<< Riezler, Walter
Riezler, Wolfgang Heinrich Siegmund >>
Riezler, Kurt Karl Joseph Siegmund (Pseudonym J. J. Ruedorffer)
Diplomat, Geschichtsphilosoph,
* 11.2.1882 München,
† 5.9.1955 München,
⚰ München, Ostfriedhof.
Genealogie
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| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
B Walter (s. 3); –
⚭ 1916 Käthe (1885–1952),
T d. Max Liebermann (1849–1935), Maler u. Graphiker (s.
NDB 14 u. 21
*) u. d. Martha Marckwald (1859–1943);
T Maria (Mary) (
* 1917,
⚭ Howard B. D. White,
Prof. an d. New School of Social Research, New York).
Leben ↑
Nach dem Gymnasialbesuch in München studierte
R. 1901-06 an der dortigen Universität Klassische Philologie, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte (
Dr. phil. 1905). Ausgedehnte Reisen durch Europa förderten seine Hinwendung zur politischen Publizistik. 1906 trat er als Hilfsarbeiter in das Pressereferat des Auswärtigen Amts ein und wurde 1910 Legationsrat, 1913 ständiger Hilfsarbeiter. Bei Beginn des 1. Weltkriegs gehörte
R. zu den Vertrauensleuten um Reichskanzler Theobald
v. Bethmann Hollweg, dem er am 16.8.1914 in das Große Hauptquartier folgte. Im
Jan. 1915 wurde er der Reichskanzlei zugeteilt (
Wirkl. Legationsrat u. Vortragenden Rat). Nach der Entlassung Bethmann Hollwegs kehrte er 1917 in das Auswärtige Amt zurück und wurde im November mit der Leitung der bei der Gesandtschaft Stockholm für die Bearbeitung
russ. Angelegenheiten eingerichteten Abteilung beauftragt. Nach dem Friedensschluß mit Rußland am 7.4.1918 als Botschaftsrat an die
dt. Vertretung in Moskau entsandt, übernahm
R. nach der Ermordung des Gesandten
Gf. Wilhelm Mirbach-Harff am 6.7.1918 deren Leitung und entwickelte Überlegungen für den Sturz der „Bolschewisten“ durch eine „
dt. Gegenrevolution“. In der Regierung von Prinz Max von Baden wurde
R. am 7.10.1918 Kabinettschef des Staatssekretärs des Auswärtigen, Wilhelm Solf. Während der Räteherrschaft in München fungierte er als ständiger Vertreter der Reichsregierung bei der
bayer. Regierung in Bamberg und befürwortete die militärischen Aktionen zur Eroberung Münchens. Nach Unterzeichnung des Versailler Vertrags nahm
R. seinen Abschied, um sich seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, und wurde Privatgelehrter. Sein letztes politisches Amt übte er 1919/20 als Leiter des Büros des Reichspräsidenten Friedrich Ebert im Rang eines Gesandten aus. 1928 wurde er Honorarprofessor für Geschichtsphilosophie an der
Univ. Frankfurt/M. und geschäftsführender Vorsitzender des Universitätskuratoriums, bis ihm 1934 aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Weil er in Deutschland keine Arbeitsmöglichkeit mehr sah, emigrierte
R. Ende 1938 in die USA, wo er eine Professur an der New School für Social Research in New York und eine Gastprofessur an der
Univ. Chicago übernahm. 1954 kehrte er nach Rom, später nach München zurück.
Obwohl ein unmittelbarer Einfluß auf die Entscheidungen Bethmann Hollwegs nicht nachweisbar ist, hatte
R. erheblichen Anteil an der Konzeption imperialistischer Expansionsbestrebungen und gab der Kriegszielpolitik eine gewisse Systematik und Geschlossenheit. In dem von
R. entwickelten Katalog
dt. Kriegsziele („Septemberprogramm“), das Bethmann Hollweg am 9.9.1914 Staatssekretär Clemens
v. Delbrück als „Vorläufige Aufzeichnung über die Richtlinien unserer Politik beim Friedensschluß“ zusenden ließ, spiegelt sich sein außenpolitisches Konzept, das die Schaffung eines Mitteleuropa unter
dt. Führung auch mit Gewaltmitteln vorsah. In seinen Vorkriegsschriften „Die Erforderlichkeit des Unmöglichen“ (1913) und „Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart“ (unter
Ps., 1914) hatte
R. auf der Grundlage einer organologischen Denkweise einen Ordnungsentwurf formuliert, der scharfe Kulturkritik mit nationalistischen, sozialdarwinistischen und machiavellistischen Vorstellungen verband.
