Name
Gierke, Otto von
Namensvarianten
Gierke, Otto Friedrich von; Giercke, Otto; Gierke, O.; Gierke, Otto; Gierke, Otto F. von; Gierke, Otto Fridericus; Gierke, Otto Friedrich; Gierke, Otto Friedrich von; Gierke, Otto v.
Lebensdaten
1841 bis 1921
Geburtsort
Stettin
Sterbeort
Berlin-Charlottenburg
Beruf/Lebensstellung
Jurist; Rechtshistoriker
Konfession
evangelisch
Autor NDB
Karl S. Bader
Autor ADB
-
GND
118539205

Gierke, Otto Friedrich von

Rechtshistoriker, * 11.1.1841 Stettin, 10.10.1921 Berlin-Charlottenburg.

  • Genealogie

    V Julius Gierke (1806–55), Stadtsyndikus in St., preuß. Landwirtsch.min. 1848, dann Appellationsgerichtspräs. in Bromberg, Kaufm.-S aus Stettin; M Therese Zitelmann ( 1855); Om Konrad Zitelmann (1814–89), Geh. Reg.rat, Schriftsteller (s. ADB 45); 5 Geschw.; Vt Ernst Zitelmann (1852–1923), Prof. d. Rechte, Lyriker (s. Kosch, Lit.-Lex.), Konrad Zitelmann (Ps. Telmann, 1854–97), Schriftsteller (s. ADB 45; Kosch, Lit.-Lex.); Cousine Katharina Zitelmann (Ps. K. Rinhart, 1844–1926), Erzählerin (s. Kosch, Lit.-Lex.); Heidelberg 1873 Lili (1850–1936), T d. Karl Frdr. Loening (1810–84), Mitgründer d. Verlags Rütten u. Loening, u. d. Nanette Reinach; Schwäger Edgar Loening (1843–1919), Prof. d. Staats- u. Kirchenrechts in Halle, Mitgl. d. Herrenhauses, Richard Loening (1846–1913), Prof. d. Straf- u. Strafprozeßrechts in Jena; Vt d. Ehefrau Heinr. Dernburg ( 1907), Jurist (s. NDB III); 3 S, 3 T, u. a. Julius (s. 2), Edgar (s. 1), Anna (1874–1949), trat f. Fachausbildung d. weibl. Jugend ein, Leiterin d. Ausbildungsstätten des v. ihr 1894 gegr. Ver. Jugendheim in Berlin-Charlottenburg, Mitgl. d. Reichstags (s. Rhdb., P).

  • Leben

    Nach Gymnasialbesuch in Bromberg und in Stettin nahm G. das Studium der Rechte an der Universität Berlin auf, setzte es 3 Semester in Heidelberg fort, wo er der Burschenschaft beitrat, und schloß es 1860 mit 2 weiteren Berliner Semestern, von G. Beseler maßgeblich beeinflußt, mit einer Dissertation aus dem Gebiet des Lehenrechts ab (Militär- und juristischer Vorbereitungsdienst, 1865 Gerichtsassessor). Am Krieg 1866 nahm er als Leutnant der Landwehr teil. Mit der Vorbereitung der Habilitationsschrift, die von Beseler angeregt und von Homeyer mitbetreut wurde, betrat G. das Forschungsfeld, dem er bis zu seinem Lebensende treu blieb: Geschichte und Recht der deutschen Genossenschaft. Seit 1867 Privatdozent an der Universität Berlin (venia legendi für germanistisch-juristische Lehrgebiete und für Staatsrecht), lehnte G., der als Hauptmann am Deutsch-Französischen Krieg teilnahm, noch während des Krieges eine Berufung nach Zürich ab; in Berlin zum außerordentlichen Professor ernannt, wurde er noch im gleichen Jahr nach Breslau als Ordinarius berufen. 1884 wurde er ordentlicher Professor in Heidelberg und 1887 in Berlin (1902/03 Rektor).

