<< Schnabel, Georg Ernst
Schnabel, Johann Gottfried >>
Schnabel, Franz Bernhard Gerhard
Historiker,
* 18.12.1887 Mannheim,
† 25.2.1966 München,
⚰ Mannheim. (katholisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Nachlass
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Carl (1856–1930,
ev.),
Kaufm. in Mannheim,
S d. Gerhard Jakob, Buchdrucker in Kreuznach, u. d. ;
M Maria (
* 1856,
kath.), aus Frankenthal,
T d. Bernhard Guillemin (
* 1803), aus Koblenz,
Ziegeleibes. in Frankenthal, später Rentner, u. d. ;
Schw Katharina (1886–1932), Maria (1889–1971), in Diessen/Ammersee, Erbin
S.s, setzte d.
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. zu ihrer Alleinerbin ein, mit d.
Aufl. z. Gründung d. „Franz-Schnabel-Stiftung“; – ledig;
Verwandter Heinrich (1885–1916
⚔), aus Mannheim,
Dr. phil.,
Schriftst. in München (s.
DBJ I,
Tl.;
Kürschner, Lit.-Kal.,
Nekr. 1901-1935).
Leben ↑
S. studierte nach dem Abitur 1906 am humanistischen Gymnasium seiner Vaterstadt Geschichte und Philologie in Heidelberg und Berlin und wurde 1910 bei Hermann Oncken (1869–1945) in Heidelberg mit einer Arbeit über den „Zusammenschluß des politischen Katholizismus in Deutschland im Jahre 1848“ promoviert. Seit 1911 war er im Schuldienst tätig, zunächst in Mannheim, dann nach Kriegsdienst und kurzzeitiger Archivtätigkeit seit 1919 in Karlsruhe. 1922 habilitierte sich
S. mit einer Arbeit über die „Geschichte der Ministerverantwortlichkeit in Baden“ an der
TH Karlsruhe, wo er noch im selben Jahr zum
o. Professor für Geschichte berufen wurde. Im folgenden Jahr erschien als Schulbuch, jedoch schon bald in vielen Auflagen als selbständige Schrift ein „Grundriß“ der „Geschichte der neuesten Zeit“ von 1789 bis 1919.
S. bot hier eine moderne Verbindung von Problem- und Ereignisgeschichte, die das 19.
Jh. aus der Perspektive der Gegenwartserfahrungen betrachtete und bewußt eine historische Neuorientierung in republikanischem und demokratischem Sinn befördern wollte. Nach dem Erfolg dieses Buches bot der Herder-Verlag dem jungen Autor einen Vertrag für eine „
Dt. Geschichte im 19.
Jh.“ an, eine Aufgabe, die seit Heinrich
v. Treitschke im Zeichen der zunehmenden Spezialisierung der Geschichtswissenschaft niemand mehr in Angriff genommen hatte. 1929-37 erschienen vier Bände, bevor die
NS-Zensur die Fortsetzung des bis dahin nur an die Schwelle der Revolution von 1848 gelangten Werkes zum Erliegen brachte.