|Die Veröffentlichung von
R.s Aufzeichnungen durch Karl Dietrich Erdmann (1910–90) löste nach 1964 heftige Diskussionen im Gefolge der
sog. „Fischer-Kontroverse“ aus, ob die Notizen als Bestätigung oder Einschränkung der von Fritz Fischer (1908–99) aufgestellten These zur
dt. Kriegsschuld gelten sollten. Die Notizen
R.s deuten darauf hin, daß eine Kombination aus übertriebenen Befürchtungen, irrationalen Erwartungen und dilettantischen Kalkulationen die
dt. Politik vor und nach dem Ausbruch des Kriegs beherrschte. Eine quellenkritische Analyse ergab indes Zweifel an der Verläßlichkeit der Edition und an der Authentizität einiger Notizen. Der Wert des Tagebuchhefts zur Juli-Krise 1914 ist daher fraglich. Bleibende Bedeutung hat
R.s Kritik an den strukturellen Mängeln des spätwilhelminischen Regierungssystems.
Werke ↑
Weitere W
Interpretation d. pseudoaristotel. Ökonomik, Systemat. u. geschichtl. Würdigung d. darin enthaltenen Wirtsch.theorie u. Wirtsch.
pol.,
Diss. München 1905 (
gedr. u. d. T. „Über Finanzen u. Monopole im alten Griechenland. Zur Theorie u.
Gesch. d. antiken Stadtwirtsch.“, 1907);
Die
Weltpol. im J. 1906, in: Die Weltwirtsch. II/1, 1907, S. 1-13;
Gestalt u. Gesetz, Entwurf e. Metaphysik d. Freiheit, 1924;
Parmenides, 1933;
Traktat vom Schönen, Zur
Ontol. d. Kunst, 1935;
Physics and Reality, 1941;
K.-D. Erdmann (
Hg.), K.
R., Tagebücher,
Aufss.,
Dok., 1972
(W, L, P).Literatur ↑
Fritz Fischer, Griff nach d. Weltmacht, Die
Kriegszielpol. d.
ksl. Dtld. 1914/18, 1961;
K.-D. Erdmann,
Dtld. im Ersten Weltkrieg, Method. Fragen
z. Auswertung d.
Schrr. u. Tagebücher K.
R.s, in:
Jb. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen f.
d. J. 1973, 1973, S. 43-55;
ders., Zur Echtheit d. Tagebücher K.
R.s, Eine Antikritik, in:
HZ 236, 1983, S. 371-402;
B. Sösemann, Die Tagebücher K.
R.s.
Unterss. zu ihrer Echtheit u.
Ed.,
ebd., S. 327-69;
A. Hillgruber,
R.s Theorie d. kalkulierten Risikos u. Bethmann Hollwegs
pol. Konzeption in d. Julikrise 1914,
ebd. 202, 1966, S. 333-51;
J. Radkau, Die
dt. Emigration in d. USA, Ihr Einfluß auf d.
amerik. Europapol. 1933-1945, 1971;
I. Geis, K.
R. u. d. Erste Weltkrieg, in:
ders. u. B. J. Wendt (
Hg.),
Dtld. in d.
Weltpol. d. 19. u. 20.
Jh., 1973;
E.-W. Kornhass, K.
R.s frühe
Schrr. vor d. Hintergrund d. Ordnungskrise d.
dt. Ges. im
Wilhelmin. Za.,
Diss. München 1973;
ders., in: K. Vondung (
Hg.), Das wilhelmin. Bildungsbürgertum, 1976, S. 92-105;
W. J. Mommsen, in:
GWU 4, 1974, S. 193-209;
A. Blänsdorf, Der Weg d.
R.-Tagebücher,
ebd. 10, 1984, S. 651-84;
B. F. Schulte, Die Verfälschung d.
R.-Tagebücher, Ein
Btr. z. Wiss.gesch. d. 50er u. 60er J., 1985;
Frankfurter Biogr.;
Ziegenfuß;
BHdE II;
Kosch, Lit.-Lex.3;
Biogr. Hdb. d.
dt. Ausw. Dienstes 1871-1945
(in Vorbereitung). – Eigene Archivstudien:
Pol. Archiv d.
AA (Berlin);
Univ.archiv München u. Frankfurt/M.
(P).Autor ↑
Bert BeckerEmpfohlene Zitierweise ↑
Becker, Bert, „Riezler, Kurt Karl Joseph Siegmund“,
in: Neue Deutsche Biographie
21
(2003), S.
618-619
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118601008.html