Name
Droste zu Hülshoff, Annette Freiin von
Namensvarianten
Droste-Hülshoff, Annette Freiin von; Droste zu Hülshoff, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freiin von; Droste-Hülshoff, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freiin von; Laßberg, Annette Freifrau von (verheiratete); Laßberg, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freifrau von (verheiratete); D.-H., Annette Elisabeth v.; Droste Hülshoff, Annette von; Droste zu Hülshoff, Anna Elisabeth; Droste zu Hülshoff, Anna Elisabeth Francisca Maria Adolphina Wilhelmina Ludovica von; Droste zu Hülshoff, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria von; Droste zu Hülshoff, Annette von; Droste zu Hülshoff, Elisabeth Anna; Droste, Annette; Droste, Annette von; Droste-Huelshoff, Annette von; Droste-Hülshoff, A. von; Droste-Hülshoff, Anette v.; Droste-Hülshoff, Anette von; Droste-Hülshoff, Anna Elisabeth v.; Droste-Hülshoff, Anna Elisabeth von; Droste-Hülshoff, Annette; Droste-Hülshoff, Annette E. von; Droste-Hülshoff, Annette v.; Huelshoff, Annette von Droste-; Hülshoff, A. von Droste-; Hülshoff, Anette v. Droste-; Hülshoff, Anette von Droste-; Hülshoff, Anna Elisabeth Droste zu; Hülshoff, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste zu; Hülshoff, Anna Elisabeth v. Droste-; Hülshoff, Anna Elisabeth von Droste-; Hülshoff, Annette Elisabeth Freiin von Droste-; Hülshoff, Annette v. Droste-; Hülshoff, Annette von Droste; Hülshoff, Annette von Droste zu; Hülshoff, Annette von Droste-; Hülshoff, Elisabeth Anna Droste zu; דרוסטה-הילסהוף, אנטה פון; 드로스테-휠스호프, 아네테 폰
Lebensdaten
1797 bis 1848
Geburtsort
Haus Hülshoff
Sterbeort
Meersburg/Bodensee
Beruf/Lebensstellung
Dichterin
Konfession
katholisch
Autor NDB
Ernst Alker
Autor ADB
Mähly.
GND
118527533

Droste zu Hülshoff, Anna (Annette) Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freiin von

Dichterin, * 10.1.1797 Haus Hülshoff, Gemeinde Roxel bei Münster (Westfalen), 24.5.1848 Meersburg/Bodensee.

  • Genealogie

    V Clemens Aug. (1760–1826), auf Hülshoff, musikalisch begabt, interessiert für hist. Studien, Botanik sowie Vogelkunde, S des Clemens Aug. (1730–98), Rittmeister, auf Hülshoff, u. der Maria Bernardine Freiin v. der Reck zu Steinfurt; M Therese (1772–1853), T des Werner Adolf Frhr. v. Haxthausen, auf Abbenburg, u. der Louise Maria Anna Freiin v. Westphalen zu Heidelbeck; B Werner (1798–1867), auf Hülshoff, Ferdinand (1800–29), anhaltischer Forstmeister; Schw Anna Maria Henriette (Jenny) (1795-1859. 1834 Josef Frhr. v. Laßberg, 1770–1855, Germanist); Vt Clemens August (s. 2); ledig.

