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Aufseß, Jodokus Bernhard Freiherr von Aufseß >>
Aufseß, Hans Philipp Werner von
Historiker und Gründer des Germanischen Museums,
* 7.9.1801 Schloß Oberaufseß (Oberfranken),
† 6.5.1872 Münsterlingen bei Konstanz. (evangelisch)
Genealogie
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| Literatur
| Portraits
| Autor
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Genealogie ↑
V Friedrich Wilhelm Ernst von Aufseß (1758–1821), preußischer Regierungsrat;
M Albertine (
† 1816),
T des Kammerherren Albrecht Freiherr von Crailsheim-Rügland und der Caroline Ernestine Freiin von Witzleben;
Gvv Christoph Ludwig von Aufseß (1694–1779);
Gmv Caroline Luise Wilhelmine Spiegel von Pickelsheim (1732–1799);
⚭ Ludwigsburg 7.9.1824 Charlotte (
† 1882),
T des Württembergischen Generalleutnants Freiherrn von Seckendorff und der Josephine Freiin von Vassimon; 5
S,
u. a. Otto von Aufseß (1825–1903), Reichsbevollmächtigter für Zölle und Steuern für die Provinz Brandenburg und Posen; 7
T,
u. a. Mathilde (1826–1905,
⚭ Johannes Beeg, 1809–67, Rektor der Handels- und Gewerbeschule in Fürth und Gründer des Gewerbemuseums in Nürnberg), Schriftstellerin und Begründerin der 1. Frauenarbeitsschule in Bayern, Maria Carolina (1832–57,
⚭ Archivrat Märker, Herausgeber der Monumenta Zollerana).
Leben ↑
Aufseß studierte in Erlangen Jura und war dort Mitglied der Burschenschaft, deren Idealen er zeitlebens zugetan blieb. Als erfolgreicher und geschmackvoller Sammler von Altertümern zog er die Aufmerksamkeit Ludwigs I. auf sich, der ihn aufforderte, seine Schätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aufseß' eigene Bestrebungen gingen aber weit über den Gedanken eines Provinzialmuseums, wie er dem König vorschweben mochte, hinaus. Er plante nichts Geringeres als eine Sammlung, die neben Originaldenkmälern auch Kopien enthalten und somit den Charakter der Vollständigkeit erhalten sollte, ferner ein systematisches Verzeichnis aller Kunstgegenstände, Archiv- und Bibliotheksbestände aus dem Bereich der deutschen Geschichte. Zu diesem Zweck gab er den „Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters“ heraus, der später vom Germanischen Museum als „Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit“ bis 1883 fortgesetzt wurde. In Nürnberg, wohin er, um seine Zeitschrift redigieren zu können, übergesiedelt war, rief er einen Verein von Sammlern und Geschichtsfreunden ins Leben, der für den Zusammenschluß der deutschen Historiker und historischen Vereine einen Kristallisationskern bilden sollte. Er konnte jedoch zunächst nicht gegen die Kritik und Abneigung der Fachgelehrten aufkommen. Die Nürnberger Gesellschaft zerfiel und er zog sich wieder nach Aufseß zurück, aber unternahm für seine Sache weiterhin einen Vorstoß nach dem anderen. Auf den Germanistentagungen zu Frankfurt und Lübeck 1846 und 1847 drang er noch nicht durch. Auf der Dresdener Versammlung der deutschen Geschichts- und Altertumsforscher 1852 wurde der Plan eines „Germanischen Museums“ schließlich angenommen. Aufseß war 10 Jahre Vorstand und umgab sich mit einem Stab erfahrener Beamter, mit denen es allerdings je länger je mehr zu erheblichen fachlichen und finanziellen Auseinandersetzungen kam. Insbesondere war es sein phantastisches Vorhaben eines Generalrepertoriums,
d. h. einer bis 1650 reichenden Repertorisierung aller Urkunden, Akten und Handschriften wie einer Inventarisierung sämtlicher Kunstdenkmäler, das berechtigten Widerstand erweckte und sich auch nicht durchführen ließ, während die im Nürnberger Kartäuserkloster untergebrachten Sammlungen mit Erfolg ausgebaut wurden. Nach seinem Rücktritt als Vorstand der Stiftung kaufte er sich das Gut Kressbronn am Bodensee und widmete sich historischen Arbeiten. Er blieb aber daneben weiterhin für die Belange des Museums, zu dessen lebenslänglichem Ehrenvorstand er ernannt worden war, tätig.
