Name
Schwerin von Krosigk, Lutz Graf
Namensvarianten
Krosigk, Johann Ludwig von (bis 1925)
Lebensdaten
1887 bis 1977
Geburtsort
Rathmannsdorf (Anhalt)
Sterbeort
Essen
Beruf/Lebensstellung
Finanzpolitiker; Reichsfinanzminister; Publizist
Konfession
unbekannt
Autor NDB
Johannes Hürter
Autor ADB
-
GND
118612212

S. von Krosigk (bis 1925 von Krosigk), Johann Ludwig (Lutz) Graf

Finanzpolitiker, * 22. 8. 1887 Rathmannsdorf (Anhalt), 4. 3. 1977 Essen. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Erich v. K. (1829–1917), auf R., Jurist, hzgl. anhalt. Kammerherr, Schloßhptm. v. Ballenstedt, Präs. d. anhalt. LT u. d. Synode, S d. Adolf v. K. (1799–1856), auf Hohenerxleben u. R., hzgl. anhalt. Landrat, u. d. Lisette v. Westphalen (1800–63); M Luise (1853–1920), Hofdame d. Erb-Ghzgn. v. Meckl.-Strelitz, T d. Wilhelm Gf. v. S. (1827–96), auf Fürstenwerder, preuß. Kammerherr, ghzgl. meckl.-strel. Hofmarschall, u. d. Luise Sartorius v. Schwanenfeld (1830–1910); Ur-Gvv Johann Ludwig v. Westphalen (1770–1842), preuß. Reg.rat in Trier (s. NDB 16*); Gr-Tante-v Jenny v. Westphalen (1814–81, Karl Marx, 1818–83, s. NDB 16; W); Om Alfred Gf. v. S. (1859–1946, Anita v. Düring, 1870–1954), preuß. Major, Mitgl. d. preuß. Herrenhauses, adoptierte S. 1925; 2 B Dedo v. K. (1858–1932, Minette Freiin v. Plettenberg, 1864–1954), auf Rathmannsdorf, Wilfried v. K. (1882–1914 ⚔, Luise v. Wedel, 1887–1969), RA; – Heeren 1918 Ehrengard (1895–1979), T d. Friedrich Gf. v. Plettenberg (1863–1924), auf Heeren, Erbmarschall d. Gfsch. Mark, preuß. Kammerherr, Major, Mitgl. d. preuß. Herrenhauses (s. NDB 20 Fam.art.), u. d. Ehrengard v. Krosigk (1873–1943); 5 T Anna Luise (* 1920, Hans-Joachim v. Raison, 1912–71, Oberst), Ehrengard (* 1922, Gottfried v. Bismarck, * 1921, Dipl.-Ing.), Almuth (* 1924, Hans Eckart v. Arnim, * 1923, Dipl.-Ing., Vors. Richter am Bundespatentger.), Bia (* 1936, Wedig Kolster, * 1935, Dr. phil., Dir. d. Mil.geschichtl. Inst. in Potsdam), Fenita (* 1941, Huno Hzg. v. Oldenburg, * 1940, Dipl.-Ing., Bauuntern.), 4 S Wilfried (1921–43 ⚔), Anton (* 1924, Hildegard Christine Holtz, * 1925, Archäol.), Reg.dir., Landrat in Segeberg, Alfred (* 1929, Jutta v. Brackel, * 1928), Dipl.-Kaufm., Dedo (* 1933, Marie-Ulrike Freiin v. Stackelberg, * 1937, Studiendir., T d. Heinrich Frhr. v. Stackelberg, 1905–46, Prof. d. Nat.ök. in Berlin u. Bonn, s. NDB 24), Mitgl. d. Direktoriums d. DFG in Bonn.