  • Leben

    Zusammen mit ihren Brüdern erhielt D. Privatunterricht, der sich auch auf Mathematik, Latein, Griechisch, Niederländisch und Italienisch erstreckte. Früh zeigten sich Neigungen zum Geheimnisvollen und zur Vergangenheit, nicht minder zur Musik, in der sie zu schöpferischer Betätigung befähigende Ausbildung empfing (wovon Kompositionen eigener Texte [1877] zeugen). Anregungen gaben L. Uhland und die Grimms. Als fördernd und kritische Fähigkeiten steigernd erwies sich der Einfluß des schöngeistigen Juristen A. M. Sprickmann; in Münster machte D. Bekanntschaft mit der versunkenen Poesie des Göttinger Hains. Unerfüllte Liebe zu August von Arnswaldt und Heinrich Straube bewirkte seit 1818 einsetzende und erst 1825 auf einer Reise nach Köln und Bonn verklingende seelische Krisen. Nach dem Tode des Vaters übersiedelte D. zusammen mit ihrer Mutter 1826 auf das Gut Rüschhaus bei Münster. Dort lebte sie nach der Verheiratung ihrer Schwester Jenny vereinsamt, aber in innigster Fühlung mit der Natur und dem Volkstum der Landschaft, angeregt durch Reisen ins Rheinland, durch Besuche bei Jenny (Eppishausen im Thurgau, ab 1838 auf Schloß Meersburg), jedoch bedrückt durch Augenleiden und eine schwindsuchtartige Krankheit. Die Freundschaft mit dem erblindeten Münsterer Akademieprofessor Ch. B. Schlüter – dem ersten Herausgeber ihrer Verse – klärte die Kunstanschauungen der heranreifenden, unruhig suchenden Dichterin; er gab ihr durch verinnerlichte Religiosität und vorgelebte Harmonie seelisches Geleit. Im Alter von 41 Jahren trat sie erfolglos und nicht ohne demütigende Begleitumstände vor die Öffentlichkeit. Levin Schücking, schon früher Berater und Anreger der Dichterin, wurde „Befreier ihrer Lieder“. Ihm galt 1841/42 zu Meersburg ihre leidenschaftliche Liebe, bewahrt auch nach seiner Heirat mit Luise von Gall (1843). Erst nach dem Erscheinen seines adelsfeindlichen Romans „Die Ritterbürtigen“ (1845) – zu dem D. unfreiwillig Empfindungen der Familie kränkende Materialien beigebracht hatte – erlosch die Neigung. – Der Erfolg der bei Cotta erschienenen „Gedichte“ (1842, 1. Gesamtausgabe 1844) ermöglichte den Ankauf des in einem Weinberg gelegenen „Fürstenhäuschens“ in Meersburg (November 1843). Beginnendes schweres Siechtum verdüsterte den in der Heimat verbrachten Winter 1844/45, den in Rüschhaus verlebten Sommer 1846 und die im Oktober des gleichen Jahres anhebende Seßhaftigkeit in Meersburg. Schmerzlich bedrückten auch die Ereignisse der Märzrevolution 1848 die in einem konservativen Weltbild stehende Dichterin.

