<< Agricola, Rudolf, genannt Junior, Wasserburgensis oder Hydropurgius Rhaetus
Agricola, Stephan der Ältere >>
Agricola (Huusman, Huisman), Rudolf (Rodolphus, Roelof), Frisius
Humanist,
* 17. (12.?) 2. 1444 (1443?) Baflo bei Groningen,
† 27.10.1485 Heidelberg.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Henricus Huisman, Lizenziat der Theologie, Pfarrer (jedoch nicht Priester) in Baflo, seit Anfang 1444 Abt des Benediktinerinnenklosters Zelwaer of Selwert;
M Zycha,
⚭ später Syeko (Zico, Sikko) Sartor (Schroeder) in Baflo.
Leben ↑
Agricola, einer der bedeutendsten Vertreter des nordischen Frühhumanismus, genoß in Groningen, wahrscheinlich bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben, seinen ersten Unterricht, studierte sodann in Erfurt, wo der Humanismus schon bedeutenden Einfluß hatte; nach philosophischen und theologischen Studien in Köln und Löwen erwarb er in Löwen mit höchster Auszeichnung die Magisterwürde. 1468 ging er nach Italien, zuerst nach Pavia, dort das Rechtsstudium, dann die „artes, quas humanitatis vocant“, betreibend und zugleich als Privaterzieher tätig, weiterhin für 6-7 Jahre nach Ferrara an den Hof des Herzogs Ercole von Este. Seine folgenden Lebensstationen sind: 1479 für wenige Monate Dillingen, wohin ihn der Augsburger
|Bischof Johann von Werdenberg zog, dann für etwa 3 Jahre sein Heimatort Groningen, wo er mit Wessel, Gansfort und Alexander Hegius in Berührung kam, weiterhin für die zweite Hälfte des Jahres 1481 im Auftrag der Stadt Groningen der Hof Kaiser Maximilians in Brüssel, wo man ihn vergeblich festzuhalten suchte; dagegen ließ er sich 1484 von Bischof Dalberg von Worms (seit 1482), mit dem er bereits in Pavia bekannt geworden war, nach Heidelberg ziehen, hielt dort in freier Verbindung mit der Universität Reden und Vorträge, lernte auch selbst noch Hebräisch. 1485 reiste er mit Dalberg nach Rom; auf dem Rückweg erkrankt, starb er in Heidelberg. Dieser ruhelose Lebensweg zeigt schon einen typisch humanistischen Grundzug seines Wesens: den Drang zu unbedingter Freiheit von allen beengenden Bindungen und Verpflichtungen (Beruf, Familie), denen sein „Gemüt, das den leisesten Sorgen nicht gewachsen ist" (dies seine eigene Begründung) ängstlich ausweicht; wie sein verehrtes Vorbild Petrarca ist er „libertatis suae amator“ - ohne darin doch (nach seinem eigenen Zeugnis) letztlich Befriedigung finden zu können. Diesem Freiheitsdrang ganz entsprechend und dazu beseelt von den überschwänglichsten Vorstellungen von der Fähigkeit der menschlichen Natur, alles „honestum“, das sie wolle, erreichen zu können, sucht er auch geistig alle Beschränkungen abzustreifen. Selbstverständlich betreibt er die üblichen humanistischen Studien, besonders die Sprachwissenschaften, Rhetorik und philosophischen Disputationskunst, mit allem Eifer und Erfolg; dazu bewährt er sich aber auch (besonders in Ferrara als Mitglied der herzoglichen Kapelle) in Theorie und Praxis als ausgezeichneter Musiker und ebenso als ein anscheinend tüchtiger Maler von scharfer realistischer Beobachtungsgabe (Werke leider keine erhalten); auch in das dem Humanismus so wichtige Anliegen der Pädagogik und rechter Studiengestaltung greift er - ohne sich selbst auf die Alltagsarbeit des Lehr- und Erzieherberufes einzulassen - in Wort und Schrift ein. Und, sich zu dem Satz bekennend: Gratior est pulchro veniens e corpore virtus, vergaß er ebensowenig in der Theorie wie in der eigenen Lebensgestaltung die Bedeutung von Schönheit und Gesundheit des Leibes und das Streben nach seiner Vollendung im Sport. Seiner ganzen Natur nach mehr für Stimmungs- als für präzise Gedankengehalte empfänglich, entbehrt schließlich seine religiöse Haltung nicht der wärmeren Töne, hält sich aber, von ernsteren Problemen wohl unberührt, durchaus im kirchlichen Rahmen, ohne zum Ziel eines religiösen Reformprogrammes vorzustoßen. Der Hauptton liegt auf der Vervollkommnung der ethischen Persönlichkeit; in der Philosophie, als deren vornehmsten Bestandteil Agricola die Moralphilosophie erklärt, vermag der Mensch im eigentlichen Sinne „Gott nachzuahmen“.
