<< Cassirer, Ernst Alfred
Cassirer, Richard >>
Cassirer, Paul (Pseudonym Paul Cahrs)
Kunsthändler und Verleger,
* 21.2.1871 Görlitz,
† 7.1.1926 Berlin (Selbstmord). (israelitisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Louis (1839–1904), Gründer der
Fa. Dr.
C. &
Co. Kabelwerke in Berlin,
S des Marcus
s. Genealogie (2)
u. der Jeanette Steinitz;
M Emilie Schiffer (1850–1890);
B Rich. s. (4), Alfred (1875–1932)
u. Hugo (1869–1920), die gemeinsam mit ihrem
V die
Fa. Dr.
C. &
Co. gründeten;
Schw Else (
⚭ Bruno [
s. 1]);
Vt Bruno
s. (1), Ernst
s. (2);
⚭ 1) Lucie Oberwart, 2) 1910 Ottilie (
1880-1971), unter dem Künstlernamen Tilla Durieux bekannte Schauspielerin unter Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin, 1934 emigriert,
T des
Prof. der Chemie in Wien
Rich. Godeffroy (
* 1847,
S des Kaufmanns Cesar
u. der Gabrielle Du Rieux); 1
S, 1
T aus 1).
Leben ↑
Cassirer studierte in München unter anderem Kunstgeschichte. Er kam in die Kreise der Münchener Bohème, war in der Gründungszeit des „Simplicissimus“ Mitredakteur und betätigte sich auch selbst als Schriftsteller und Dichter. 1898 gründete er in Berlin mit seinem Vetter Bruno eine Verlags- und Kunsthandlung. Nach Trennung von diesem übernahm Cassirer 1901 den Kunstsalon. In enger Verbindung mit den Kämpfen der „Berliner Secession“, die sich gegen die offiziellen Ausstellungen und gegen die Hofkunst A. von Werners und P. Meyerheims wandte, verhalf ihr Cassirer zu internationalem Ansehen und verlieh ihr eine starke Stoßkraft. Kurze Zeit hatte er auch das Amt des Präsidenten inne, was zur Gründung der „Freien Secession“ 1913 führte. Er war befreundet mit dem französischen Kunsthändler Durand-Ruel. Nachdrücklich setzte sich Cassirer für die Malerei der französischen Impressionisten ein, wodurch er sich den persönlichen Unwillen des Kaisers zuzog. Unter anderem führte er die deutschen Maler W. Trübner, M. Liebermann, L. Corinth und M. Slevogt zum Erfolg. 1908 gründete Cassirer den Verlag Paul Cassirer. Er verlegte Kunstliteratur sowie Belletristik, unterstützte den literarischen Expressionismus, förderte als erster Ernst Barlach und gab Heinrich Mann eine literarische Heimstätte. 1909 trat die „Pan-Presse“ ins Leben. Sie druckte Marksteine impressionistischer und expressionistischer Buchillustration bekannter Künstler. 1910 gründete Cassirer die, später von Alfred Kerr herausgegebene, Halbmonatsschrift „Pan“ und bezog in ihr selbst Stellung zu Literatur- und Kunstfragen. Im gleichen Jahre rief er die „Gesellschaft Pan“ ins Leben, um unbekannte oder verbotene Bühnenwerke - vor allem die Frank Wedekinds - einem kleinen Kreis von Theaterfreunden zugänglich zu machen, oder die offiziellen Bühnen auf junge Autoren hinzuweisen.
1914 meldete sich Cassirer freiwillig, kam aber bald als Kriegsgegner zurück. Infolge seiner Haltung geriet er in große Schwierigkeiten, zeitweilig befand er sich in Haft, unter anderem wurde er beschuldigt, französische Gemälde verkauft zu haben. Die preußischen Kammern und der Kaiser beschäftigten sich mit dem „Fall Cassirer“. Die Verlagsproduktion wurde eingestellt und viele Bücher wurden in Einverständnis mit den Schriftstellern an andere Verlage abgegeben. 1917 ging Harry Graf Keßler im Auftrage Ludendorffs in die Schweiz und Cassirers Verbindungen erwiesen sich als nützlich, Beziehungen mit Frankreich anzuknüpfen. Cassirer lebte seitdem bis Kriegsende in Bern und Zürich im Kreise deutscher pazifistisch gesinnter Schriftsteller, er verlegte gemeinsam mit Max Rascher englische, französische und deutsche pazifistische Autoren. Nach der Revolution 1918 gehörte Cassirer, der schon Mitglied der „Deutschen Gesellschaft“ war, zur Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, auch verlegte er sozialistische Werke, unter anderem
|Kautsky und Bernstein. Bis 1921 erschien in seinem Verlag die 1913 gegründete Zeitschrift „Die weißen Blätter“, die im ersten Weltkrieg in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten.
Cassirer war als Kunstsammler, Mäzen, Kunsthändler und Verleger von starker Verve und Einsatzbereitschaft, dem es selbstverständliche Pflicht war, junge Künstler zu fördern, und der gegenüber dem Kaiser seine eigene Kunstpolitik betrieben hatte. Aus persönlichen Gründen machte er seinem Leben ein Ende. Als Hitler an die Macht kam, wurden Galerie und Verlag, der bereits seit 1931 nicht mehr produziert hatte, geschlossen. Walter Feilchenfeld und Grete Ring haben seit 1933 das Erbe des Kunstsalons Cassirers in Amsterdam, Zürich und London fortgeführt.
Werke ↑
Fritz Reiner, der Maler, 1894; Josef Geiger,
o. J.Literatur ↑
J. Rodenberg, Dt. Pressen, 1925;
H.
Gf. Keßler, In Memoriam P.
C., 1926 (
Gedächtnisreden v. M. Liebermann, H.
Gf. Keßler
u. Nachruf v. R Schickele);
K. Scheffler, Die fetten
u. d. mageren Jahre, 1946;
A. Damm, in: Sonntag, 1946,
Nr. 5;
H. Mann, Ein
Za. wird besichtigt, 1947;
E. Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, 1948;
K. H. Salzmann, Die Verlage P.
u. B.
C., Ein Stück Berliner Kulturgesch., in: Berliner
Hh., 1949,
Nr. 5, S. 503 bis 508;
ders., in: Börsenbl. f. d. Dt. Buchhandel, Frankfurt a. M.,
Beil. Aus d. Antiquariat, 19.9.1950, S. A 749 f.;
T. Durieux, Eine Tür steht offen, Erinnerungen, 1954
(P);
Jüd. Lex. I,
hrsg. v. G. Herlitz
u. B. Kirschner, 1927;
Enc. Jud. V.
Portraits ↑
Totenmaske
u. Büste
v. Gg. Kolbe (beide im
Bes. v. Tilla Durieux, Agram).
Autor ↑
Karl H. SalzmannEmpfohlene Zitierweise ↑
Salzmann, Karl H., „Cassirer, Paul“,
in: Neue Deutsche Biographie
3
(1957), S.
169 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118870645.html