Name
Menger, Carl
Namensvarianten
Menger, Karl; Menger, Carlo; Menger, Karl
Lebensdaten
1840 bis 1921
Geburtsort
Neu-Sandez (Galizien)
Sterbeort
Wien
Beruf/Lebensstellung
Nationalökonom; Wirtschaftswissenschaftler
Konfession
katholische Familie
Autor NDB
Erich W. Streissler
Autor ADB
-
GND
118580841

Menger, Carl

Nationalökonom, * 23.2.1840 Neu-Sandez (Galizien), 26.2.1921 Wien.

  • Genealogie

    B Anton (s. 1); – ledig; Lebensgefährtin Hermine Andermann; 1 S Karl (s. 3).

  • Leben

    M. studierte Rechtswissenschaft in Wien (1859/60) und Prag (1860/63), war dann als Journalist in Lemberg und Wien sowie als Konzipient bei verschiedenen Wiener Advokaturen tätig. 1867 promovierte er in Krakau zum Dr. iur. Hierauf arbeitete er bis 1875 in der Presseabteilung des Ministerratspräsidiums, zuletzt als Ministerialsekretär. 1872|habilitierte sich M. mit seinen im Frühjahr 1871 erschienenen „Grundsätzen der Volkswirthschaftslehre“ (21923) an der Univ. Wien für Politische Ökonomie, wurde im Herbst 1873 ao. Professor dieses Faches und war seit 1876 einer der einflußreichsten Lehrer des Kronprinzen Rudolf, den er 1877 und 1878 auf ausgedehnten Reisen, u. a. nach England, begleitete. Im Febr. 1879 wurde M. o. Professor an der Univ. Wien, nachdem er Rufe nach Karlsruhe, Basel und Zürich abgelehnt hatte. Intensiv war er 1892 an der „Währungs-Enquête-Kommission“ beteiligt, die den Übergang zur Goldwährung vorbereitete. 1896 wurde M. zum Hofrat ernannt, 1900 zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses. M. trat 1903 vorzeitig von seinem Lehramt zurück. Er galt als hervorragender Lehrer, der Klarheit und Einfachheit der Rede mit philosophischer Tiefe verband und der seine Studenten behutsam dahin führte, gewissermaßen aus sich selbst des Lehrers wissenschaftliche Einsichten wieder zu entdecken.

    Unbestritten war M. einer der bedeutendsten Nationalökonomen überhaupt. Er hat ein relativ schmales Werk hinterlassen. Nur drei Arbeiten sind von größerem Umfang: die zu seinen Lebzeiten nicht mehr neu aufgelegte Habilitationsarbeit, auf der sein Weltruhm beruht und die als „Erster allgemeiner Teil“ eines größeren Werkes angekündigt war, seine bedeutsamen „Untersuchungen“ (1883), die der Methodologie und Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften gewidmet sind, und schließlich sein großer Handwörterbuch-Artikel „Geld“, der erstmals 1892 erschien. Außer den peinlich-polemischen „Irrthümern“ (1884) besteht der Rest seiner Arbeiten aus kleineren Artikeln.

    Obwohl persönlich Autodidakt, stellte sich M. in seinen „Grundsätzen“ sehr bewußt in eine wohletablierte Wissenschaftstradition der Universitäten der deutschen Mittelstaaten, nämlich die Ablehnung der klassischen brit. Nationalökomie aufgrund einer subjektiven Wertlehre, wobei M. den Weg des Münchener Ökonomen Friedrich v. Hermann fortsetzte. Dementsprechend war seine Aufnahme in der herrschenden deutschen Nationalökonomie zunächst im ganzen positiv. Erst zwölf Jahre später kam es nach der Publikation seiner „Untersuchungen“ zu einer schweren Konfrontation, dem sog. Ersten Methodenstreit der Nationalökonomie, mit einer ganz anderen, von Preußen geförderten, aufstrebenden deutschen Wissenschaftstradition, verkörpert durch Gustav Schmoller in Berlin, die zu einer jahrzehntelangen Kampfstellung zwischen der stärker deskriptiv und geschichtsphilosophisch ausgerichteten deutschen (jüngeren) „Historischen Schule“ in der Nationalökonomie und der mehr abstrakten, theoretisch-deduktiven „Österreichischen Schule“ M.s führte.

