<< Andrian-Werburg, Ferdinand Leopold Freiherr von
Angehrn, Beda >>
Andrian-Werburg, Victor Franz Freiherr von
österreichischer Politiker und Publizist,
* 17.9.1813 Grafschaft Görz,
† 25.11.1858 Wien. (katholisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Gottfried Emanuel Ferdinand Anton Freiherr von Andrian-Werburg (1766–1827);
M Aloysia,
T des Grafen Franz von Fünfkirchen und der Gräfin Josefine Chorinsky;
Gvv Ferdinand Freiherr von Andrian-Werburg, bayerischer Oberst;
Gmv Josefa Paumann;
Vt Graf Richard Belcredi (1823–1902), österreichischer Ministerpräsident;
Groß-N Ferdinand Leopold Freiherr von Andrian-Werburg (s. 1).
Leben ↑
Andrian-Werburg studierte in Wien Jura, trat 1834 beim Gubernium in Venedig ein, wurde 1844 Sekretär an der Wiener Hofkanzlei, trat aber 1846 aus dem Staatsdienst wieder aus. 1847 wurde Andrian-Werburg vom Bezirk Wiener-Neustadt in den niederösterreichischen Landtag gewählt, 1848 Mitglied des deutschen Vorparlaments, Abgeordneter der Paulskirche, Vizepräsident und Mitglied des Verfassungsausschusses. Im August 1848 zum Reichsgesandten in London ernannt, um dort die österreichisch-italienischen und schleswig-holsteinische Frage zu verhandeln, schied Andrian-Werburg im März 1849 mit Rücktritt A. von Schmerlings als Reichsminister aus dem Parlament. A. Bachs Aufforderung, in den Staatsdienst zurückzukehren, lehnte Andrian-Werburg wie den ganzen Neoabsolutismus ab und vertrat in seinen letzten Lebensjahren K. L. von Brucks Gedankengänge. – Andrian-Werburg, im Grunde ein Altkonservativer, der mit liberaler Evolution einer Revolution der Liberalen und Demokraten zuvorkommen wollte, gehörte zu der
sog. „Zweiten Gesellschaft" Wiens, die sich im wesentlichen aus zumeist neugeadelten alten Beamtenfamilien, Generalsfamilien deutschen Stammes und einem enggezogenen Kreis alteingesessener, vermögender Großkaufleute zusammensetzte (und zu der Vertreter der höheren Bildung, darunter nicht nur konservative, sondern auch „liberale“ Männer Zutritt hatten). In seiner Schrift „Österreich und dessen Zukunft“, deren 1. Teil anonym 1841 bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschien (französische Übersetzung, Paris 1843), hat Andrian-Werburg auf die soziale Frage in Österreich erstmalig hingewiesen. Das damalige Regierungssystem wollte er im Sinne des englischen Konstitutionalismus umgestaltet wissen. Andrian-Werburgs Schrift ist die erste bedeutende publizistische Leistung des österreichischen Vormärz und war von ungeheurer Wirkung. Die österreichische Regierung war um so bestürzter, als dieser unerwartete Angriff in seiner Fundiertheit nur von einem höheren Staatsbeamten ausgegangen sein konnte. Doch blieben Recherchen eines zu
|Campe nach Hamburg entsandten Polizeibeamten ergebnislos. Der Aufkauf der Auflage durch die österreichischen Regierung beschleunigte nur eine 2. und 3. Auflage 1843. Andrian-Werburgs Schrift verbreitete sich in allen Volksschichten und 1847 folgte ein 2. Teil, der nun schon als Kampfruf wirkte. Nach Unterdrückung der auch von Andrian-Werburg verfochtenen Kremsierer Verfassung erschien seine Schrift: „Centralisation oder Decentralisation in Österreich“ (Wien 1850, anonym). In Veröffentlichungen und Reden vertrat Andrian-Werburg die innere Selbstverwaltung der auf solche Weise mündig werdenden Nationen in autonomen Kronländern auf ständischer Grundlage mit Zweikammer-Landtagen, denen die Statthalter verantwortlich sein sollten; einen übergeordneten Reichstag, dem gegenüber die Landtage jedoch ein Vetorecht behielten; engste politische und wirtschaftliche Anlehnung des ganzen Staatsgebäudes an den Deutschen Bund. Großdeutsch im österreichischen Sinne, wollte dieser bedeutende liberale Altkonservative so dem Habsburger Reich die Vormachtstellung im Deutschen Bunde sichern.