    D. hat bei aller Sicherheit der äußeren Lebensbedingungen ein innerlich sehr gefährdetes Leben geführt. Alte Leidenschaften der Ahnen standen in ihr, der Späten eines uradeligen Geschlechtes auf, seltsame Laune der Natur vermischte in ihr weibliches und männliches Empfinden und machte ihr jedes Gefühl zwiespältig, fragwürdig und peinigend. So blieben ihr unmittelbare Glücksmöglichkeiten des Daseins verschlossen. Aber die Gnade war gewährt, ihr chaotisches Herz durch ehrwürdige Bindungen und Ordnungen zu bändigen: durch die Tradition und Haltung adeliger Sippe, die verpflichtende Verwurzelung in zeitloser westfälischer Landschaft, die Sakramente katholischen Glaubens und die strengen Forderungen sinngebender Gebote. Ohne diese Hilfen wäre sie nicht die geniale Dichterin geworden, welche – trotz ihrer Selbstverkennung als Künstlerin – die Qual des Lebens im Liede überwand. So vermochte sie jede Bresthaftigkeit in Blüte und Frucht zu wandeln, alle panische Naturangst in francisceische Sonnenhymnen zu läutern, alle Mächte, Schrecken und Spuk-Gewalten in metaphysische Horizonte auszuweiten. Den meist dem Frühwerk angehörenden erzählenden Gedichten und Balladen ist ein ausgesprochen männlicher Zug eigen, der sich in der Herbheit der Stoffe und der dichten Ballung des Vortrags äußert; weiblich indes wirkt die Zerfahrenheit der Komposition sowie intensive Betonung jeder Einzelheit. Die Technik der künstlerischen Verkürzung, die das thematisch bedingte Halbdunkel noch vertieft, haben wenige Lyriker so kühn gehandhabt. Für ihre durchaus nordische Seelenlage waren Vorbilder aus der romantischen englischen Lyrik und den Dichtungen Walter Scotts, der Kunst eines verwandten Sprachraumes, nur als Weiser auf einem Weg ohne Wahl bedeutsam. Die Vergleiche ihrer Sehweise mit der Optik Rembrandts sind zutreffend das Helldunkel, die handelnden Personen als Lichtträger in der Finsternis der Welt, die eigentümliche Mischung von transzendentaler Phantastik und rücksichtslosem Realismus, der auf alle herkömmlichen Schönheitsideale (besonders klassisch-südlicher Art) verzichtende, das letzthin Charakteristische fast überbetonende Vortrag, die neben verblüffender Virtuosität in der Beherrschung der Kunstmittel auftauchenden Verzeichnungen und technischen Schwächen. Das stark impressionistische Moment ist in den Balladen und kleinen Epen zurückgedrängt durch die Vertiefung in die hintergründigen Geheimnisse der Welt und eines nur durch Ahnungen erfaßbaren Zwischenreiches. Naturangst und undurchdringliches Walten von Schicksalsmächten geben den besten Balladen: „Der Geierpfiff“, „Die Vergeltung“, „Der Mutter Wiederkehr“ (1840–42) ihren besonderen Charakter. In noch höherem Maße gilt dies von den erzählenden Gedichten, für die düsteren Fieber- und Angstvisionen „Des Arztes Vermächtnis“ und für die Alraun-Teufelspaktgeschichte vom „Spiritus familiaris des Roßtäuschers“ (1842). Diesen Werken steht gegenüber „Die Schlacht im Loener Bruch“ (1837–38), männlich-herb und realistisch: Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges lebt in heimatnaher Bindung wieder auf. Den Höhepunkt ihrer Kunst erreicht die Dichterin in der Naturlyrik. Nie zuvor wurde in deutscher Poesie unter Vermeidung der herkömmlichen, abgegriffenen „poetischen“ Mittel sowie der melodischen Reize der Wortmusik, durch Heranziehung des Sprachschatzes des Alltags, der Mundart und der Wissenschaft mit größerer lyrischer Vollkommenheit Natur mit jeder ihrer Formen und Erscheinungen in Worte gefaßt. Unter allen Dichterinnen hat einzig und allein D. der Natur gegenüber eine an sich durchaus männliche Gemütsstimmung, die sie weiblich abwandelt, nicht nur durch die liebevolle Hingabe an Halm und Käfer, Knospe und Stein, sondern noch mehr durch ein mütterliches Umfangen des Belebten und Unbelebten. Immer lauscht sie der heimlichen und doch tosenden Stimme des Erdgeistes, dem schweren Gesang unterirdischer Ströme, sieht sie die Mittagsgespenster im Sonnenglast und Dämonen in der spukhaften Wende zwischen Tag und Nacht – oft dargestellt durch das Medium kindlicher Naturangst. Die Ausdrucksweise entfernt sich sehr von der in der Zeit üblichen Sprache und gewinnt einen scheinbar impressionistischen, eigentlich aber überwirklichen Klang. In ganz großen Augenblicken wird die Dichterin zur „Seherfrau“ (F. Gundolf), sinkt sie am Hünenstein und in der Mergelgrube in den Mythos urweltferner Vorzeit, steigt in ihr erbbedingte Rückerinnerung an präindividuelle Erlebnisse auf. Ein heidnischer Unterton ist in ihrer Naturlyrik nicht zu verkennen. Aus der abgründigen Bedrängnis, die ihr Wesen erschütterte und in der Spätzeit reif zur Bereitschaft für die Gnade des Todes machte, rettete sie allein ihr Glaube – kein Kinderglaube, sondern eine verzweifelte Umklammerung des Kruzifixes. In entscheidenden Jahren entstand „Das Geistliche Jahr“ (I 1820, II 1839), mehr Beichte als Kunstwerk. Ursprünglich für die Großmutter als poetischer Gang durch das Kirchenjahr gedacht, wurde es, mittelalterlichen Gebetsreihen verwandt, zum Gefäß der Reuetränen einer heimlichen Sünderin. Die Spannung zwischen den Forderungen der Dogmen und der Heilsgeschichte einerseits, der Zerrissenheit einer unerfüllten und doch nicht einmal der Weiblichkeit ihrer Gefühle vollkommen sicheren Frau andererseits ist so groß, daß in diesem qualvollen Ringen um Gott die Form zerbricht. In gläubiger Demut unterwirft sich dieses stolze, törichte Herz dem Gerichtsschluß Gottes: „Jetzt kann ich stammeln nur: ‚Erlöser,/Ich gebe mich in dein Gericht!'“