Aufseß hat sein Leben mit staunenswerter Zähigkeit an die Durchführung eines Unternehmens gesetzt, dessen hoher Bildungswert nicht zu bestreuen ist. Er verfolgte das gleiche Ziel wie die Schöpfer anderer ähnlicher Unternehmungen: Er wollte das deutsche Volk mit Stolz auf seine große Vergangenheit erfüllen. Um so tragischer war es, daß er während des Stiftungsfestes der Universität Straßburg an den Folgen von Mißhandlungen verstarb, die er als angeblicher Franzosenfreund erlitten hatte.
Literatur ↑
Th. Göpp, Zur hundertjähr. Geburtstagsfeier d. Gründers d.
German. Mus. H.
Frhr. v. u. zu
A., in: Bayerland 12, 1901, S. 532-35
(P); G.
v. Bezold, H. Frhr.
v. u. zu
A., in:
Fränkische Lebensbilder I, 1919, S. 1-10
(L); E. G. Troche, in: Nürnberger Gestalten, 1950, S. 198-202
(P).
Portraits ↑
Ölgem. v. W.
v. Kaulbach (Unteraufseß).
Autor ↑
Heinz GollwitzerEmpfohlene Zitierweise ↑
Gollwitzer, Heinz, „Aufseß, Hans Philipp Werner von“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
444
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118848526.html
<< Aufschnaiter, Benedict Anton
Aufseß, Jodoc Bernard >>
Aufseß, Hans
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Aufseß: Hans
Freiherr
von und zu
A.
, geb. 7. Sept. 1801, †
6. Mai 1872, ist einem der ältesten
Adelsgeschlechter Frankens entsprossen, das im Mittelalter
Bischöfe und Domherren aus seiner Mitte hervorgehen sah und,
nachdem es sich der Reformation angeschlossen hatte, Staatsmänner
und Kriegsmänner berühmten Namens gestellt hat. Frühe verwaist,
genoß er guten und sorgfältigen Unterricht, so daß er schon 1816
die Universität Erlangen bezog, wo er sich der am 1. Dec. 1817
entstandenen Burschenschaft mit voller Hingebung an die von ihr
getragene Idee eines einigen, freien Deutschlands anschloß. Als im
Febr. 1822 ein Auszug der gesammten Studentenschaft nach dem alten
Universitätsorte Altdorf stattfand, eilte auch er, damals schon
von Erlangen abgegangen, herbei und die am 5. März 1822
zurückkehrende Schaar sah es gerne, daß er an ihrer Spitze den Zug
der Heimkehrenden eröffnete. Er promovirte als Doctor der Rechte,
heirathete Fräulein Charlotte von
Seckendorff und gedachte nun das Leben eines freien Landedelmanns
führend und im Kreise einer zahlreichen und schön aufblühenden
Familie lebend, für das deutsche Vaterland, fern von allem
demagogischen Treiben, durch die Wissenschaft, und zwar durch
Förderung der Kenntniß der Vorzeit, den vaterländischen Sinn neu
zu stärken und zu beleben. Eine durch eigene Mittel sorgfältig
gesammelte Bibliothek und Alterthümersammlung sollte nach seiner
Ansicht die Grundlage bilden, auf welcher ein Verein, zu dem er
alle und jede empfängliche Gemüther herbeiziehen zu können hoffte,
das für den Einzelnen zu groß und zu schwierig werdende Werk
weiter förderte. Im Herbste 1833 veranlaßte er zu diesem Ende eine
Zusammenkunft in Nürnberg, welche aber bei aller Anerkennung der
Idee, dennoch sich nicht im Stande fand, selbstthätig in die Sache
einzutreten, theils weil die Anwesenden nur zum kleinen Theile
Männer vom Fache waren, — Spindler und Wilhelm von Chézy waren auf einer Lustreise hiehergekommen,
ein im Leben Kaspar Hauser's bekannt gewordener
Gendarmerieofficier mochte wol als Späher, ob nicht etwas
Demagogisches eingeschmuggelt werden sollte, sich den Anschein
eines Wissenschaftfreundes gegeben haben, — theils weil die damals
viel geltende Stimme des Karl Heinrich von Lang sich mit gewohntem
Hohne gegen das Riesenunternehmen erhob, theils, weil die
allgemeine Stimmung damals zu sehr durch Zeitbewegungen in
Anspruch genommen, theils, weil der Unternehmer selbst keine
Berühmtheit war, so daß außer einem nach ein Paar Jahren
entstandenen Nürnbergischen Lokalverein, der aber auch nur ein
todtgeborenes Kind war, obgleich er nach Außen hin längere Zeit
für bestehend galt, das Unternehmen scheiterte.
