<< Schirmacher, Käthe
Schirmer, David >>
Schirmbeck, Heinrich Wilhelm
Schriftsteller, Publizist,
* 23.2.1915 Recklinghausen,
† 4.7.2005 Darmstadt,
⚰ Darmstadt, Alter Friedhof. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Nachlass
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Heinrich (1891–1917
⚔), Reichsbahn
angest.;
M
Elise Gräbe (1892–1984);
⚭ 1) 1940
⚮ 1955 ); ⚭ 1) 1940 ⚮ 1955
Ursula Possekel (
* 1921), 2) 1956
⚮ 1957 ), 2) 1956 ⚮ 1957
Ilse Weber, 3) 1966
⚮ 1967 , 3) 1966 ⚮ 1967
Evelyne Roßberg, 4) 2004
Helga Willuweit (
* 1943), Künstlerin in
D.; 3
S aus 1)
Samuel (
* 1941), Rundfunk- u. Fernsehjournalist,
Peter (
* 1943),
Mus.leiter in Rüsselsheim,
Christian (
* 1948), Lehrer in Frankfurt/
M., 1
T aus 1)
Lucinde (
* 1953),
Klavierpäd., 1
außerehel. T
Katja Josephine (
* 1969) aus Verbindung mit Evelyne Roßberg (
s. o.).
Leben ↑
S. wuchs im Zechen- und Arbeiterviertel Recklinghausen-Süd auf, wo er seit 1925 die Realschule, seit 1931 die Oberrealschule besuchte. In seiner Schulzeit engagierte er sich in den Jugendgruppen der
SPD und des Reichsbanners, weswegen er nach seinem Abitur 1934 nicht zum Studium zugelassen wurde. 1935-37 absolvierte er eine Buchhändlerlehre in einer
med. Fachbuchhandlung in Frankfurt/M. Anschließend war er – mit Unterbrechung durch den Reichsarbeitsdienst – in verschiedenen
dt. Sortimenten und Verlagen tätig (
u. a. Akad. Verlagsges. Athenaion, Potsdam,
u. Ullstein-Verlag, Berlin). 1939 wurde er Werbeleiter der „Frankfurter Zeitung“, für deren Feuilleton er bis zum Verbot der Zeitung 1943 regelmäßig Erzählungen und kleinere Prosastücke schrieb. In diesen Jahren entstand auch die freundschaftliche Beziehung zu Hermann Kasack (1896–1966) und Peter Suhrkamp (1891–1959), der in der „Neuen Rundschau“
S.s erste größere Novellen und Essays veröffentlichte. 1940 zur Wehrmacht eingezogen, geriet
S. 1945 in
amerik. Kriegsgefangenschaft. Nach der Freilassung war er 1946-50 Redakteur des Feuilletons der „
Schwäb. Zeitung“ in Leutkirch und gleichzeitig Mitarbeiter der „
Bad. Zeitung“ in Freiburg. 1950 wechselte er als Werbeleiter zur „
Dt. Zeitung und Wirtschaftszeitung“ nach Stuttgart, 1951 wurde er Werbeleiter der „Frankfurter Illustrierten“. Seit 1952 arbeitete
S. als freier Schriftsteller und Rundfunkautor. 1955-67 lebte er in Frankfurt/M., danach im Künstlerviertel Park Rosenhöhe in Darmstadt.
1944 debütierte
S. mit der Novellensammlung „Die Fechtbrüder“ (
Neuausg. 1995), in der sich bereits seine besondere Fähigkeit zeigt, Alltäglich-Rationales mit Magisch-Mystischem zu verbinden, eine Fähigkeit, die noch stärker in den 16 Nocturnos und Capriccios aus dem Band „Das Spiegellabyrinth“ (1948) zur Geltung kommt. Immer wieder mit den Novellen Tiecks, Kleists, Poes und E. T. A. Hoffmanns verglichen, waren diese Erzählungen deutlich inspiriert von ro
|mantischer Naturphilosophie. Wissenschaftliche und philosophische Fragen griff
S. 1957 in seinem literarischen Hauptwerk, dem Roman „Ärgert dich dein rechtes Auge“ (
engl. Übers. 1960,
Neuausg. mit
e. Nachw. v. K. Deschner, 2005) wieder auf, jetzt allerdings auch bezogen auf zeitgenössische Entwicklungen im Bereich der Naturwissenschaften, wie Kybernetik und Atomphysik. Nachdem seinem zweiten Roman „Der junge Leutnant Nikolai“ (1958,
Neuausg. 1969) kein größerer Erfolg beschieden war, wandte sich
S. dem Essay zu. Es entstanden zwei seiner größten Bucherfolge, „Die Formel und die Sinnlichkeit" (1964), Aufsätze zu einer „Poetik im Atomzeitalter“, und „Ihr werdet sein wie Götter“ (1966), Studien zum Thema Mensch und biologische Revolution. Ende der 1960er Jahre zog sich
S. fast völlig aus dem literarischen Leben zurück und veröffentlichte Studien zu friedens-, sozial- und energiepolitischen Themen (Für
e. Welt
d. Hoffnung, 1988). Außerdem verfaßte er mehr als 250
z. T. vieldiskutierte Rundfunksendungen zu aktuellen Entwicklungen in Wissenschaft, Literatur, Politik und Gesellschaft.
