoher Blüte gebracht.
Heinrich (1718–50) genoß als Erkorener Ältester der Schwarzenhäupter hohes Ansehen. Hermann Johann und Cornelius begründeten die beiden Linien der Familie in Livland und Estland.
1792 wurden die sechs Söhne Hermann Johanns,
Berend (1751–1826),
Hermann (1758–1827),
Heinrich (1762–1802),
Kaspar (1763–1817),
Karl (1764–1837) und
Friedrich (1768–98) sowie Cornelius' gleichnamiger Sohn (1756–1815) in den Reichsadelsstand erhoben. Ihre Nachkommen wurden bei den Ritterschaften Liv-, Est- und Kurlands sowie Ösels immatrikuliert. Von Hermann Johanns Söhnen – außer Karl – leiten sich die fünf Äste der
livländ. Linie ab.
Berend, auf Eigstfer (Livland), war Seidenhändler in Reval und Mitbegründer der Firma „zur Mühlen & Riesenkampff“ (später „zur Mühlen &
Co.“). Seine Nachkommen lebten als Gutsbesitzer und Landwirte in Livland und Estland oder standen als Offiziere in
russ. Diensten. Nur
Oskar (1843–77) wirkte als Musiker und Komponist, während sein Vetter
Max (1850–1918) sich nach dem Studium der Zoologie in Dorpat der Fischzucht und Teichwirtschaft in den Ostseeprovinzen widmete. Er war Dirigent des Balt. Fischereidistrikts und seit 1889 Sekretär der
livländ. Abteilung der
russ. Gesellschaft für Fischzucht und Fischfang. Seit 1908 gab er das „Jahrbuch der Fischereivereine Liv-, Est- und Kurlands“ heraus (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.). Sein Sohn
Werner (1878–1931), Direktor der Sparkasse zu Pernau, betätigte sich als Familiengenealoge.
Arthur (1885–1958) war Landwirt und Kaufmann,
Leo (1888–1953) Geologe (
s. u.),
Paul (1897–1979), Forstwirt, wanderte nach Österreich und später nach Kanada aus. Werners Sohn
Heinrich (1908–94),
Dr. phil., war Referent im Bonner Vertriebenenministerium. Sein Sohn
Rainer (
* 1943) gründete eine Unternehmensberatung in Bonn. Arthurs Sohn
Max (
* 1932) war leitender Mitarbeiter im Statistischen Bundesamt von Kanada in Ottawa und hat jetzt einen Lehrauftrag in Riga. Sein Zwillingsbruder
Bengt ist Gründer und Geschäftsführer der Chronos-Film
GmbH in Berlin.
Victor (1879–1950), vom Familienzweig Woiseck (Livland), unterhielt auf Eigstfer eine Vollblutzucht und einen Rennstall. 1905 schlug er mit einem Freiwilligenkorps bei Kappel ein vielfach überlegenes Aufgebot von Revolutionären. Im 1. Weltkrieg
russ. Stabsrittmeister, schuf er 1918 erneut eine Selbstschutzgruppe und war in den beiden folgenden Jahren Stabschef des Baltenregiments. Seit 1934 Vorsitzender der Deutschbalt. Partei, suchte er die Deutschen in Estland zur Loyalität gegenüber dem Staat zu verpflichten. Nach der Umsiedlung und Flucht in die Sowjet. Besatzungszone 1945 wurde er drei Jahre später wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt; er starb im Zuchthaus Bautzen (s.
L). Seine geschiedene Frau
Hermine (
geb. Gfn. Folliot de Creuneville-Poutet, 1883–1951) machte sich nach dem 1. Weltkrieg als Schriftstellerin (Hermynia zur Mühlen) einen Namen. Sein Bruder
Egolf (1881–1942),
Dipl.-Ing., war Direktor der Loksa Werke
AG,
Moritz (1885–1945), auf Kerro (Livland), Direktor der von ihm gegründeten Handelsfirma Tormolen &
Co. in Reval und Posen. Sein Neffe
Heiner (1912–64, nannte sich später Hans Tormolen), Fliegeroffizier, wanderte nach dem Krieg nach Texas aus, wo er sich als Fluglehrer und Maler betätigte.
