<< Schott, Peter der Jüngere
Schott, Wilhelm Christian >>
Schott, Siegfried Hugo Erdmann
Ägyptologe,
* 20.8.1897 Berlin,
† 29.10.1971 bei Innsbruck.
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V evtl. Walther (1870–1930), aus Postelwitz, Premierlt., zuletzt in Zermatt (Schweiz);
M Elli Blank;
⚭ 1)
N. N. Glasenapp, 2) 1952 Erika Fischmeister; 1
T aus 1) Inge.
Leben ↑
S. besuchte Schulen in Koblenz, Karlsruhe und Berlin. 1915 verließ er das Hohenzollern-Realgymnasium (Oberprimarreife 1918), um im 1. Weltkrieg freiwillig als Fahnenjunker (1916
Lt.) zu dienen. Nach Kriegsgefangenschaft in Frankreich 1916-20 beteiligte sich
S. mit Holzschnitten und einem Gedicht an der Hamburger expressionistischen Zeitschrift „Kündung“ (1921). Er studierte in Freiburg (Br.) und Marburg Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie. Vorlesungen von Martin Heidegger machten ihn
v. a. mit der Philosophie des
dt. Idealismus vertraut. Dieser
phil. Tradition, besonders F. W. J.
v. Schellings „Einleitung in die Philosophie der Mythologie“ (1856), sind
S.s spätere Arbeiten zur Mythenbildung im Alten Ägypten verpflichtet. Seit 1924 studierte er Ägyptologie in Heidelberg bei Hermann Ranke (1875–1953), bei dem er 1926 mit „Untersuchungen zur Schriftgeschichte der Pyramidentexte“ promoviert wurde. Mittels Stipendien der Notgemeinschaft der
Dt. Wissenschaft setzte
S. seine Ausbildung bei Hermann Junker (1877–1962) in Wien und bei Kurt Sethe (1869–1934) in Berlin fort. Die von
S. in den Museen in Paris, London und Leiden angefertigten hieroglyphischen Transkriptionen zahlreicher in hieratischer Schrift geschriebener Papyri mythologischen Inhalts bildeten die Grundlage seiner späteren Editionsarbeit. Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der Ägypt. Abteilung der Staatlichen Museen in Berlin bearbeitete
S. 1930/31 als wissenschaftlicher Referent des
Dt. Instituts für Ägypt. Altertumskunde in Kairo
u. a. die von der
Dt. Ostdelta-Expedition gefundenen Inschriften. 1931-37 war
S. als Epigraphiker im Chicago House in Luxor an den Unternehmungen des Oriental Institut der
Univ. Chicago beteiligt und begann sich mit den ägypt., insbesondere mit den theban. Festen zu beschäftigen. Seine Erkundungen zu den Inschriften im Totentempel der
Kgn. Hatschepsut in Deir el-Bahari hatten maßgeblichen Einfluß auf Sethes Studie „Das Hatschepsut-Problem noch einmal untersucht“ (1932). In Ägypten fertigte
S. tausende exzellenter Photographien ägypt. Denkmäler,
u. a. der theban. Privatgräber, an, deren Negative er bereits zu Lebzeiten dem Griffith Institute in Oxford übergab. 1937 wurde
S. in Göttingen habilitiert und vertrat 1938 in Heidelberg die Ägyptologie, nachdem H. Ranke nach Amerika emigriert war. Während des 2. Weltkriegs wurde
S.s Lehrtätigkeit durch Teilnahme am Frankreich- und Afrikafeldzug (Entlassung aus d. Heeresdienst 1943 als Major) unterbrochen. 1943 erfolgte
S.s Ernennung zum
apl. Professor in Heidelberg. 1950 berief ihn die
Oriental. Kommission der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur als Mitarbeiter, 1952 wurde
S. als Nachfolger von H. Kees als Ordinarius für Ägyptologie in Göttingen und Direktor des Ägyptologischen Seminars (
em. 1966).
S.s bevorzugte Forschungsgebiete, zu denen er bahnbrechende Arbeiten vorlegte, waren Mythen, Grundlagen und Anfänge der altägypt. Kultur- und Geistesgeschichte, Rituale und Zauberpraktiken, die altägypt. Wissenschaft, insbesondere die Astronomie, altägypt. Feste und Festdaten sowie altägypt. Bücher und Buchtitel. In „Mythe und Mythenbildung im Alten Ägypten“ (1945) konnte
S. die Genese literarisch geformter altägypt. Göttergeschichten aufzeigen. In seinen „Bemerkungen zum Pyramidenkult“ (1950) versuchte er, die Ritualhaltigkeit der Pyramidentexte im Kontext des
kgl. Bestattungsrituals nachzuweisen. Die „Altägypt. Festdaten“ (1950) sind die bis heute umfassendste Sammlung zu diesem Thema. Für die Kenntnis der Entwicklung der Schrift war „Hieroglyphen, Untersuchungen zum Ursprung der Schrift“ (1951) seinerzeit das grundlegende
|Werk. „Die Schrift der verborgenen Kammer in Königsgräbern der 18. Dynastie“ (1958) ist eine innovative Arbeit zu den
kgl. Jenseitsführern des Neuen Reiches.