In dieser Vielseitigkeit, insbesondere in der Verbindung von wissenschaftlichem und künstlerischem Streben, und mit der bewußten Kultivierung seiner hochsensiblen Natur läßt er das bloß Gelehrtenhafte oder trocken Schulmeisterliche, das sonst meistens dem deutschen Humanismus anhaftet, weit hinter sich; unter den Wenigen, die nördlich der Alpen das eigentliche Anliegen des italienischen Vorbildes: die allseitig, frei und harmonisch durchgebildete Persönlichkeit, erfaßt und in sich zu verwirklichen gesucht haben, steht er an vorderster Stelle. So hat er auch auf seine Zeitgenossen weit mehr durch diese lebendige Darstellung eines durch und durch humanistischen Lebensstils als durch seine (weder an Umfang noch an Gehalt überragende) Schriftstellerei den stärksten Eindruck gemacht und sich
z. B. die besondere Verehrung seines größten Landsmannes Erasmus erworben.
Werke ↑
In laudem Philosophiae … oratio, 1476; De vita Petrarchae, 1477; De inventione dialectica, 1479; De formando studio; De nativitate … Christi; Exhortatio ad clerum Wormaciensem, alle drei 1484. -
Editionen: De inventione dialectica libri omnes … Lucubrationes et opuscula per Alardum emendata, 2
Bde., Köln 1539; K. Hartfelder, Unedierte Briefe von R.
A., in:
Festschr. d.
bad. Gymnasien, Karlsruhe 1886, S. 1-36; R.
A.s Lobrede auf Petrarca,
hrsg. v. L. Bertalot, in: La Bibliofilia,
Bd. 30, 1928, S. 382-404; In laudem Philosophiae, in:
Dt. Lit. in Entwicklungsreihen, Reihe Humanismus u. Renaissance,
Bd. 2,
hrsg. v. H. Rupprich, 1935, S. 164-83.
Literatur ↑
ADB I;
F.
v. Bezold,
RA., 1884;
G. Ihm, Der Humanist R.
A., 1893;
J.
v. d. Velden, R.
A., Leiden 1911;
W. Ehmer, R.
A. u. Konrad Mutian,
Btrr. z. Gesch. d. Entwicklung d. Persönlichkeit unter d. Einfluß d. Humanismus in
Dtld., T. 1, 1926;
P. S. Allen, The letters of R.
A., in:
Engl. Hist. Review,
Bd. 21, 1906, S. 302 ff.;
P. Mestwerdt, Die Anfänge d. Erasmus, 1917, S. 157-74;
A. Faust, Die Dialektik R.
A.s, in: Archiv f.
Gesch. d.
Philos.,
Bd. 34, 1922, S. 118-35;
P. Joachimsen, Loci communes, in: Lutherjb.,
Bd. 8, 1926, S. 33-54;
Enc. Catt. I, 1949.
Portraits ↑
Holzschnitt in: N. Reusner. Icones …, Straßburg 1590, S. 17; (gleichzeitiger
Kupf.) in: Geiger, Renaissance u. Humanismus in Italien u.
Dtld., 1882; Holzschnitt
v. Th. Steimmer,
Graph. Sammlung München.
