<< Gruter, Jan
Grynäus. >>
de Gruyter, Walter
Verleger,
* 10.5.1862 Duisburg-Ruhrort,
† 6.9.1923 Berlin. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Albert (1829–1901),
Kohlengroßkaufm. in D.,
S d.
Kaufm. Martin
Ferd. (1804–82) aus Venlo/Holland u. d. Dederika Maria van der Linden;
M Emilie (1837–64),
T d.
Heinr. Liebrecht (1788–1866),
Großkaufm. in R., u. d.
Henr. Luise Wiesner;
B Paul (
* 1866), Eisenindustrieller, Stadtältester
v. B. (s.
Rhdb.,
P); -
⚭ Hückeswagen/Rheinland 1888 Eugenie (1869–1950),
T d.
Kaufm. Reinhard Müller in Hückeswagen u. d. Eugenie Hasselkus; 2
S (beide
⚔), 2
T .
Leben ↑
Nach Abitur und zweieinhalb Jahren kaufmännischer Lehrzeit (zum Teil im Ausland) studierte Gruyter ab 1883 deutsche Philologie in Berlin, Bonn und Leipzig, wo er 1887 bei Friedrich Zarncke mit einer Arbeit über das deutsche Taglied promovierte. Im gleichen Jahr trat er in die väterliche Kohlengroßhandlung ein. Nachdem den privaten Firmen dieser Branche durch die 1893 erfolgte Gründung des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikates die Arbeitsmöglichkeit entzogen und das väterliche Geschäft aufgelöst war, wandte sich Gruyter dem Verlagswesen zu und suchte hier eine Teilhaberschaft zu erwerben. Das gelang ihm schließlich bei dem Verlag Georg Reimer (der aus der 1749 gegründeten Buchhandlung der Königlichen Realschule in Berlin hervorgegangen war); 1894 trat Gruyter zunächst als Volontär in die Firma ein, 1897 ging sie in seinen Besitz über. Ein Jahr später fühlte er sich in seinem neuen Beruf bereits so sicher, daß er in die Geschäftsführung des (seit 1820 unter dem Namen Traugott Trautwein bestehenden und 1842 von Immanuel Guttentag, 1817–62, erworbenen, 1898 in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelten) Verlages J. Guttentag eintrat. Dieser vornehmlich rechtswissenschaftliche Verlag blieb noch weitere zwei Jahrzehnte selbständig bestehen und erfuhr 1902 durch den Ankauf des Verlages J. J. Heine eine wesentliche Erweiterung. Im gleichen Jahre 1902 gliederte Gruyter die Berliner Abteilung des Stuttgarter Verlages Wilhelm Spemann dem Hause Georg Reimer an, wodurch die Veröffentlichungen der Königlichen Museen, aber auch verschiedene andere bedeutende wissenschaftliche Publikationen in seinen Verlag kamen. 1906 trat Gruyter in den 1872 gegründeten Verlag von Karl J. Trübner in Straßburg als Teilhaber ein, der die Gebiete Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte, Philosophie sowie Literatur über Elsaß-Lothringen pflegte. 1911 erwarb er die Teilhaberschaft an der seit 1785 bestehenden G. J. Göschenschen Verlagshandlung, Leipzig, und errichtete ein eigenes Verlagshaus in Berlin, in dem die Firmen Georg Reimer, J. Guttentag und G. J. Göschen untergebracht wurden, während Karl J. Trübner in Straßburg blieb. Gruyter ließ jeder der Firmen unter einer verantwortlichen Leitung so viel Eigenleben wie nur irgend möglich, denn er wußte, daß jeder Verlag nur kraft persönlicher Initiative existieren kann. 1919 faßte er die vier Verlage zur „Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Compagnie“ zusammen, „um wirtschaftlich widerstandsfähig und für die Wissenschaft fruchtbar sein zu können“ (Gruyter anläßlich des Zusammenschlusses). Gleichzeitig wurde der seit 1820 bestehende Verlag Veit & Comp. (Moritz Veit hatte 1834 die Gründungsfirma, die Boikesche Verlagsbuchhandlung, erworben) in die Vereinigung eingegliedert. Seit 1923 firmiert der Verlag als „Walter de Gruyter & Compagnie, vormals G. J. Göschen'sche Verlagshandlung, J. Guttentag Verlagsbuchhandlung, Georg Reimer, Karl J. Trübner, Veit & Comp.“.
