Name
Ritter, Gerhard
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1888 bis 1967
Geburtsort
Bad Sooden/Werra
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Lebensstellung
Historiker
Konfession
evangelisch
Autor NDB
Christoph Cornelißen
Autor ADB
-
GND
11874545X

Ritter, Gerhard Georg Bernhard

Historiker, * 6.4.1888 Bad Sooden/Werra, 1.7.1967 Freiburg (Breisgau).

  • Genealogie

    V Gottfried (1856–1934), Pfarrer in S., Metropolitan v. Hess. Lichtenau, Niederzwehren, erforschte d. Fam.gesch., S d. Pfarrers Friedrich (1821–81) u. d. Sophie Elisabeth Schüler (1828–1900); M Charlotte (1864–1946), T d. Georg Schaub (1812–65), Pfarrer in Altmorschen, u. d. Elise Trieschmann (1835–1913); Ur-Gvv Georg Friedrich (1793–1852), aus Eschwege, Pfarrer in Dudenrode, Orferode u. Vaake, Georg Karl Schüler (1793–1885), aus Allendorf, Pfarrer in Wippershain, 1820 Metropolitan in Waldkappel, 1835 Sup. in Allendorf/Werra, D. theol. h. c; B Karl Bernhard (1890–1968), Dr. phil., 1919 Pfarrer in Berlin, 1925 in Marburg, 1946 Kirchenrat, 1952-60 Dekan d. Kirchenkreises Marburg, führender Vertreter d. ev. liturg. Bewegung, begründete 1931 d. ev. Michaelsbruderschaft, Kirchenrat, D. theol. h. c. (s. Nassau. Biogr.; Kosch, Lit.-Lex.3; Philosophenlex.), Friedbert (* 1900, 1] Martha, 1902–29, T d. Max Holland, Verlagsbuchhändler in Stuttgart, 2] Margarethe, * 1909,|T d. Gideon Ritter, 1873–1954, Postmeister in Hess. Lichtenau), Dr. phil., 1931 Dir. d. Bayer. Stickstoffwerke, 1942 Geschäftsführer d. Aluminiumwerke GmbH, Bitterfeld, 1952 Vorstandsvors. d. Knapsack-Griesheim AG u. d. BEFA, Vorstandsmitgl. d. Dt. Verbands f. Schweißtechnik, d. Verbands d. Chem. Industrie, Präs. d. Trans Canada Chemicals Inc., Montreal, Hellmut (s. 2); – Heidelberg 1919 Gertrud Dorothea (1895–1972), T d. Karl Reinhardt, Oberreg.rat in Karlsruhe, u. d. Johanna Kolb; 2 S Berthold (1920–41 ⚔), Friedrich Rudolf (* 1923), Pfarrer, 1 T Renate (1921–2002, Helmut Volz, * 1911, o. Prof. d. Physik in Erlangen, s. Pogg. VII a), Studienrätin; N Eva-Margarete (* 1924, Dietrich Ranft, 1922–2002, Abt.leiter im Schleswig.-holstein. Kultusmin., Kurator d. Univ. Kiel, 1976-87 Gen.sekr. d. MPG in München, Staatsrat, Ehrenbürger d. Univ. Kiel, s. Die Welt v. 4.1.1966 [P]; Hamburger Abendecho v. 7.1.1966 [P]; Kieler Nachrr. v. 13.6.1978; Alexander v. Humboldt-Mag. Nr. 50, Dez. 1987 [P]; SZ v. 27.4.1992, FAZ v. 27.4.1992, S d. Gerhard Ranft, Verw.dir. d. Univ. Marburg).

