<< Leemann, Burkhard
Leerse, Johann Georg >>
Leemann, Julius von (württembergischer Personaladel 1906)
Agrar-Genossenschaftler,
* 26.10.1839 Stuttgart,
† 15.7.1913 Stuttgart. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Carl Friedrich
L. (1805-60), Oberpolizeikommissar in
St., dann Oberamtmann in Welzheim u. Balingen,
S d. Oberpostdirektionskanzlisten
Joh. Jakob u. d. Caroline Mulfing;
M Julie (1818–94),
T d. Hofkonditors Philipp Friedrich Wilhelm Hirsch (1792–1847) in
St. u. d. Anna Christiane Vollmer; ledig.
Leben ↑
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Stuttgart und Ulm erwarb
L. erste praktische landwirtschaftliche Kenntnisse auf renommierten Betrieben in Kleinglattbach und Lautenbach. 1859 schrieb er sich an der Akademie Hohenheim für das Studium der Landwirtschaft ein, das er nach 4 Semestern mit Erfolg abschloß. Kürzeren Reisen nach Frankreich, Österreich und den Niederlanden folgte 1861 die Übernahme des Gliemenhofs
b. Schwäb.-Hall. 10 Jahre widmete sich
L. nun vornehmlich der Milchwirtschaft und wechselte dann als Landwirtschaftsinspektor in den Staatsdienst über. Er wurde Leiter der Landwirtschaftlichen Winterschule in Heilbronn, an der er bis 1887 zugleich als Lehrer tätig war. Als landwirtschaftlicher Sachverständiger für den Neckarkreis und als Vorstand des landwirtschaftlichen Be
|zirksvereins Heilbronn entfaltete
L. umfassende organisatorische Aktivitäten. 1877 von Öhringen in den
württ. Landtag gewählt, kümmerte er sich besonders um Flurbereinigung, das Meliorationswesen, den Ausbau des ländlichen Bildungssystems und die Förderung des Genossenschaftsgedankens.
1881 hielt die
württ. Zentralstelle für Landwirtschaft die Gründung eines Verbandes der landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften für angebracht.
L. wurde in die Kommission berufen, die das Verbandsstatut entwerfen sollte. Als Kommissionsvorsitzender entledigte er sich dieses Auftrags so überzeugend, daß er zum ersten „Vorsteher“ des „Verbands landwirtschaftlicher Creditgenossenschaften in Württemberg“ gewählt wurde. Die risikoreiche Aufgabe ging
L. mit großem Eifer an. Der Ausbau des Personalkredits durch die Genossenschaftskassen schien ihm für die Entwicklung der Landwirtschaft von großer Bedeutung zu sein. Andererseits legte er Wert auf ordnungsgemäße Buchführung, Bilanz- und Rechnungserstellung der angeschlossenen Darlehenskassen. Die Revision machte er zur zentralen Aufgabe seines Verbands, lange bevor der Gesetzgeber in dieser Richtung tätig wurde. Auch konnte
L. die Hofbank bewegen, uneigennützig fast ein Jahrzehnt lang für den Verband als Geldausgleichsstelle zu fungieren, ehe 1893 eine eigene „Landwirthschaftliche Genossenschafts-Zentralkasse“ gegründet wurde.
Im Reichstag setzte sich
L. 1884-91 als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei
u. a. für die Einführung von Schutzzöllen für Getreide ein; er bemühte sich um eine Verbesserung des Verhältnisses Landwirtschaft-Industrie und beeinflußte die Gesetzgebung für das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen. Auf die Dauer jedoch kam der Genossenschaftsverband bei steigenden Mitgliederzahlen ohne einen ständig anwesenden Vorsteher nicht zurecht. Zunächst wurde
L. als Landwirtschaftsinspektor beurlaubt und mit dem Amt eines Vorstandsvorsitzenden der landwirtschaftlichen Unfallversicherungs-Berufsgenossenschaft für den Neckarkreis betraut. 3 Jahre später, 1891, erreichte
L. dann der Ruf der Staatswissenschaftlichen Fakultät der
Univ. Tübingen. Als
o. Professor vertrat er bis zu seiner Pensionierung (1905) Landwirtschaft, landwirtschaftliche Technologie und landwirtschaftliches Genossenschaftswesen in Forschung und Lehre. Intensiv beschäftigte er sich weiterhin mit den zwischenzeitlich auch im Warengeschäft erfolgreichen Genossenschaften. Seine Stellung als Verbandsvorsteher war bis zum Rücktritt 1911 unbestritten; der Verbandssitz wurde sogar von Stuttgart nach Tübingen an seinen Wohnsitz verlegt.
L.s Werk liegt nicht in gelehrten Schriften begründet. Seine Stärke war die praktische Verbandsarbeit. Bewegt vom Selbsthilfegedanken, gelang ihm der Ausbau eines regionalen Genossenschaftsverbands, der in starkem Maße den
württ. Eigenheiten Rechnung trug. Mit seiner Fähigkeit, den Verband aus den Rivalitäten anderer Genossenschaftsverbände herauszuhalten und das Gemeinsame stets über das Trennende zu stellen, legte
L. einen Grundstein für die regional gegliederte, ansonsten aber einheitliche deutsche Genossenschaftsbewegung der Gegenwart
|Auszeichnungen ↑
Dr.
h. c. (1893).
Werke ↑
u. a.
Die Entwicklung d. Darlehenskassenvereine in Württemberg, in:
Württ. Wbl. f. Landwirtsch. 4, 1881, S. 407 ff., 417 f.;
Die Sicherung d. Genossenschaften durch d. Reichsgesetz
v. 1.5.1889, 1893;
Die Entwicklung d. Verbands landwirtsch. Genossenschaften in Württemberg e. V., 1906.
Literatur ↑
Schwäb. Kronik
Nr. 325
v. 16.7.1913, S. 5;
Württ. Wbl. f. Landwirtsch. 36, 1913, S. 443;
S. Layer, in:
Württ. Nekr. f.
d. J. 1913, 1916, S. 105-13;
J. Schramm, Die Entstehung d. landwirtsch. Kreditgenossenschaften im 19.
Jh. in Württemberg,
Diss. Hohenheim 1963;
Württ. Genossenschaftsverband - Raiffeisen/Schulze-Delitzsch - e. V. (
Hrsg.), 1881-1981 Gemeinsam mehr leisten, 1981
(P).
Autor ↑
Klaus HerrmannEmpfohlene Zitierweise ↑
Herrmann, Klaus, „Leemann, Julius von“,
in: Neue Deutsche Biographie
14
(1985), S.
53 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd133227758.html