<< Auerswald, Hans Jakob
Aufenstein, Konrad von >>
Auerswald, Rudolf Ludwig Cäsar
preußischer Staatsmann,
* 1.9.1795 Königsberg (Preußen),
† 14.1.1866 Berlin. (evangelisch)
Genealogie
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| Portraits
| Autor
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Genealogie ↑
V Hans Jakob von Auerswald (s. 2);
⚭ Adelheid Gräfin zu Dohna-Lauck (1795–1859);
S Adalbert von Auerswald, gefallen als Oberst 1870, Achatius von Auerswald, Regierungspräsident
Leben ↑
Auerswald studierte in Königsberg und diente von 1812 bis 1821 als Reiteroffizier. 1824-34 war er Landrat des Kreises Heiligenbeil in Ostpreußen, 1838-42 Oberbürgermeister von Königsberg. Im ostpreußischen Provinziallandtag hatte der Abgeordnete der Ritterschaft Auerswald jahrelang eine einflußreiche Stellung inne und trug 1840 wesentlich zum Beschluß des Königsberger Huldigungslandtags bei, der die Krone um Gewährung einer reichsständischen Vertretung ersuchte. 1842-48 war er
|Regierungspräsident in Trier. Nach der Märzrevolution wurde er als Vertreter des ebenso loyalen wie entschiedenen, von Kant und Adam Smith geprägten ostpreußischen Liberalismus zum Oberpräsidenten von Ostpreußen und im Juni 1848 zum Verwaltungspräsidenten und Außenminister ernannt. Nach seinem Sturz durch die Nationalversammlung im September 1848 kehrte er auf den Posten des Oberpräsidenten von Ostpreußen zurück und wirkte nach Auflösung der Nationalversammlung als Abgeordneter und Präsident der neugewählten 1. Kammer bis 1850, später als Vorsitzender des Staatenhauses im Erfurter Parlament. 1850 vertauschte er das Oberpräsidium von Ostpreußen mit dem der Rheinprovinz, wurde jedoch bereits Frühjahr 1851 durch das Ministerium Manteuffel-Westphalen zur Disposition gestellt. Seit 1853 wieder im Abgeordnetenhaus, spielte er eine führende Rolle in der liberalen Opposition und wurde 1858 von seinem Jugendfreund, dem Prinzregenten, mit dem er in ständiger Verbindung geblieben war, als Staatsminister ohne Portefeuille und Stellvertreter des Vorsitzenden in das „Ministerium der neuen Ära“ berufen. 1860 folgte Auerswald dem Fürsten Hohenzollern im Ministerpräsidium nach. Er konnte allerdings so wenig wie seine Kollegen die zu hoch gespannten Erwartungen des preußischen Liberalismus erfüllen, andererseits gelang es ihm auch nicht, das dringendste Anliegen des Prinzregenten, die Heeresorganisation, durchzusetzen. 1862 zog sich Auerswald nach seinem Sturz durch die Kammer ins Privatleben zurück. Wilhelm I. ernannte ihn zum Oberburggrafen der Marienburg.
Literatur ↑
ADB I;
H.
v. Treitschke,
Dt. Gesch. im 19.
Jh.,
Neudr. 1927;
H.
v. Srbik,
Dt. Einheit, 4
Bde., 1935–1942;
H.
v. Peterdorff, Bismarcks Briefe an R.
v. A., in:
Dt. Rdsch.,
Bd. 53, 1887, H. 1.
Portraits ↑
Holzschnitt in
LIZ,
Bd. 9, 1847, S. 164,
Bd. 39, 1862, S. 5, 46, 1866, S. 77.
Autor ↑
Heinz GollwitzerEmpfohlene Zitierweise ↑
Gollwitzer, Heinz, „Auerswald, Rudolf Ludwig Cäsar“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
439 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd116377674.html
<< Auerswald, Hans Adolf Erdmann von
Auffenstein, Konrad I. von >>
Auerswald, Rudolf von
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Auerswald: Rudolf von
A.
, der zweite Sohn des Oberpräsidenten und
Landhofmeisters v. Auerswald wurde geboren 1.
Sept. 1795 in Marienwerder, wo sein Vater als
Kammerpräsident an der Spitze des Regierungscollegiums stand, †
1866.