Werke ↑
Weitere W Hist. Aktenstücke
z. Gesch. d. Ständewesens in
Österr., Wien 1846;
Denkschr. üb. d. Verfassungs- u. Verwaltungsfrage in
Österr., 1859 (geschrieben 1851).
Literatur ↑
ADB I;
Dr. S., Der Fortschritt u. d. conservative Prinzip. in
Österr., 1844
(Gegenschr.);
I. Beidtel,
Gesch. d.
österr. Staatsverwaltung (1740–1848),
hrsg. v. A. Huber,
Bd. 2, Innsbruck 1897, S. 388 ff., 431 ff.;
V. Bibl, Die niederösterr. Stände im Vormärz, Wien 1911;
ders., Der Zerfall Österr.s I, ebenda 1922;
J. Redlich, Das
österr. Staats- u. Reichsproblem I, 1920;
Uhlirz II/1, 1930, S. 598 f., 603
(L);
R.
A. Kann, The Multinational Empire, Nationalism and National Reform in the Habsburg Monarchy 1848-1918, New York 1950,
Bd. 1, S. 60 ff., 76,
Bd. 2, S. 88-93, 333 f.
u. ö. (L);
Wurzbach.
Autor ↑
Johann Albrecht Freiherr von ReiswitzEmpfohlene Zitierweise ↑
Reiswitz, Johann Albrecht Freiherr von, „Andrian-Werburg, Victor Franz Freiherr von“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
287-287
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd11631012X.html
<< Andres, Johann Baptist
Andrieszoon, Jan >>
Andrian, Victor
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Andrian: Victor
Freiherr von
A.
Werburg, geb. im Görzischen, 17. September 1813, † in
Wien 25. November 1858. Entsprossen
aus einem altadeligen tirolischen Geschlechte, dessen Stammschloß
A.
am südlichen Ausgange des Etschthales noch heute den
Blick fesselt, widmete sich
A.
, nach in Wien zurückgelegten Rechtsstudien, dem
Staatsdienste, indem er im J. 1834 in die Dienstleistung bei dem
Gubernium in Venedig eintrat und von da ziemlich rasch zum
Secretär bei dem Gubernium in Mailand in unmittelbarer Nähe des E.
H. Viceköniges vorrückte. Der stete Verkehr mit den höchsten
Gesellschaftskreisen und mehrfache Reisen nach dem Auslande
entwickelten in ihm frühzeitig einen Antagonismus gegen das
herrschende System und eine Vorliebe für die im Auslande,
namentlich in England, beobachteten freieren Institutionen. Dieser
Ideenrichtung entsprach die von ihm im J. 1841 anonym
veröffentlichte Flugschrift "Oesterreich und dessen Zukunft" (in
3. Auflage 1843), in welcher er die Unhaltbarkeit des bisherigen
bureaukratischen Regierungssystems schlagend nachwies und in einer
freisinnigen Ausbildung der altständischen Provinzialverfassungen,
in der Schaffung einer Reichsvertretung, sowie in einer
gründlichen Reform der gesammten inneren Gesetzgebung das Heil für
Oesterreich suchte. Diese Schrift, die bei der damaligen
allgemeinen geistigen Erstarrung, namentlich mit Rücksicht auf die
sociale Stellung des Verfassers ei ganz ungewöhnliches Aufsehen
erregte, begründete Andrian's publicistischen Ruf weit über die
Grenzen Oesterreichs hinaus, machte aber andererseits auch seine
Stellung im öffentlichen Dienste unhaltbar. Im J. 1846 zog er sich
ganz vom Staatsdienste zurück und übersiedelte nach Wien, wo er im
Verein mit der Fortschrittspartei im Schoße der niederösterr.
