<< Liebreich.
Liebreich-Landolt, Erik >>
Liebreich, Oskar
Pharmakologe,
* 14.2.1839 Königsberg (Preußen),
† 2.7.1908 Berlin.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Wilhelm Adolf (
† v. 1853), Zahnarzt in
K.;
M Bertha Simon;
B Richard (1830–1917), Augenarzt in Paris u. London,
Hrsg. d. „Atlas d. Ophtalmoskopie“ (1863,
51885) (s.
BLÄ);
Schw Franziska Bertha (
⚭ Gustav Gräf, 1821–95,
Prof., Historien- u. Porträtmaler in
B. [s.
ThB; Altpr.
Biogr.]); -
⚭ Maria,
T d. Chemikers Hans Landolt (
† 1910, s.
NDB 13);
K ,
u. a. Erik
L.-Landolt (s. 2);
N Botho Graef (
† 1917), Archäologe (s.
NDB VI), Sabine Graef (1864–1942,
⚭ Reinhold Lepsius, 1857–1922,
Prof., Historien- u. Porträtmaler in
B., s.
NDB 14
*), Malerin.
Leben ↑
Nach kurzer Seemannstätigkeit begann
L. in Wiesbaden bei Remigius Fresenius mit dem Chemiestudium, wandte sich aber bald (1859) dem Studium der Medizin zu. 1865 wurde er in Berlin promoviert. Nach kurzer ärztlicher Praxis wurde er 1867 Assistent in der chemischen Abteilung des Pathologischen Instituts der
Univ. Berlin, das von Rudolf Virchow geleitet wurde. Ein Jahr später erfolgte die Habilitation im Fach Arzneimittellehre und 1871 die Ernennung zum
ao. Professor. Als nach dem Tode Carl Gustav Mitscherlichs 1871 der Lehrstuhl für dieses Fach an der
Univ. Berlin frei geworden war, wurde
L. 1872 zu dessen Nachfolger berufen.
L., der kein eigenes Institut vorfand, setzte die Gründung eines Pharmakologischen Instituts durch, für das 1883 ein Neubau errichtet wurde. Er lehrte auch an der militärischen Bildungsanstalt (später Kaiser-Wilhelm-Akademie). 1907 schied
L. aus dem Dienst aus. – In
L.s wissenschaftlichen Arbeiten überwogen die Themen aus der Chemie. Während seiner Studienzeit im Laboratorium von Hoppe-Seyler isolierte er eine Protagon genannte Substanz aus dem Gehirn, die er als phosphorreichste dieses Organs erkannte. Als Spaltungsprodukt dieses aus Cerebrosiden und Phosphatiden bestehenden Gemenges wies er das Cholin nach, erkannte dessen Verschiedenheit vom Neurin und konnte es auch synthetisch darstellen (1864). 1869 entdeckte
L. die schlaferzeugende Wirkung des Chloralhydrats, was ihn weithin bekannt machte und seine wichtigste Leistung war. Daran schlossen sich die Arbeiten über die Wirkung von Butylchloral und Äthylchlorid als Schlafmittel und Anästhetika an. Von den weiteren pharmakologischen Arbeiten seien noch die über Quecksilberformamid als Ersatzstoff des Sublimats, über Formalin und Kresole, über N-Acetylphenylhydrazin und das damit im Zusammenhang stehende Antipyrinderivat Tolychin, über Methylviolett und über Strychnin als Antidot bei Chloroformvergiftungen erwähnt. Große Bedeutung erlangte die Isolierung des Lanolins aus Wollfett, wodurch eine viel verwendete Salbengrundlage eingeführt werden konnte. Diese Arbeiten brachten
