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Schieder, Theodor

Historiker, * 11.4.1908 Oettingen (Kreis Nördlingen), 8.10.1984 Köln. (evangelisch)


GenealogieLebenAuszeichnungenWerkeLiteraturPortraitsNachlassAutorZitierweise

Genealogie  
Aus ursprüngl. oberpfälz., seit 1599 in Gossenreuth b. Neustadt/Waldnaab nachweisbarer Fam., aus d. bayer. Beamte u. Juristen hervorgingen; V Heinrich (1870–1953), aus Memmingen, Notar in O. u. in Kempten (Allgäu), S d. Klemens (1825–1902), aus Regensburg, Oberlandesger.dir. in München, u. d. Henriette Hügel (1846–96), aus Sulzbach (Oberpfalz); M Margarete (1886–1956), aus Nürnberg, T d. Georg Autenrieth (1833–1900), Dr. phil., klass. Philol., Oberstudiendir. in Zweibrücken (Pfalz), zuletzt Rektor d. Alten (Melanchthon-)Gymnasiums in Nürnberg, Hg. d. Wb. zu d. homer. Gedichten, 51887, Mitgl. d. bayer. Schulrats, 1878 bayer. Verdienstorden v. Hl. Michael I. Kl. (s. L), u. d. Maria Kleemann (1853–1925), aus Erlangen; Ellerwald (Kr. Elbing) 1934 Eva (1910–98), Studienrätin, dann Hausfrau, T d. Otto Rogalsky u. d. Margarete Kämmer (1887–1971); 3 S Wolfgang (* 1935), Dr. phil., Prof. f. Neuere u. Neueste Gesch. in Trier u. K. (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2003; L), Otto (1938–98), Dr. rer. nat., Prof. f. Biol. in Berlin (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1996), Rudolf (* 1943), Dr. rer. nat., Prof. f. Physik in K. (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2003), 1 T Margarete van Oordt (* 1940), Dr., Leiterin d. Präsidialabt. in d. Verw. d. Univ. Trier.