Autor ↑
Michael SeidlmayerEmpfohlene Zitierweise ↑
Seidlmayer, Michael, „Agricola, Rudolf, Frisius“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
103-104
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118501089.html
<< Agricola, Philipp
Agricola, Stephanus >>
Agricola, Rudolf
Leben
| Autor
| Literatur
| Zitierweise
Leben ↑
Agricola: Rudolf
A.
, geb. 1442 in
Baflo bei Gröningen, † 28. Oct. 1485, gehört zu den Männern, deren
Ruhm und Bedeutung sich weniger aus ihren eigenen Werken als aus
den Bemerkungen und Zeugnissen der Zeitgenossen erkennen läßt, zu
den Männern, die mehr durch die Gewalt und den Zauber ihrer
Persönlichkeit als durch ihre Leistungen auf ihre Zeit eingewirkt
haben. Er erhielt in seiner Vaterstadt den ersten Unterricht und
wurde, ungewiß in welchem Jahr, zur weiteren Ausbildung nach der
Universität Löwen geschickt, die, 1426 gestiftet, seitdem auch
1451 eine theologische Facultät hinzugetreten war, großen Ruhm
genoß und bei der in ihr herrschenden treuen Pflege der
humanistischen Studien nicht ahnen ließ, daß sie nach nicht langer
Zeit eine heftige Bekämpferin derselben werden würde. Er erwarb in
Löwen den Magistertitel und zeichnete sich hier, wie in seiner
Heimath, durch seinen lateinischen
|Stil und seine
Gewandtheit im Disputiren aus, auch lernte er französisch, eine
den damaligen deutschen Gelehrten ziemlich unbekannte Sprache, und
setzte seine musikalischen Studien fort, denen er bis zu seinem
Lebensende treu blieb. Er hat sogar in der Kirche des h. Martin in
seiner Vaterstadt eine Art Orgel erbaut, die man noch am Ende des
17. Jahrhunderts erneuerte und mit einer Inschrift versah. Nach
längerem Aufenthalt in Löwen ging er nach Paris, das schon seit
Jahrhunderten als Mittelpunkt des geistigen Lebens für alle
Nationen erschien und das so eben von Kämpfen der Nominalisten und
Realisten erfüllt war. Wahrscheinlich wurde auch
A.
, wie die meisten Deutschen, in seinen Anschauungen von
dem trefflichen Realisten, Heynlin vom Stein (a
Lapide), bestimmt, sicherlich hat er hier mit dem mehr als
ein Jahrzehnt jüngeren Johann Reuchlin eine Freundschaft
geschlossen, die erst der Tod auflöste. — Von Frankreich ging
A.
vermutlich in den ersten siebziger Jahren nach
Italien, wo er sich sieben Jahre lang aufhielt, länger als wol
irgend einer der deutschen Humanisten.
A.
war einer der ersten unter diesen Wanderern, in ihm
wurde zuerst, und vielleicht klarer und schärfer als in einem
seiner Nachfolger, der Gedanke lebendig, daß den Deutschen, die
nach Italien gingen, eine höhere Aufgabe obliege, als nur für sich
gelehrte Kenntnisse zu erwerben, die nämlich, das Gelernte für das
Vaterland zu verwerthen, um von ihm den Vorwurf der Unbildung und
Verachtung der Wissenschaft abzuschütteln und das "barbarische
Deutschland" berühmter und glänzender zu machen, als Italien
selbst. Er ward nicht müde, mit lebhaften Worten Andere zur
Erfüllung dieser Pflicht zu ermahnen und selbst an der
Verwirklichung des Gedankens zu arbeiten. Was Hermolaus Barbarus,
einer der Trefflichsten, denen Italien die Wiederherstellung des
classischen Alterthums dankt, von A sagte, daß, so lange er lebte,
Deutschland den Ruhm verdiente, der Rom und Griechenland zu Theil
geworden wäre, das war in jener freilich etwas lobsüchtigen Zeit
die allgemeine Stimme und diesem Urtheil entspricht es, wenn man
sich bemühte, den berühmten Mann an Italien zu fesseln. Aber es
gelang nicht, denn
A.
