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Anton Ulrich
Leben
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Leben ↑
Anton Ulrich, Herzog zu
Sachsen-Meiningen, geb. 22. Oct. 1687 und † 27. Januar 1763, war ein Enkel Herzog
Ernst's des Frommen zu S.-Gotha und der jüngste Sohn des Herzogs
Bernhard I., der nach den
Verträgen vom 9. Febr. 1680 und vom 8. Juni 1681 aus der mit
seinen 6 Brüdern getheilten gothaischen Erbmasse das Herzogthum
S.-Meiningen, damals 12½, heute 44,97 M. groß, zu
seinem Antheil erhielt und die noch blühende Linie des Hauses
S.-Meiningen gründete. So verständig und wohlthätig die Regierung
des ersten Regenten dieses Fürstenhauses war, so traurig wurde für
das Ländchen die seiner drei Söhne Ernst Ludwig, Friedrich Wilhelm
und Anton Ulrich, von denen die beiden ersten aus seiner ersten,
der dritte aus seiner zweiten Ehe stammten. Die erste und nicht
geringste Schuld an dieser unglücklichsten Periode in der
Geschichte des Meininger Landes trug der älteste der drei Brüder.
Nach dem Testament, welches ihr vorsichtiger Vater kurz vor seinem
Tode (1706) errichtet hatte, sollte das für eine Theilung zu
kleine Land von seinen Söhnen in friedlicher Gemeinschaft regiert
werden, jedoch diese väterliche Bestimmung entsprach nicht den
Wünschen und Zielen des ältesten Sohnes. Die unbeschränkte
Alleinregierung für sich und seine Nachkommen im Auge, schloß
derselbe sofort nach dem Tode seines Vaters mit seinen Brüdern
einen für ihn günstigen Receß, worin sie ihm die Regierung in
ihrem Namen überließen. Dies der erste Schritt zu dem, was er
anstrebte. Der zweite hatte zum Ziel die Einführung der
Primogenitur für sich und seine leiblichen Nachkommen und die
Ausschließung seines Stiefbruders von jeglichen
Regierungsansprüchen. Zur Erreichung seiner Ziele reizten und
unterstützten ihn außerdem seine zweite, an hochfürstliche Pracht
und Macht gewöhnte Gemahlin, die Willenlosigkeit seines zweiten,
die sog. Mißheirath seines dritten Bruders und eine gewinnsüchtige
Clique von Räthen und Hofleuten. Gegen diese Bestrebungen tritt
nun Herzog Anton Ulrich auf den Kampfplatz, seine Gerechtsamen mit
Geist und Nachdruck vertheidigend. Am Schlusse der langen Kämpfe
ist sein der Sieg, indem eine höhere Fügung seine Brüder und
Neffen und all ihr Geplantes vom Schauplatz verdrängt und ihn zum
glücklichen Fortpflanzer des Hauses S.-Meiningen macht.
"Mein Ulrich wird die Säule meines Hauses werden", hatte Herzog
Bernhard I. auf seinem Todtenbette
ausgerufen. In dieser Prophezeiung des frommen Vaters lag Zeugniß
und Freude über die gediegene Entwickelung seines jüngsten Sohnes,
der damals 18 Jahre zählte, eine glückliche Jugend verlebt und
unter der Leitung charakterfester Männer gründliche Bildung und
kernhafte Gesinnung gewonnen hatte. Kurz vor dem Tode seines
Vaters hatte
A.