    M.s in den „Grundsätzen“ verkündetes Ziel war es, eine „alle Preiserscheinungen … unter einem einheitlichen Gesichtspunkte zusammenfassende Preistheorie“ zu liefern. Diese fußte auf einer im deutschen Sprachraum erstmals von ihm (wie gleichzeitig in England von W. St. Jevons und in Frankreich von L. Walras) vorgenommenen Operationalisierung des althergebrachten Konzepts der subjektiven Nutzbewertung der Güter für die Preistheorie in seinen „Scalen der Bedeutung der verschiedenen Bedürfnisbefriedigungen“. Dadurch gelang es ihm, über seine international bereits sehr weit fortgeschrittenen deutschen Kollegen hinaus, nicht nur die Preisbildung einzelner Güter isoliert zu betrachten, sondern vielmehr den Preisbildungsprozeß mehrerer Güter gleichzeitig in seinem Zusammenhang zu sehen. Radikal neu war seine Sicht, daß diese Ableitung der Güterpreise aus der Nutzwertschätzung der Letztverbraucher (und nicht mehr aus den bei ihrer Erzeugung aufgewandten Kosten) ebenso auch für alle Produktionsfaktoren zu gelten habe. Deren Wert bestimmt sich als indirekter Nutzen gemäß ihrer erwarteten produktiven Beiträge zu den Endprodukten.

    Neben diesen im letzten Viertel des 19. Jh. Allgemeingut werdenden Grundgedanken der von M. mitgetragenen „marginalistischen Revolution“ der Wirtschaftswissenschaften geht die spezifische Note der von ihm begründeten, bis etwa 1950 blühenden „Österreichischen Schule“ – recht eigentlich der „Menger-Schule“ – auf Akzentsetzungen zurück, die alle bereits bei ihm zu finden sind: die Darstellung der vertikalen Güterstruktur der Produktion, die die österr. Kapitaltheorie anregte; die Betonung der Irrtumswahrscheinlichkeit in Wirtschaftsentscheidungen infolge des Zeitbedarfs der Wirtschaftsprozesse, die zu neuen konjunktur- und entwicklungstheoretischen Konzepten führte; die Herausarbeitung von Monopol- und Verhandlungssituationen auf Märkten, ja des isolierten Tausches, die den Keim für die Spieltheorie pflanzte; schließlich die auf einem subjektiven Reservehaltungsstreben basierende Geldtheorie M.s, die für die betont geldtheoretische Sicht seiner Schule wesentlich wurde. Heute sind es seine nicht geschlossen und statisch, sondern vielmehr offen und prozeßtheoretisch ausgerichteten Interpretationen des Wirtschaftsablaufes und seine konsequente Position eines „methodischen Individualismus“, die besonderen Anklang finden, vor allem in den USA in den wiederbelebten „Austrian Economics“.|

    • Auszeichnungen

      Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss., d. Ac. des Sciences Morales et Politiques (Paris), d. Accademia dei Lincei u. d. American Ac. of Political and Social Sciences; Dr. h. c. (Budapest 1896, Prag 1899); „Erster Dr. d. Staatswiss.“ (Wien 1920).

    • Werke

      Weitere Werke Unterss. üb. d. Methode d. Socialwissenschaften u. d. Pol. Ökonomie insbesondere, 1883; Die Irrthümer d. Historismus in d. dt. Nat.ökonomie, 1884; Geld, in: Hdwb. d. Staatswiss., 1892, 31909; The Collected Works of C. M., 4 Bde., hrsg. v. F. A. Hayek, 1933–36, 2. Aufl. u. d. T.: C. M., Ges. Werke, “ 4 Bde., 1968-70 (Porträt).gestrichen: – [d. Red.]

    • Nachlaß

      Nachlaß: William R. Perkins Library, Duke University, Durham (North Carolina, USA).

    • Literatur

      J. A. Schumpeter, in: Zs. f. Volkswirtsch. u. Soz.-pol. NF 1, 1921, S. 197-206; F. v. Wieser, in: Alm. d. Wiener Ak. d. Wiss. 71, 1921, S. 241-52 (Porträt); ders., in: NÖB I, 1923, S. 84-92 (Porträt); F. A. Hayek, Einl. zu C. M., Ges. Werke (s. W); ders., in: Lb. gr. Nat.ökonomen, hrsg. v. H. Recktenwald, 1965, S. 348-64 (Porträt); G. J. Stigler, The Economics of C. M., in: The Journal of Pol. Economy 45, 1937, S. 229-50; O. Weinberger, in: Schweizer. Zs. f. Volkswirtsch. u. Statistik 84, 1948, S. 164-77; J. R. Hicks u. W. Weber (Hrsg.), C. M. and the Austrian School of Economics, 1973; M. Boos, Die Wissenschaftstheorie C. M.s, 1986; M. Alter, C. M. and the Origins of Austrian Economics, 1990; B. J. Caldwell (Hrsg.), C. M. and his Legacy in Economics, 1990; DBJ III; ÖBL.

    • Portraits

      Denkmal v. A. Hoffmann, 1929 (Arkadenhof d. Univ. Wien).

  • Autor

    Erich W. Streissler
  • Empfohlene Zitierweise

    Streissler, Erich W., "Menger, Carl" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 72-74 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118580841.html
ndb null

Menger, Carl

Menger, Carl