  • Leben

    R. absolvierte seine Reifeprüfung im Februar 1906 am Gymnasium zu Gütersloh in Westfalen. Im Anschluß daran studierte er seit dem Sommersemester in München, Leipzig, Berlin und Heidelberg die Fächer Geschichte, Germanistik, Philosophie, protestantische Theologie und Kunstwissenschaft. 1911 wurde er mit einer Arbeit über die „Die preuß. Konservativen und Bismarcks dt. Politik“, einem bemerkenswerten Beitrag zur damals noch kaum beachteten Parteiengeschichte, bei Hermann Oncken (1869–1945) in Heidelberg promoviert. Anschließend arbeitete er im höheren Schuldienst in Kassel und Magdeburg. Der 1. Weltkrieg, an dem R. seit Febr. 1915 teilnahm, war für ihn ein prägender Einschnitt. Vermittelt durch Oncken, gelang ihm 1919 der Eintritt in eine wissenschaftliche Laufbahn: R. verpflichtete sich gegenüber der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, eine Geschichte der Univ. Heidelberg zu verfassen (1. Bd., 1936, mehr nicht erschienen). Hieraus ging auch seine Habilitationsschrift (Studien z. Spätscholastik, 3 Bde., 1921, 1922 u. 1927) hervor. Nach einer populär angelegten Biographie Martin Luthers (71983) wurde R. 1923 als o. Professor für Neuere Geschichte an die Univ. Hamburg berufen. 1925 wechselte er nach Freiburg (Br.), wo er bis zu seiner Emeritierung 1956 blieb. Einen Ruf nach Leipzig 1937 lehnte er ab.

    In einer grundlegenden Biographie des Freiherrn vom Stein (2 Bde., 1931) dokumentierte R. dessen Orientierung an altdt. und engl. Verfassungsidealen. Seine Abhandlung über „Machtstaat und Utopie“ (1940, ab 5. Aufl. 1947 u. d. T.: Die Dämonie d. Macht, 61948) verbindet staatstheoretische Überlegungen mit einer hintergründigen Kritik an der Politik des NS-Regimes. Nach dem 2. Weltkriegs beendete er „Staatskunst und Kriegshandwerk“ (4 Bde., 1954–68) und trat auch als Zeithistoriker hervor, besonders durch eine Biographie Carl Goerdelers (1954, 41984), welche partiell den nationalkonservativen Widerstand rechtfertigt.

    Wegen seiner Fixierung auf eine ungehinderte Ausübung staatlicher Gewalt nahm R. eine politisch ambivalente Rolle ein. Nach Wahlreden für die DNVP 1919, einer kurzen Mitgliedschaft in der DVP 1929-31 und Mitwirkung bei den Reichspräsidentenwahlen 1932 zugunsten Paul Hindenburgs befürwortete R. einen autoritären Umbau der Reichsverfassung, allerdings unter Beibehaltung rechtsstaatlicher Garantien. Obwohl er schon vor 1933 den ideologischen Zielen der NSDAP kritisch gegenüberstand, begrüßte er die außenpolitischen ‚Erfolge' Hitlers in den Friedensjahren der NS-Diktatur. In hochschul- und kirchenpolitischen Fragen trat er in einen Gegensatz zum NS-Regime. Nach der sog. „Reichskristallnacht“ näherte er sich zusammen mit anderen Vertretern der Freiburger Universität Widerstandskreisen um Dietrich Bonhoeffer und Carl Goerdeler an. Wegen seiner Mitwirkung an der Ausarbeitung geheimer Denkschriften des „Freiburger Kreises“ gegen den Nationalsozialismus wurde er von Nov. 1944 bis April 1945 durch die Gestapo inhaftiert.

    Nach dem 2. Weltkrieg trat R. parteipolitisch nicht mehr exponiert hervor, beteiligte sich aber am Wiederaufbau der ev. Kirche in Deutschland und an der Neugründung demokratischer Parteien in Baden. Als erster Vorsitzender des Verbandes der dt. Historiker (1949–53) nahm R. eine führende Position ein und nutzte diese, um die westdt. Geschichtwissenschaft auf der Ebene des internat. Historikerverbandes (seit 1955 Beisitzer im Vorstand d. Comité Internat, des Sciences Historiques, 1962-65Vizepräs.) wieder zu integrieren.