A.
brachte seine Jugendjahre in Königsberg zu, wohin sein
Vater 1802 — als Oberpräsident von Ostpreußen — versetzt wurde,
und trat, bald nachdem er sein Universitätsexamen gemacht hatte,
in das 1. Leibhusaren-Regiment ein, in welchem er mit dem
Armeecorps des General York den Feldzug von 1812 in Kurland und
Livland mitmachte, und ebenso auch die Feldzüge von 1813, 14 und
15, in denen er sich das eiserne Kreuz erwarb. Nach dem Frieden
wurde er dem 6. Ulanen-Regiment aggregirt, wurde
Premier-Lieutenant und kam als Adjutant zur 13. Cavalleriebrigade,
welche General v. Lützow commandirte, nach Münster. Im April 1820
wurde er Rittmeister und nahm Anfang 1821 seinen Abschied.
Er hatte sich schon 1817 mit einer Cousine — der Gräfin Adele
Dohna aus dem Hause Lauck — verheirathet, kaufte sich nach seinem
Austritt aus dem Heere in Ostpreußen, im Kreise Heiligenbeil, an
und wurde 1824 Landrath dieses Kreises, welchem Posten er bis 1834
vorstand. Nachdem er ihn niedergelegt hatte, wurde er 1835 von der
preußischen Landschaft zum General-Landschafts-Rath gewählt und
bekleidete diese Functionen bis 1842. Inzwischen war er auch 1838
zum Oberbürgermeister der Stadt Königsberg ernannt worden, in
welcher Stellung er gleichfalls bis 1842 verblieb. Noch während
seiner Amtsführung als Landrath von dem Alt-Brandenburger Kreise
als Abgeordneter der Ritterschaft in den Provinziallandtag der
Provinz Preußen gewählt, nahm er in demselben bald eine
einflußreiche Stellung ein, fungirte während mehrerer Sessionen
als Stellvertreter des Landtagsmarschalls und trug 1840 in dem
Königsberger Huldigungslandtage, als einer der politischen Leiter
desselben wesentlich zu dem berühmten Beschlusse bei, der die
Krone um die Gewährung der 1815 von Friedrich Wilhelm verheißenen
reichsständischen Vertretung ersuchte und damit den Anstoß zu der
liberalen Bewegung in Preußen gab.
|
v.
A.
schied jedoch schon zwei Jahre darauf — im Sommer 1842
— aus seiner ständischen Wirksamkeit, so wie aus den in seiner
heimathlichen Provinz von ihm bekleideten Stellungen, aus und nahm
den ihm von der Staatsregierung angetragenen Posten eines
Regierungspräsidenten in Trier an, wo er fast 6 Jahre verblieb und
sich durch die umsichtige und humane Führung der Verwaltung eine
seltene Beliebtheit nicht blos in jenem Regierungsbezirke, sondern
selbst über denselben hinaus in der ganzen Rheinprovinz
erwarb.
Gleich nach der Märzrevolution kehrte er unter dem Ministerium
Camphausen, als Oberpräsident der Provinz Preußen, nach Königsberg
zurück, verließ aber diese Stellung schon wenige Monate darauf,
Ende Juni nach dem Rücktritt des ersten Märzministeriums, und
übernahm in dem Ministerium, welches jenem folgte, den Vorsitz und
zugleich das auswärtige Departement. Seine Verwaltung behauptete
sich jedoch inmitten der von allen Seiten einstürmenden
Schwierigkeiten kaum ein Vierteljahr; sie wurde durch den
bekannten Beschluß der Nationalversammlung vom 7. September, der
das Einschreiten gegen die reactionären Elemente in der Armee
verlangte, gestürzt.
A.
wurde nach seinem Rücktritt wieder zum Oberpräsidenten
der Provinz Preußen ernannt, welche Stelle inzwischen unbesetzt
geblieben war. Als nach der Auflösung der Nationalversammlung und
Octroyirung der Verfassung zur Revision der letzteren die
neugewählten beiden Kammern zusammentraten, kehrte er als
Abgeordneter der ersten Kammer nach Berlin zurück und wurde zum
Präsidenten derselben gewählt, welches Amt er auch in der
folgenden Session, die vom August 1849 bis in den Februar 1850
währte, bekleidete. Er nahm darauf am Erfurter Parlament als
Mitglied des Staatenhauses Theil und führte auch in dem letzteren
den Vorsitz. Am Schluß dieser mit nur geringen Unterbrechungen
fast fünfzehn Monate währenden parlamentarischen Thätigkeit
vertauschte er die Oberpräsidentur der Provinz Preußen mit der der
Rheinprovinz und hielt sich während einiger Jahre vom
parlamentarischen Leben fern. Die Verwaltung des Rheinlandes, in
welchem ihm das Vertrauen und die Sympathien der dortigen
Bevölkerung in reichem Maße entgegenkamen, führte er jedoch kaum
ein Jahr. Als nach dem Tode des Grafen Brandenburg und dem
Schiffbruch der deutschen Politik Preußens, welchen der Olmützer
Vertrag besiegelte, auch im Innern unter dem Ministerium
Manteuffel-Westphalen die Reaction völlig die Oberhand gewann, und
im Frühjahr 1851 die Reactivirung der Provinziallandtage erfolgte,
wurde
A.