    D. ist Schöpferin einer Erzählung, halb Dorf-, halb Kriminalgeschichte, bis heute einmalig im deutschen Schrifttum durch ihre dämonisch geballte Kraft, in der mehr als Realismus geboten wird: „Die Judenbuche“ (1842). Umfassende, durch Blut und Beobachtung erworbene Kenntnis von Land und Leuten verbündet sich in diesem „Sittengemälde aus dem gebirgigen Westfalen“ mit hellseherischem Wissen um Schicksal. Unfaßliches wird sichtbar, die scharf konturierten und doch geheimnisvollen Ereignisse dieser Gruselgeschichte stoßen ins Zeitlose und verdichten sich zur Ewigkeit einer Landschaft, die alle Wandlungen übersteht. Die der „Judenbuche“ vorhergehenden erzählerischen Versuche, die Fragmente „Ledwina“ (1819–24) und „Joseph“ (1844–45), lassen bei aller Unvollkommenheit die hohe Berufung ihrer Urheberin erkennen; noch mehr das Bruchstück eines Romans „Bei uns zu Lande auf dem Lande. Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz“ (1841–42). Dieses Fragment voll Humor und Laune ist ein Dokument unzerstörbarer Verwurzelung in dem patriarchalischen, noch aus ungebrochener Vergangenheit lebenden, aber von geschäftiger Gegenwart und industrieller Zukunft bedrohten Westfalen. Das reiflich durchdachte Werk scheint nur deshalb sich|nicht gerundet zu haben, weil die Dichterin nach bitteren Erfahrungen befürchtete, Anstoß durch die ebenso wahren wie liebevollen Schilderungen zu erregen. Viel Stoff aus dem unvollendeten Buch verwendete sie in den etwa gleichzeitig (1842) und wohl als Ersatz geschriebenen „Bildern aus Westfalen“, die 1845 in den „Historisch-politischen Blättern“ des Guido Görres als „Westfälische Schilderungen aus einer westfälischen Feder“ erschienen. Dieser Essay hat an Reichtum der Charakteristiken und Stimmungen sowie an Wissen um volkskundliche Einzelheiten kaum seinesgleichen in jener heimatentdeckungsfrohen Zeit. Die Gegenüberstellung der verschiedenen Gaue Westfalens ist meisterhaft. Das Bild von Natur, Volk und Sitten im Paderbornschen insonderheit erhebt sich zu schlechthin klassischer Höhe. Hier ist dem Wesen einer Provinz und ihrer Landschaften ein bleibendes Denkmal errichtet, und zwar mit der fast tragischen Überzeugung der unausweichlichen Auflösung eines in sinnvollen Ordnungen gewordenen und bestehenden Volkstums. – Die entscheidende Komponente der Dichtung D.s ist indes nicht Realismus, sondern Gestaltung dessen, was hinter der Wirklichkeit steht. Als Überwirklichkeitskunst hebt sich ihr Werk, ganz als Seelenerlebnis ohne äußere materielle Rücksichten entstanden, aus dem Wesensgefüge des 19. Jahrhunderts bedeutungsvoll heraus und weist hinüber in unsere Gegenwart.

    • Werke

      Gedichte, 1838; Die Judenbuche, in: Stuttgarter Morgenbl., 1842; Gedichte, 1844; Das geistl. Jahr nebst e. Anh. rel. Gedichte, 1852, neu hrsg. v. C. Schröder, 1939, 1951; Letzte Gaben, hrsg. v. L. Schücking, 1860; Ges. Werke, hrsg. v. E. v. Droste-Hülshoff, Nach d. hs. Nachlaß ergänzt, mit Biogr., Einl. u. Anm. versehen v. W. Kreiten, 4 Bde., 1883-87, 71900; Kritische Gesamtausg. v. B. Badt, K. Pinthus u. K. Schulte-Kemminghausen, 4 Bde., 1925/30; Gesamtausg. in zeitl. Reihenfolge v. C. Heselhaus, 21955; Gesamtausg. d. Briefe v. K. Schulte-Kemminghausen, 2 Bde., 1944 (Porträt).