    Allerdings hielt er an einer nationalstaatlich isolierten Betrachtungsweise fest und hatte keinen Anteil an einer methodischen Revision der dt. Historiographie. In der „Fischer-Kontroverse“ über die Ursachen des 1. Weltkriegs und die dt. Kriegsziele trat R. als einer der Hauptgegner des Hamburger Historikers hervor, was letztlich zu seinem nachlassenden Ansehen führte.

    R., einer der bekanntesten dt. Historiker des 20. Jh., war nicht nur mit seinem Werk, sondern auch wegen seiner Opposition gegen|den Nationalsozialismus und wegen seines Engagements als ev. Christ weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannt. Er vertrat den Primat der politischen Geschichtsschreibung, erforschte hauptsächlich Beziehungen zwischen Politikern und Militärs, verstand es aber auch, einer Symbiose der Politik- mit der Kultur- und Geistesgeschichte Impulse zu geben.|

    • Auszeichnungen

      D. theol. h. c. (Gießen 1933); Dr. iur. h. c. (Freiburg 1948); korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Heidelberg (1926), Berlin (1936), München (1950) u. Stockholm (1956), d. Acc. Nazionale dei Lincei, Rom (1961); Mitgl. d. Hist. Reichskommission (1933–35), d. Hist. Kommissionen f. Baden (1925–45) u. b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1943), d. Kommission f. geschichtl. Landeskde, in Baden-Württemberg (1954–67), d. Royal Historical Society, London (1957); Ehrenmitgl. d. American Historical Association; Vors. d. Verbands d. Historiker Dtlds. (1949–53); Gr. BVK (1957, 1963 mit Stern); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1957).

    • Werke

      Weitere W Legende v. d. verschmähten engl. Freundschaft, 1929; Die Weltwirkung d. Ref., 1941; Die kirchl. u. d. staatl. Neugestaltung Europas, 1941; Gesch. als Bildungsmacht, 1946; Europa u. d. dt. Frage, 1948; Schlieffenplan, 1956; Lebendige Vergangenheit, 1958; Das dt. Problem, 1962; – Hg.: Otto v. Bismarck, Erinnerung u. Gedanke, 1932; Dt. Gesch.wiss. im Zweiten Weltkrieg, 1951; Hitlers Tischgespräche im Hauptquartier, 1951; Archiv f. Ref.gesch., 1938-67. |

    • Literatur

      W. Conze, in: Jb. d. Heidelberger Ak. d. Wiss. f. d. J. 1967, 1968, S. 50-54; H. Rothfels, in: Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste, Reden u. Gedenkworte 9, 1968/69, S. 15-27 (P); A. Dorpalen, in: Dt. Historiker I, 1971, S. 86-99; N. Levine, G. R., 1965; W. H. Maehl, in: Historians of modern Europe, hg. v. H. A. Schmitt, 1971, S. 151-205; M. Matthiesen, G. R., 2 Bde., 1993; R. Nürnberger (Hg.), FS f. G. R. zu seinem 60. Geb.tag, 1950; K. Schwabe, in: G. R., Ein pol. Historiker in seinen Briefen, hg. v. K. Schwabe u. R. Reichardt, 1984, S. 1-170; ders., Change and continuity, in: Paths of continuity, hg. v. H. Lehmann u. J. v. Horn Melton, 1994, S. 83-108; E. Schulin, G. R.s Briefe u. d. erste Biogr. über ihn, in: HZ 241, 1985, S. 361-66; Ch. Cornelißen, G. R., 2001; Historikerlex., hg. v. R. vom Bruch u. R. A. Müller, 1991; Baden-Württ. Biogrr. I, 1994; Killy; DBE; – zur Fam.:  Dt.GB 124, 1960, S. 451-667, bes. S. 465-75 (P).

    • Portraits

      Lith. v. E. Heinrich, Abb. in: Orden Pour le mérite (s. L).

  • Autor

    Christoph Cornelißen
  • Empfohlene Zitierweise

    Cornelißen, Christoph, "Ritter, Gerhard Georg Bernhard" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 658-60 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn11874545X.html
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Ritter, Gerhard

Ritter, Gerhard