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<< Löwenstein, Kurt     Löwenstein, Rudolf >>

Löwenstein, Leo

Chemiker, Physiker, jüdischer Funktionär, * 8.2.1879 Aachen, 13.11.1956 auf einer Reise nach Israel. (israelitisch)


GenealogieLebenAuszeichnungenWerkeLiteraturAutorZitierweise

Genealogie  
V Hermann (1847–1936), aus Werl, Großkaufm. in A.; M Helene David ( 1930) aus Altenkirchen; 1) Anna Kamp ( 1908), 2) N. N.; 2 K aus 1).

Leben  
Nach dem Besuch der Oberrealschule studierte L. in seiner Heimatstadt sowie in München, Berlin und Göttingen Chemie und Physik. 1905 wurde er mit „Beiträgen zur Messung von Dissociationen bei hohen Temperaturen“ zum Dr. phil. promoviert. Seit 1907 arbeitete er in chemischen Fabriken in Österreich. Schon in seiner ersten Stellung (in Villach) ermöglichte L. durch eine Erfindung ein großtechnisches Verfahren zur elektrochemischen Erzeugung von Wasserstoffperoxid. 1924 entwickelte er das von Riedel de Haen erstmals ausgeübte „Riedel-Löwenstein-Verfahren“, bei dem nicht mehr die freie Schwefelsäure, sondern eine Ammo niumsulfat-Lösung elektrolysiert und das Ammoniumperoxidisulfat hydrolysiert wurde. Dieses Verfahren, das eine gewaltige Produktionssteigerung von Wasserstoffperoxid ermöglichte, wurde erst in den 50er Jahren durch das sog. AO-Verfahren abgelöst. Im Okt. 1913 erfand L. das sog. Schallmeßverfahren, mit dem der Standort einer Schallquelle, z. B. eines feuernden Geschützes, geortet werden konnte. Während des 1. Weltkriegs, den er als Oberleutnant d. Res., seit 1916 als Hauptmann d. Res. bei der bayer. Nachrichtentruppe in Frankreich und Serbien erlebte, konnte er das Schallmeßverfahren und das Lichtsignalwesen verbessern. Im Mai 1918 wurde L. zur preuß. Inspektion der Nachrichtentruppen in Berlin kommandiert; zuletzt leitete er die neugegründete Dienststelle für fernmeldetechnische Entwicklung im preuß. Kriegsministerium. 1920-42 erhielt er 25 Patente, u. a. für sein Verfahren zur großtechnischen Erzeugung von Wasserstoffperoxid. Auf Grund seiner patriotischen Gesinnung ließ er sich seine Erfindungen auf dem Rüstungssektor, der Nachrichtenübermittlung und zuletzt (1929) bei der Entwicklung von ferngelenkten Raketen im Auftrag des Heereswaffenamtes nicht patentieren.
Am 8.2.1919 gründete L. den „Reichsbund jüd. Frontsoldaten“ (RjF), um die „Ehre“ der jüd. Frontsoldaten und damit aller deutschen Juden zu verteidigen und um in sozialem Geiste „gute Kameradschaft zu üben“. Ausgelöst wurde die Gründung durch die antijüd. Hetze, die den Juden die Hauptschuld am verlorenen Krieg zuweisen wollte (Vorwurf der „Drückebergerei“, der Verflechtung mit der internationalen Finanzwelt usw.), nachdem schon die „Judenzählung“ des preuß. Kriegsministeriums vom Okt. 1916 diffamierend gewirkt hatte. Dem Reichsbund gehörten bald über 30 000 Mitglieder an. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nahm die Mitgliederzahl noch einmal zu: Zusammen mit dem von ihm geschaffenen Sportbund, der angegliederten Kriegsopferabteilung und dem Siedlungswerk zählte der Reichsbund schließlich über 50 000 Mitglieder. Nach dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens“ war er die größte jüd. Organisation in der Weimarer Zeit. Die Mitglieder waren durchwegs um Assimilation bemüht und glaubten an eine akzeptable Lösung der „Judenfrage“ selbst noch in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“. So richtete L. 1933 an die Mitglieder des Reichsbundes einen Aufruf, sich in der Treue zu Deutschland durch nichts erschüttern zu lassen (Der Schild v. 27.10.|1933). Der Reichsbund war führend an der Organisation des jüd. Selbstschutzes beteiligt und rief die jüd. Jugend auf, ihre sportliche Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Ende der 20er Jahre kaufte der Reichsbund ein Gut, das von einigen jüd. Siedlerfamilien bewirtschaftet wurde. Das Verbandsorgan „Der Schild“ erschien 1921-38; in einer eigenen Schriftenreihe wurden u. a. ein Gedenkbuch für die jüd. Gefallenen herausgegeben, zu dem Hindenburg das Vorwort schrieb (1932), sowie „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden“ (1935) mit einer Zeichnung Max Liebermanns. Die Tätigkeit des Reichsbundes wurde während des Dritten Reiches in zunehmendem Maße behindert und eingeschränkt; durch einen Erlaß vom 9.10.1936 verbot ihm Heinrich Himmler jegliche Aktivitäten mit Ausnahme der Betreuung jüd. Kriegsopfer. Nach der „Kristallnacht“ vom 9./10.11.1938 stellte der Reichsbund seine Tätigkeit endgültig ein. – L., der dank seiner guten Beziehungen zum Reichswehrministerium lange Zeit unbehelligt blieb, wurde vom 2.2.1942 bis zum 1.4.1943 zur Zwangsarbeit verpflichtet und drei Monate später zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung emigrierte er über Skandinavien in die Schweiz, wo er als Chemiker arbeitete|