A.
war aber nicht der Mann, einen mit solcher Innigkeit
und Liebe gefaßten Plan durch engherzige Abkehrungen von demselben
fallen zu lassen. Er hielt den Plan fest, vermehrte seine
Sammlungen fortwährend, und wirkte ununterbrochen, so weit es ihm
möglich war, für denselben. Als im Herbst 1846 der erste
Germanisten-Verein zu Frankfurt zusammentrat, fand sich
A.
ebenfalls daselbst ein und legte eine Denkschrift vor,
in der sein Gedanke reifer und vollständiger entwickelt war. Hier
nun waren entschieden vorzugsweise Männer vom Fache beisammen, die
Gebrüder Grimm, Dahlmann, Gervinus, Uhland, Ranke, Schmeller und
Andere, — aber
A.
hatte wieder dasselbe Schicksal. Daun kamen die Jahre
1847 und 1848, in denen ein großer Theil des fränkischen Adels vor
der durch Demagogen aufgewiegelten Menge auf ihren Landsitzen sich
bedroht fand und die verhältnißmäßig größere Sicherheit in den
zwar auch bewegten aber doch mehr Schutz darbietenden Städten
aufsuchte. Zu diesen gehörte auch
A.
, der mit dem größten Theil seiner damals schon sehr
angewachsenen Sammlungen nach Nürnberg zog, und bald ein eigenes
Haus, nahe am Thiergarten-Thor, käuflich erwarb. Während dieses
Aufenthaltes nun gelang es ihm, das Germanische Museum zu gründen,
als dessen Stiftungstag der 17. Aug. 1852 anzusehen ist, an
welchem Tage an der zu Dresden, unter Vorsitz des damaligen
Prinzen, nachmaligen Königs Johann von Sachsen gehaltenen
Versammlung der deutschen Geschichts- und Alterthumsforscher die
Gründung eines deutschen Nationalmuseums und zwar mit dem Sitz zu
Nürnberg beschlossen und Freiherr von
A.
, der seine ganze Bibliothek und Kunstsammlung
demselben vorläufig als Grundstock auf 10 Jahre unentgeltlich
überließ, als dessen erster Vorstand ernannt wurde. Die
Anerkennung des Museums als einer Stiftung zum Zwecke des
Unterrichts, mit der Eigenschaft und den Rechten einer
juristischen Person, erfolgte von Seiten der königl. bairischen
Regierung im Febr. 1853, und nun konnte
A.
, obgleich noch immer nicht unerhebliche
Schwierigkeiten zu bewältigen waren, sich glücklich preisen, am
Ziele seiner Bestrebungen angelangt zu sein.
Das Museum selbst gibt durch den seit 1853 erscheinenden
monatlichen
|Anzeiger und seine Jahresberichte
Auskunft über seine Thätigkeit. Ebenfalls der unermüdlichen
Thätigkeit des Gründers ist es zuzuschreiben, daß dem Museum
endlich die ehemalige Carthause zu Nürnberg als fester Besitz
überlassen wurde, worüber sich der vierte mit Ende 1857
ausgegebene Jahresbericht eingehend ausspricht, so wie auch, daß
gleich von Anfang an ausgezeichnete Männer an die Anstalt als
Beamte gezogen wurden, von denen Dr.
Frommann und Dr. v. Eye noch jetzt an
derselben wirken, andere aber, wie Dr.
Bartsch in Heidelberg, Dr. Barack in
Straßburg, Dr. Johannes Falke in Dresden,
Dr. Jakob Falke in Wien, Dr. Müller in Hannover, u. s. w. sich einen
litterarischen Namen erworben haben, dessen Begründung in die
Anfänge des Germ. Museums zurückreicht.
