<< Ritter, Karl Hermann Josef
Ritterbusch, Paul Wilhelm Heinrich >>
Ritter, Moriz
Historiker,
* 16.1.1840 Bonn,
† 28.12.1923 Bonn. (katholisch, seit 1871 altkatholisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Franz (1803–75), aus Medebach (Westfalen),
ao. Prof. d.
klass. Philol., in
B. (s.
ADB 28);
M Josephine Kyrion;
⚭ 1870 Marie Weiß;
K Wilhelmine (1872–1902,
⚭ Walter Goetz, 1867–1958,
o. Prof. d.
Gesch. in Tübingen,
o. Mitgl., 1946-51
Präs. d.
Hist. Kommission
b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss., erster Leiter d.
NDB, s.
NDB VI;
Historikerlex.;
L).
Leben ↑
Im
rhein.-
kath. bildungsbürgerlichen Milieu aufgewachsen, studierte
R. seit 1857 Geschichte, Literatur und Philosophie in seiner Heimatstadt sowie in Berlin, Wien und München. Für die wissenschaftliche Laufbahn entdeckte ihn der Münchner Historiker Carl Adolf Cornelius (1819–1903), der ihn nach der Bonner Promotion (1862) als Mitarbeiter für die Historische Kommission bei der
Bayer. Akademie der Wissenschaften gewann. Die dortige Arbeit an den „Wittelsbacher Korrespondenzen“ führte
R. als Mitglied einer streng quellenkritisch arbeitenden Schule in das Forschungsgebiet ein, dem er sich fortan hauptsächlich widmete: Gegenreformation und Dreißigjähriger Krieg. Unter Cornelius' Anleitung habilitierte er sich 1867 in München mit dem ersten Band seiner „Geschichte der
dt. Union“. 1867-73 wirkte
R. an der Ludwig-Maximilians-Universität, zunächst als Privatdozent, seit 1873 als
ao. Professor der Geschichte. Im selben Jahr trat er in Bonn die Nachfolge Franz Wilhelm Kampschultes als Ordinarius der Geschichte an (
em. 1911).
Der Historischen Kommission blieb
R. zeitlebens verbunden, seit 1883 als
ao. Mitglied, 1908-23 als deren Präsident. Mit den drei Bänden „Briefe und Akten zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ (1870-77) setzte er, auf der Arbeit von Cornelius aufbauend, Maßstäbe im Bereich der Edition frühneuzeitlicher Akten. Mit seinem darstellenden – bis heute beachtenswerten – Hauptwerk „
Dt. Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges“ (3
Bde., 1889–1908;
Nachdr. 1962) brach er aus den überkommenen konfessionellen
bzw. vom Großdt.-Kleindt.-Gegensatz geprägten Interpretationsschemata aus und legte in „strengster Keinseitigkeit“ (A. Dove) den Grund zu einer unpolemisch-nüchternen Betrachtung dieses Zeitraums.
R.s persönliche Religiosität entwickelte sich unter dem Einfluß Wilhelm Reinkens' (1811- 89) sowie der Philosophie Anton Günthers (1783–1863) und führte ihn in Ablehnung der Ergebnisse des I. Vatikanischen Konzils zum Altkatholizismus. Politisch wandelte er sich von ursprünglich großdt. Anschauungen zur Anerkennung des Bismarckreichs, ohne jedoch die geschichtspolitische Ideologie des kleindt. Nationalstaats im Sinne Sybels oder Treitschkes mitzutragen. In späteren Jahren befaßte sich
R. intensiv mit der Geschichte seines Faches (Die Entwicklung d.
Gesch.wiss. an d. führenden Werken betrachtet, 1919), versuchte auch im Streit zwischen Karl Lamprecht (1856–1915) und Georg
v. Below (1858–1927) über die Konzeption einer die „Politische Geschichte“ ablösenden „Kulturgeschichtsschreibung“ schlichtend zu vermitteln. In Forschungen zum 1. Weltkrieg verließ er sein angestammtes Arbeitsfeld, um die Erlebnisse seiner unmittelbaren Gegenwart wissenschaftlich aufzuarbeiten (Der Ausbruch d. Weltkrieges nach d. Behauptungen Lichnowskys u. nach d. Zeugnis d. Akten, 1918).
|Auszeichnungen ↑
ao. Mitgl. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. (1870,
korr. 1873, ausw. 1890);
korr. Mitgl. d. Göttinger
Ak. d. Wiss. (1892, ausw. 1914);
korr. Mitgl. d.
Preuß. Ak. d. Wiss. (1907);
Dr. iur. h. c.Werke ↑
Weitere W
De Diocletiano novarum in re publica institutionum auctore commentatio, 1862;
Gesch. d.
dt. Union, 2
Bde., 1867-73;
Die Memoiren Sullys u. d.
gr. Plan
Heinrichs IV., 1871 (Ak.abh.);
Die
dt. Nation u. d.
dt. Kaiserreich, 1896 (
Univ.-Rede
z. Feier d. 18.
Jan. 1871).
Literatur ↑
G.
v. Hertling, Erinnerungen aus meinem Leben I, 1919, S. 48, 178 f.;
F. Marx, Zu M.
R.s Gedächtnis, 1924;
A. Dove, Ausgew.
Aufss. I, 1925, S. 307-10;
W. Levison, in:
Hist. Vj.schr. 23, 1926, S. 154-60 (auch in: Chronik d.
Univ. Bonn 1923/24, 1925, S. 14-24);
H.
v. Srbik, Geist u.
Gesch. II, 1951, S. 22 f.;
W. Goetz, in:
HZ 131, S. 472 ff.;
ders., Die
bayr. Gesch.forsch, im 19.
Jh., in:
ders., Historiker in meiner Zeit, 1957, S. 112-74;
ders., M.
R.,
ebd., S. 198-223;
Die
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. 1858-1958, 1958
(P);
P. E. Hübinger, Das
Hist. Seminar d. Rhein. Friedrich-Wilhelms-
Univ. zu Bonn, 1963
(P);
St. Skalweit, in: Bonner Gelehrte,
Gesch.wiss., 1968, S. 209-25
(P);
F. Meinecke, Autobiograph.
Schrr.,
hg. v. E. Kessel, 1969, S. 63-65;
Th. Brechenmacher, Großdt. Gesch.schreibung im 19.
Jh., 1996;
E. Keßler, Lebenserinnerungen d.
Hist. M.
R., in:
Internat. kirchl.
Zs. 1996, S. 181-89. –
Teilnachlaß: Univ.bibl. Bonn, Hss.abt.
Autor ↑
Thomas BrechenmacherEmpfohlene Zitierweise ↑
Brechenmacher, Thomas, „Ritter, Moriz“,
in: Neue Deutsche Biographie
21
(2003), S.
668
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd116573287.html