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August
Leben
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Leben ↑
August, Prinz von
Preußen — Sohn des am 2. Mai 1813, 82jährig
verst. Prinzen Ferdinand und einer Markgräfin von
Brandenburg-Schwedt, Enkelin des großen Kurfürsten — ist der 15.
in der Reihe der Chefs der brandenburgisch-preußischen Artillerie.
Er ward geb. den 19. Sept. 1779, er
starb den 19. Juli 1843. Ein Mann mit schöner, reger Geisteskraft,
ein ebenso kühner wie ausdauernder Soldat.
24 Jahre alt, ein Grenadierbataillon in Berlin befehligend,
läßt sich Prinz
A.
die taktische Vervollkommnung (Tirailleurdienst) und
die humane Behandlung seiner Truppen sehr angelegen sein. Aus des
Prinzen erstem Feldzug, 1806, heben wir 3 Momente hervor: 1. Die
Ansprache, welche er (unter dem Eindruck der Nachricht vom
Heldentod seines älteren und einzigen Bruders, Prinz Ludwig) an
seine Grenadiere richtete, anläßlich der Vorlesung des königlichen
Aufrufs an das Heer. "Seid gewiß", sagte er, "daß ich Euch
jederzeit den Weg der Ehre und des Ruhms führen werde!" 2. Am
16.
October, als aus einem moralisch und physisch geschwächten, von
Lebensmitteln entblößten Truppenchaos das Wort "Capitulation" zu
des Prinzen Ohr gelangte, verbat dieser es sich sehr ernstlich,
daß in seiner Gegenwart von "so Etwas" geredet werde.
|3. Des Prinzen und eines Infanterie-Heldenhäufleins
mustergültiger Widerstand gegen französische Reiterangriffe, am
28. Oct. Eine 1841 auf dem Gefechtsfeld von Schönwerder bei
Prenzlau, von Bewohnern jener Gegend errichtete Granitsäule ehrt
diese That. Der Prinz selbst erzählte sie schlicht und kurz in
einer Randbemerkung zu v. Tiedemann's "Taktischen Vorlesungen" —
abgedruckt wortgetreu in C. v. Decker's "Taktik der drei Waffen",
Berlin 1828, publicirt bei Mittler, Thl. I. Seite 218.
Die absolute Unmöglichkeit, weiter kämpfen zu können, ließ den
Prinzen, durch einen Prellschuß verwundet, in Kriegsgefangenschaft
gerathen (Nancy, Soissons). König Friedrich Wilhelm III. zeichnete des nach dem Tilsiter Frieden
Heimkehrenden "rühmliche Entschlossenheit im Feldzuge" aus durch
Ernennung zum Generalmajor (Cabinetsordre, Königsberg 8. Aug.
1808) und gleichzeitig zum Befehlshaber der gesammten Artillerie,
sowie auch zum Chef des ostpreußischen Artillerieregiments.
Freilich mag dieser neue Wirkungskreis unserm Prinzen eine schwere
Aufgabe gedünkt haben — er äußert in späteren, eigenhändigen
Schriften mehrmals, es sei das Studium der Artillerie ein in
gewissen Jahren "behemmtes" —; indeß des Kriegsherrn Befehl, des
Monarchen Vertrauen und Scharnhorst's kameradschaftliche
Unterweisungen hoben alle Bedenken. "Frisch vom Leder ist halb
gefochten"; ein gut alt Sprüchlein. Die Artillerie machte bei
ihrer Reorganisation unter dem prinzlichen Chef "Riesenschritte".
(S. v. Decker, Gesch. der Geschützkunst, 2. Aufl., 1822.)
Am 1. März 1813 wurde Prinz
A.
zum commandirenden General der gesammten mobilen
Artillerie ernannt. Somit war ihm in der Schlacht bei
Groß-Görschen (2. Mai) planmäßig ein Commando über andere Waffen
nicht zugetheilt; dennoch leistete der Prinz — weil ihm das
Gefechtsterrain zufällig sehr genau bekannt — sehr wichtige
Dienste als Truppenführer, kaltblütig und unermüdlich beim
Nahegefecht. Es ergab sich ihm hierbei der Anlaß, dem
Höchstcommandirenden, Blücher, einzelne Persönlichkeiten in
Vorschlag zu bringen für Auszeichnung durch das eiserne Kreuz.