Leben  
S. studierte nach der Gymnasialzeit am ev. St. Anna-Gymnasium in Augsburg seit 1926 in München und Berlin Geschichte, Germanistik und Geographie. Schon früh engagierte er sich als Mitglied der „Dt.akademischen Gildenschaft“ in der bündischen Jugend, deren Kritik an Weimar und Versailler Vertrag er ebenso teilte wie deren Vorstellung, Deutschland müsse sich politisch und gesellschaftlich im Geist der Volksgemeinschaft erneuern. Nach seiner Münchener Promotion 1933 über „Die kleindt. Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Einheit 1863-1871“ (1936) bei Karl Alexander v. Müller (1882–1964) suchte S. Kontakt zu Hans Rothfels (1891–1976) in Königsberg, der aus den gleichen Vorstellungen heraus für eine territoriale und gesellschaftliche Neuordnung Ostmitteleuropas eintrat. Obwohl Rothfels gegen den ausdrücklichen Protest auch seiner nationalsozialistischen Studenten aufgrund seiner jüd. Herkunft 1934 aus seinem Königsberger Lehramt entlassen wurde, wirkte der Kreis um ihn, zu dem u. a. Werner Conze (1910–86) und Rudolf Craemer (1903–41) zählten und dem sich S. anschloß, in seinem Geiste weiter. Im April 1935 wurde S. mit dem Aufbau und der Leitung einer vom Preuß. Geh. Staatsarchiv (Berlin) betreuten „Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte“ mit Sitz in Königsberg betraut. In dieser Funktion, die er, seit 1937 Mitglied der NSDAP, bis|1940 wahrnahm, beschäftigten er und seine Mitarbeiter sich insbesondere mit Fragen des „Grenzlanddeutschtums“, seiner Zusammensetzung und seinen geographischen Schwerpunkten sowie den ethnischen Auseinandersetzungen in diesem Raum, v. a. in Posen, in Ost- und Westpreußen und im Baltikum im 20. Jh. Hieraus entstand, zeitlich weit zurückgreifend, seine Habilitationsschrift (Dt. Geist u. ständ. Freiheit im Weichselland, Pol. Ideen u. pol. Schr.tum in Westpreußen von d. Lubliner Union bis zu d. poln. Teilungen [1569-1772/73], 1940), die er 1939 der Philosophischen Fakultät der Univ. Königsberg einreichte. In diesem Zusammenhang ist auch seine Mitwirkung an der Erörterung aktueller Fragen der Grenzziehung und der damit ins Auge gefaßten territorialen Neuordnung Ostmitteleuropas zu sehen, die in dem Entwurf einer – erst Anfang der 1990er Jahre bekannt gewordenen – Denkschrift vom 7.10.1939 gipfelte. Hierin befürwortete S. nicht nur eine weitgehenden Germanisierung gemischtnationaler Gebiete, die wieder an das Dt. Reich kommen sollten, sondern auch eine „Entjudung Restpolens“, des späteren Generalgouvernements. Im Sommer 1942 wurde S. als Nachfolger Kurt v. Raumers (1900–82) auf den ehemaligen Lehrstuhl von Hans Rothfels berufen und bereits ein Jahr später zum Dekan gewählt.
Anfang 1948 an die Univ. zu Köln berufen (1952-54 Dekan, 1962-64 Rektor), nahm S. seine Verstrickungen in das NS-System als Anstoß zu einem tiefgreifenden Umdenkungsprozeß, der zugleich die Grundlage bildete für sein weiteres wissenschaftliches Werk und eine erfolgreiche zweite Karriere. Der Nationalstaat und der Nationalismus, auch die nationalen Konflikte bis hin zu den Vertreibungen des 20. Jh. blieben sein Thema, das er nun auf europ. Ebene behandelte. Hinzu traten methodische Fragen und grundsätzliche Überlegungen zu den zentralen Gegenständen der historischen Erkenntnis und des historischen Prozesses. Das Typische und der Typus beschäftigten ihn jetzt im Anschluß an Max Weber (1864–1920) und Otto Hintze (1861–1940), die er für die dt. Geschichtswissenschaft entdeckte, und damit zugleich das Verhältnis zwischen historisch-genetischer und generalisierend-typisierender Betrachtungsweise. Zwar beharrte er mit Jacob Burckhardt (1818–97), der für ihn nach 1945 zu einer geistigen und moralischen Leitfigur wurde, auf dem Grundsatz, Gegenstand, „Ausgangspunkt“ und „Zentrum“ aller geschichtlichen Erkenntnis sei der „duldende, strebende und handelnde Mensch“. Aber er sah sie bestimmt von übergreifenden Zusammenhängen, deren Identifizierung, genaue Beschreibung und Analyse von einem Standpunkt der inneren Distanz aus Hauptaufgabe des Historikers sei. In diesem Sinne betrachtete er die Geschichte des Liberalismus vor dem Hintergrund des sich wandelnden Verhältnisses von politischer und gesellschaftlicher Verfassung, die Struktur und Entwicklung des Parteiwesens in der neueren Geschichte, die Wandlungen der Grundlagen und der Reichweite des modernen Staates, die Rolle und Bedeutung von Revolutionen und immer wieder die Probleme des Nationalismus und des Nationalstaates. Mit dem „Handbuch der europ. Geschichte“ (7 Bde., 1968–87) regte er große zusammenfassende Darstellungen der Geschichte des europ. Kontinents an, die zugleich weit in den außereurop. Raum hinausgriffen, und verfaßte selbst die beiden umfangreichen einleitenden Abschnitte über die Epoche zwischen 1870 und 1914 und über die Zeit seit dem 1. Weltkrieg. Dem schloß sich ein großes Werk im Rahmen der Propyläen-Geschichte Europas über die 2. Hälfte des 19. Jh. an (Staatensystem als Vormacht d. Welt 1848-1918, 1977). 1983 veröffentlichte eine Biographie Friedrichs d. Gr., die mit dem Untertitel „Ein Königtum der Widersprüche“ die Ambivalenzen Friedrichs und seines Staates darstellte und kritisch analysierte, das Ganze einfügend in ein auf zentrale Probleme der Zeit konzentriertes Bild der Epoche.
Diese breite, viele Bereiche einbeziehende und zahlreiche Anstöße vermittelnde Dimension seiner wissenschaftlichen Arbeit bildete die Grundlage für eine überaus erfolgreiche wissenschaftliche Karriere und ließ ihn zu einer zentralen Figur der dt. Geschichtswissenschaft werden – nicht zuletzt über seine zahlreichen Schüler, denen er mit großer Liberalität begegnete|

Auszeichnungen  
Mitgl. d. Rhein.-Westfäl. Ak. d. Wiss. (1954, Präs. 1978/79), d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1964), d. Mainzer Ak. d. Wiss. u. Lit. u. d. Dän. Ak. d. Wiss.; Präs. d. Hist. Komm. b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1964–84); Vors. d. Verbandes d. Historiker Dtld.s (1967–72); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1971); Vors. d. Kuratoriums d. Hist. Kollegs, München (1978–84); Gr. BVK mit Stern (1972).

