<< Kaltenbrunner, Karl
Kaltneker von Wallkampf, Hans >>
Kalthoff, Albert
evangelischer Theologe und Philosoph,
* 5.3.1850 Wuppertal-Barmen,
† 11.5.1906 Bremen.
Genealogie
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| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Peter Ludwig (1818–74), Färbermeister u.
Färbereibes. in
W.-B.,
S d. Färbermeisters Peter Caspar in Barmen u. d. Johanna Maria Schauff;
M Wilhelmine (1824–84),
T d. Johannes Wechselberg (1794–1950), Kantenweber u. Appreteur in Barmen, u. d. Maria Gertrud Pilgram;
⚭ 1) Berlin 1874 Anna (1853–78), Malerin,
T d.
Wilh. Alexander
Frdr. Franz (1816–64), Arzt in Rügenwalde, u. d. Agnes Succo, 2) Nickern
b. Züllichau 1879 Eugenin (1855–84),
T d. Eugen Schulz, Rittergutsbes. in Nickern, 3) Bremen 1889 Emma (1864–1908),
T d. Heinrich Hermann Linne (1831–96),
Kaufm. in Bremen, u. d. Wilhelmine Wagner; 1
S aus 1), 3
T aus 2), 1
S aus 3).
Leben ↑
Als Sohn eines kirchlich und politisch konservativ gesinnten selbständigen Handwerkers wächst Kalthoff in den „engen, festgefügten Formen“ pietistischer Frömmigkeit auf. Er absolviert das Gymnasium in Barmen und studiert dann in Berlin. 1874 erwirbt er in Halle die philosophische Doktorwürde. Im selben Jahr wird Kalthoff Hilfsprediger an der Sankt Markus-Kirche in Berlin. Schon hier kommt es zu ersten Konflikten mit seinen kirchlichen Vorgesetzten. 1875 übernimmt er das Pfarramt in Nickern. Als er sich 1878 mit Theodor Hoßbach (1834–94, s. RGG) solidarisiert, dessen Wahl zum Pfarrer an Sankt Jakobi in Berlin wegen seines Widerspruchs zum apostolischen Glaubensbekenntnis vom Oberkirchenrat nicht bestätigt worden war, wird er durch ein Disziplinarurteil seines Amtes entsetzt. Kalthoff siedelt 1879 nach Berlin- Steglitz über und verdient sich sein Brot als freier Schriftsteller und als Redner des Protestantischen Reformvereins. Unter anderem schreibt er auch für die „Gartenlaube“. Seine Sonntagsvorträge über das „Leben Jesu“ (1880) zeigen ihn als Vertreter der liberalen Theologie, seine Reichstagskandidatur 1881 für die Fortschrittspartei weist ihn als Anhänger des politischen Liberalismus aus. 1884 wurde Kalthoff Pfarrer der reformierten Gemeindein Rheinfelden bei Basel, im Herbst 1888 Pastor an Sankt Martini zu Bremen. Zunächst 2. Pastor, wurde er 1894 als Nachfolger von Moritz Schwalb (1833–1916, s. Literatur) Primarius und als solcher auch zeitweise Direktor des Geistlichen Ministeriums der Hansestadt. Zusammen mit Friedrich Steudel (1866–1939, s. Literatur) und Oscar Mauritz (1867–1958) begründet er den „Bremer Radikalismus“, eine Richtung, die sich sowohl gegen die liberale wie auch die positive Theologie wendet. Kalthoff übernimmt die marxistische Geschichtsbetrachtung und versteht das Urchristentum als die unabhängig von einem historischen Jesus eingetretene „Humanisierungsphase des antiken Klassenkampfs“. Es gelingt ihm, in seiner Gemeinde sozialdemokratische Arbeiter zu sammeln. Für sie gründet er als Einrichtung der proletarischen Erwachsenenbildung 1891 den „Arbeiterbildungsverein Lessing“. Sein vielfaches öffentliches Eintreten für die Interessen der Arbeiter verschafft ihm in den Jahren, in denen Friedrich Ebert den Kurs der Bremer
SPD bestimmte, ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis auch zu dieser Partei. Nach dem Sieg des Radikalismus in der Sozialdemokratie der Hansestadt wird er dann allerdings von sozialistischer Seite leidenschaftlich bekämpft. Eine letzte Wendung seines Denkens zum idealistischen Monismus und die Übernahme des Vorsitzes in dem von Ernst Haeckel angeregten „Deutschen Monistenbund“ bringt ihn 1906 in neue Konflikte mit seinen Amtsbrüdern. Kalthoff stirbt auf dem Höhepunkt dieser neuen Auseinandersetzung. Das in seinen letzten Predigten gezeichnete Bild einer „freien Religion“, in der Gott „der Name für jegliche Freiheit, jegliche Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe“ sein sollte, blieb Fragment. Er war für die Theologie und Philosophie seiner Zeit ein Außenseiter, gab aber vor allem in seiner sozialistischen Phase wichtige Anregungen.