Diese "
Eingaben" sind uns Documente für des Prinzen
A.
Eifer und Thätigkeit an jenem heißen Tage. Der Prinz
ging diesmal unverwundet aus dem Kampf hervor — eine Kartätsch-
und eine Gewehrkugel trafen ihn am 14. Oct. 1806 —; jedoch sein
Pferd wurde ihm erschossen; dasselbe welches Prinz Ludwig geritten
an seinem Todestage, bei Saalfeld. Der König anerkannte durch
Ertheilung des eisernen Kreuzes (6. Mai) des Prinzen
A.
neubewährte persönliche Tapferkeit und dessen
Dienstbeflissenheit für Preußens Waffenehre. Dieses königliche
Zufriedenheitszeichen ermuthigte den Prinzen zur Wiederholung
seiner schon beim Kriegsausbruch verlautbarten Bitte: neben seinem
ihn während des Feldzugs nicht genügend beschäftigenden
artilleristischen Posten eine anderweite Befehlshaberstelle
übernehmen zu dürfen. Der König genehmigte dies am 16. August
1813, und ernannte den Prinzen zum Brigadechef ("Divisionär" nach
heutiger Ausdrucksweise) beim II.
Armeecorps "v. Kleist"; gleichzeitig erfolgte die Beförderung zum
Generallieutenant. Des Prinzen
A.
Brigade (die 12.) nahm an beiden Schlachttagen bei
Dresden, der Reserve angehörig, keinen wesentlichen Antheil; er
selbst aber betheiligte sich mit gewohntem Feuereifer an den
Localgefechten. Ein besonderer Ehrentag wurde ihm bei Culm. Hier,
in kritischem Schlachtenmoment vom Pferde springend, ergriff Prinz
A.
die Fahne eines schlesischen Bataillons (kgl. 11.
Inf.-Regmts.) und drang an dessen Spitze vor, den Feind mit
"Hurrah" durchs Bajonnet zum Weichen bringend. König Friedrich
Wilhelm IV. ehrte im J. 1844 das Andenken
an diese Leistung, indem er den Schaft jener Fahne zierte durch
einen silbernen, sechs Zoll breiten, mit bezüglicher Inschrift
versehenen Ring. Ein Portrait des Prinzen
A.
im großen Berliner Schloß stellt ihn dar, das
Siegespanier hochhaltend, fest und wacker.
Während der Schlacht bei Leipzig glänzte wiederum unseres
Prinzen Heldenmuth und seine Truppenführer-Begabtheit. Prinz
A.
eroberte am 18. Oct. 1813 mit dem Degen in der Hand 15
französische Geschütze in Probstheyda. Der König schenkte ihm eins
derselben, den Achtpfünder le Drôle, "auf
dem Schlachtfeld als Andenken und Belohnung". Es ist vor des
Prinzen Schloß Bellevue, im Berliner sogenannten Thiergarten,
aufgestellt worden, ausgestattet mit betreffendem
kriegsgeschichtlichem Commentar, und steht auch jetzt noch
dort.
1814 leistete der Prinz Hervorragendes bei Vauchamp und
Champaubert. Die großen Opfer, welche das Kleist'sche Corps an
diesem Gefechtstage gebracht (14. Febr.), veranlaßten, daß Prinz
A.
fortan zwei Brigaden commandirte. Den 1. April
übernahm er, auf königlichen Befehl, "interimistisch" das Commando
des II. (Kleist'schen) Corps. Die
Beförderung zum General der Infanterie fand statt "in Anerkennung
des rühmlichen Antheils zur Erringung des Friedens".