, wenn er auch in Italien der Erste hätte sein können,
zog doch vor, in Deutschland mit geringerer Auszeichnung zu leben,
so rühmte Erasmus von ihm. Im Einzelnen wissen wir über seinen
italienischen Aufenthalt nur, daß er in Rom war und längere Zeit
in Ferrara lebte. In dieser am Ende des 14. Jahrhunderts
gegründeten Universität hatte sich um die glanz- und
prachtliebenden Fürsten aus dem Hause Este, Lionello, Borso und
Ercole, die es ihrer Stellung schuldig erachteten, die
Wissenschaft zu beschützen und ihre Träger mit Ehren zu
überhäufen, ein Kreis von gelehrten Männern versammelt, welche es
sich zwar vor Allem angelegen sein ließen, ihre Wohlthäter, die,
ohne Geist zu besitzen, für geistreich und hochgebildet gelten
wollten, zu preisen, welche aber doch wegen ihres Strebens und
wegen ihrer Leistungen Achtung verdienen. Freilich sind Männer wie
Ludovico Carbun und Titus Strozza, von denen der Eine rhetorische,
der Andere poetische Schriften hinterlassen hat, jetzt mit Recht
vergessen, obwol sie in jener Zeit als Koryphäen gefeiert wurden,
aber Andere, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in
Ferrara lebten, der berühmte Rechtslehrer Petrus von Ravenna, der
später auch ganz Deutschland durchwanderte und die Zeitgenossen
durch seine Kenntnisse in Erstaunen setzte, Nicolaus Leonicenus,
der viele naturwissenschaftliche und medicinische Schriften von
bedeutendem Werthe schrieb, und endlich Guarino von Verona, der
wegen seiner Kenntniß der lateinischen und griechischen Sprache
den ersten Rang unter den italienischen Humanisten einnimmt,
verliehen der Universität, an der ein heiterer, geselliger Ton
herrschte, Glanz und Ansehen.
A.
erlangte hier große Ehre. Den neuen Rector Matthias
Richilius mußte er mit einer Rede begrüßen, auch in Gegenwart des
Herzogs
|eine Rede zum Preise der Philosophie und der
übrigen Wissenschaften halten (1476). Freilich vermeidet auch
A.
in beiden Reden nicht das übermäßige Lob des Fürsten
Ercole und seiner Umgebung; aber abgesehen von diesem gemeinsamen
Fehler aller Humanisten ist seine Rede frei von dem
sinnertödtenden Wortschwall, der sich in anderen zeitgenössischen
Reden ausschließlich findet. In Italien war es auch, wo er, durch
Vermittelung gelehrter Griechen, welche nach der Eroberung
Constantinopels durch die Türken hierher geflüchtet waren, eine
solche Kenntniß der griechischen Sprache erlangte, daß er unter
seinen Landsleuten dafür sehr gerühmt wurde und die Fertigkeit
besaß, in seinen Briefen griechische und lateinische Rede
abwechseln zu lassen. Doch benutzte er seine Kenntniß
hauptsächlich dazu, um Stücke aus griechischen Schriftstellern für
die nur des Latein kundigen Gelehrten seiner Zeit zu übersetzen,
wobei er mehr auf schönen lateinischen Ausdruck als auf genaue
Wiedergabe des Textes sah. Es sind die Progymnasmata des Sophisten Aphthonius, kleine
Reden des Demosthenes und Aeschines, zwei Reden des Isokrates und
zwei Dialoge Lucians. Der Zeit seines italienischen Aufenthaltes
gehört auch eine Uebersetzung aus dem Französischen an — ein
seltenes Beispiel für einen deutschen Humanisten — und zwar die
einer kleinen Schrift, richtiger eines Briefes des Arnold de
Lalaing über die Zusammenkunft des deutschen Kaisers Friedrich III. und Karls des Kühnen von Burgund in Trier
1473, die wol aus dem Interesse zu erklären ist, das
A.
an diesem abenteuerlichen Herzog nahm, dessen
Schicksal er, wie aus seinen Briefen ersichtlich ist, auch sonst
nachspürte.