Werke ↑
Die Frage nach d. metaphys. Grundlage der Moral, mit
bes. Beziehung auf Schleiermacher
unters.,
Diss. Halle, 1874;
Verteidigungsrede d. Pfarrers Dr. Kalthoff … wider d. Anklage d.
Kgl. Konsistoriums d. Provinz Brandenburg, 1878;
Das Leben Jesu, 1880;
Die neueste Maßregel
z. Bekämpfung d. Judentums, 1880;
Charles Kings
|ley, 1892;
Schleiermachers Vermächtnis an unsere Zeit, 1896;
Friedrich Nietzsche u. d. Kulturprobleme unserer Zeit, 1900;
Die
Philos. d. Griechen, auf kulturgeschichtl. Grundlage
dargest., 1901;
Die
rel. Probleme in Goethes Faust, 1901;
Das Christusproblem, Grundlinien e.
Sozialtheol., 1902;
Rel. Weltanschauung, 1903;
Die Entstehung d. Christentums, 1904;
Zarathustrapredigten, 1904;
Die
Rel. d. Modernen, 1905;
Schule u. Kulturstaat, 1905;
Modernes Christentum, 1906;
Das
Za. d.
Ref.,
hrsg. v. F. Steudel, 1907;
Zukunftsideale,
hrsg. mit biograph.
Einl. v. dems., 1907 (
P: Gem. v. A. Ritterhoff);
Vom inneren Leben,
hrsg. v. dems., 1908;
Vom häusl. Leben,
hrsg. v. dems., 1909;
Volk u. Kunst, Reden u. Aufsätze,
hrsg. v. Bremer Goethebund,
o. J. (1910).
Literatur ↑
Brem. Biogr. d. 19.
Jh., 1912
(L);
F. Mehring,
Soz. Theol., in: Neue Zeit 21, 1.
Bd.,
Nr. 13, 1903;
F. Lipsius, in: Das Blaubuch 2,
Nr. 27, 1907;
A. Knellwolf,
K., d. Prophet d. Zukunftsrel.,
o. J. (1907);
A. Schweitzer,
Gesch. d. LebenJesu-Forschung, 1913,
61951;
W. Nigg,
Gesch. d.
rel. Liberalismus, 1937;
K. H. Schwebel,
St. Martini
zw. Bekenntniszwang u. Glaubensfreiheit, in:
St. Martini zu Bremen, Eine Gemeinde u. e. Kirche im Wandel d. Zeiten,
hrsg. v. W. Wehowsky, 1960;
T. Forck, Die Pastorenchronik
v. St. Martini, ebd. -
Zu O. Mauritz, F. Steudel u. M. Schwalb: Brem. Biogr. 1912–69, 1969
(W, L).
Autor ↑
Gerhard SchmolzeEmpfohlene Zitierweise ↑
Schmolze, Gerhard, „Kalthoff, Albert“,
in: Neue Deutsche Biographie
11
(1977), S.
74 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118844792.html