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Reinhardt, Karl

Klassischer Philologe, * 14.2.1886 Detmold 9.1.1958 Frankfurt/Main. (evangelisch)


GenealogieLebenAuszeichnungenWerkeLiteraturPortraitsAutorZitierweise

Genealogie  
V Karl (1849–1923), Dir. d. Goethegymnasiums in F., Vortragender Rat im preuß. Kultusmin., später wiss. Leiter d. Landeserziehungsheims Salem, Wirkl. Geh. Oberreg.rat (s. Wi. 1922), S d. Karl, Pfarrer in Puderbach b. Neuwied, u. d. N. N. Neumann; M Auguste Freudenberg; ⚭ Elly Boesneck, aus Weinheim (Bergstraße); Schw Elsbeth ( Paul Jensen, 1868–1952, o. Prof. u. Dir. d. Physiol. Inst. in Göttingen, s. NDB X); Schwager Kurt Hildebrandt (1881–1966), Dr. phil., Dr. med., 1932 ärztl. Dir. d. Heilanstalt Herzberge, 1934 o. Prof. d. Philos. in Kiel, Mitgl. d. George-Kreises (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1966; Wi. 1967; Munzinger; L); N Peter Jensen, 1913–55, ao. Prof. am MPI f. Chemie in Mainz, s. NDB X).

Leben  
R., der das Goethegymnasium in Frankfurt/M. besuchte, fand durch die engen Kontakte seines Vaters zu Gelehrten wie Hermann Usener und Ludwig Deubner schon früh Zugang zur Klassischen Philologie. Seit 1905 studierte er zunächst in Bonn (u. a. bei Franz Buecheler u. August Brinckmann), danach in Berlin (v. a. Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff) Klassische Philologie, Archäologie und Kunstgeschichte. 1910 wurde er bei Wilamowitz mit der Dissertation „De Graecorum theologia“ promoviert. Nach dem Staatsexamen war er Lehramtskandidat am Gymnasium in Groß-Lichterfelde, anschließend reiste er durch Griechenland, die Ägäis und|Kleinasien. Im Aug. 1914 folgte die Habilitation in Bonn bei Brinckmann (Observationen zu d. ersten drei Büchern d. Geographen Strabo). 1916 wurde R. Extraordinarius für Klassische Philologie in Marburg; einer Lehrstuhlvertretung in Greifswald 1916/17 folgten Ordinariate in Hamburg 1919, Frankfurt/M. 1922, Leipzig 1942 und 1946 wieder in Frankfurt (em. 1951).
R. war neben Werner Jaeger der bedeutendste dt. Gräzist seiner Generation. In der Nachfolge und kritischen Auseinandersetzung mit Wilamowitz legte er wegweisende Forschungen über Homer, Parmenides, Sophokles und Poseidonios vor. Eine erste Phase seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war von Arbeiten zur griech. Philosophie geprägt. Die Dissertation behandelt theol.-phil. Fragen der allegorischen Homererklärung und Apollodors Schrift „Über die Götter“. Im „Parmenides“ (1916, 21959, 41985) brachte R. nicht nur diesen frühgriech. Philosophen aus den bruchstückhaft erhaltenen Quellen „zum Reden“, er gab auch generelle Impulse für die Erforschung der vorsokratischen Philosophie. In drei Büchern erarbeitete er in den 20er Jahren ein neues quellenorientiertes Bild des Stoikers Poseidonios (Poseidonios, 1921; Kosmos u. Sympathie, 1926; Poseidonios über Ursprung u. Entartung, 1928), das in den RE-Artikel „Poseidonios von Apameia“ (Bd. 22/1, 1953, Sp. 558-826) mündete. Der Essay „Platons Mythen“ (1927) brachte R. wegen stilistischer und inhaltlicher Anklänge an den George-Kreis den Ruf eines „Georgianers“ ein.
In der zweiten Schaffensphase stand die griech. Dichtung im Vordergrund, v. a. die Tragiker und Homer (Btrr. über Heraklit, 1942; Empedokles, Orphiker u. Physiker, 1950). R. befaßte sich mit der griech. Literatur-, Geistes- und Rezeptionsgeschichte (Personifikation u. Allegorie, 1937; Aristophanes u. Athen, 1938; Herodots Persergeschichten, 1940; Thukydides u. Machiavelli, 1948) sowie der dt. Literatur mit bes. Blick auf ihre Antikenrezeption. Im Zentrum standen gleichermaßen Goethe und Nietzsche (Nietzsche u. d. Gesch. 1928; Nietzsches Klage d. Ariadne, 1936; Die klass. Walpurgisnacht, 1945; Tod u. Held in Goethes Achilleis, 1947; Goethe and Antiquity, 1950; Hölderlin u. Sophokles, 1951; Sprachliches zu Schillers Jungfrau, 1955) sowie die Klassische Philologie als Disziplin (Die klass. Philol. u. das Klassische, 1942; Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff, 1957).
In seinem „Sophokles“ (1933, 41976, engl. 1979) untersuchte R. die sieben erhaltenen sophokleischen Dramen „in einer sprachlich-szenischen Analyse“ (R. Pfeiffer) und hob besonders das Spätwerk des Dichters hervor. In „Aischylos als Regisseur und Theologe“ (1949) arbeitete er für den Prometheus und die Orestie die Verknüpfung von Bühnentechnik und Religion heraus, welche bei den späteren Tragikern zurücktritt. In seiner letzten Arbeit „Die Sinneskrise bei Euripides“ (zuerst in: Eranos-Jb. 26, 1958, S. 279-313) gab R. mit der Frage nach gesellschaftlichen Hintergründen den Anstoß zu einer neuen Bewertung von Euripides' Spätwerk, bes. des „Orestes“.
R., der zu den profiliertesten Homerforschern zählt, wies für die Ilias nach, daß eine Novelle vom Urteil des Paris Voraussetzung für die jetzige Gestalt der „Ilias“ ist (Das Parisurteil, 1938). In dem unvollendet gebliebenen Buch „Die Ilias und ihr Dichter“ (hg. v. U. Hölscher, 1961) verband er unitarische Betrachtungsweise und Neoanalyse, indem er ein ständiges planmäßiges Wachsen und Weiterentwickeln des Epos durch den Dichter annahm, möglicherweise unter Verwendung vorhomerischer Gedichte. Bereits früher hatte er in Beiträgen zur Odyssee deren kunstvolle Komposition aufgezeigt; er sah den Dichter der „Ilias“ als Vorbild für den der „Odyssee“ (Homer u. d. Telemachie, 1948; Die Abenteuer d. Odysseus, 1948).|