in Folge einer an das Ministerium gerichteten
Denkschrift, in der er seine Bedenken gegen diese Maßregel
entwickelte, zur Disposition gestellt. Länger als zwei Jahre
enthielt er sich jetzt jeder thätigen Betheiligung an den
öffentlichen Angelegenheiten und verwendete diese Zeit zu größeren
Reisen, die ihn zuerst nach Paris, dann nach Algier und Tunis und
über Malta und Sicilien durch ganz Italien führten. Erst gegen
Ende des Jahres 1853 nahm er wieder ein Mandat für das Haus der
Abgeordneten an und wurde bald eines der leitenden Mitglieder der
liberalen Opposition, obwol er nur in seltenen Fällen die Tribüne
betrat. Diese einflußreiche Stellung verdankte er theils seiner
bedeutenden und in ungewöhnlichem Grade gewinnenden
Persönlichkeit, theils seinen nahen Beziehungen zum Erben des
Thrones, dessen volles Vertrauen er genoß. Sein für die liberale
Partei wichtiges und folgenreiches Verhältniß zum Prinzen von.
Preußen führte in seinen ersten Anknüpfungen bis auf die
Knabenzeit Auerswald's zurück, während welcher einige Jahre
hindurch die königliche Familie nach dem Tilsiter Frieden ihren
Aufenthalt in Königsberg nahm und die damals noch im Jugendalter
stehenden Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses in
häufigem Verkehr mit den Kindern des Oberpräsidenten v. Auerswald
standen. Als der Prinz von Preußen im Herbst 1857 in Folge der
schweren Erkrankung Friedrich
|Wilhelms IV. zuerst nur als Stellvertreter des Königs
die Zügel der Regierung ergriff, blieb er in diesem engen Verkehr
mit
A.
, und sobald er ein Jahr darauf als Regent die volle
Regierungsgewalt in die Hand nahm, erfolgte die politische Krisis,
welche das Ministerium Manteuffel zum Rücktritt nöthigte. Die
oberste Leitung der darauf folgenden Verwaltung, die unter dem
Namen des Ministeriums der "neuen Aera" bekannt geworden ist,
wurde zwar dem Fürsten v. Hohenzollern-Sigmaringen übertragen; v.
A.
trat demselben nur als Staatsminister ohne
Portefeuille bei. Er wurde jedoch mit der Stellvertretung des
Vorsitzenden betraut und galt in der öffentlichen Meinung als die
Seele des Ministeriums, obwol er eben so selten, wie früher als
Abgeordneter, zur Vertretung der Politik desselben das Wort
ergriff. Dem Ministerium Hohenzollern kamen bei seiner Ernennung
die weitgehendsten Erwartungen der liberalen Partei und der von
ihr beherrschten Stimmung des Volkes entgegen. Man hoffte
zuversichtlich von ihm die schnelle und gründliche Heilung aller
durch die lange Reactionszeit verursachten Leiden und Schäden,
ohne sich darüber klar zu werden, mit wie großen Schwierigkeiten
die neue Verwaltung zu ringen hatte. Das Beamtenthum war zum
großen Theil noch dem gestürzten Systeme ergeben und gab den
Maßregeln der Nachfolger desselben nur eine lässige oder
widerwillige Unterstützung, welche deren beabsichtigte Wirkung
häufig lähmte oder geradezu annullirte. Am Hofe wurde die "neue
Aera" durch einflußreiche Factoren unausgesetzt bekämpft und
behindert, und die hartnäckige Opposition der feudalen Mehrheit
des Herrenhauses legte sie fast brach auf dem Felde der
Gesetzgebung. Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen, daß
die hochgespannten Erwartungen des Landes nach und nach einer
immer tieferen Enttäuschung Platz machten, und daß man bald selbst
das unbestreitbare Verdienst des Ministeriums Hohenzollern, den
Bruch mit dem zehn Jahre lang geübten Systeme der Willkür und die
Rückkehr zu den besseren Traditionen der preußischen Verwaltung,
zu unterschätzen begann. In diese schon sichtlich herabgehende
Stimmung des Landes fiel nun im Beginn des Jahres 1860 die
Einbringung der thatsächlich mit der durch den
österreichisch-französischen Krieg veranlaßten Mobilmachung schon
der Hauptsache nach ins Werk gesetzten Heeresorganisation vor den
Landtag, und dieselbe wurde bald zum Anlaß tiefer Verstimmungen
zwischen dem Ministerium und seiner eigenen Partei. v.