Nach Napoleons Rückkehr von Elba eilte der Prinz von Wien aus
nach Berlin zu den artilleristischen Rüstungsarbeiten. Der König
beauftragte ihn sodann mit Leitung der Festungsbelagerungen. Prinz
A.
widmete dieser Aufgabe eine unermüdliche
Arbeitsamkeit. Oftmals war er im Laufe des Tages 10 bis 14 Stunden
zu Pferd und nahm dann noch völlig aufmerksam Vorträge entgegen.
Ein methodisch langsamer Festungsangriff widerstrebte dem
Temperament des Prinzen; und so geschah es, daß neun Festungen in
kaum 2 Monaten erobert wurden. Es erübrigt uns hier nur die
Anmerkung, daß der hochenergische Prinz als Kanonier-General ganz
ebenso in den Trancheen, wie ehedem im freien Felde, die
augenscheinlichste persönliche Gefahr geringschätzte; vor Avesnes
wurde dem Prinzen ein Pferd unter dem Leibe getödtet.
Ausführliches "über den Belagerungskrieg 1815" hat F. v. Ciriacy
1818 bei Mittler in Berlin veröffentlicht; gr. 8 mit vielen
Beilagen und Plänen.
Prinz
A.
, zurückgekehrt in den Friedensdienst, widmete fortan
seinen militärischen Thätigkeitsdrang und seine reichhaltigen
soldatischen Erfahrungen lediglich der ihm im letzten Feldzug
besonders lieb und werth gewordenen Waffe (Artillerie). Sie
verdankte in der Folgezeit ihrem erlauchten Artillerissimus eine
umfassende Neugestaltung, namentlich eine wesentliche
Vervollkommnung der Haupt-Schußwerkzeuge, sowie eine äußerst
fürsorgliche Hebung der wissenschaftlichen Grundlagen. — Eisern
streng gegen sich selbst, Andere aber gern rücksichtsvoll
beeifernd, leitete und inspicirte Prinz
A.
während 27 Jahren, mit großer Liebe, Treue und
Ausdauer für "Seiner Majestät Dienst" in Berlin und den
verschiedenen Provinzen des Staates die Schießübungen und den
materiellen, scientifischen und personellen Fortschritt des
artilleristischen Heerestheils. (Ein Adjutant des Prinzen
schreibt: "Unser Herr macht mit seiner nach allen Richtungen
ausgedehnten Thätigkeit seine Umgebung beinahe todt; indeß ist
doch mit ihm sehr gut auskommen.")
Am 19. Juli 1843, in Bromberg, bei der Rückkehr von der
ostpreußischen Inspicirung, erlag Prinz
A.
einer Lungenlähmung. Am 29. Juli fand die Beisetzung
der Leiche im Dom zu Berlin statt. Die Officiere der gesammten
Armee legten wegen dieses Todesfalls einen Armflor an während 14
Tagen. — Aus bester Quelle fügen wir hier, zum Ehrengedächtniß
dieses treuen Todten, eine bisher unveröffentlichte Mittheilung
an, aus dem Privatleben des Prinzen: Seine Wohlthätigkeitsspenden
betrugen in jedem der letzten Lebensjahre 54,000 Thaler.
Des Prinzen
A.
v. Preußen Bildniß wird als dauernder
Hochachtungsbeweis und zu gebührender Nacheiferung, aufbewahrt im
Feldmarschallsaal des
|Cadettencorps, in der Berliner
Artillerieschule, im Officierscasino der Garde-Artillerie.
Jul. Schaller, Denkwürdige Momente aus dem thatenreichen Leben
Sr. Kgl. Hoh. des Prinzen August von Preußen. Berlin 1846, Enslin,
kl. 4°; eine Compilation aus bisher zerstreuten Nachrichten. — L.
v. Puttkammer (und v. Höpfner), Erinnerungsblätter aus dem Leben
Sr. Kgl. Hoh. des Prinzen
A.
v. Preußen. Gotha, Druck von Perthes, 1869.
Autor ↑
E. Grf. z. Lippe.
Empfohlene Zitierweise ↑
Lippe, E. Graf zur, „August“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
671-674
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd11883231X.html?anchor=adb