Hermann, der Stammvater des 2. Familienastes, war Ratsherr zu Reval. Sein gleichnamiger Sohn (1801–56),
Dr. med., war
russ. Wirkl. Staatsrat in
St. Petersburg, sein Enkel
Hermann (1836–1910) studierte hier Naturwissenschaften. Seit 1869 Besitzer von Koiküll (Ösel), wurde er 1876 Konventsdeputierter und 1880 Landrat, später daneben auch Oberkirchenvorsteher und Präsident des Provinzialschulkollegiums. Er ließ sämtliche Privatgüter auf Ösel vermessen und sorgte für die Streulegung der Bauernhöfe (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.).
Heinrich, auf den der 3. Ast zurückgeht, war Kaufmann und Ältester der Großen Gilde zu Reval. Sein Sohn
Heinrich (Andrej) (1794–1864) trat in
russ. Dienste. Er kommandierte 1847-82 als Generalmajor, seit 1852 als Generalleutnant, das Garde- und Grenadier-Korps
|(s.
Dt.balt. Biogr. Lex.). Seine Nachkommen wurden orthodox getauft; sie dienten zum größten Teil als Offiziere in der
russ. Armee. Heinrichs Bruder
Georg (1798–1877), auf Arrohof (Livland), begründete einen eigenen Familienzweig. Von seinen Söhnen war
Friedrich (1828–1907),
Dr. med., Wirkl Staatsrat und Leibarzt der Großfürstin Helene Pawlowna, während
Rudolph (1845–1913) nach einer Ausbildung in Düsseldorf, Antwerpen und München in Dorpat als Porträt- und Landschaftsmaler sowie als Zeichenlehrer wirkte, bevor er 1908 die Bewirtschaftung von Arrohof übernahm (s.
L). Auch Rudolphs Töchter
Elise (1884–1924) und
Wanda (1886–1962) ließen sich in München (
u. a. bei Franz Marc) als Malerinnen ausbilden.
Kaspar, der Begründer des 4. Astes,
livländ. Landrichter, erwarb Güter in Livland. Sein Sohn
Karl (1811–81) war Direktor der
Livländ. Adeligen Güterkreditsozietät und
Hermann (1814–72) Kreisdeputierter. Kaspars Enkel
Robert (1835–99),
Dr. med., sammelte „Baltische Gesänge“ (7
Bde., verschollen). Zur nächsten Generation gehören der Bankdirektor und langjährige Vorsitzende des Familienverbandes
Alfred (1865–1945),
Michael (1866–1922), Gründer und Leiter einer Gesangschule in Brüssel, der
russ. Staatsrat und Medizinalinspekteur
Richard (1864–1935),
Dr. med., und der Pastor von Hapsal
Ralph (1873–1947).
Dagmar (1891–1971) war Gesangspädagogin in Berlin. Alfreds Sohn
Bernt (1912–95),
Dr. phil., war Direktor des Landesamts für Vorgeschichte in Posen, nach dem Krieg Inhaber einer Baubedarfsfirma in Nieder-Ramstadt; er gründete und leitete die Deutsch-Balt. Genealogische Gesellschaft in Darmstadt. – Beachtung verdienen sodann Roberts Vettern
Ernst (1851–1912) als Direktor der
Livländ. Gegenseitigen Feuerversicherung und
Arthur (1854–1928) als Förderer der Landwirtschaft und Viehzucht sowie Initiator des Düna-Aa-Kanals (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.). – Zwei Söhne des Kreisdeputierten Hermann zog es zur Musik:
Oswald (1849–1901) und
Raimund (1854–1931). Letzterer studierte in Berlin und Münster, in Paris und in Italien Gesang. In ganz Europa gab er mit großem Erfolg Konzerte. 1905-25 erfreute er sich als Gesangspädagoge in London eines
internat. Rufes (s.