    • Literatur

        ADB V; E. Staiger, A. v. D.-H., 1933; T. Ramsay, A. v. D.-H., 1938; W. Rink, A. v. D.-H., 1948; E. Arens u. K. Schulte-Kemminghausen, D.-Bibliogr., 1932; Jb. d. D.-Ges., 1947 ff.; Th. Steinbüchel, A. v. D.-H. nach hundert J., 1950; E. Eilers, Probleme rel. Existenz im „Geistl. Jahr“, die D. u. Sören Kierkegaard, 1953; O. Olzien, Bibliogr. z. dt. Lit.gesch., 1953, Nachtr. 1955; W. Winkler, Metapher u. Vergleich d. A. v. D.-H., Diss. Zürich 1954; B. v. Wiese, Die Judenbuche, in: Festschr. f. J. Trier, 1954; Ch. B. Schlüter u. d. D., Dokumente e. Freundschaft. Briefe an u. üb. A. v. D.-H., hrsg. v. J. Nettesheim, 1956; G. v. Le Fort, in: Gr. Deutsche III, 1956, S. 232-44 (Porträt); Körner; Kosch, Lit.-Lex.; K. G. Fellerer, in: MGG III, Sp. 825-27 (Werke, Literatur); Dichter. Behandlg.:  H. Frank, Annette, 1937.  – Zur Geneal.:  H. Frhr. v. D. zu H., Ahnentafel d. Dichterin A. v. D. zu H., = Ahnentafeln berühmter Deutscher V, 1939, S. 15 ff.; Frels.

    • Portraits

      Ölgem. v. Herm. Sprick, 1838 (Haus Hülshoff), Abb. b. Rave, b. K. Schulte-Kemminghausen (s. W); ders., A. D. Leben in Bildern, 21954 (1 P u. Abb., 80 Tafeln); Büste v. A. Rüller (Denkmal in Münster i. W.).

  • Autor

    Ernst Alker
  • Empfohlene Zitierweise

    Alker, Ernst, "Droste zu Hülshoff, Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freiin von" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 129-132 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118527533.html