Stände seinen Reformgedanken praktische Folgen zu geben sich
bestrebte. Aus diesen fortgesetzten Berührungen entsprang der von
ihm im J. erschienene zweite Theil obiger Schrift, die zugleich
als das Actionsprogramm der damaligen Landstände Niederösterreichs
betrachtet werden kann. Nach dem Ausbruch der Märzbewegung 1848
ward
A.
von den niederösterr. Ständen als Vertrauensmann zum
deutschen Vorparlament entsendet, und von diesem in den fünfziger
Ausschuß gewählt. Im April 1848 wählte ihn der Bezirk
Wiener-Neustadt zum Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung
in Frankfurt a. M., als deren Vicepräsident und Mitglied des
Verfassungsausschusses er bis zum Sommer fungirte. Als deutscher
Reichsgesandter nach London geschickt, kehrte er von da auf den
Wunsch des Ministeriums Gagern zur Zeit der Berathung über die §§.
2 und 3 der Reichsverfassung nach Frankfurt zurück, in welcher er
im Einklange mit dem späteren Kremsierprogramm des
österreichischen Ministeriums den Standpunkt eines
völkerrechtlichen Anschlusses Osterreichs an Deutschland vertrat.
Im Mai 1849 trat
A.
mit der Mehrzahl der übrigen österreichischen
Abgeordneten aus der Versammlung aus, und kehrte sodann im Sommer
nach Wien zurück. Einen Antrag Bach's zum Wiedereintritt in den
Staatsdienst
|lehnte er ab, und zog sich ganz in das
Privatleben zurück. Im J. 1850 veröffentlichte
A.
seine Gedanken über die österreichische Märzverfassung
in einer weiteren Flugschrift "Centralisation und Decentralisation
in Oesterreich." Er verlangte darin, im Einklang mit den
Anschauungen der altconservativen Partei, mit deren Führern er
enge befreundet war, volle Autonomie der einzelnen Länder in
Betreff der gesammten inneren Verwaltung und der darauf
bezüglichen Gesetzgebung, sowie der directen Besteuerung,
Verantwortlichkeit der Statthalter gegenüber den einzelnen
Landtagen, letztere nach dem Zweikammersystem gebildet, und selbst
mit dem Rechte eines aufschiebenden Veto gegenüber dem Reichstage
ausgestattet etc., mit einem Worte: den ganzen Apparat einer
Föderativverfassung, wie solche selbst in dem im J. 1860
nachgefolgten October-Diplom nur ganz unvollkommen ihren Ausdruck
gefunden hat. Mit dieser letzten Schrift schloß sich auch die
publicistische Thätigkeit Andrian's ab.
Nachdem er längere Zeit auf Reisen abwesend gewesen, trat er
erst wieder im J. 1856 hervor, indem er durch Vermittlung Bruck's
Gelegenheit fand, sich bei mehreren neu geschaffenen industriellen
Unternehmungen zu betheiligen. Den Sturz des Bach'schen Systemes,
das er gründlich haßte, erlebte er nicht mehr, denn schon im
Spätherbst 1858 raffte ihn ein Lungenleiden in der vollen Kraft
seiner Jahre dahin.
Autor ↑
v. Sommaruga.
Empfohlene Zitierweise ↑
Sommaruga, Franz Freiherr von, „Andrian, Victor“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
451-452
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd11631012X.html?anchor=adb
Andrian-Werburg, Victor Freiherr von
Name: Andrian-Werburg, Victor Freiherr von
Namensvariante: Andrian-Werburg, Victor Franz Freiherr von
Lebensdaten: 1813 bis 1858
Geburtsort: Grafschaft Görz
Sterbeort: Wien
Beruf/Lebensstellung: österreichischer Politiker; Publizist
Konfession: katholisch
Autor NDB:
Reiswitz, Johann Albrecht Freiherr vonAutor ADB:
Sommaruga, Franz Freiherr vonPND: 11631012X