L. in Kontakt mit der Industrie, wodurch auch Untersuchungen von Fetten und Seifen und die Entwicklung eines pflanzlichen butterähnlichen Fettes durchgeführt wurden. Intensiv setzte er sich für die Zulassung von chemischen Konservierungsmitteln ein. Von seinen zahlreichen übrigen Arbeiten besitzt die über den „toten Raum bei chemischen Reaktionen“, die den Einfluß der Geometrie eines Reaktionsgefäßes auf den Ablauf von chemischen und physiologischen Vorgängen hervorhebt, zumindest historische Bedeutung. – Zeitlebens den Ideen Virchows nahestehend, hat
L. die Bakteriologie und Serologie weitgehend abgelehnt und ihnen seine Lehre vom „Nosoparasitismus“ entgegengestellt, auf der sich seine Anwendung des Kantharidins bei der Behandlung der Tuberkulose, besonders der Hauttuberkulose (Lupus), gründete. Als diagnostische Hilfsmittel führte
L. dabei das Phaneroskop und die Messung des Glasdrucks ein. Starkes Interesse widmete
L. der Balneologie, analysierte verschiedene Heilquellen und war Gründer und langjähriger Vorsitzender der Balneologischen Gesellschaft. Er war weiterhin Vorsitzender der Hufelandischen Gesellschaft und Vorstandsmitglied des Sanitätsvereins für Lehrerinnen. Auch für ärztliche Standesfragen setzte er sich intensiv ein, wurde mehrfach in die Ärztekammer Berlin-Brandenburg gewählt und war Ehrenvorsitzender des Ärztlichen Standesvereins West-Berlin.
Werke ↑
u. a.
Das Chloralhydrat, e. neues Hypnoticum u. Anaestheticum u. dessen Anwendung in d. Medicin, 1869,
31871;
Med. Recepttaschenbuch mit Nachtrag, 1884, 2-6
u. d. T. Compendium d. Arzneiverordnung, 1884-1907 (mit A. Langgaard);
Die
hist. Entwicklung d. Heilmittellehre, Rede, 1887;
Übersicht
üb. d. Arbeiten
dt. Pharmakologen aus
d. J. 1865–89, 1890 (mit C. Binz u. Boehm);
Berechnung u. Verordnung
v. Arzneien, 1891;
Phaneroskopie u. Glasdruck f. d. Diagnose d. Lupus vulgaris, 1894;
Über d. Wirkung d. Borsäure u. d. Borax, 1903;
Über Beziehungen d. pharmakodynam. Therapie zu anderen
Wiss. im
|19.
Jh., Vortrag, 1905;
Zur Frage d. Borwirkungen, 1906. -
Mithrsg.: Therapeut.
Mhh., 1887 ff.;
Enc. d. Therapie, 1900 ff.;
Veröff. d. Hufeland. Ges. -
Bearbeiter: Jberr. üb. d. Leistungen u. Fortschritte in d.
ges. Med. (Virchow-Hirschs
Jberr.), pharmakolog. T.
Literatur ↑
A. Langgaard, in:
Berr. d.
Dt. chem. Ges. 41, 1908, S. 4801-04
(P);
W. Nernst,
ebd., S. 2489 f.;
Vor 100 J., Einführung v, Chloralhydrat in d. Therapie, in:
Dt. Apotheker-
Ztg. 109, 1969, S. 714;
W. Artelt, Die Berliner
Med. Fak., in: Ciba-
Zs., H. 78, 1956, S. 2600;
K. F. Hoffmann, Der
Pharmakol. O.
L., in:
Med. Mschr. 12, 1958, S. 475-77
(W);
J.-P. Rupp, Berliner Vorlesungsankündigungen,
ebd. 30, 1976, S. 370-73;
BJ XIII (
Tl.);
Pogg. III-V, VII a
Suppl.;
BLÄ;
Altpr.
Biogr.Portraits ↑
in:
Med. Dtld., 1902.
Autor ↑
Michael EngelEmpfohlene Zitierweise ↑
Engel, Michael, „Liebreich, Oskar“,
in: Neue Deutsche Biographie
14
(1985), S.
511 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd116997567.html