    G. hat ein monumentales Lebenswerk geschaffen, das der juristischen Durchdringung|des Deutschen Privatrechts, insbesondere des Genossenschafts- und Körperschaftsrechts, und überhaupt dem germanistischen Anteil an der deutschen Rechtsentwicklung gilt. In den Denkformen der Historischen Rechtsschule aufgewachsen, jedoch stark von Rudolf Jherings Lehre vom „Zweck im Recht“ beeinflußt, stärker als dieser der Pandektistik und romanistisch betonten Begriffsjurisprudenz widerstrebend, gelangt G. über die antiquarische Richtung der juristischen Germanistik hinaus, indem er diese bewußt rechtspolitisch fruchtbar zu machen versucht. Als Historiker „kraft Erudition“ (→U. Stutz) fehlt ihm die eigentlich konkrete Anschauung des geschichtlichen Ablaufs. So ist sein früh konzipiertes, unvollendet gebliebenes Hauptwerk, das deutsche Genossenschaftsrecht, mit all seinen wichtigen und bis heute maßgeblich gebliebenen rechtstheoretischen Erkenntnissen eine juristische Großtat ersten Ranges, hat dagegen die allgemeine Geschichtsforschung auffällig wenig befruchtet. Sein Deutsches Privatrecht (I-III) hält sich bewußt vom Versuch fern, die germanistischen Rechtsformen aus dem Denken ihrer Zeit heraus miteinander zu verknüpfen, strebt vielmehr danach, es zu einem praktikablen Gegenwartsrecht mit starker Berücksichtigung sozialer Gedanken zu machen. Da er enttäuscht ist über die streng individualistische Grundhaltung des Entwurfs eines einheitlichen Bürgerlichen Gesetzbuchs von 1888, gilt sein Bemühen seitdem vor allem rechtspolitischer Zielsetzung: in das seiner Meinung nach auf ein falsches Geleise geratene große Gesetzgebungswerk aus dem selbst geformten Bild germanisch-deutscher Rechtsgestaltung heraus möglichst viele germanistische Gedanken zu bringen. Die sozialen Aufgaben sieht er im Sinne von Friedrich Naumann und der zeitgenössischen Sozialpolitik. Da das 1896 verabschiedete, am 1. Januar 1900 in Kraft getretene BGB sich solchen Ideen weitgehend verschließt, wendet sich G. in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der dogmatischen Durchdringung des Gesetzbuchs zu, das er dort bejaht, wo es die Einheit auf dem Gebiete des Privatrechts gebracht hat, und in das er nunmehr durch streng dogmatische Deutung einen Teil dessen nachträglich hineinzutragen versucht, was dem Gesetzestext anzuvertrauen seinen Bemühungen zuvor mißlungen ist. Als preußischer Monarchist mit national-liberalen Zügen kämpft er auf politischem Feld während des Krieges 1914/18 für einen deutschen Sieg und für gerechte Kriegsziele; vom Kriegsausgang tief getroffen, setzte er sich in seinen letzten Jahren ohne den Mut zu verlieren dafür ein, die ihm widerfahrene Enttäuschung zu überwinden. Bis ins letzte von der Kraft der Rechtsidee überzeugt, starb er, schon der äußeren Gestalt nach ein germanischer Recke, mit dem Bewußtsein, daß das Recht, so wie er es verstand, über menschliche Macht und Schwäche siegen müsse.|

    • Auszeichnungen

      Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Berlin, korr. Mitgl. zahlr. in- u. ausländ. Ak., Friedensklasse d. Ordens pour le mérite, Geh. Justizrat.

    • Werke

      Bibliographie b. Stutz u. E. Wolf, s. L;  De debitis feudalibus, Diss. iur. Berlin 1860;  Das dt. Genossenschaftsrecht I: Rechtsgesch. d. dt. Genossenschaft, 1868, II: Gesch. d. dt. Körperschaftsbegriffs, 1873, III: Die Staats- u. Korporationslehre d. Altertums u. d. MA u. ihre Aufnahme in Dtld., 1881, IV: Die Staats- u. Korporationslehre d. Neuzeit, 1913 (unvollendet), Neudruck d. 3 ersten Bde., 1913, aller Bde. 1954;  Johs. Althusius u. d. Entwicklung d. naturrechtlichen Staatstheorien, 1880, 51958;  Naturrecht u. dt. Recht, 1883;  Die Genossenschaftstheorie u. d. dt. Rechtsprechung, 1887;  Der Entwurf e. bürgerl. Gesetzbuchs u. das dt. Recht, 1883-89 (in Einzelaufsätzen), als Buch erweitert 1889;  Die soz. Aufgabe d. Privatrechts, 1889;  Dt. Privatrecht, I: Allg. Teil u. Personenrecht, 1895, II: Sachenrecht, 1905, III: Schuldrecht, 1917;  Das Wesen d. menschl. Verbände, 1902;  Die hist. Rechtsschule u. d. Germanisten, 1903;  Die Stein'sche Städteordnung, 1909;  Schuld u. Haftung im älteren dt. Recht, 1910;  Über d. Gesch. d. Majoritätsprinzips, 1913;  Krieg u. Kultur, 1914;  Der dt. Volksgeist im Kriege, 1915;  Der german. Staatsgedanke, 1919.

    • Literatur

      U. Stutz, Zur Erinnerung an O. v. G., in: ZSRG 43, 1922, S. VII-XLIII (Werk(e), Porträt);  H. Sinzheimer, O. v. G.s Bedeutung f. d. Arbeitsrecht, in: Zs. f. Arbeitsrecht 9, 1922, S. 1-9;  G. Gurwitsch, O. v. G. als Rechtsphilosoph, in: Logos 11, 1923, S. 86-132;  A. v. Harnack, Zum Gedächtnis an G., in: Erforschtes u. Erlebtes, 1923, S. 346-51;  A. Schultze, O. v. G. als Dogmatiker d. Bürgerl. Rechts, in: Jherings Jb. f. Dogmatik 73, 1923, S. 1-29;  S. Mogi, O. v. G., his political teaching and jurisprudence, London 1932;  E. Molitor, in: Pommersche Lb. I, 1934, S. 304-12;  H. Krupa, O. v. G. u. d. Probleme d. Rechtsphilos., 1940;  E. Wolf, in: Große Rechtsdenker d. dt. Geistesgesch., 41963, S. 669-712 (Werk(e), Porträt);  K. Beyerle, in: Staatslex. II, 51927, Sp. 737-43;  H. Planitz, in: DBJ III, S. 110-18 (Werk(e), Literatur, u. Tl. 1921, W, L).

    • Portraits

      Bronzebüste v. F. Klimsch, 1910 (Göttingen, Slg. Dr. J. v. G.).

  • Autor

    Karl S. Bader
  • Empfohlene Zitierweise

    Bader, Karl Siegfried, "Gierke, Otto Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 374-375 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118539205.html
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Gierke, Otto von