Die Sehnsucht nach der Heimath — wenigstens ist keine andere
Veranlassung zu seiner Abreise von Italien bekannt — trieb ihn
nach Verlauf vieler Jahre, Ende 1480, zur Rückkehr. Aber er merkte
bald, daß er seiner Geburtsstätte entfremdet war; er entbehrte den
italienischen Himmel, wie die Menschen, an deren leichten Scherzen
und gewichtigem Ernst er sich so lange erquickt und erhoben hatte.
Nun fühlte er sich einsam und verlassen, er meinte, so schrieb er
einem Freunde, daß er die Fähigkeit zu denken und seine Gedanken
mit kleidsamen Gewande zu umgeben, ganz verlernt habe. Aber auch
die Schmeichellaute der Italiener mochte er unter der wortkargen
Anerkennung, die er bei seinen Landsleuten fand, vermissen. Bald
bot sich ihm zu einer Reise ein Anlaß, indem seine Vaterstadt ihn
mit der Schlichtung eines Rechtshandels am Hofe des Kaisers
betraute. Er blieb (1482) ein halbes Jahr am Hofe des Kaisers,
löste die Angelegenheit zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber und
kam in enge freundschaftliche Berührung mit den Kanzlern von
Burgund und Brabant, die, um ihn zu fesseln, ihn dem König
Maximilian empfahlen. Aber ein gezwungener Aufenthalt selbst in
dieser Umgebung erschien
A.
drückend; das stete Wandern hatte ihn ruhelos gemacht.
Nur das erstrebte er, in einer Stadt sich aufhalten zu können, wo
er mit gleichgesinnten Freunden verkehren und lernend und lehrend
der Wissenschaft leben könnte. Er glaubte Antwerpen, wo er auf der
Rückreise einkehrte, als den geeigneten Ort zu erkennen; aber ehe
sein Freund Jacob Barbirianus die Stellung, um die sich
A.
dort emsig erwarb, für ihn erlangte, hatte
A.
lockendere Anträge vom Kurfürsten Philipp II. von der Pfalz erhalten, dem ihn Dietrich
von Pleningen und der Wormser Bischof Joh. von Dalburg, von
Italien her seine Freunde, empfohlen hatten. Um sich in dem Kreise
umzuthun, der ihn gerne als den seinigen aufnehmen wollte, war er,
Ende 1482, nach Heidelberg gereist und hatte wie an der Natur, so
an den geistig frohen, rüstig strebenden, meist jüngeren Männern,
die den Kurfürsten umgaben, solches Wohlgefallen gefunden, daß er
sich gerne fesseln ließ.
Am 2. Mai 1483 traf er bleibend in Heidelberg ein und lebte
fortan bis zu seinem Tode bald hier, bald in Worms, dem amtlichen
Sitze Dalburg's.
|Dieser Aufenthalt bildet eine neue,
leider nur zu kurze Epoche in Agricola's Leben. Hier hatte er erst
den Boden gefunden, wo er wirklich Erfolgreiches leisten konnte,
wo alle Bedingungen des reinsten Glückes für ihn vorhanden waren
wenn ihn nicht die stete Unzufriedenheit, die vielleicht mit
körperlichen Zuständen zusammenhing, auch hierher verfolgt hätte.
— Bald nach dem Eintritt in die neuen Verhältnisse sendete er
jenes Schreiben an Barbirianus, das später unter dem Titel "De formando studio" oft gedruckt wurde und
gleichsam als Zusammenfassung der pädagogischen Lehren des
deutschen Humanismus galt; es sollte dem Freunde eine Anleitung
zur Fortsetzung seiner Studien geben.
A.