Droste-Hülshoff, Annette

  • Leben

    Droste-Hülshoff: Annette, Freiin von D.-H., das bedeutendste lyrische Talent deutscher Zunge unter den Dichterinnen dieses Jahrhunderts, wurde auf dem alten Stammschloß ihrer Familie (Hülshoff, in der Nähe von Münster in Westfalen) am 10. Jan. 1797 geboren und hat dort, unter Ziemlich strenger Zucht, gelebt, bis nach des Vaters Tode die Mutter den Wittwensitz Ruschhaus bezog. Ihre, von Hauslehrern geleitete, Erziehung hatte einen wissenschaftlichen Anstrich, sodaß Annettens Kenntnisse nicht blos in der Mathematik ziemlich über das gewöhnliche Maß hinausgingen, sondern auch das Latein, noch in|späteren Jahren, ihrem Gedächtniß treu blieb und ihr bei ihrer Sammelneigung für Münzen, Gemmen etc. gute Dienste leistete. Neben einem früh sich regenden, durch eine wahrhafte Lesewuth genährten poetischen Talent (Klopstock, Salis, Matthisson und Hölty waren zunächst die Lieblinge) entwickelte sich auch eine bedeutende musikalische Begabung, welche in späteren Jahren sich im Drang zu selbständiger Liedercomposition offenbarte. Nach dem Tode des Vaters, welchem bald auch ihr Bruder nachfolgte, schwer darniedergebeugt und auch körperlich leidend, sah sich Annette gezwungen, eine Luftveränderung und auf Reisen Erholung zu suchen. Vorzüglich waren es die rheinischen Städte, welche sie fesselten, und Coblenz, Bonn und Köln wurden für längere Zeit abwechselnd ihre Absteigequartiere. Ueberall wurden, wenn auch nicht viele, so doch bedeutsame und fördernde Bekanntschaften angeknüpft (in Bonn besonders mit Johanna Schopenhauer und deren Tochter, ferner mit ihrem Verwandten, dem bekannten Rechtslehrer Clemens v. Droste); unter den großen Verstorbenen waren es besonders Walter Scott, Byron und Washington Irving, in deren geistige Gesellschaft sie sich eifrig und hingebend einlebte; ihre erzählenden Gedichte ("Das Hospiz auf dem St. Bernhard", "Die Schlacht am Loenerbruch", "Des Arztes Vermächtniß", "Der Spiritus familiaris des Roßtäuschers") tragen deutliche Spuren dieses Umgangs, wenn schon das innerste geistige Gepräge, gleichsam das Mark der Empfindung, darin der Dichterin ganzes und volles Eigenthum ist. Daß aber selbst bei stofflicher Entlehnung Originalität möglich ist, zumeist bei einer so durchaus eigenwüchsigen Natur, wie sie unsere Dichterin besaß, beweist die Erzählung von "Des Arztes Vermächtniß", welche mehr oder weniger bloße locale und dadurch bedingte anderweitige Umbildung der Schelling'schen Geschichte vom "Pfarrer vom Drottning auf Seeland" ist. Nur schüchtern und auf das Drängen ihrer Freunde willigte sie in die Herausgabe ihrer "Gedichte" (Cotta 1837), deren Erfolg indeß, weniger ihre eigenen, als die Erwartungen ihrer "Stürmer und Dränger" unbefriedigt ließ. Gerade die ungewöhnliche Originalität, wodurch sich diese Schöpfungen vor anderen und hauptsächlich vor solchen von Frauenhand auszeichneten, behagte dem großen Publicum weniger; sie konnten ihrer ganzen Art nach blos den verständnißvollen, feinfühlenden Naturen gefallen, welche gern mit einer groß angelegten Menschenseele in geistige Gemeinschaft treten und dabei einen Einsah eigener geistiger Anstrengung nicht scheuen. Die schöpferische Kraft der Dichterin geht durchaus nach der Tiefe, nicht nach der Breite, eine fruchtbare Ader, im gewöhnlichen Sinn, ist ihr nicht eigen, dafür aber ist ihr Schaffen ein höchst intensives. L. Schücking's "Malerisches und romantisches Westfalen" verdankt, nach des Verfassers eigenem Geständniß, der Mitwirkung unserer Dichterin einen großen Theil seines Inhalts; sonst ist neben den (später sehr vermehrten) "Gedichten", dem "Geistlichen Jahr" und den (posthumen) "Letzten Gaben" von der Feder der Verfasserin nichts bekannt geworden. Die Fragmente, welche L. Schücking (in seinem Buch Annette v. Droste, ein Lebensbild) von einem Charakterbild westfälischen Familienlebens, aus dem litterarischen Nachlasse der Verstorbenen, veröffentlicht hat, lassen sehr bedauern, daß ihr die Vollendung desselben nicht vergönnt war. — Seit Anfang der 40er Jahre dieses Jahrhunderts finden wir das Fräulein beinah häuslich niedergelassen, wenigstens einen großen Theil des Jahres angesiedelt auf dem altehrwürdigen Sitz ihres Schwagers, des rühmlichst bekannten Freiherrn v. Laßberg, auf Schloß Meersburg am Bodensee, im ganzen zwar (hauptsächlich aus körperlichen Gründen) einsiedlerischen Neigungen huldigend; aber