  • Leben

    Nach dem Abitur an der Klosterschule Roßleben studierte S. 1905–08 Rechts- und Staatswissenschaften in Lausanne, als Cecil-Rhodes-Stipendiat in Oxford und in Halle. Den einjährigen Militärdienst leistete er bei den Demminer Ulanen und bestand im Juli 1914 nach der Referendarszeit in Stettin und Swinemünde das Assessorexamen mit durchweg glänzenden Leistungen. Nach Kriegsende engagierte sich der mit dem E. K. I und II dekorierte Oberleutnant kurzzeitig als Redner für die DNVP und war am Landratsamt im oberschles. Zabrze (Hindenburg) tätig, bevor er sich im Jan. 1919 für eine Stelle als Geschäftsführer der Wohlfahrts- und Wirtschaftsgesellschaft auf Rügen beurlauben ließ. 1920 trat S. als Assessor und Hilfsarbeiter in das Reichsfinanzministerium ein. Die starke innere Distanz zur Republik hinderte den nationalkonservativen und monarchistischen Beamten nicht, noch während der Weimarer Zeit rasch alle Stufen vom Referenten bis zum Minister aufzusteigen. Diese außergewöhnliche Karriere in der Finanzverwaltung verdankte er seiner hohen Begabung, aber auch seinem einnehmenden Charakter, seinen gesellschaftlichen Verbindungen und seiner Nähe zu den Deutschnationalen. Zunächst profilierte sich S. bei der Regelung dt. Vorkriegsverpflichtungen und der Liquidation dt. Vermögen im Ausland (1921 Reg.rat, 1922 Oberreg.rat, 1924 Min.rat). Reichsfinanzminister Otto v. Schlieben (DNVP) erhob ihn 1925 zum Generalreferenten für den Reichshaushalt. Seither trat S. als Exponent einer drastischen Sparund Thesaurierungspolitik hervor, die sich innerhalb des Reichsfinanzministeriums erst nach und nach gegen die Anhänger einer großzügigen Konjunkturförderungspolitik durchsetzen konnte. 1929 wurde er Ministerialdirektor und Chef der Haushaltsabteilung, 1931 auch Chef der Reparationsabteilung. Damit saß S. an einer Schaltstelle der Deflations- und Reparationspolitik Heinrich Brünings, die er aus Überzeugung und in enger Verbindung mit dem Reichskanzler unterstützte. Nach dem Rücktritt Brünings wurde S. auf Wunsch Hindenburgs am 2.6.1932 im Kabinett Papen Reichsfinanzminister und nahm an der abschließenden Reparationskonferenz in Lausanne (Juni/Juli 1932) teil. Er behielt sein Amt nicht nur unter Schleicher, sondern auch als (parteiloser) Vertreter der nationalkonservativen Rechten bis 1945 unter Hitler. Seine späteren Beteuerungen, er sei auf seinem Posten geblieben,|um in Opposition zum NS-Regime „Schlimmeres zu verhüten“, halten einer Überprüfung nicht stand. S. begrüßte die „nationale Revolution“, stimmte teilweise mit nationalsozialistischen Positionen überein und trug viele – darunter zahlreiche antijüdische – Maßnahmen des Dritten Reichs mit. 1937 erhielt er das Goldene Parteiabzeichen und die Sondermitgliedschaft in der NSDAP. Sein finanzpolitischer Einfluß wurde zunächst durch Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, dann v. a. durch den Beauftragten für den Vierjahresplan Hermann Göring beschränkt, darf aber nicht unterschätzt werden. In reibungsloser Zusammenarbeit mit Staatssekretär Fritz Reinhardt (1895–1969), einem überzeugten Nationalsozialisten, den Hitler ihm im April 1933 zur Seite stellte, verantwortete S. eine Haushaltspolitik, die mit dem vorher von ihm vertretenen Konsolidierungskurs kaum mehr etwas gemein hatte und v. a. der Finanzierung erst der Aufrüstung, dann des Krieges diente. S. und seine Beamten richteten ihre Fachkompetenz nach 1939 verstärkt auf Ziele wie die fiskalische Verfolgung und Ausplünderung der Juden oder die völkerrechtswidrige Geldbeschaffung und Geldwäsche in Europa. Hitler bestätigte ihn in seinem Politischen Testament als Reichsfinanzminister, Großadmiral Karl Dönitz übertrug S. am 2.5.1945 in der Geschäftsführenden Reichsregierung zudem die Ämter des Leitenden Ministers und des Reichsaußenministers. Ende Mai 1945 von den Alliierten verhaftet, wurde er am 14.4.1949 von einem amerik. Militärtribunal („Wilhelmstraßenprozeß“) zu zehn Jahren Haft verurteilt. S. wurde bereits im Jan. 1951 aus dem Gefängnis in Landsberg/Lech entlassen und trat bis zu seinem Tod als Publizist und Sachverständiger hervor, u. a. als Mitarbeiter des „Instituts für Finanzen und Steuern“ in Bonn.

    • Werke

      Nat.soz. Finanzpol., 1936; Es geschah in Dtld., Menschenbilder unseres Jh., 1951; Die gr. Zeit d. Feuers, Der Weg d. dt. Ind., 3 Bde., 1957–59; Alles auf Wagnis, Der Kaufm. gestern, heute u. morgen, 1963; Staatsbankrott, Die Gesch. d. Finanzpol. d. Dt. Reiches von 1920 bis 1945, geschrieben v. letzten Reichsfinanzmin., 1974; Jenny Marx, Liebe u. Leid im Schatten v. Karl Marx, 1975; Memoiren, 1977; Die gr. Schauprozesse, 1981; Persönl. Erinnerungen, 2 Bde. (Privatdr.).

    • Literatur

      M. G. Steinert, Die 23 Tage d. Reg. Dönitz, 1967; S. Mehl, Das Reichsfinanzmin. u. d. Verfolgung d. dt. Juden 1933–1945, 1990; K. Goehrke, In d. Fesseln d. Pflicht, Der Weg d. Reichsfinanzmin. L. Gf. S. v. K., 1995 (P); M. Friedenberger, K.-D. Gössel u. E. Schönknecht (Hg.), Die Reichsfinanzverw. im NS, Darst. u. Dok., 2002 (P); G. Aly, Hitlers Volksstaat, Raub, Rassenkrieg u. nat. Sozialismus, 2005; R. Voß, Steuern im Dritten Reich, Vom Recht z. Unrecht unter d. Herrschaft d. NS, 2005; Das Dt. Führerlex., 1934 (P); Biogr. Lex.; Munzinger; G. Schulz, in: Jeserich-Neuhaus (P); – zur Fam.: GHdA 66, Adelige Häuser A XIV, 1977, ebd. 105, Gräfl. Häuser XIV, 1993; – Nachlaßteile: Archiv d. Inst. f. Zeitgesch., München; BA Koblenz; Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Dessau.

  • Autor

    Johannes Hürter
  • Empfohlene Zitierweise

    Hürter, Johannes, "Schwerin von Krosigk, Johann Ludwig Graf" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 79-80 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118612212.html
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Schwerin von Krosigk, Lutz Graf