Werke  
Weitere W Faschismus u. Imperium, in: M. Seidlmayer (Hg.), Gesch. d. ital. Volkes u. Staates, 1940, S. 467 ff.; Staat u. Ges. im Wandel unserer Zeit, Stud. z. Gesch. d. 19. u. 20. Jh., 1958; Das dt. Ks.reich von 1871 als Nationalstaat, 1961; Begegnungen mit d. Gesch., 1962; Gesch. als Wiss., Eine Einf., 1965; Typol. u. Erscheinungsformen d. Na|tionalstaats in Europa, in: HZ 202, 1966, S. 58 ff.; Europa im Za. d. Nationalstaaten u. europ. Weltpol. bis zum 1. Weltkrieg (1870–1918), in: ders. (Hg.), Hdb. d. Europ. Gesch. 6, 1968, S. 1-196; Europa im Za. d. Weltmächte, ebd. 7/1 u. 2, 1979, S. 1-351; Vom Dt. Bund z. Dt. Reich (1815–1871), in: B. Gebhardt (Hg.), Hdb. d. dt. Gesch. 3, 91970, S. 97 ff.; Das Reich unter d. Führung Bismarcks, 1871–1890, in: P. Rassow, fortgef. v. T. S. (Hg.), Dt. Gesch. im Überblick, 1973, S. 528 ff.; Die Probleme d. Rapallo-Vertrags, Eine Studie über d. dt.russ. Beziehungen 1922-1926, 1976; Einsichten in d. Gesch., Essay, 1980; – Hg.: Dokumentation d. Vertreibung d. Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, 1954-61; Mithg.: HZ (1957–84); – Vollst. Verz. d. Schrr. u. Edd. bis 1978, zus.gestellt v. P. Alter, in: Vom Staat d. Ancien Regime z. modernen Parteienstaat, FS f. T. S., 1978, S. 505-18; dass. 1978-84 mit einigen weiteren Ergänzungen zus.gestellt v. L. Kramer, in: Vom Beruf d. Hist. in e. Zeit beschleunigten Wandels. Gedenkschr. f. T. S., 1985, S. 61-64; |

Nachlass  
Nachlaß: BA, Berlin.

Literatur  
Pol. Ideologien u. nat.staatl. Ordnung, FS f. T. S., hg. v. K. Kluxen u. W. J. Mommsen, 1968; W. Bußmann, Ein Hist. europ. Gesch., in: T. S. z. 75. Geb.tag, Akad. Festveranstaltung in d. Univ. zu Köln am 16. April 1983, 1983, S. 38-48; ders., in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1985, S. 228-31 (P); K. D. Erdmann, in: GWU 35, 1984, S. 815-18; K. E. Born, in: Jb. d. Ak. d. Wiss. u. d. Lit. [Mainz] 1984, S. 96-98; M. Broszat, in: VfZ 32, 1984, S. 689 ff.; L. Gall, in: HZ 241, 1985, S. 1-25; A. Hillgruber (Hg.), Vom Beruf d. Hist. in e. Zeit beschleunigten Wandels. Gedenkschr. f. T. S., 1985 (darin: W. Conze, Die Königsberger Jahre, S. 23-31, u. W. J.Mommsen, Das historiograph. Werk T. S.s, S. 33-59), erneut in: VfZ 33, 1985, S. 387-405; H. U. Wehler, in: Gesch. u. Ges. 11, 1985, S. 143-53; J. Rüsen, Continuity, innovation, and self-reflection in late historicism, T. S. (1908-1984), in: Paths of Continuity, Central European historiography from the 1930s to the 1950s, 1994, S. 353-88; W. Weber, Biogr. Lex. z. Gesch.wiss., 21987; W. Schulze u. O. G. Oexle (Hg.), Dt. Historiker im NS, 1999; Historikerlex.; Wolfgang Schieder, in: Rieser Biogrr. (P); Augsburger Stadtlex.; Altpreuß. Biogr. IV; Munzinger; – zu Georg Autenrieth: W. Pökel, Philol. Schrift.-Lex., 1882; BI V, Tl.; Bursian-BJ 107, 1900, S. 153-84; Fränkische Lebensbilder I, 1919, S. 11-13; Berühmte Nürnberger: Stadtlex. Nürnberg.

Portraits  
T. S. als Rektor d. Univ. Köln, Ölgem. v. H. J. Kallmann (Köln, Univ.).

Autor  
Lothar Gall
Empfohlene Zitierweise  

Gall, Lothar, „Schieder, Theodor“, in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 732-734 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118607472.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 22 (2005), S. 732-734

PND: 118607472
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Index

Schieder, Theodor

Name: Schieder, Theodor
Lebensdaten: 1908 bis 1984
Geburtsort: Oettingen (Kreis Nördlingen)
Sterbeort: Köln
Beruf/Lebensstellung: Historiker
Konfession: evangelisch
Autor NDB: Gall, Lothar
PND: 118607472

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Schieder, Theodor

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