Auszeichnungen  
Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (korr. 1937), d. Sächs. Ak. d. Wiss. (o. 1942, korr. 1946), d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1945) u. d. British Ac., London (1954); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1952).

Werke  
Weitere W Von Werken u. Formen, 1948 (Auswahl v. Vortrr. u. Aufss. 1933–46); Tradition u. Geist, Ges. Essays z. Dichtung, hg. v. C. Becker, 1960 (P); Vermächtnis d. Antike, Ges. Essays z. Philos. u. Gesch.schreibung, hg. v. dems., 1960 (P, S. 380-401: Akademisches aus zwei Epochen), 21966, Nachdr. 1989; Die Krise des Helden u. andere Btrr. z. Lit. u. Geistesgesch., 1962 (erg. um e. Btr. „Erinnerungen an e. Lehrer“). – Übers.: Antigone, 1943, 21948. – W-Verz. in: Varia Variorum, Festgabe f. K. R., dargebracht v. Freunden u. Schülern […], 1951, S. 281 f. (P).

Literatur  
K. Hildebrandt, in: Die neue Rdsch. 69, 1958, S. 154-60; H. Viebrock, M. Gelzer u. U. Hölscher, Gedenkreden auf K. R., 1959; U. Hölscher, in: Gnomon 30, 1958, S. 557-60 (P); ders., Die Chance d. Unbehagens, 1965, S. 31-52; ders., Das nächste Fremde, 1994, S. 239-47; K. Merentitis, in: Platon 10, 1958, S. 487-92; H. Rahn, K. R. u. d. Kulturmorphol., in: Paideuma 6, 1958, S. 464-72; B. Snell, in: Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung Darmstadt, Jb. 1958, 1959, S. 134 f.; W. Jaeger, in: Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste, Reden u. Gedenkworte, III, [1959], S. 23-30; R. Pfeiffer, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1959, S. 147-52; Fr. Zucker, in: Jb. d. Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin 1960, 1961, S. 126 f.; ders.,|in: Jb. d. Sächs. Ak. d. Wiss. Leipzig 1957-1959, 1961, S. 351 f.; W. Jens, Zueignungen, 1962, S. 74-78; W. Schadewaldt, Hellas u. Hesperien II, 1970, S. 700-07; V. Pöschl, Walter F. Otto e K. R., in: Annali della Scuola Normale Superiore di Pisa, Cl. di lettere e filosofia, Ser. III, 3/3, 1975, S. 955-83 (dt. in: ders., Kl. Schrr. II, 1983, S. 247-73); A. Momigliano (Hg.), ebd. 3/4, 1975, S. 1307-441; ders., Studies in modern Scholarship, hg. v. G. W. Bowersock u. T. J. Cornell, 1994; H.-G. Gadamer, Ges. Werke VI, 1985, S. 278-91; H. Lloyd-Jones, Blood for the Ghosts, Classical Influences in the 19th and 20th Centuries, 1982, S. 238-50; J. S. Lasso de la Vega, K. R. y la Filologia clásica en el siglo XX, 1983; E. Vogt, Wilamowitz u. seine Schüler, in: Wilamowitz nach 50 J., hg. v. W. M. Calder III, H. Flashar u. Th. Lindken, 1985, bes. S. 625-31; H. Flashar (Hg.), Altertumswiss. in d. 20er J., 1995; Frankfurter Biogr.; Killy.

Portraits  
Foto, 1927, in: Vermächtnis d. Antike (s. W); Foto, 1956, in: Tradition u. Geist (s. W); Foto, in: G. Wiemers u. E. Fischer, Sächs. Ak. d. Wiss. zu Leipzig, Die Mitgll. v. 1846 bis 1996, 1996, S. 191.

Autor  
Wolfhart Unte
Empfohlene Zitierweise  

Unte, Wolfhart, „Reinhardt, Karl“, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 361-363 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118744275.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 21 (2003), S. 361-363
Erwähnungen: 
NDB 6 (1964), S. 503*

PND: 118744275
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Index

Reinhardt, Karl

Name: Reinhardt, Karl
Lebensdaten: 1886 bis 1958
Geburtsort: Detmold
Sterbeort: Frankfurt/Main
Beruf/Lebensstellung: Professor der klassischen Philologie
Konfession: evangelisch
Autor NDB: Unte, Wolfhart
PND: 118744275

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Reinhardt, Karl

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