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Gurlitt, Cornelius Gustav

Kunsthistoriker, * 1.1.1850 Nischwitz bei Wurzen (Sachsen), 25.3.1938 Dresden. (evangelisch)


Genealogie | Leben | Auszeichnungen | Werke | Literatur | Autor | Zitierweise

Genealogie  
V Louis (s. 5); M Elisabeth Lewald; Ov Cornelius (s. 1); B Wilhelm (1844–1905), Prof. d. klass. Altertumswiss. in Graz (s. L), Otto (1848–1905), Bankier (Fa. Gurlitt u. Mandelkau) in London, Fritz (s. 3), Ludwig (s. 6); Dresden 1888 Marie (1859–1949), T d. Justizrats Gerlach in D. u. d. Marie Günther; 2 S, 1 T, u. a. Wilibald (s. 7), Hildebrand (1895–1956), Kunsthistoriker, Dir. d. Kunstver. f. d. Rheinlande u. Westfalen.

Leben  
Gurlitt verließ das Gymnasium in Gotha vorzeitig und ging in die Zimmermannslehre. Nach Studien in Stuttgart und Wien und Kriegsdienst 1870/71 war er bis 1875 als Architekt tätig, wurde dann Assistent am Dresdner Kunstgewerbemuseum und schrieb 1887/89 seine dreibändige Geschichte des Barockstils. Dieses bedeutende Werk verschaffte Gurlitt, obwohl ihm die vorgeschriebenen Abschlußprüfungen fehlten, den doctor philosophiae und 1890 die Berufung auf den Lehrstuhl für Baukunst an der TH Dresden. Dort wirkte er maßgebend bis zu seiner Emeritierung 1920. Die große Zahl von Gurlitt-Schülern, die bei Ausgrabungen in Mesopotamien tätig waren, sowie viele bedeutsame Dissertationen zeugen für seinen Einfluß.
Gurlitts wissenschaftliches Werk umfaßt 97 Bände und weit über 400 Abhandlungen. Von ihm ging ein starker Einfluß aus auf die kulturelle Eritwicklung des Jahrhunderts. Es beschränkt sich nicht auf Baukunst, bildende Kunst, Kirchen- und Städtebau verschiedenster Länder und Epochen, sondern nimmt kritisch Stellung zu fast allen Kulturfragen und Zeitproblemen von Denkmalpflege und|Kirchenbau bis zur Politik. In der Kunstatmosphäre seines Vaterhauses durch Umgang mit Geistern wie Hebbel, Ibsen, Freytag, Langbehn und Gjellerup sowie später als Zeuge der Kämpfe aufstrebender junger Kunst im Kunstsalon seines Bruders zu Toleranz erzogen, ging Gurlitt in seinen Schriften stets davon aus, wie Kunst entsteht, nicht davon, wie über sie gesprochen wird. Seine Bücher zeichnen sich aus durch überzeugende zeichnerische Darstellung, so daß sie für die eidetisch Veranlagten, das heißt Kunstschaffenden, eine Quelle nachhaltiger Wirkung wurden und noch sind. Gurlitts Bedeutung liegt vor allem darin, daß er Kenntnis und Verständnis bisher verkannter oder unbeachteter Leistungen erschloß. Seine Werke über den Barockstil in Italien, Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland überwanden die Befangenheit der Zeit in dem durch Jacob Burckhardts Einfluß omnipotent gewordenen Kult um die italienische Renaissance und waren für die Ausprägung unserer heutigen Vorstellung vom Barock von entscheidender Bedeutung. Unter gleich neuartigem Aspekt behandelte er auch die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und des Orients in Spanien, Frankreich, Belgien, England, Bulgarien, Dalmatien, Türkei (Konstantinopel) und Mesopotamien. Daß in den vergangenen acht Jahrzehnten seine auf Erschließen von Neuland ausgehenden Forschungen vertieft und erweitert wurden, schmälert nicht ihre kulturelle Bedeutung und Wirkung auf den Kunstverlauf seiner Epoche. Daher wurde Gurlitt am Ende seines Lebens von Deutschlands schaffender Architektenschaft zum Präsidenten ihres Bundes (BDA) erwählt. Sie erblickte in dem selber nicht Formschaffenden einen Führer im Kampf um die Kunst der Zeit.|

Auszeichnungen  
D. theol., Dr.-Ing. E. h. (Stuttgart).

Werke  
W u. a. Das Barock- u. Rokoko-Ornament in Dtld., 1885/89;  Gesch. d. Barockstils in Italien, 1887;  Gesch. d. Barockstiles, d. Rokoko u. d. Klassizismus in Belgien, Holland, Frankreich, England, 1888;  Gesch. d. Barockstiles u. d. Rokoko in Dtld., 1889;  Kunst u. Künstler am Vorabend d. Ref., 1890;  Andreas Schlüter, 1891;  Btrr. z. Entwicklungsgesch. d. Gotik, 1891;  Die Kunst unter Kf. Friedrich d. Weisen, 1897;  Die Baukunst Frankreichs, 1899;  Die dt. Kunst d. 19. Jh., 1899, 41924;  Gesch. d. Kunst, 2 Bde., 1902;  Die Westtürme d. Meißner Domes, 1902;  Die Baukunst Konstantinopels, 2 Bde., 1907/12;  Andrea Palladio, 1914;  Schutz d. Kunstdenkmäler im Kriege, 1915;  Warschauer Bauten a. d. Zeit d. sächs. Könige, 1917;  Von dt. Art u. Kunst, 1919;  Sächs. Denkmalpflege, 1919;  Hdb. d. Städtebaus, 1920;  Die Pflege d. kirchl. Kunstdenkmäler, 1921;  August d. Starke, ein Fürstenleben a. d. Zeit d. dt. Barock, 2 Bde., 1924;  Autobiogr., in: Kunstwiss. in Selbstdarst., 1924, S. 1-32 (P)Selbstbiogr. (Ms., Sächs. Landesbibl. Dresden).

Literatur  
P. Clemen, in: Kunstchronik u. Kunstmarkt, 1920, Nr. 14;  F. Schumacher, J. Haarmann, P. Klopfer, W. Andrea, J. Leisching, W. Kornick, in: Neue dt. Bauztg., 1919-20 (P);  O. Schubert, in: Dresdner Anz., 1920, Nr. 1;  G. Hildebrand, Vater Cornelius, in: Dt. Allg. Ztg., 1920;  H. Tintelnot, Zur Gewinnung unserer Barockbegriffe, in: Die Kunstformen d. Barockza., hrsg. v. R. Stamm, 1956 (= Slg. Dalp 82), S. 42-46 u. ö.Rhdb. (W, P). - Zu B Wilhelm: Alm. d. Ak. d. Wiss. Wien 55, 1905, S. 316-18;  B. Seuffert, in: BJ XI, S. 268-90 (u. X, Tl. 1905, L).

Autor  
Otto Schubert
Empfohlene Zitierweise  

Schubert, Otto, „Gurlitt, Cornelius Gustav“, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 327 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd117591289.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 7 (1966), S. 327 f.


GND: 117591289

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Index

Gurlitt, Cornelius

Name: Gurlitt, Cornelius
Namensvariante: Gurlitt, Cornelius Gustav
Lebensdaten: 1850 bis 1938
Geburtsort: Nischwitz bei Wurzen (Sachsen)
Sterbeort: Dresden
Beruf/Lebensstellung: Kunsthistoriker
Konfession: evangelisch
Autor NDB: Schubert, Otto
GND: 117591289

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