S.s Annahme, daß sich aus den relevanten altägypt. Texten die Funktion architektonischer Einheiten und Gebäudekomplexe erschließen läßt, hatte maßgeblichen Einfluß auf die Forschungen des mit
S. eng befreundeten Herbert Rikke (1901–76). Eine im Auftrag der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur erstellte umfassende summa wurde postum von
S.s Ehefrau aus dem Nachlaß herausgegeben (Bücher u. Bibliotheken im Alten Ägypten,
Verz. d. Buch- u. Spruchtitel u. d. Termini technici, mit e. Wortindex
v. A. Grimm, 1990). Einem breiteren Leserkreis wurde
S. durch seine „Altägypt. Liebeslieder, Mit Märchen und Liebesgeschichten“ (1950,
franz. Übers. 1955) bekannt, das wegen seiner meisterhaften, einfühlsamen Übertragungen bis heute konkurrenzlos geblieben ist.
S. war in seinem wissenschaftlichen Bestreben zur Deutung der altägypt. Kultur aus ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit heraus gleichzeitig Gelehrter und nachschaffender Künstler. Zusammen mit anderen führenden
dt. Ägyptologen wie Wolfgang Helck (1914–93) und Elmar Edel (1914–97) gehörte
S. zum internen Zirkel des „Bodenheimer Kreises“, einer alljährlichen Zusammenkunft zur Erörterung von Problemen und Perspektiven der dt.sprachigen Ägyptologie, aus der die bis heute jährlich stattfindende „Ständige Ägyptologen-Konferenz“ hervorging'
Auszeichnungen ↑
o. Mitgl. d.
Dt. Archäol. Inst. (1953) u. d.
Ak. d. Wiss. in Göttingen (1955); ausw.
Mitgl. d.
Ac. des Inscriptions et Belles-Lettres de l'Institut de France (1968).
Werke ↑
u. a. Die Zeremonie d. „Zerbrechens d. roten Töpfe“, 1928;
Bücher u. Sprüche gegen den Gott Seth, 1929;
Drei Sprüche gegen Feinde, 1930;
Inschrr. u. Darstellungen aus
hist. Zeit,
Ber. über d.
v. Dt. Inst. f. ägypt. Altertumskunde nach d. Ostdelta-Rand unternommene Erkundungsfahrt, 1930;
Der Teil von Thmuis, 1930;
Inschrr. aus geschichtl. Zeit,
Ber. über d. zweite
v. Dt. Inst. f. ägypt. Altertumskunde nach d., Ostdelta-Rand u. in das Wâdi Tumilât unternommene Erkundungsfahrt, 1931;
Ein Amulett gegen d. bösen Blick, 1931;
The Feasts of Thebes, Work in Western Thebes 1931-1933, 1934;
Die altägypt. Dekane, 1936,
21969;
Das Löschen
v. Fackeln in Milch, 1937;
Urkk. mythol. Inhalts, 1939;
Das myth. Reich
v. Heliopolis, 1940;
Spuren d. Mythenbildung, 1942;
Die Vertreibung d. Libyer u. d. Ursprung d. ägypt. Kultur, 1950;
Vorgeschichtl. Handelswege in Ägypten, 1950;
Voraussetzung u. Gegenstand altägypt.
Wiss., 1951;
Astronomie u.
Math., 1952,
21970;
Kulturprobleme d. Frühzeit Ägyptens, 1952;
Mythen in d. Pyramidentexten, 1952;
Bücher u. Buchtitel, 1952,
21970;
Symbol u. Zauber als Grundform altägypt. Denkens, 1953;
Das schöne Fest
v. Wüstentale, Festbräuche einer Totenstadt, 1953;
Die Deutung d. Geheimnisse d. Rituals f. d. Abwehr des Bösen, Eine altägypt.
Übers., 1954;
Mythe u.
Gesch., 1955;
Ritual u. Mythe im altägypt. Kult, 1955;
Totenbuchspruch 175 in e. Ritual
z. Vernichtung
v. Feinden, 1956;
Die Erfindung d. ägypt. Schrift, 1959;
Die Opferliste als Schrift des Thoth, 1963;
Le temple du Sphinx à Giza et les deux axes du monde égyptien, 1969;
Der Kult der Göttin Neith, 1969;
Ägypt. Quellen
z. Plan d. Sphinxtempels, 1970;
Die älteren Göttermythen, 1970;
Thoth als
Vf. hl. Schriften, 1972;
–
W-Verz.: Erika Schott u. A. Grimm, S.
S. (1897-1971),
Verz. seiner
Schrr., in;
Göttinger Miszellen 57, 1982, S. 79-87;
– Sämtl. Negative
v. S.s Photogrr. theban. Gräber im Griffith
Inst., Oxford (Negatives of Theban tombs), Originalabzüge im
Ägyptol. Inst. d.
Univ. Trier, erschlossen durch: B. Porter, R. L. B. Moss u. E. W. Burney, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings, I: The Theban Necropolis, 1. Private Tombs,
21960.
Literatur ↑
Ph. Derchain, in: Chronique d'Egypte 46, No 91, 1971, S. 310-12;
W. Westendorf, in:
Zs. d. Dt. Morgenländ. Ges. 122, 1972, S. 19-21
(P);
H. Brunner, in: Archiv f. Orientforsch. 24, 1973,
Sp. 249 f.
(P);
W. Helck, in:
Zs. f. ägvpt. Sprache u. Altertumskunde 100, 1974,
S. V
(P);
W. R. Dawson, E. P. Uphill u. M. L. Bierbrier, Who was Who in Egyptology,
31995.
Autor ↑
Alfred GrimmEmpfohlene Zitierweise ↑
Grimm, Alfred, „Schott, Siegfried Hugo Erdmann“,
in: Neue Deutsche Biographie
23
(2007), S.
496-497
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118759167.html