U. Holland und England besucht, bald darauf unternahm
er eine Reise nach der Schweiz und nach Italien, trat Ende 1707 in
Kriegsdienste, gab indeß bereits 1711 als Generalmajor die
kriegerische Laufbahn auf, um sich in Holland mit Philippine
Elisabeth Cäsar, der jüngsten Tochter des katholischen Hauptmannes
David Cäsar, zu verbinden. Das einige Jahre bewahrte Geheimniß
dieser Ehe brach er nothgedrungen, sobald ihm mehrere Kinder
geboren waren. Er forderte nun von Holland aus seinen vollen
gesetzlichen, seither beschnittenen Antheil an den Einkünften des
Landes und unbehinderte Rückkehr mit seiner Familie nach
Meiningen. Indeß nach keiner Seite fand er Erhörung, mußte
vielmehr vernehmen, daß man seine Rechte antastete und die Kinder
seiner Ehe von Hof, Land und Rang ausschloß. Dies zwang ihn,
persönlich in Meiningen für seine Gerechtsamen und für die Ehre
seiner Familie einzutreten. Hier aber wurde er von seinen Brüdern
und deren Räthen nicht allein in seinem fürstlichen Rang und Recht
beschränkt und geschädigt, sondern auch den empörendsten
Kränkungen ausgesetzt. Zugleich mußte er erfahren, daß man die ihm
ergebenen Beamten zurücksetzte und deren Frauen am Hof degradirte
und daß selbst seine Mutter Elisabeth Eleonore, aus dem Hause
Braunschweig-Wolfenbüttel, als Dichterin geistlicher Lieder
bekannt, sich aus Haß gegen seine Heirath auf die Seite seiner
Gegner stellte. Als er sich hierdurch gleichsam am eigenen Leben
angegriffen sah, wuchs seine Entschlossenheit der
Selbstvertheidigung zur unbeugsamen Stärke. In diesem Kampfe
|stand treu und fest zu ihm mit Rath, Geld und Fürsprache
seine älteste Schwester Elisabeth Ernest. Antoinette, Aebtissin
von Gandersheim, die in ihrer Jugend als die herrlichste aller
Fürstentöchter Deutschlands galt und für Kaiser- und Königskronen
ausersehen war. Ihrem Einflusse und seinen beharrlichen
energischen Bemühungen gelang es, daß die von seinem ältesten
Bruder († 1724) eingeführte Primogenitur
auf dessen Söhne beschränkt, daß seine bürgerliche Gemahlin sammt
ihren Kindern im J. 1727 in den Fürstenstand erhoben, daß ihm die
von S.-Gotha angemaßte Mitvormundschaft über seine Neffen
zuerkannt und daß seine Mitregierung des Landes sanctionirt wurde;
dagegen gelang ihm weder die feindselige Stimmung seiner
Mitregenten und deren ungerechte Verwaltung zu beseitigen noch ein
friedliches Asyl in seinem Fürstenthum zu gewinnen. Tief schmerzte
ihn seine Verdrängung aus seinem Erblande und tief dessen
jammervoller Zustand, am tiefsten jedoch kränkte ihn bei dem Tode
seiner Gemahlin die ihrem Leichname verweigerte Beisetzung im
fürstlichen Erbbegräbniß zu Meiningen, selbst tiefer noch als die
unmittelbar darauf erfolgte, durch seine Agnaten bewirkte
kaiserliche Entscheidung, welche die Standeserhöhung der
Verstorbenen und ihrer Kinder für nichtig erklärte. In diesem
bittern Gefühl behandelte er nach dem Tode seines Bruders
Friedrich Wilhelm dessen Leichnam in gleicher Weise, wie dem
seiner schuldlosen Gemahlin geschehen war.
Im J. 1744 wurde
A.
U. Wittwer und 1746 Alleinregent. Durch den Tod seiner
Brüder, Neffen und Gattin waren die Familiengegensätze beseitigt.