A.
, der nur selten im Landtage zur Vertheidigung der
Politik des Ministeriums eintrat, wendete desto größere
Anstrengung in seinem Verkehr mit den parlamentarischen Parteien
und ihren Leitern zur erfolgreichen Durchführung der
Regierungspolitik auf, und dadurch, wie durch seine Beziehungen
zum Prinz-Regenten, fiel ihm, obwol er kein bestimmtes Departement
verwaltete, gerade die aufreibendste Thätigkeit in den wichtigsten
Fragen zu. Namentlich für die Durchsetzung der Heeresorganisation,
von deren unabweislicher Nothwendigkeit er tief durchdrungen war,
setzte er seine ganze Kraft ein. Es gelang ihm jedoch nicht, mit
der gemäßigt liberalen Mehrheit des gleich nach dem Amtsantritt
des Ministeriums Hohenzollern im November 1858 gewählten
Abgeordnetenhauses die Heeresorganisation zu einem gesetzlichen
Abschluß zu bringen. Die ganze Angelegenheit blieb in dem Stadium
eines noch dazu unklaren Provisoriums und gab bei den Ende 1861
stattfindenden Neuwahlen den Anlaß zur völligen Sprengung der
altliberalen Partei, auf deren Unterstützung die Existenz des
Ministeriums beruhte. Die Majorität der neuen Kammer war von einer
viel schärferen politischen Färbung und stürzte sehr bald — März
1862 — das Ministerium — vielleicht ohne es selbst zu wollen —
durch einen an sich nicht einmal wichtigen Beschluß in Betreff der
Einrichtung des Budgets, v.
A.
, der bereits seit dem Beginn des Jahres schwer
erkrankt und seit Kurzem erst Reconvalescent war, trat jetzt mit
dem größten
|Theil seiner Collegen zurück; waren auch
die Hoffnungen, mit denen er das Staatsruder ergriffen hatte,
nicht in Erfüllung gegangen, so hinterließ doch das Ministerium,
in dem er eine hervorragende Wirksamkeit geübt hatte, ein
ehrenvolles Andenken, durch das, was es trotz so vieler
Hindernisse geleistet, und durch die Lauterkeit seiner Absichten,
wie seiner Maßregeln. Er zog sich jetzt gänzlich von dem Felde
politischer Thätigkeit zurück und lehnte ein ihm angebotenes
Mandat zum Abgeordnetenhause unter Berufung auf seine angegriffene
Gesundheit ab. Vielfache Beweise der königlichen Gunst wurden ihm
auch in seiner Zurückgezogenheit zu Theil, unter anderem die
Ernennung zum Oberburggrafen von Marienburg, eine für ihn
gestiftete hohe Hofcharge, die mit der Aufsicht über das berühmte
ehemalige Hochmeisterschloß verbunden war. v.
A.
erholte sich bald von seiner Krankheit und verlebte in
Berlin, im Sommer auf Reisen, noch drei ungetrübte Jahre. Im Laufe
des Sommers 1865 traten aber bedrohliche Anzeichen eines wol schon
längere Zeit latenten Herzleidens auf und bildeten sich bald zu
einer Herzbeutelwassersucht aus, die ihn am 15. Januar 1866 in
Berlin im 71. Jahre seines Lebens hinraffte. Seine Gattin war ihm
schon im August des Jahres 1859 vorangegangen.
Autor ↑
R. v. Bardeleben.
Empfohlene Zitierweise ↑
Bardeleben, R. von, „Auerswald, Rudolf von“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
651-654
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd116377674.html?anchor=adb