<< Der südliche StammSchilling von Canstatt
Schilling, Johannes >>
Schilling von Canstadt, Paul| Freiherr|
Ingenieur, Orientalist, Druckpionier,
* 5./16.4.1786 Reval,
† 25.7./6.8.1837 Sankt Petersburg.
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Ludwig (1753–97),
russ. Oberst, Führer d. Nizov-Musketier-
Rgt., zuletzt in Kasan,
S d. Karl Friedrich (1697–1754), auf Thalheim,
württ. Geh. Rat, Oberhofmarschall, Obervogt
v. Heidenheim, u. d. Regina Luisa Bernerdin zum Permthurn (1718–67);
M Katharina Charlotte
v. Schilling (
† 1767,
⚭ 2] Karl
Frhr. v. Bühler, 1749–1811,
russ. Dipl., 1802-05 Gesandter am
RT zu Regensburg,
Geh. Rat, s.
L);
B Alexander (
* 1787),
russ. Gen.; – ledig.
Leben ↑
S. kam bereits mit sieben Jahren als Fähnrich ins Nizov-Musketier-
Rgt. seines Vaters, 1797 ins 1. Kadettenkorps. 1802 als Unterleutnant der Suite des Zaren im Quartiermeisterbereich (später: Generalstab) entlassen, wurde er als Übersetzer (X. Rangklasse) ins Außenministerium und 1803 an die
russ. Gesandtschaft in München, der sein Stiefvater, Karl
Frhr. v. Bühler, vorstand, versetzt. Dort erhielt er entscheidende Anregungen von dem Anatomen und Physiologen Samuel Thomas Sömmerring (1755–1830), an dessen Experimenten zur elektrischen Signalübertragung er sich beteiligte. 1812 abberufen, baute er Unterwassersprengsätze, die er in der Neva elektrisch zündete, und entwickelte neue Isolierungen für Unterwasserkabel. 1813-14 nahm er am Feldzug gegen Napoleon teil.
Da
S. die Vorteile der Lithographie für die Verwaltungsvorgänge erkannte, wurde er nochmals nach München entsandt, um dieses Druckverfahren zu studieren. 1818 entstand unter seiner Leitung die erste lithographische Anstalt in Rußland. Aus Interesse an fremden Sprachen und Schriften setzte er dieses Verfahren für den Druck orientalischer Texte in vorher nicht gekannter Qualität ein. Der Druck des
chines. Sanzijing („Dreizeichenklassiker“) fiel 1819 so vorzüglich aus, daß er dem der Pekinger Hofdruckerei nicht nachstand. 1828 zum
Wirkl. Staatsrat ernannt, wurde
S. 1830 für 18 Monate auf eine Dienstreise nach Sibirien gesandt, um die Verhältnisse an der
chines. Grenze zu studieren. Dort beschäftigte er sich mit den
ostasiat. Sprachen und stellte wertvolle Sammlungen von Büchern und Ethnographica zusammen. Bei seinen Arbeiten wurde
S. von dem Sinologen, P. Hyazinth (
russ. Iakinf, weltl. Nikita Bičurin, 1770-1853) unterstützt. Als Orientalist und Sprachkenner pflegte er vielfältige Kontakte, etwa mit Julius Klaproth (1783–1835) in Paris und August Wilhelm
v. Schlegel (1767–1845) in Bonn. Obwohl er auf diesem Gebiet nicht publizistisch hervortrat, erwies er sich vielfach als Impulsgeber, so im Bereich der tibet. Studien.
Nach seiner Rückkehr aus Sibirien 1832 konstruierte
S. einen elektromagnetischen Telegraphen auf der Basis der Experimente André-Marie Ampères (1775–1836), den er 1833 Zar Nikolaus I. und 1835 der wissenschaftlichen Welt bei der Naturforscher-Tagung in Bonn vorstellte. Dieser erste Telegraph seiner Art wurde von Georg Wilhelm Muncke (1772–1847) beschrieben und von den Engländern George L. Cooke (1780–1853) und Charles Wheatstone (1802–75) weiterentwickelt, so daß sie verschiedentlich als Erfinder angesehen wurden. Der Bau einer Telegraphenleitung zwischen Peterhof und Kronstadt wurde 1837 genehmigt, aber wegen
S.s Tod nicht realisiert. Seine Leistungen gerieten in Vergessenheit und wurden erst 1886 anläßlich der Feier seines 100. Geburtstags in der
Ksl.-Russ. Technischen Gesellschaft wieder herausgestellt.
S.s Büchersammlungen gehören zum Grundstock des Instituts für Orientalistik der
Russ. Akademie der Wissenschaften (
St. Petersburg), wo auch ein Teil seines Nachlasses liegt. Eine
mongol. und
tibet. Sammlung schenkte
S. dem Institut de France.
|Auszeichnungen ↑
Orden d.
Hl. Vladimir (1814); Orden d.
Hl. Stanislaus II.
Kl. (1832).
Werke ↑
Lithographierte
Ausgg. d. Daxue u. Zhongyong, 1823 (
chines.);
Faks. uigur. Sendschreiben,
o. J. (chin. u. uigur.);
Musei ejen Isus heristos-i tutabuha Ice hese, 1822 (mandschur.
Übers. d.
NT,
gedr. mit
v. S. erstellten Typen);
Index des Kandjur, 1845;
Bibliothèque bouddhique ou Index du Gandjour de Narthang, in:
Bull. de la classe des sciences historiques, philologiques et politiques de l'
Ac. impériale des sciences de Saint-Pétersbourg 4, 1848, S. 321-39;
– Briefwechsel mit P.
S. v. C., in: Julius Klaproth, Briefwechsel mit Gelehrten, großenteils aus d. Ak.archiv in
St. Petersburg, 2002, S. 13-42.
Literatur ↑
V. Aschoff, P.
S. v. C. u. d.
Gesch. d. elektromagnet. Telegraphen, in:
Dt. Mus.,
Abhh. u.
Berr. 44, 1976,
Nr. 3;
H. Walravens, in: Zur
Gesch. d. Ostasien
wiss. in Europa, 1999, S. 85-100;
A. V. Jarockij, O dejatel'nosti P. L. Šillinga kak vostokoveda, in: Očerki po istorii russkogo vostokovedenija 6, 1963, S. 218-53;
Baron
S. als Gottheit unter d. Lama's, in: Archiv f.
wiss. Kunde
v. Rußland 7, 1849, S. 192-02;
J. Bacot, La collection tibétaine
S. v. C. à la Bibliothèque de l'
Inst., in: Journal asiatique 205, 1924, S. 321-48;
L. Ligeti, La collection mongole
S. v. C. è la
Bibl. de l'
Inst., in: T'oung Pao 27, 1930, S. 119-78;
L. I. Čuguevskij, Iz istorii izdanija vostoènych tekstov v Rossii v pervoj četverty XIX
v., in: Strany i narody Vostoka 11, 1971, S. 280-94;
–
|zu Karl Frhr. v. Bühler:
G. Hetzer, Zw. Newa u. Isar, Blick auf
bayer.-
russ. Beziehungen im 19.
Jh.,
Ausst.kat. d.
Bayer. HStA, 2003, S. 70 f.;
HBLS.
Autor ↑
Haxtmut WalravensEmpfohlene Zitierweise ↑
Walravens, Hartmut, „Schilling von Canstadt, Paul Freiherr“,
in: Neue Deutsche Biographie
22
(2005), S.
768-769
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118607685.html