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Ayrer, Jakob der Jüngere >>
Ayrer, Jakob
dramatischer Dichter,
* März 1544 Nürnberg,
† 24.3.1605 (1625?) Nürnberg. (lutherisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
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Genealogie ↑
⚭ 25.2.1568 Susanne (
† 1617),
T des „ehrbaren“ Hans Neukam in Nürnberg; 11
K,
u. a. Jakob Ayrer der Jüngere (s. 2), Christoph Heinrich Ayrer,
Dr. med., kurfürstlich brandenburgischer Geheimer Rat und Leibmedikus, Matthäus Ayrer, Advokat in Nürnberg.
Leben ↑
Ayrer hielt sich seit 1570 als Bürger und Prokurator in Bamberg auf, kam infolge seiner Ausweisung von dort 1593 nach Nürnberg zurück, wo er 1594 das Bürgerrecht erwarb und als Prokurator am Stadtgericht wirkte; 1598 wurde er Genannter des Rats. Ferner übte er das Amt eines kaiserlichen Notarius aus. Seine Bamberger Chronik und Bearbeitung des Psalters bleiben im Hergebrachten. Als Dramatiker knüpft er bewußt an Hans Sachs an (seit 1592); er behält den Knittelvers bei, auch als er von den englischen Komödianten (Robert Brown) einige Mittel übernimmt. Er übertreibt das äußere Geschehen, schwelgt in Mordszenen und Grausamkeiten, führt den Narren in die ernste Handlung ein. Dessen Name schwankt zwischen alter und englischer Bezeichnung, häufig „Jan“. Ausführliche Bühnenanweisungen dienen hauptsächlich der Gestikulation in Art der englischen Komödianten. Die Personen werden nach ihrem Tun vorgeführt und moralisch beurteilt. Die Ausgestaltung ist nüchtern und trocken, später pathetisch oder burlesk, aber ohne Humor wie bei Hans Sachs, stets ohne seelische Ausmalung und Motivierung. Im Epilog zieht häufig der Narr die Lehre. Leicht verliert Ayrer sich in Einzelheiten und Episoden; ihm fehlt der dramatische Nerv. Als Quellen dienen ihm neben älteren Stücken, darunter Frischlins „Julius redivivus“, die bekannten Schwanksammlungen (H. W. Kirchhoff, V. Schumann) und Volksbücher (Melusine - Hugdietrich), die italienischen Novellisten Boccaccio, M. Bandello, Übertragungen der antiken Historiker, besonders Livius und die Stücke der englischen Truppen (Th. Kyd, G. Peele
u. a.). In Nachahmung der englischen „Jigs" schrieb er Singspiele mit wenigen Darstellern, mit Dialog in Strophen, die auf eine oder mehrere Volksliedmelodien gesungen werden. Er verfaßte 106 Spiele, von denen 30 ernste und 36 lustige im „Opus theatricum" (6 Bände, Nürnberg 1618) gedruckt, drei in einer Dresdener Handschrift erhalten sind. Es ist ungewiß, ob jemals eines aufgeführt wurde. Seine Produktion steht neben der historischen Entwicklung als persönliches Kuriosum ohne Auswirkung. Allerdings wurde seine „Comedia von der schönen Phaenicia" wiederum die Quelle für das „Mischspiel“ von Michael Kongehl „Die vom Tode erweckte Phönizia“ (1680).
Werke ↑
Weitere W Reimchronik d.
Gesch. d. Bistums Bamberg,
hrsg. v. J. Heller, in: Zweiter
Ber. üb. d. Bestehen u. Wirken d.
Hist. Ver. z. Bamberg, 1838;
A.s Dramen,
hrsg. v. A. v. Keller, 5
Bde., 1864 65.
Literatur ↑
ADB I;
Goedeke II, 1886, S. 545-51;
J. G. Robertson, Zur Kritik J.
A.s mit
bes. Rücksicht auf sein Verhältnis zu Hans Sachs u. d.
engl. Komödianten,
Diss. Leipzig 1892;
J. Bolte, Die Singspiele d.
Engl. Komödianten u. ihrer Nachfolger, 1893;
C. Kaulfuß-Diesch, Die Inszenierung d.
dt. Dramas an d. Wende d. 16. u. 17. Jh.s, ein
Btr. z. älteren
dt. Theatergesch., 1905;
W. Wodik, J.
A.s Dramen in ihrem Verhältnis
z. einheim.