S. verknüpfte auf neuartige Weise so unterschiedliche Bereiche wie die Geschichte der Wissenschaften und Technik, der Kunst und Literatur, der religiösen Strömungen und der verschiedenen Ausprägungen des nationalen Gedankens. Überzeugt, daß der liberale Gedanke und die bürgerliche Kultur in Geistes- und Lebenswelt nun auch in Mitteleuropa zum Siege gelangen würden, reklamierte
S. die Klassik und den Neuhumanismus sowie die Reformen des Kreises um Humboldt und den Freiherrn vom Stein – dem er 1931 eine Monographie widmete – im 1. Band seiner „
Dt. Geschichte“ (1929,
Nachdr. 1987) für die moderne Welt, für Liberalismus und Demokratie und konkret für die Republik von Weimar, wofür er sogleich von konservativeren Fachgenossen angegriffen wurde. Im 1933 erschienenen 2. Band, der unter dem Titel „Monarchie und Volkssouveränität“ den Auseinandersetzungen zwischen konservativen und liberalen Kräften nach 1815 gewidmet war, hieß es zwar im Vorwort noch hoffnungsvoll: „Die echten Werte der Vergangenheit können vorübergehend verdunkelt, niemals vernichtet werden.“ Aber seine vorzeitige Pensionierung 1936 und die Auseinandersetzung mit der Zensur, die im Publikationsverbot für weitere Bände seiner „
Dt. Geschichte“ endete, dokumentieren, daß die von
S. geschilderte liberale Rechtsstaatsidee in der unmittelbaren Gegenwart keine lebensbestimmen
|de Kraft mehr darstellte. Nachdem 1934/37 noch zwei Bände (
Erfahrungswiss. u. Technik; Die
rel. Kräfte) erscheinen konnten, fiel der 5. Band, der die nationalen Bewegungen vor 1848 zum Thema hatte, der Zensur zum Opfer. Als Pensionär nach 1936 zurückgezogen in Heidelberg lebend, publizierte er lediglich in der Frankfurter Zeitung einige Artikel.
Nach 1945 erschien
S. aufgrund seiner Haltung gegenüber dem
NS-Regime prädestiniert, beim Wiederaufbau des
dt. Bildungswesens eine herausragende Funktion zu übernehmen. Er wirkte als für die Schulen und Universitäten zuständiger „Landesdirektor“ in der provisorischen Regierung des
amerik. besetzten Nordbaden unter Heinrich Köhler (1878–1949), bevor er sich 1947 entschloß, den Ruf an die
Univ. München anzunehmen. Hier war es dem inzwischen 60jährigen erstmals möglich, Fachhistoriker im engeren Sinne auszubilden und sich dank seiner erfolgreichen Vorlesungen weit über die Fachgrenzen hinaus Gehör zu verschaffen. Wissenschaftspolitische und -organisatorische Ämter und Pflichten traten hinzu –
u. a. war
S. 1951-59 Präsident der Historischen Kommission bei der
Bayer. Akademie der Wissenschaften. Es waren dies Jahre höchster öffentlicher Anerkennung, in denen
S. den Eindruck gewinnen konnte, bei der Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung mittels humanistisch gebildeter Eliten mithelfen zu können. In diesem Sinne wandte sich der liberale Demokrat der Weimarer Republik gegen eine Öffnung der Universitäten, plädierte für strenge Auslese und richtete sein wissenschaftliches Interesse bevorzugt auf die Geschichte des Humanismus und dessen spezifischen gesellschaftlichen Ort, den er
v. a. in dem dynamischen und weltzugewandten Bildungsbürgertum der Städte sah. 1962 beantragte
S. seine Emeritierung, blieb jedoch seiner Universität tätig verbunden.
Auszeichnungen ↑
Dr.-
Ing. E. h. (1954);
Dr. rer. pol. h. c. (1957);
korr. Mitgl. d.
Dt. Ak. d. Wiss., Berlin (1947);
o. Mitgl. d.
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. (1947,
Präs. 1951–59), d.
Bayer. Ak. d. Wiss. (1948) u. d.
Ak. d. Wiss. u. d.
Lit. in Mainz (1951);
Ehrenmitgl. d. Historical Association of Great Britain u. d. American Historical Association (1952); Ehrenbürger d. Stadt Mannheim (1954); Ehrensenator d. Wirtsch.hochschule Mannheim (1949) u. d.
TH Karlsruhe (1948); Gr.
BVK (1958);
Bayer. Verdienstorden (1961); Medaille „München leuchtet“ (1963); – Franz-Schnabel-Stiftung (1972).