S. trat nach dem Krieg gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ein und engagierte sich in der Anti-Atom- und Friedensbewegung sowie im publizistischen Kampf gegen beide Irak-Kriege. Er wurde als einer der „Kirchenväter der Friedensbewegung“ (R. Vollmann) bezeichnet.
S. war ein streitbarer Intellektueller, der sein Engagement als Dienst an der Gesellschaft verstand und dessen anspruchsvolles, formal jedoch eher traditionsgebundenes literarisches Werk immer wieder ein zentrales Thema umkreist: den Konflikt des modernen Menschen zwischen ungehemmtem Erkenntnisstreben und ethisch-politischer Verantwortung.
Auszeichnungen ↑
Gr. Lit.preis d.
Ak. d. Wiss. u. d.
Lit. Mainz (1950); Förderpreis
z. Immermann-Preis d. Stadt Düsseldorf (1961); Johann-Heinrich-Merck-Ehrung d. Stadt Darmstadt (1980); Gr. Stadtplakette d. Stadt Recklinghausen (1991); Goethe-Plakette d. Stadt Frankfurt/M. (1995);
Mitgl. d.
Dt. PEN-Zentrums (1959), d.
Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung in Darmstadt (1962), d.
Ak. d. Wiss. u. d.
Lit. in Mainz (1964) u. d. Akad. Rates d. Humboldt-
Ges. (1969).
Werke ↑
Weitere W
Gefährl. Täuschungen,
Erz., 1947;
Die Nacht vor d. Duell,
Erzz., 1964;
Vom Elend d.
Lit. im
Za. d.
Wiss., 1967;
Aurora, Frühe
Erzz., 1968;
Träume u. Kristalle, Phantast.
Erzz., 1968;
Die moderne
Lit. u. d. Erziehung
z. Frieden, 1970;
Tänze u. Ekstasen,
Erzz., 1973;
Schönheit u. Schrecken, Zum Humanismusproblem in d. modernen
Lit., 1977;
Die Pirouette d. Elektrons,
Erzz., mit e. Nachw.
v. R. Jungk, 1980,
Neuausg. 2005;
Gesang im elektr. Stuhl,
Erzz.,
hg. v. R. Stolz, 1995;
Ein Leben f. d. Zukunft, Ein Lesebuch,
hg. v. W. Burghardt, 1995;
Die Angst d. Ödipus, Zum
soz.-eth. Defizit d. Moderne,
hg. v. G. Funk, 1996;
Gestalten u. Perspektiven, Essays, Porträts u. Reflexionen aus fünf J.zehnten,
hg. v. G. Funk. 2000
(P);
Der Kris, Novelle,
hg. v. G. Funk, 2005;
|Nachlass ↑
Nachlaß: StadtA Recklinghausen;
Privatbes. H. Willuweit, Darmstadt.
Literatur ↑
K. A. Horst u. F. Usinger (
Hg.),
Lit. u.
Wiss., Das Werk H.
S.s, Krit.
Btrr., 1968;
W. Burghardt, H.
S., ein
gr. Erzähler d. Gegenwart, in: Vest.
Kal. 1971, S. 29-35;
ders., Ithaka
zw. Emscher u. Lippe, Zum Tod H.
S.s,
ebd. 2006, S. 18-24;
R. Jungk, Seine Zukunft hat erst begonnen, in: scala
internat. 2, 1980, S. 40 f.;
J. Dolezal, Phantastik,
Wiss. u. Science Fiction im Werk
v. H.
S., in: Quarber Merkur 66, 1986, S. 19-25;
R. Stolz (
Hg.), Orpheus im Laboratorium, Stimmen
z. Werk, 1995;
G. Funk, Die Formel u. d. Sinnlichkeit, Das Werk H.
S.s, 1997
(W, L);
ders., Im Labyrinth d. Spiegelungen, H.
S. als phantast. Erzähler, 2001
(W);
C. L. Appl, H.
S. and the Two Cultures, 1998;
H. L. Arnold, Romantiker in gläserner Welt, in: Frankfurter
Rdsch. v. 9.7.2005;
R. Vollmann, Der Wortmaler d. metaphys. Lichts, in: Die Zeit
v. 21.7.2005;
Kosch, Lit.-Lex.3 (W);
Killy;
Munzinger.
Portraits ↑
Ölgem. v. Ecka Possekel,
geb. Oelsner, um 1940 (
DLA Marbach),
Abb. in: H.
S., Gestalten u. Perspektiven, 2000 (Frontispiz).
Autor ↑
Gerald FunkEmpfohlene Zitierweise ↑
Funk, Gerald, „Schirmbeck, Heinrich Wilhelm“,
in: Neue Deutsche Biographie
23
(2007), S.
6-7
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118755145.html