Darum hoffte das Land jetzt, wo sein Liebling das alleinige Haupt
des Fürstenhauses geworden, auf bessere Tage. Indeß Schuttmassen
der seitherigen Unordnung, ererbte Processe und neue
Streitigkeiten, darunter auch der sog. Wasunger Krieg, in welchem
das Recht auf seiner Seite war, lahmten vielfach seine edlen
Absichten. Trotzdem schuf er Ordnung in seinem Lande, begründete
in ihm bleibende Anstalten und behütete es nach Kräften im
7jährigen Kriege. Seine folgenreichste That war aber, daß er 1750,
zwar 63jährig, doch noch vollkräftig, wider Erwarten seiner
Agnaten, welche bereits die Theilung seines Erbeigens geplant
hatten, sich mit Charlotte Amalie von Hessen-Philippsthal
vermählte und mit ihr 8 Kinder erzeugte, deren Geburten er auf
Pergament seinen Agnaten vermeldete. Mit den Kindern seiner
bürgerlichen Gattin war er gleich seinem Großvater Vater von 18
Kindern, von denen 9 ihn überlebten, 4 aus der ersten Ehe, die
unvermählt starben, und 5 aus der zweiten, darunter 2 Prinzen. Im
Januar 1763, kurz vor dem Schlusse des 7jährigen Krieges, starb er
zu Frankfurt a. M., wo er seit 21 Jahren seine einfache
Hanshaltung geführt hatte. In Meiningen, wohin die fürstliche
Wittwe als Obervormünderin ihrer noch unmündigen Kinder ihren Sitz
verlegte, fand er seine endliche Ruhe neben dem Carge seiner
ersten innig geliebten Gattin.
A.
U., dessen Charakterbild vielfach von Unkenntniß oder
Parteilichkeit verdunkelt und verzerrt worden ist, war Mensch und
Fürst aus einem Gusse. Durch glückliche Anlagen, gründliche
Bildung, sittliche Erziehung, mehrfache Reisen und durch Noth und
Kampf hatte er sich zu einem selbständigen Charakter heraus
gearbeitet und die vielseitigsten Kenntnisse, selbst in mehreren
Gebieten, namentlich außer dem Latein und der Alterthumskunde in
der Geschichte und im Staats recht ein tiefes Wissen erworben, so
daß er schon in seinem 16. Jahre ein historisches Handbuch
ausarbeitete und in seinen späteren Rechtsstreitigkeiten meist
selbst die Feder ebenso sachgründlich als formgewandt führte. Wie
in geistiger Cultur, sittlichem Feingehalt und festem Rechtssinn,
so überragte er auch seine Brüder bei weitem in physischer Kraft,
die er bis in das hohe Alter gleich elastisch bewahrte. Auf diesen
Grundlagen ruhte auch sein Lebensmuth und die Energie seines
Ringens um sein Fürstenrecht, zugleich aber auch seine
Existenzwürdigkeit. Für sich war er höchst sparsam und bürgerlich
einfach, dagegen für Kunst und Wissenschaft und für die Ehre
seiner Familie fürstlich freigebig; im Umgang Achtung gebietend
und über Standesvorurtheile erhaben, als Christ zwar freisinnig,
doch dem evangelischen Glauben treu und als deutscher Fürst echt
patriotisch. All diese trefflichen Eigenschaften wurden indeß
dadurch getrübt daß sein fester Wille öfters in eiserne
Unabhängigkeit überging, wodurch er sich mehrfache Verlegenheiten
und seinem Lande manche Unruhen und Unkosten verursachte. Trotzdem
hing das Volk an ihm mit warmer Liebe.
Was
A.
U. zum Besten seines Landes anstrebte, aber
unausgeführt lassen mußte, vollbrachten seine Nachkommen. Von
seinen beiden hinterlassenen Söhnen starb der edle Herzog Karl
nach kurzer Regierung, dagegen verewigte sich Herzog Georg I. († 1803) durch sein
kräftiges Wirken für die materielle Wohlfahrt des Volkes. Und
gleich dauernde Denkmale bauten sich Herzog Bernhard II., der Sohn, und der jetzt regierende Herzog
Georg II., der Enkel Georgs I., jener in 45jähriger reichgesegneter
Regierung durch Gesetzgebung und durch Hebung der geistigen
Cultur, dieser durch edles Walten, hohe Kunstsinnigkeit,
kriegerischen Geist und deutschen Patriotismus.
Literatur ↑
S. die Biographie Anton Ulrichs in dem Archiv für die H. S.
Lande, II. 1834. — v. Witzleben, Der
Wasunger Krieg, 1855.
Autor ↑
G. Brückner.
Empfohlene Zitierweise ↑
Brückner, G., „Anton Ulrich“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
493-496
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd102109192.html?anchor=adb