Werke ↑
Weitere W
Vom Sinn d. geschichtl. Studiums in d. Gegenwart, 1923;
Die kulturelle Bedeutung d. Carl-Theodor-Zeit, in: Mannheimer Gesch.bll. 25, 1924,
Sp. 236-52;
Die Stellung d.
rhein. Pfalz in d.
dt. Gesch.,
ebd. 35, 1934,
Sp. 61-100;
Sigismund
v. Reitzenstein, Der Begründer d.
bad. Staates, 1927;
Ludwig
v. Liebenstein, Ein Gesch.bild aus d. Anfängen d. süddt. Vfg.lebens, 1927;
Dtlds. geschichtl.
Qu. u.
Darst. in d. Neuzeit, T. 1: Das
Za. d.
Ref. 1500-1550, 1931;
Das Problem Bismarck, in: Hochland 42, 1949, S. 1-27;
Der Buchhandel u. d. geistige Aufstieg d. abendländ. Völker, 1951;
Die Idee u. d. Erscheinung, in: Die
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. 1858-1958, 1958, S. 7-69;
Abhh. u. Vorträge 1914-1965,
hg. u.
eingel. v. H. Lutz, Mit e.
Bibliogr. d.
Veröff. F.
S.s
v. K.-E. Lönne, 1970;
|Nachlass ↑
Nachlaß: Bayer. Staatsbibl., München;
Reiss-Engelhorn-
Mus. u.
StadtA Mannheim;
Verlag Herder, Freiburg (Br.) (
Dt. Gesch., 5.
Bd.,
Ms. 1939/40 mit Zensurkommentaren);
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss.Literatur ↑
K. Bosl, in:
Jb. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. 1966, S. 188-93, F. H. Schubert, F.
S. u. d.
Gesch.wiss. d. 20.
Jh., in:
HZ 205, 1967, S. 323-57;
L. Gall, in:
ZGORh 116, 1967, S. 427-39;
ders., in:
Gr. Deutsche III, 1985, S. 143-55
(P);
ders., in:
Bad. Biogrr. NF II;
ders., Der
Hist. d. bürgerl.
Za., F.
S. (1887-1966), in: Mannheimer
Hh., 1988, S. 3-6;
K. E. Lönne, in:
Dt. Historiker IX,
hg. v. H.-U. Wehler, 1982, S. 81-101;
E. Weis.,
Einl. in: F.
S.,
Dt. Gesch. im neunzehnten
Jh., I, 1987,
S. XI-XXXII;
Th. Hertfelder, Historie als Kulturkritik, Zu e. Interpretationsmuster in F.
S.s „
Dt. Gesch. im neunzehnten
Jh.“, in:
HJb. 116, 1996, S. 440-75;
ders., Die Heimat d. Historikers, Zum Heimatbegriff im
hist.-
pol. Denken F.
S.s, in:
ZBLG 61, 1998, S. 427-55;
ders., F.
S. u. d.
dt. Gesch.wiss., 2
Bde., 1998;
P. Bahners, Kritik u. Erneuerung, Der Historismus
b. F.
S., in: Tel Aviver
Jb. f.
dt. Gesch. 25, 1996, S. 117-55;
F.
S.,
Hist., Demokrat,
Päd., Eine andere
Gesch.,
hg. v. C. Rehm, 2002
(Qu, W, L, P);
ders. sowie P. Steinbach, R.-U. Kunze, A. Borgstedt, U. Gradmann, J. Gleitsmann u. M. Kissener, in:
ZGORh 151, 2003, S. 613-705;
F.
S. 1887-1966, Archivische
Dok. zu seinem Wirken in München ab 1947, Ausst.h.
Bayer. HStA 2003
(P);
Munzinger;
LThK3;
Killy;
BBKL.
Portraits ↑
Öl/Lwd.
v. Oskar Hagemann, 1928 (München,
Hist. Komm. b. d.
Bayer. Ak. d. Wiss.),
Abb. in
Ak. aktuell 04/2006, H. 19, S. 51.
Autor ↑
Lothar GallEmpfohlene Zitierweise ↑
Gall, Lothar, „Schnabel, Franz Bernhard Gerhard“,
in: Neue Deutsche Biographie
23
(2007), S.
273-274
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118758578.html