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Mercy, Florimund Claudius Graf von Mercy-Argenteau
österreichischer Diplomat,
* 20.4.1727 Lüttich,
† 26.8.1794 London.
Genealogie
| Leben
| Literatur
| Quellen
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Anton Ignaz (1692–1767, s.
Einl.);
M Thérèse Henriette (1705–29),
T d. Maximilian Baron de Rouvroy u. d. Claudine Dorothée de le Pierre de Bousies.
Leben ↑
Das von Kaspar Clemens
v. Zumbusch 1875-88 geschaffene große Maria-Theresia-Denkmal in Wien zeigt unter den bedeutendsten Persönlichkeiten aus der Regierungszeit der Königin und Erzherzogin bei den Staatsmännern auch
M., der seit der Mitte des 18.
Jh. im diplomatischen Dienst Österreichs stand. Für das Mitglied einer seit Generationen um das Haus Habsburg verdienten Familie und für den reich begüterten Erben war – nach einer Tätigkeit in Turin zu Beginn der 1760er Jahre – der Botschafterposten in
St. Petersburg zur Zeit der Thronbesteigung Zar Peters III. (1762) die erste bedeutende Station. Im Oktober 1763 wurde
M. Gesandter in Polen, 1766-90 wirkte er als
österr. Gesandter und Botschafter in Paris.
Aus diesem Vierteljahrhundert liegt eine Fülle von Briefen und Berichten vor, die nicht nur für die Geschichte der
franz.-
österr. Beziehungen von Bedeutung sind, sondern vor allem auch tiefe Einblicke in das Leben am
franz. Königshof in Paris und Versailles bieten; sie sind darüber hinaus eine hervorragende Quelle zur Biographie Marie Antoinettes, der jüngsten Tochter Maria Theresias, die – seit 1770 mit dem Enkel
Kg. Ludwigs XV.
|verheiratet – 1774 an der Seite Ludwigs XVI. Königin von Frankreich wurde. Da
M. das vollste Vertrauen Maria Theresias genoß, sollte er gleichsam als verlängerter Arm der besorgten Mutter in ihrem Sinne ratgebend, ermahnend und leitend, insgesamt erzieherisch auf die 15jährig nach Paris gekommene Prinzessin und junge Königin einwirken, zumal auch dann, wenn der Kontakt zwischen Mutter und Tochter aus gegenseitiger Verärgerung abriß. Fortlaufend berichtete er direkt an Maria Theresia über Marie Antoinettes Betragen, über für sie ungünstige Gerüchte sowie sehr persönliche und intime Angelegenheiten und erhielt – zum Teil an der Staatskanzlei des Fürsten Kaunitz vorbei – manche Mitteilung und Weisung hinsichtlich der positiven Ausgestaltung der Beziehungen zwischen Wien und Paris. Zugleich wurde
M. einer der engsten Ratgeber und Vertrauten sowie einer der treuesten Anhänger Marie Antoinettes bis in die Revolutionsereignisse der Jahre 1789/90 hinein, für die er mit seinen Berichten an Kaiser Joseph II. und Staatskanzler Kaunitz ein wichtiger Augenzeuge ist.
M. war weniger selbstverantwortlich Handelnder in den umwälzenden Ereignissen seiner späten Jahre, als vielmehr ihr Beobachter, aber ohne sie wohl in ihrer ganzen Tragweite zu verstehen. Im Rahmen seiner diplomatischen Aufgaben ging es ihm immer wieder um die Absicherung des Bündnisses zwischen Wien und Paris, und er riet zu äußerster Vorsicht bei Veränderungen innerhalb des Mächtesystems. Hinsichtlich des
bayer.-
belg. Tauschprojektes Kaiser Josephs II. teilte er Maria Theresias Bedenken und Befürchtungen und schätzte den Wert der Erhaltung der
franz. Bündnistreue höher ein als den angestrebten
österr. Territorialgewinn in Bayern. Folgerichtig lehnte er auch die
Franz. Revolution ab und bemühte sich um die Rettung der Königsfamilie. Daß er an der Spitze eines antirevolutionären Komitees stand, ist nicht erwiesen.
Als
M. im September 1790 Paris verließ, um als von Kaiser Leopold II. bevollmächtigter Minister am Haager Kongreß zur Regelung der
belg. Angelegenheiten teilzunehmen und die Chancen für eine Koalition gegen das revolutionäre Frankreich auszuloten, bedeutete dies für Marie Antoinette angesichts der zugespitzten Lage in Paris den Verlust einer großen Stütze, auch wenn man brieflich in Verbindung blieb.
M. wurde anschließend
österr. Botschafter in London und war auch von der letzten Station seiner diplomatischen Laufbahn aus im Sinne einer
europ. Koalition gegen die
Franz. Revolution tätig. Die Entwürfe zur Pillnitzer Konvention vom 27.8.1791, die die Grundlage für die erste Koalition gegen das revolutionäre Frankreich bildete, stammen von
M.Quellen ↑
Qu.
Nachlaß in d. Staatsarchiven Lüttich u. Wien;
A.
Rr. v. Arneth (
Hrsg.), Marie Antoinette, Joseph II. u. Leopold II., Ihr Briefwechsel (1775–1792), 1866;
ders., Maria Theresia u. Marie Antoinette, Ihr Briefwechsel während d. Jahre 1770-1780, Mit Briefen d. Abbé de Vermond an den
Gf. M.,
21866;
A. d'Arneth u. A. Geffroy (
Hrsg.), Correspondance secrète entre Marie Thérèse et le Comte de
M.-A., 3
Bde., 1874;
A.
Gf. Thürheim (
Hrsg.), Briefe d.
Gf. M.-A.,
k. k. bevollmächtigten
Min. in d.
Österr. Niederlanden, an d.
k. k. außerordentl. Gesandten zu London
Gf. Louis Starhemberg (vom 26. Dec. 1791 bis 15.
Aug. 1794), 1884;
A. d'Arneth u. J. Flammermont (
Hrsg.), Correspondance secrète du Comte de
M.-A. avec l'Empereur Joseph II et le prince de Kaunitz, 2
Bde., 1889-91;
R.
Gf. Khevenhüller-Metsch u. H. Schlitter (
Hrsg.), Aus d. Zeit Maria Theresias, Tagebuch d. Fürsten
Joh. Jos. Khevenhüller-Metsch,
Bd. 6: 1764-1767, 1917,
Bd. 7: 1770-1773, 1925;
F. Walter, Männer um Maria Theresia, 1951;
ders. (
Hrsg.), Maria Theresia, Briefe u. Aktenstücke in Auswahl, 1982;
P. Christoph (
Hrsg.), Maria Theresia u. Marie Antoinette, Ihr geh. Briefwechsel (1770–1780), 1952;
M. Breunlich-Pawlik u. H. Wagner (
Hrsg.), Aus d. Zeit Maria Theresias,
Bd. 8: 1774-1780, 1972.
Literatur ↑
Eine moderne Biogr. fehlt.
– Biographie Universelle (Michaud) Ancienne et Moderne,
Bd. 28;
Wurzbach 17.
Autor ↑
Helmut NeuhausEmpfohlene Zitierweise ↑
Neuhaus, Helmut, „Mercy, Florimund Claudius Graf von Mercy-Argenteau“,
in: Neue Deutsche Biographie
17
(1994), S.
127 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd124246567.html