beantwortete darin die Frage, welches Studium man
wählen solle, mit der Angabe: die Philosophie, unter welchem Namen
er zugleich Moral und Physik, also auch das ganze Gebiet der
Naturwissenschaften zusammenfaßte; denn sie allein führe zur
wahren Erkenntniß, zur vollkommenen Glückseligkeit, während die
übrigen Wissenschaften nur ein zweifelhaftes Glück, vielleicht
Reichthümer verschafften, die aber auch der Wucherer besitze. Als
nothwendige Sprache für dieses Studium galt die lateinische, aber
er stellte es als eine Pflicht hin, sich daran zu gewöhnen, das
Gelernte stets mit deutschen Ausdrücken wiederzugeben. Zur
Betreibung dieses Studiums bedürfe man dreierlei: 1) das Gelernte
zu verstehen, das erlange man durch Fleiß, 2) das Verstandene zu
behalten, das sei die Gabe des Gedächtnisses, und 3) aus dem
Gelernten Gewinn zu erzielen, das könne nur durch Uebung errungen
werden. Der Gewinn könne bestehen in der Aneignung neuer
Kenntnisse vermittelst des Gelernten und im Vorbringen dessen, was
man gelernt, bei schicklicher Gelegenheit. Man sieht, die kleine
Schrift dringt keineswegs in das Wesen der Sache so tief ein, als
man nach ihrem Ruhme annehmen sollte! —
A.
hat von Heidelberg aus noch manche Briefe geschrieben,
an seinen Bruder Johannes, den er mit treuem Rathe unterstützte
und über dessen Fortschritte und Leistungen er sich freuen konnte,
während er durch einen anderen Bruder Heinrich manchen Kummer
erlitt; an Alexander Hegius, den vortrefflichen Schulmann, den er
wegen der Eröffnung der später so berühmt gewordenen Schule zu
Deventer beglückwünschte, und dem er gerne über schwierige
griechische und lateinische Wörter Auskunft ertheilte; an Antonius
Liber von Soest, mit dem er von früher Jugend an innig befreundet
war, einen eifrigen Humanisten, der in seinen Anstrengungen, den
neuen wissenschaftlichen Studien eine Stätte zu bereiten, nimmer
ermüdete und nach vergeblichen Versuchen, in Emmerich, Kampen,
Amsterdam eine Schule zu gründen, in Alcmar sein Vorhaben
erreichte, wo er 1514 starb; an den
Münsterer Domherrn Rudolf von Langen, der freilich mehr wegen
seines schönen Strebens, wegen der bereitwilligen Förderung
anderer Gelehrten, als wegen seiner eigenen Leistungen gerühmt zu
werden verdient, der von
A.
aber, wie von den Zeitgenossen überhaupt mit
Bewunderung angeschaut wurde; endlich an Reuchlin, den Fürsten der
deutschen Humanisten, dem
A.
sich willig unterordnete und dem er sein inneres
Schwanken und Bedenken gleichsam als vorurtheilsfreiem Richter
vorlegte. — Daneben fanden mit den in Heidelberg lebenden Genossen
häufig ernste und fröhliche Vereinigungen statt, denen auch der
Pfalzgraf nicht selten beiwohnte. Auf die Veranlassung dieses
Fürsten führte
A.
ein oft unter den Freunden besprochenes Thema weiter
aus, indem er nämlich eine nach den vier Monarchien (assyrische,
persische, macedonische, römische) geordnete Chronik mit
Zugrundelegung der ihm wohl bekannten Geschichtschreiber des
Alterthums ausarbeitete, die zwar nicht gedruckt, doch sehr
verbreitet war, lange Zeit als Reuchlin's Werk galt und namentlich
von Melanchthon oft erwähnt und sehr gerühmt wurde. Sie ist uns
nicht erhalten. Natürlich trat
A.
auch als lateinischen Dichter auf, der Sitte der Zeit
folgend, welche dies von jedem Humanisten
verlaugte. Seine Gedichte sind zum Theil bei bestimmten
Gelegenheiten an Personen gerichtet, zum Theil sind sie religiösen
Inhalts und dienen dem Preise aller oder einzelner Heiligen. Sie
sind in den verschiedensten Versmaßen abgefaßt und in allen zeigt
sich eine große Gewandtheit, wenn auch die feine Form und äußere
Glätte bei diesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten oft für die
Inhaltsleere entschädigen muß. — Ernster aber beschäftigten ihn in
Heidelberg seine philologischen und philosophischen Vorlesungen
und die mit denselben in Zusammenhang stehenden
schriftstellerischen Leistungen. Die bedeutendsten derselben sind
die drei Bücher "De inventione
dialectica", von der Kunst einen jeden Gegenstand von allen
Seiten, von denen er untersucht werden kann, zu betrachten und
darzustellen. Solcher Arten (loca) nimmt
A.