bei der großartig geübten Gastlichkeit ihres Schwagers und bei der Anziehungskraft, welche dieses Schloß in seinen literarischen Schätzen besaß, war es nicht möglich, gegen Männer, wie Uhland, Justinus Kerner, Wessenberg und andere berühmte und bekannte Germanisten|und Alterthumsfreunde sich abzuschließen. Im Winter des Jahres 1847 nahm das seit Jahren in ihr schlummerndes Brustübel einen bedenklichen Charakter an; nach einer nur anscheinenden Besserung brachte ihr der Frühling des folgenden Jahres den Tod; sie verschied den 24. Mai 1848 an einem Herzschlage. — Annette v. D. ist als Schriftstellerin eine Kernnatur durch und durch, in welcher, bei echt weiblichen Gefühlen, dennoch nicht in erster Linie diejenigen Früchte unserm Blicke begegnen, die wir zu allererst bei der weiblichen Natur zu finden gewohnt sind. Bei ihr gibt es nichts Verschwommenes, Gefühlseliges und Unfertiges, ihr Charakter ist Schärfe und Entschiedenheit. Ihre Lebensanschauungen scheinen vom Nervenleben des Weibes durchaus nicht influenzirt; eigenthümlich, ja oft hart und sogar schroff, mögen sie manchen Leser und manche Leserin fremd anmuthen, aber die Einsichtsvollen unter diesen müssen doch das Geniale des Urtheils, die Gedankenreife und den klaren, alle Lebensverhältnisse mit dichterischer Intuition durchdringenden Blick herausfühlen und den Eindruck erhalten, daß sie, sie mögen nun beistimmen oder widersprechen, im Banne einer mächtigen Individualität stehen. Beistimmung darf die Dichterin allerdings nicht immer und von Allen hoffen, weder für ihre religiösen Dogmen — sie ist nach heftigen Kämpfen ihrer männlich selbständigen, frei urtheilenden Seele vom Zweifel zu den Ueberlieferungen des strengen Katholicismus zurückgekehrt — noch für ihre politischen und socialen Principien — denn auch diese Zieht sie ohne Scheu in den Bereich ihres poetischen Sinnens und Schaffens, und zwar sind ihre Anschauungen einseitig-conservativ, in Standesvorurtheilen befangen. Auf diesen Gebieten wird man übrigens die Größe einer dichterischen Persönlichkeit, zumeist einer Frau, nicht suchen wollen, obschon gerade das "Geistliche Jahr" (ein Cyclus von Gedichten auf jeden Sonntag und Festtag des katholischen Kirchenjahres) wahre Perlen der Poesie enthält. Wahrhaft groß und eigenartig ist die Dichterin in den Naturschilderungen, besonders wo die dämonische, unheimliche Seite des Naturlebens vorliegt, gleichviel, ob des menschlichen oder des vegetativen, ob Gespensterspuk zu schildern oder das Unheil, das auf der düstern Haide lauert. Ihr Blick dringt, in beiden Kreisen, bis ins Einzelne und Einzelste mit einer bewunderungswürdig scharfen concreten Beobachtungsgabe, die das Individuelle echt poetisch herausfindet. Keine Spur von einer Verflüchtigung ins Abstracte trübt diese lebensvollen Bilder und Bildchen, welche nur in einem die Erscheinungen der Natur als lebenden Proceß anschauenden und fühlenden Sinne sich gestalten können. Hand in Hand mit dieser Empfindung geht nun auch die Gabe des richtigen, den Kern treffenden Ausdrucks. Diese Gedankennische bedarf nicht des Schmucks und der Schminke der Rhetorik; sie empfiehlt sich und wirkt unmittelbar durch sich selber und ihre eigene Schönheit, die Schönheit ist aber hier das Richtige, welches sofort und ohne Zuthat die wahre Vorstellung des Gegenständlichen vermittelt, das Individuelle. Es gehört aber leider bei den herrschenden Ansichten von poetischer Diction schon eine gewisse Bildung dazu, um in jener contrastirenden Art einen Vorzug zu finden. — Werke: "Gedichte von A. E. v. D.-H." (sic!), Münster 1837; dieselben vielfach vermehrt bei Cotta, Stuttgart 1844; "Das geistliche Jahr", Stuttgart 1851 (2. Aufl. 1857); "Letzte Gaben", Hannover bei Rümpler 1860. Gesammelte Schriften von Annette Freyin v. Droste-Hülshoff. Herausgeg. von Levin Schücking. 3 Theile (mit Biographie). Stuttg. 1879.

    • Literatur

      Annette v. Droste. Ein Lebensbild von L. Schücking, Hannover 1862.

  • Autor

    Mähly.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mähly, "Droste-Hülshoff, Annette" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 415-417 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118527533.html?anchor=adb

Droste zu Hülshoff, Annette Freiin von

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Droste zu Hülshoff, Annette Freiin von

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