<< Ludolf, Hiob
Ludolfus de Lucohe >>
Ludolf, Heinrich Wilhelm
Slawist, Missionsreisender,
* 20.12.1655,
† 25.1.1712.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Georg Heinrich (1616–69),
schwed. Legationsrat beim Westfäl. Frieden, dann mainz.
Reg.rat u. Oberster Ratsmeister in
E., Gründer d. Waisenhauses,
S d. Hiob (
s. Gen. 1);
M Judith Margarete (1635–63),
T d. Ratsherrn Jeremias Herbort Seltzer in
E. u. d. Dorothea
v. Utzberg;
Ov Hiob (s. 1);
B Georg Melchior
v. L. (Reichsadel 1712, 1667-1740), Reichskammergerichtsassessor,
Vf. bedeutender
Schrr. üb. d. Reichskammergericht (s.
ADB 19); -ledig.
Leben ↑
Früh verwaist, verlebte
L. eine freudlose Jugend. Bei seinem Onkel Hiob, dem berühmten ersten Äthiopologen, lernte er
oriental. Sprachen; seit 1674 studierte er in Jena. 1678 ging er nach England, das ihm zur zweiten Heimat wurde. In Dänemark trat er in den diplomatischen Dienst ein, wurde 1686 Sekretär des Prinzen Georg, des späteren Prinzgemahls der
Kgn. Anna von England. Als er 1691 diesen Dienst aufgab, bekam er in Kopenhagen und London die Mittel, eine Reise nach Rußland zu unternehmen (1692-94). Diese galt wirtschaftlichen Interessen. Von Lübeck gelangte er über Reval nach Narva, wo er lange auf den Paß für die Weiterreise nach Moskau warten mußte. In dieser Zeit lernte er Russisch. Mitten im Winter fuhr er nach Moskau, wo er viele einflußreiche Persönlichkeiten (Gordon, Lefort, Weyde
u. a.) kennenlernte und vor Zar Peter musizieren durfte. Dann bereiste er vornehmlich den Norden und Nordosten Rußlands, lernte aber auch die Ukraine kennen.
Nach seiner Rückkehr schrieb
L. in Oxford die erste Grammatik der
russ. Umgangssprache. Sie sollte den Kaufleuten helfen, zog aber auch die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf sich. Eine besondere Ausgabe mit einem Verzeichnis militärischer Ausdrücke veranstaltete er für den Zaren. Diese versah er mit einer lateinischen Widmung. Während Peters Auslandsreise 1697/98 stand ihm
L. als Mittelsperson zur Verfügung. Zu dieser Zeit kam er auch zu A. H. Francke nach Halle, der ihn stark beeindruckte. Seitdem ließ er sich von der Idee der Universalkirche leiten. Um die Orthodoxe Kirche zu gewinnen, unternahm
L. 1698/99 eine Orientreise, unterstützt von
engl. und
holländ. Diplomaten, und suchte Verbindung zur
griech. Geistlichkeit, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Zur Förderung seines Missionsunternehmens bestimmte er A. H. Francke, in Halle 1702 ein Collegium Orientale zu begründen, in dem
oriental. und
slaw. Sprachen gelehrt wurden. Er veranlaßte eine neugriech. Übersetzung des Neuen Testaments und korrespondierte über eine russische außer mit Francke und
v. Canstein auch mit Leibniz und Schülern des Propstes Glück in Moskau. Das Ideal einer Universalkirche, dessen Verwirklichung
|er durch seine Sprachstudien fördern wollte, blieb freilich eine Utopie. Gewirkt haben nur seine sprachwissenschaftlichen Arbeiten, die bis zur Gegenwart in der Slawistik Beachtung finden. In seinen letzten Lebensjahren übertrug ihm
Kgn. Anna die Fürsorge für die für die Auswanderung nach Amerika bestimmten 10 000 Pfälzer. Über die materielle Hilfe kam
L. bei ihnen nicht hinaus und verfiel immer mehr dem Pessimismus. Bedeutsam blieben seine durch A. H. Francke verwirklichten Gedanken.
Werke ↑
Grammatica Russica, 1696 (
Neudr. ed. B. O. Unbegaun, 1959);
Meditationes upon Retirement from the World, 1691;
Reliquiae Ludolfianae
ed. A. W. Boehme, 1712;
Some Extracts from the writings of H. W.
L., 1726;
The true and only way to Union among Christians, 1727. -
Briefe:
Bei Benz, Winter u. Tetzner, s.
L.
Literatur ↑
E. Benz, A. H. Francke u. die
dt. ev. Gemeinden in Rußland, 1936 (
dass. in:
ders., Endzeiterwartung
zw. Ost u. West, 1973, S. 150-210);
B. A. Larin, Russkaja grammatika Ludol'fa, 1937;
D. Čiževskyj, Zu d. Beziehungen d. A. H. Francke-Kreises zu d. Ostslaven, in: Kyrios 4, 1939/40, S. 259 ff.;
S. G. Simmons, H. W.
L. and the principles of his Grammatica Russica of Oxford, 1951;
E. Winter, Halle als Ausgangspunkt d.
dt. Rußlandkde. im 18.
Jh., 1953;
J. Tetzner, H. W.
L. u. Rußland, 1955.
Autor ↑
Robert StupperichEmpfohlene Zitierweise ↑
Stupperich, Robert, „Ludolf, Heinrich Wilhelm“,
in: Neue Deutsche Biographie
15
(1987), S.
304 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd115754571.html