Lit. u.
z. Schauspiel d.
engl. Komödianten, 1912
(L);
L. M. Price, English-German Literary Influences, bibliography and survey, Berkely 1919, = University of California, Publications in Modern Philology,
Bd. 9, S. 12 ff., 54 ff., 134 ff., 588;
K. J. Gantert, Die Psalter
d. J. A.,
Diss. Heidelberg 1924
(ungedr.);
K. Fouquet, J.
A.s „Sidea“, Shakespeares „Tempest“ u. d. Märchen, 1929;
G. Höfer, Die Bildung J.
A.s, 1929;
H. Fehr, Das Licht in d. Dichtung, 1931, S. 362 ff.;
Frels, 1934;
L.
A. Kozumplik, The phonology of J.
A.s language, Chicago 1942;
W. Stammler, Von d. Mystik
z. Barock,
21950, S. 301, 483 f.;
F. Hilsenbeck, f.
A., in: Nürnberger Gestalten aus 9
Jhh., 1950, S. 116-20;
Newald, 1951, S. 59-62.
Autor ↑
Willi FlemmingEmpfohlene Zitierweise ↑
Flemming, Willi, „Ayrer, Jakob“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
472 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118651307.html
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Ayrer, Jakob >>
Ayrer, Jakob
Leben
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| Literatur
| Zitierweise
Leben ↑
Ayrer: Jakob
A.
, nebst Hans Sachs der bedeutendste
Schauspieldichter des 16. Jahrhunderts, † zu Nürnberg im
Heugäßlein 26. März 1605 als "publicus notarius und der Gerichten
Procurator" (nach einer Aufzeichnung im Nürnberger Stadtarchiv).
Er gehörte nach Nopitsch nicht der Nürnberger Familie der Ayrer
an, sondern hießeigentlich Eier, kam als armer Knabe nach Nürnberg
und eignete sich hier Namen und Wappen jenes Geschlechtes an. Er
diente erst in einem Eisenkrame, gründete darauf selbst einen
solchen, kam aber im Geschäft zurück und siedelte nach Bamberg
über. Dort brachte er es durch Selbststudium bis zum Hof- und
Stadtgerichtsprocurator. Er war also kein studirter Jurist, wie
denn auch seine Schriften überhaupt keine gelehrte Bildung zeigen.
In Bamberg verfaßte er eine Reinchronik der Stadt, deren erste
Bearbeitung bis 1570 reichend, also wol auch in diesem Jahr
beendet, dem Bischof Veit II. dedicirt
ist. Später führte er sie, mit einer Dedication an Bischof Johann
Phil. von Gebsattel, bis 1599 fort, in welcher Gestalt sie von
Jos. Heller 1838 herausgegeben ist. Eine dritte nur bis 1591
reichende Handschrift befindet sich in der Wolfenbütteler
Bibliothek. Ungedruckt blieb bisher ein "Psalter Dauitis ...
gesangsweiß verferdigett mit allerley schönen und menniglichs
bekandenn melotheyen", nach der Schlußbemerkung vollendet den
25. Febr. 1574. Wol im Jahre 1593 verließ
A.
Bamberg seines evangelischen Bekenntnisses wegen. Denn
zu diesem Jahr erwähnt er in der eben genannten Chronik der
Verfolgung der Protestanten in Bamberg seitens des Bischofs
Neidhard von Thüngen: es seien dadurch viel Leute in großen Jammer
gekommen und zum Theil mit Weib und Kind von Bamberg fortgezogen.
Daß Ayrer's Rückkehr nach Nürnberg, wo auch sein gleichnamiger
Sohn (s. d.) am 13. October 1593 das Bürgerrecht erwarb, in eben
diesem Jahre stattfand, wird bestätigt durch eine Bemerkung in der
jüngsten Redaction seiner Bamb. Chronik: er sei nach ihrer ersten
Abfassung noch 23 Jahre in Bamberg geblieben. Er selbst ward
darauf 1574 Bürger zu Nürnberg und bekleidete hier bis zu seinem
Tode die Stelle eines Gerichtsprocurators und kaiserlichen
Notarius. Daneben aber fand er Muße, eine überaus große Zahl von
Tragödien, Komödien und Fastnachtsspielen zu dichten, von denen
erst nach seinem Tode seine "Erben und guten Freunde" einen ersten
Band drucken ließen: "Opus thaeatricum.
