Name
Hermes, Andreas
Namensvarianten
Hermes, Andreas Anton Hubert
Lebensdaten
1878 bis 1964
Geburtsort
Köln
Sterbeort
Krälingen (Eifel)
Beruf/Lebensstellung
Zentrumspolitiker; christdemokratischer Politiker; Reichsfinanzminister; Abgeordneter
Konfession
katholisch
Autor NDB
Heinz Haushofer
Autor ADB
-
GND
118703730

Hermes, Andreas Anton Hubert

Politiker, * 16.7.1878 Köln, 4.1.1964 Krälingen (Eifel). (katholisch)

  • Genealogie

    V Andreas (1832–84), Packmeister b. d. Eisenbahn, S d. Seidenwebers Jakob u. d. Anna Krebs; M Theresia (1839–1905), T d. Bauern Joh. Matthias Schmitz in Vettelhoven u. d. Anna Barbara Klaeser; Berlin-Mariendorf 1920 Anna (* 1894), T d. Otto Schaller (1859–1945), Dr.-Ing. E. h., Dipl.-Ing. in Berlin, u. d. Maria Pauli; 3 S (2 ⚔) Peter (* 1922), Dipl. (s. Munzinger), 1 T.

  • Leben

    H. studierte Landwirtschaft in Bonn-Poppelsdorf, Jena und Berlin, wurde 1901 Landwirtschaftslehrer in Cloppenburg und 1902-04 Assistent bei dem Tierzüchter J. Hansen in Bonn-Poppelsdorf. Er promovierte 1905 in Jena und ging anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Tierzuchtabteilung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft nach Berlin. 1911 wurde er als Direktor der Landwirtschaftlichen Abteilung an das Internationale Landwirtschaftsinstitut in Rom berufen. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zuerst im Stellvertreternden Generalstab, dann in verschiedenen Funktionen der Kriegsernährungswirtschaft verwendet (unter anderem bei der Organisation des Ölfruchtanbaues im Donauraum).

    1919 wurde H. mit der Leitung der Abteilung Land- und Forstwirtschaft im Reichswirtschaftsministerium beauftragt und übernahm 1920 das nach seinem Vorschlag neubegründete Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 1922 dazu noch das Reichsfinanzministerium, gab aber nach kurzer Zeit das Ernährungsministerium ab und blieb bis zur Demissionierung mit dem Kabinett Cuno 1923 Reichsfinanzminister. Schon in diesen Jahren war er aus dem fachlichen Bereich in den politischen hinübergewachsen und wurde 1924 als Abgeordneter des Zentrums in den Preußisch Landtag, 1928 in den Reichstag gewählt. 1925-27 leitete er den Unterausschuß Landwirtschaft des Deutschen Enquêteausschusses. 1927 nahm er als landwirtschaftlicher Berichterstatter an der Weltwirtschaftskonferenz in Genf teil, 1928 war er Leiter der Deutschen Delegation bei den Handelsvertragsverhandlungen mit Polen. In der gleichen Zeit begann das Wirken H.s in den Spitzenorganisationen der Landwirtschaft und ihres Genossenschaftswesens. 1928 wurde er zum geschäftsführenden Präsidenten der Vereinigung der deutschen (christlichen) Bauernvereine gewählt. Durch die Wirtschaftskrise gedrängt, bildete er mit den Vertretern der drei übrigen Spitzenorganisationen der deutschen Landwirtschaft die sogenannte Grüne Front, als eine lockere agrarpolitische Dachorganisation. 1930 wurde er als Präsident an die Spitze des aus dem Zusammenschluß der bisher konkurrierenden Genossenschaftsverbände gebildeten Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften-Raiffeisen gestellt. Aus dem gleichen Jahr stammt ein von ihm veranlaßtes „Christliches Bauernprogramm“, das als H.s agrarpolitisches Bekenntnis betrachtet werden kann. H. war bestrebt, die christlichen Grundsätze der Bauernvereinsorganisation durch stärkere Verbindung zu den Katholikentagen und durch Bauernschulen auf konfessioneller Grundlage zu vertiefen.

    Im März 1933 legte er noch vor dem Ermächtigungsgesetz ostentativ sein Mandat im Reichstag nieder. Wegen seiner weltanschaulichen und politischen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus wurde er verhaftet, unter Anklage gestellt und verurteilt. Er fiel dann unter eine Amnestie, ohne im Berufungsverfahren seine Unschuld im rechtsstaatlichen Sinne beweisen zu können. Anschließend legte er alle seine Ämter in landwirtschaftlichen Organisationen nieder, die Christlichen Bauernvereine wurden aufgelöst. Er emigrierte nach Kolumbien, wo er 1936-39 als Wirtschaftsberater der Regierung tätig war. In die Heimat zurückgekehrt, um seine Familie nach Kolumbien nachzuholen, hinderte ihn der Kriegsausbruch 1939 an der Wiederausreise.