Auszeichnungen  
Eisernes Kreuz I. Klasse (1917).

Werke  
Weitere W u. a. Die Erfindung d. Schallmessung, in: Heerestechnik 6, 1928, S. 261-65; Die Linie d. Reichsbundes jüd. Frontsoldaten, in: Wille u. Weg d. dt. Judentums, 1935, S. 7-11; Vom Wesen d. Erfinders (ungedr.). - Hrsg.: Aus d. Kriegsarbb. z. Telephonie auf gerichteten Strahlen, 1931 (aus: Heerestechnik 8, 1930). - Weitere vom Reichsbund hrsg. Schrr.: F. A. Theilhaber, Jüd. Flieger im Weltkrieg, 1924; S. Dyk, Denkschr. z. Siedlungsaktion d. Reichsbundes jüd. Frontsoldaten, 1927; Ber. üb. d. Stand d. jüd. Siedlungsarb. in Dtld., 1930; Was will d. Sportbund? 1936; Heroische Gestalten jüd. Stammes, 1937.

Literatur  
F. Oppenheimer, Die Judenstatistik d. preuß. Kriegsmin., in: ders., Soziolog. Streifzüge II, 1927, S. 252-85; H. Harburger, Der Reichsbund jüd. Frontsoldaten, in: Israelit. Fam.bl. v. 2.6.1932; Leo Brandt, in: Nachrichtentechn. Zs. 1957, H. 1, S. 42; ders., Forschen u. Gestalten, 1962; A. Paucker, Der. jüd. Abwehrkampf gegen Antisemitismus u. Nationalsozialismus in d. letzten Jahren d. Weimarer Republik, 1968; W. E. Mosse u. A. Paucker (Hrsg.), Dt. Judentum in Krieg u. Revolution 1916–23, 1971; S. Adler-Rudel, Jüd. Selbsthilfe unter d. Naziregime 1933–39, 1974; A. Hanak, Die Anfänge d. organisierten jüd. Turn- u. Sportbewegung, in: Btrr. z. Gesch. d. Leibeserziehung u. d. Sports IV, 1974; R. Pieron, Embattled Veterans, The Reichsbund jüd. Frontsoldaten, in: Leo Baeck Institute, Year Book 19, 1974, S. 139-54; U. Dunker, Der Reichsbund jüd. Frontsoldaten 1919–38, Gesch. e. jüd. Abwehrvereins, 1977 (L); Dt. jüd. Soldaten 1914–45, Ausst.-kat. d. Mil.gesch. Forschungsamts, 1983, S. 14-84 (Aufsatz v. H. Walle, P).

Autor  
Franz Menges
Empfohlene Zitierweise  

Menges, Franz, „Löwenstein, Leo“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 106 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd126461422.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 15 (1987), S. 106 f.

PND: 126461422
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Index

Löwenstein, Leo

Name: Löwenstein, Leo
Lebensdaten: 1879 bis 1956
Geburtsort: Aachen
Sterbeort: auf einer Reise nach Israel
Beruf/Lebensstellung: Chemiker; Physiker; jüdischer Funktionär
Konfession: jüdisch
Autor NDB: Menges, Franz
PND: 126461422

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Löwenstein, Leo

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126461422

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