Dreyßig außbündtige schöne Comedien vnd Tragödien von allerhand
denckwürdigen alten Römischen Historien vnd andern politischen
Geschichten vnd Gedichten, sampt noch andern sechs vnd dreißig
schönen lustigen vnd kurtzweiligen Fastnacht oder Possen Spilen
etc." (Nürnberg durch Balthasar Scherffen Anno 1618.) Die
Handschrift dieses Druckes besaß Gottsched; seitdem ist sie
verschollen. Es sollte nach der Vorrede ein zweiter Band mit noch
40 Komödien, geistlich und weltlich, folgen. Dies ist leider
unterblieben, auch eine Handschrift dieser weiteren Stücke bisher
nicht aufgefunden. Nur drei im Druck nicht enthaltene Stücke
finden sich noch in einer wol von Ayrer's eigener Hand
geschriebenen Dresdener Handschrift, welche im Ganzen 10 Tragödien
und Komödien und 12 Fastnachtspiele enthält. Unter Benutzung
dieser Handschrift gab Ad. v. Keller in den Publicationen des
Stuttgarter litt. Vereins sämmtliche bekannte Dramen Ayrer's in
fünf Bänden heraus (1865.) Fünf Ayrer'sche Stücke ließ früher
Tieck im "Deutschen Theater" (1817) abdrucken und die zwei nach
Inhalt und Form bedeutendsten Komödien "Von der schönen Phänicia"
und "Von der schönen Sidea" nebst dem Singspiel "Der verlarft
Franciscus" theilte Goedeke in seinen "D. Dichtern des 16.
Jahrhunderts" mit. Goedeke gibt auch dort wie im Grundriß über
Quellen und Abfassungszeit der Ayrer'schen Dramen (1574—98)
Auskunft.
A.
hat sich als Dramatiker offenbar nach seinem älteren
Zeitgenossen Hans Sachs gebildet; in mancher Hinsicht übertrifft
er ihn. Er besitzt eine äußerst fruchtbare Phantasie; seine
Composition zeigt einen nicht geringen Erfindungsgeist; in einigen
Stücken, namentlich unter den Fastnachtspielen, ist der Stoff ganz
von seiner eigenen Erfindung. Die Ausführung freilich bleibt noch
eben so roh und oft platt, wie bei seinem Vorgänger. Der närrische
Knecht, "Jahn der Possenreißer", "Jahn Posset", "Jahn Clam" (d. h.
Clown) fehlt auch in den Tragödien selten. Am glücklichsten zeigt
sich Ayrer's gute Laune in den Lustspielen, welche reich an
wahrhaft komischen Situationen sind. Ist er gleich von Cynismus
und Lascivität nicht frei, so bleibt er doch darin hinter der
Sittenlosigkeit der englischen Komödien und Tragödien weit zurück.
Daß übrigens die damals in Deutschland wandernden englischen
Komödianten einen bedeutenden Einfluß auf ihn übten, hat Goedeke
nachgewiesen. — Dem Sprachforscher bietet in Ayrer's Werken die
große Fülle von zum Theil seltenen, oft specifisch nürnbergischen
Sprichwörtern eine erwünschte Ausbeute.
Literatur ↑
Nopitsch, Zus. zu Will's Nürnb. Gel.-Lex. 5. S. 41 f. —
Goedeke, Grundr. S. 411 f. Ders., Deutsche Dichter d. 16. Jahrh. —
Ders., Englische Komödianten u. Jak. Ayrer (im Anzeiger für Kunde
d. d. Vorzeit). 1854. K. G. Helbig, Zur Biographie und
Charakteristik des Jak. Ayrer (in
|Henneberger's
Jahrbuch für deutsche Litteraturgeschichte. 1855 I. 32 f.). Ders., Zur Chronologie d.
Schauspiele des Jak. Ayrer (in Prutz' Taschenb. 1847 S. 442 f.).
K. Schmitt, Jak. Ayrer, ein Beitrag z. Gesch. des d. Dramas. 1851.
K. Lützelberger, Das deutsche Schauspiel u. Jak. Ayrer (Album des
litterarischen Vereins zu Nürnberg 1867. S. 110 f.).
Autor ↑
J. Franck.
Empfohlene Zitierweise ↑
Franck, Jakob, „Ayrer, Jakob“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
708-710
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118651307.html