Gruyter schätzte die Rolle der Verlegerpersönlichkeit besonders hoch ein. Dem entsprach auch sein immer wieder zu beobachtendes Bestreben, nur solche Werke zu verlegen, mit denen er sich voll und ganz identifizieren konnte, die, nach seinen Worten, „Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blute“ waren. Aus dieser Einstellung wurde er als überzeugter Liberaler der Verleger Friedrich Naumanns sowie J. Hansens Biographie des Führers des rheinischen Liberalismus, Gustav von Mevissen.
Charakteristisch für Gruyters Auffassung vom Verlegerberuf ist die eingehende Auseinandersetzung mit angebotenen Manuskripten sowohl in stilistischer als auch in stofflicher Hinsicht. Neben der ausgedehnten Arbeit in den verschiedenen Firmen, die die Kraft Gruyters
|weitgehend in Anspruch nahm, widmete er sich intensiv verschiedenen buchhändlerischen Standesproblemen, wie der besseren Ausbildung des Nachwuchses, dem Versuch, sich überschneidende Doppel-Planungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Literatur mit Hilfe einer Informationsstelle zu vermeiden, der Einrichtung eines Schiedsgerichtes zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Autoren und Verlegern, der Ausarbeitung eines Druckereipreistarifes und der Beibehaltung der Mitglieder des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im damals feindlichen Ausland im Jahre 1915. In verschiedenen Denkschriften und Ansprachen vor dem Börsenverein hat Gruyter seine Ansichten vertreten und Anhänger zu gewinnen gesucht. Er gehörte auch zu den Initiatoren des Deutschen Verlegervereins, der sich 1904 aus regionalen Verbänden konstituierte und dem Gruyter 1904-08 als 2. Vorsteher und 1909-10 als 1. Vorsteher präsidierte.
Am öffentlichen Leben nahm Gruyter regen Anteil und kandidierte auch einmal für den Reichstag, ließ jedoch diesen Faden, unsympathisch berührt von den parteipolitischen Intrigen, wieder fallen. Nach dem 1. Weltkrieg machte er kein Hehl aus seiner nationalen Einstellung, wie er überhaupt seine Meinung stets entschieden vertrat und deshalb zum Beispiel auch als Schriftführer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gegen die ihm widerwärtigen antisemitischen Schmähungen auftrat, obgleich er an sich kein Parteigänger des Judentums war.
Gruyter galt als eine absolut integre Persönlichkeit, die stets für Sauberkeit im privaten wie auch im geschäftlichen und öffentlichen Leben eintrat. Seine geschäftliche Tätigkeit zeugt von großer Aktivität, von einer enormen Arbeitskraft und einem lebhaften Temperament, das immer wieder auch in fröhliche Lebenslust umschlug
|Auszeichnungen ↑
Dr. iur.
h. c. (Berlin 1922).
Literatur ↑
G. Lüdtke, Der Verlag W. de
G. &
Co., Skizzen a. d.
Gesch. d. s. Aufbau bildenden ehemaligen Firmen, nebst e. Lebensabriß Dr. W. de
G.s, 1924
(P);
ders., W. de
G., Ein
Lb., 1929
(P);
ders., in:
DBJ V, S. 138-43 (u.
Tl. 1923,
L);
G. Menz,
Dt. Buchhändler, 1925;
F. Lutz, Die Konzentrationsbewegung im
dt. Buchhandel, 1927;
A. Meiner, Der
Dt. Verlegerver. 1886-1935, 1936;
Verlag W. de
G., Verlagskat. 1749-1949, 1950
(P);
-
Zu I. Guttentag: ADB 49.
Portraits ↑
Radierung
v. E. Orlik, 1920,
Abb. b. Lüdtke, Der Verlag W. de
G. …, s.
L.
Autor ↑
Helmut HillerEmpfohlene Zitierweise ↑
Hiller, Helmut, „ de Gruyter, Walter“,
in: Neue Deutsche Biographie
7
(1966), S.
240 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118719106.html