    H. gehörte zu dem Kreis von erfahrenen Politikern aus der Weimarer Republik, auf die sich die Hoffnungen auf einen Wiederaufbau nach dem zu erwartenden Verlust des Krieges und dem Zusammenbruch des nationalsozialisten Regimes richteten. Seit 1942 stand er in Verbindung zu den Widerstandskreisen um Goerdeler, Kaiser, Wirmer, Körner, Letterhaus, Groß und anderen Er wurde unmittelbar nach dem 20. Juli 1944 verhaftet und wegen aktiver Teilnahme an der Verschwörung am 11.1.1945 zum Tode verurteilt. Es gelang den Bemühungen seiner Frau, die Vollstreckung so lange hinauszuschieben, bis Berlin von den sowjetischen Truppen besetzt war. Unter der russischen Besatzung wurde H. zum stellvertretenden Oberbürgermeister von Berlin und zum Leiter der Ernährungsabteilung des Magistrats ernannt. Diese Stellung benutzte er, um der von ihm erkannten Gefahr einer Teilung Deutschlands entgegenzuwirken. Er wurde am 26.6.1945 Mitbegründer und 1. Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union (CDU) in Berlin und der Sowjetischen Besatzungszone. Aufgrund seiner Versuche, von Berlin aus gesamtdeutsche Politik zu betreiben und seiner Weigerung, der sogenannten Bodenreform zuzustimmen, wurde er am 19.12.1945 von der Sowjet. Besatzungsmacht als Vorsitzender der CDU abgesetzt. Nun sah er keine Möglichkeit des Wirkens in der östlichen Besatzungszone mehr und ging Ende 1945 nach Westdeutschland. Auch hier suchte er für die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland zu wirken. Dazu gründete er zusammen mit Botschafter Nadolny die „Gesellschaft für die Wiedervereinigung Deutschlands“ und brachte damit den Gegensatz, in dem er in Fragen gesamtdeutscher Politik zu Bundeskanzler Adenauer stand, sichtbar zum Ausdruck.

    1947 wurde er Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrates (Vorsitzender des Ernährungsausschusses). 1948 wählte ihn der von ihm gegründete Deutsche Bauernverband zu seinem Präsidenten, ebenso der Deutsche Raiffeisenverband. 1949 rief er den Zentralausschuß der Deutschen Landwirtschaft als Zusammenschluß ihrer Spitzenorganisationen ins Leben. Durch seine Initiative entstanden die zentralen Kreditinstitute des Agrarkredits wieder, die Deutsche Genossenschaftskasse und die Landwirtschaftliche Rentenbank, ferner die Raiffeisenversicherungen und die Deutsche Bauernsiedlung.

    Das vor 1933 erworbene Vertrauen des Auslandes ermöglichte es H., das neuerstandene deutsche landwirtschaftliche Organisationswesen nach 1945 wieder in den internationalen Zusammenhang einzufügen. 1954-58 war er Präsident, dann bis zu seinem Tod Ehrenpräsident des Verbandes der europäischen Landwirtschaft, gleichzeitig auch Vizepräsident des Internationalen (Welt-) Verbandes der landwirtschaftlichen Erzeuger. H. hat die deutsche Agrarpolitik in der Zeit der Weimarer Republik stark beeinflußt, in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg bis gegen Ende der 50er Jahre entscheidend geprägt.|

    • Auszeichnungen

      Dr. rer. pol. h. c., Dr. oec. publ. h. c.

    • Werke

        Der Teilbau in Frankreich, Diss. Jena 1905;   Die Rindviehzucht im In- u. Ausland, 1905 (mit J. Hansen);   Zur Kenntnis d. argentin. Landwirtsch., 1910;   Agrarkredit in d. Vereinigten Staaten (Berr. üb. Landwirtsch.), 1925;   mehrere kl. Schrr., zahlr. Aufsätze u. Reden.

    • Literatur

        Festschr. f. A. H. z. 70. Geb.tag, 1948;   F. Reichardt, A. H., 1953 (P);   F. Jacobs, Von Schorlemer z. Grünen Front, 1957;   Festschr. f. A. H. z. 80. Geb.tag, 1958 (P);   Peter Hermes (S), Die Christl. Demokrat. Union u. d. Bodenreform in d. Sowjet. Besatzungszone Dtld.s im J. 1945, 1963;   H. G. Wieck, Die Entstehung d. CDU u. d. Wiedergründung d. Zentrums i. J. 1945, 1953;   A. H., dem Gedenken e. großen Deutschen, 1964;   Rhdb. (P).

  • Autor

    Heinz Haushofer
  • Empfohlene Zitierweise

    Haushofer, Heinz, "Hermes, Andreas Anton Hubert" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 670-671 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118703730.html
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Hermes, Andreas

Hermes, Andreas