L). Seine Nichte
Edith (1886–1977) lebte als Malerin in Rom.
Wilhelm (1792–1847),
russ. Generalmajor, und
Thomas (1793–1833), Börsenmakler und Fabrikdirektor, sind Söhne des Stammvaters des 5. Astes, Friedrich, auf Sellie (Estland). In der nächsten Generation begab sich eine Reihe von Familienmitgliedern in
russ. Dienste,
u. a. Friedrich (1827–97), Generalmajor. Dessen Neffen
Alexander (1865–1955) und
Friedrich (1867–1934) studierten Medizin; der eine praktizierte als Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Riga, später in Göttingen, der andere (Frauenarzt) war Dozent und
Wirkl. Staatsrat in
St. Petersburg. Alexanders Sohn
Heinrich (
* 1909) wurde Landwirtschaftsberater, sein gleichnamiger Sohn (
* 1936) ist Ordinarius für Innere Medizin in Hannover. Friedrichs Sohn
Roland (
* 1904) war Anwalt in Narva, nach 1939 Dolmetscher für Russisch im Auswärtigen Amt. Sein Sohn
Frederik (
* 1934) ist Oberstaatsanwalt in München. Alexanders und Friedrichs Neffe
Erich (1894–1940) war Rechtsanwalt in Dorpat, sein Bruder
Oskar (1904–90) ging als Chemiker nach Hamburg. Erichs Sohn
Arist (
* 1924), Diplomkaufmann, gründete in Paris die Firmen „Service-France“ und „Industrie-Service-France“. Sein Bruder
Manfred (1926–79),
Dr. iur., war Gesellschafter des Bankhauses Donner in Hamburg.
Die II. Linie (Piersal), die auf Cornelius zur M. und seinen geadelten gleichnamigen Sohn, beide Kaufleute zu Reval, zurückgeht, umfaßt vergleichsweise wenige Mitglieder, reicht aber wie die I. Linie bis in die Gegenwart herein.
Ferdinand (1788–1837),
russ. Oberstleutnant und Kreisdeputierter, war der Sohn des jüngeren Cornelius. Seine beiden Söhne
Arthur (1820–1900) und
Ferdinand (1828–1906) spielten in Estland als liberale Politiker eine Rolle. Arthur war 1865-99 estländ. Landrat und seit 1892 Präsident des Landratskollegiums (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.), Ferdinand seit 1861 Kreisdeputierter und seit 1887 Präsident der Estländ. Adeligen Kreditkasse; 1899 folgte er seinem Bruder als Landrat nach (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.). Sein Neffe
Konrad (1868–1945) wirkte seit 1909 als Pastor an der
St. Nikolai-Kirche zu Reval. Aus Sibirien zurückgekehrt, wohin er 1915-17 verbannt und 1918 verschleppt worden war, wurde er Propst der deutschen
ev. Gemeinden in Estland und Herausgeber des Deutschen Kirchenblatts (s.
Dt.balt. Biogr. Lex.). Sein Bruder
Hellmut (1870–1924) war Direktor der Estländ. Arbeiter-Unfall-Versicherungsgesellschaft. Von Konrads zehn Kindern war
Bernt (1903–84) Pastor in Berlin,
Walter (1905–90),
Dr. phil., Geophysiker an der Geologischen Landesanstalt in Celle, seit 1956 bei der „Petrobras“ in Brasilien,
Werner (1912–89) Lehrer für Orgel am Konservatorium in Reval, nach dem Kriege Kirchenmusikdirektor in Bochum,
Heinz (Heinrich) (
* 1914),
Dr. phil., Leitender Regierungsdirektor und Historiker, Vorstandsmitglied der
|Balt. Historischen Kommission, Mitglied des Hansischen Geschichtsvereins und der Deutschbalt. Genealogischen Gesellschaft (s.
W,
L). Bernts Sohn
Ture (
* 1939) ist Dozent an der Schule für Buchhandel in Frankfurt/Main,
Patrik (
* 1942),
Dr. phil., Historiker, ist Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn (s.
W).
zur Mühlen, Leo von