A.
beschied sich selbst, kein Gelehrter zu sein, wußte
aber in den meisten Fällen seine Mitarbeiter glücklich zu wählen,
er selbst behielt sich nur die Anordnung und Leitung des Ganzen
vor, und ein organisatorisches Talent besaß er in hohem Grade.
Dabei war er eine umgängliche, der Geselligkeit zugethane Natur.
Nie aber verlor er seine Hauptaufgabe, für das Museum thätig zu
sein, aus den Augen und versäumte nichts, demselben bei Hoch und
Niedrig Freunde zu erwerben, so daß die anfangs prekäre Existenz
der nur auf freiwillige Beiträge gestützten Unternehmung jetzt, da
seine Nachfolger in gleichem Geiste zu wirken fortfuhren, als
gesichert angesehen werden darf. Nachdem
A.
zehn Jahre lang die Vorstandsschaft des Germ. Museums
bekleidet hatte, fand er sich, laut der dem Anzeiger von 1862 Nr.
8 beigegebenen Beilage in der am 17. Aug. 1862 gehaltenen
Conferenz und Feier der zehnjährigen Existenz der Anstalt,
veranlaßt, seine Stelle niederzulegen, worauf er zum Ehrenvorstand
auf Lebenszeit ernannt wurde. Die Gründe, die ihn zu diesem
Schritte bewogen, sind zwar nicht öffentlich ausgesprochen,
ergeben sich aber leicht aus der weiteren Geschichte des Museums.
Hinfort für sich selbst in wissenschaftlicher Muße zu leben, war
ein Grund, der auch wol eingewirkt hat. Er kaufte das Gut
Kreßbrunn am Bodensee, wo er in der Beschäftigung mit der
Geschichte seines Geschlechts den größten Theil seiner Zeit
zubrachte, obgleich ihn theils die Angelegenheiten des
Germanischen Museums, das ihm natürlich noch immer am Herzen lag,
theils andere Geschäfte von dort zu Reisen veranlaßten. Für seine
Geschlechtsgeschichte hatte er die umfassendsten Vorarbeiten
gemacht, wie er denn ein unermüdlicher Arbeiter und stets mit der
Feder bereit war. Von seinen Schriften seien hier erwähnt:
"Geschichte des Hauses Aufseß", 1. Heft. Baireuth 1838. —
"Historische Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse zu Aufseß",
Nürnbg. 1842. — "Ueber den Ehescheidungsgrund in der christlichen
Kirche", Baireuth 1838. — "Rechtsverhältniß des
Privatgottesdienstes und des öffentlichen Gottesdienstes",
Erlangen 1845. — "Sendschreiben an die erste allgem. Versammlung
deutscher Rechtsgelehrten", Nbg. 1846. — "Schicksale des Schlosses
Freienfels", Baireuth 1866. — "System der deutschen Geschichts-
und Alterthumskunde", 1853. — "Denkschrift an die deutsche
Bundesversammlung", 1853. Zu kleineren Schriften veranlaßte ihn
Polemik verschiedener Art, namentlich Angriffe auf das Bestehen
und das System des Germ. Museums. Seine Gesundheit schien
unanfechtbar, er war mäßig in seiner Lebensweise. Seit 1870 aber
litt er an asthmatischen Beschwerden. Leider glaubte er sich 1872
der Einladung zu dem Stiftungsfest der Universität Straßburg nicht
entziehen zu dürfen und begab sich, obgleich krank und matt,
dahin. In Straßburg war es ihm doch nicht möglich, der Feier
beizuwohnen. Das Zimmer hütend, ward er leider am Abend des
Festtages durch ein Mißverständniß das Opfer einer thätlichen
Mißhandlung (vgl. Correspondent von und für Deutschland vom 12.
und 13. Mai 1872). Sofort abgereist, führte er noch bis zu seiner
Ankunft in Münsterlingen
|am 4. Mai sein Tagebuch
fort. Am 6. starb er; am 11. wurde er in seinem Stammschloß Aufseß
beerdigt.
Autor ↑
Lochner.
Korrektur: Nekrol. von Pocci im 35. Jahresbericht des histor. Ver. f. Oberbayern.
Empfohlene Zitierweise ↑
Lochner, „Aufseß, Hans“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
655-658
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118848526.html?anchor=adb