24 an. Die früheren Versuche der Darstellung dieser
Wissenschaft werden daneben in eingehender Kritik als verfehlt
zurückgewiesen und die bisherige Eintheilung und Behandlung der
Wissenschaften als unzureichend getadelt. Wie sehr aber
A.
die Philosophie pries, so brachte sie ihm doch keine
volle geistige Befriedigung. In ihm, wie in manchen anderen
hochbegabten Männern jener Zeit, lebte ein oft nicht zur Klarheit
durchgebildetes Streben nach etwas Höherem, und so sehr sie sich
bewußt waren, durch die von ihnen erweckten und emsig betriebenen
sprachlichen Studien eine neue Bahn zu betreten, so hielten sie
doch damit ihre Aufgabe nicht für erfüllt. Der Einfluß der
Mystiker, der Lehrer jener ersten Humanisten, zeigte sich deutlich
bei den Schülern: auch
A.
wendete sich in seinen letzten Lebensjahren der
Theologie zu. Doch gab er sich nicht etwa jener starren,
wildeifernden Richtung hin, welcher die strenggläubigen Theologen
der späteren Jahrzehnte folgten, denn Haß und Streit war seiner
Natur durchaus zuwider, sondern er war bei tiefer eigener
Frömmigkeit vielmehr gern bereit, jeden in seiner Ueberzeugung zu
lassen. Seine theologische Richtung lernen wir hauptsächlich nur
aus seinen Briefen kennen; sonst hat er nur eine kleine Rede "De nativitate Christi" veröffentlicht, in der
er, treu nach der Ueberlieferung, das für ihn wunderbare Ereigniß
erzählt. Um sich aber das volle Verständniß des alten Testamentes
zu sichern, hielt er es für nöthig, auf das einst schon in Paris
bei Joh. Wessel begonnene Studium des Hebräischen zurückzukommen,
wobei ihm Reuchlin's Beispiel vorleuchtete. Ein getaufter Jude und
die an hebräischen Büchern reiche Dalburg'sche Bibliothek boten
ihm die Hülfsmittel.
Aus diesen Bemühungen, in denen er es soweit gebracht hatte,
daß er Andere, z. B. Conrad Celtis im Hebräischen unterrichten
konnte, wurde er durch eine Reise gerissen, die er in Dalburg's
Begleitung nach Rom machte, um im Auftrage des Pfalzgrafen den
neugewählten Papst Innocenz VIII. zu
begrüßen. Dem
A.
fiel die Aufgabe zu, die Rede zu halten (16. Juli
1485) und er entledigte sich derselben in einer für den
Angeredeten allzu schmeichelhaften Weise. Wie die Aegypter für die
Verehrung Gottes keinen rechten Ausdruck gehabt hätten, so finde
er kein Wort für das Lob des Papstes, unter Innocenz werde Rom
wirklich der Heilsort für die ganze Welt werden, werde die
Hoffnung der gesammten Christenheit auf Besiegung der Türken
endlich in Erfüllung gehen. — Auf dem Rückwege aus Italien, das
A.
nicht mehr in dem blühenden und glänzenden Zustand wie
ehedem erschien, überraschte ihn nach kurzer Krankheit der Tod. Er
starb unverheirathet; seine ruhelose Natur hatte ihn gehindert,
sich eine sichere häusliche Stätte zu gründen. Sein Tod wurde von
deutschen wie auswärtigen Gelehrten aufs heftigste beklagt. Seine
Werke sind von Alardus aus Amsterdam gesammelt, 2 Bände, Coloniae 1539, in 4°.
Literatur ↑
Melanchthon's Oratio im Corp. Ref. vol. XI. col. 438—446. Meiners,
Lebensbeschreibungen ber. Männer aus der Zeit der
Wiederherstellung d.
|Wissenschaften, 1796, 2. Band S.
332—363. Tresling, Vita et merita Rudolphi
Agricolae, Groningae 1830.
Autor ↑
Geiger.
Empfohlene Zitierweise ↑
Geiger, Ludwig, „Agricola, Rudolf“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
151-156
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118501089.html?anchor=adb